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der panther sind wir

roland steiner | der panther sind wir

Über die Autonomie der Bewegung

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Zahlen hasse ich. Aber sie durchzucken mich als romantischen Skeptiker und romanischen Träumer dennoch und werden mich, hoffentlich ungerade, überrollen. Denn ich gehe davon aus, dass ich mit 95 Jahren in einer Public-Private-Partnership-Klinik der Dritten Republik Österreich von einem indonesischen Krankenpfleger nach Bestimmungen für Leute wie mich als prekäres Schuldnersubjekt ein finales Naturpflanzengerät zu inhalieren bekommen und mit zumindest befriedeten Lippen ins Gras beißen werde, die letzte Vorstellung generierend – ein Traumblick auf Rom. Zuvor aber, mit zeitlich hypertroph vorgestellten Räumen dazwischen, sitze ich auf einer Aluminiumbank im kleinen Park oberhalb der finnischen Botschaft des Vatikans am Gianicolo, dem schönsten Hügel Roms, mit Blick auf die Verfassung der Republik anno 1849 auf einer Mauer, die Bundespräsident Napolitano im Mai 2011 eingeweiht hat – aber nicht das Präfix WIR ZAHLEN NICHT und das Suffix DER PANTHER 2, in roter Sprayfarbe hingesetzt.

Diese Nervosität der Graffitigesellschaft interessiert mich. Und nachdem ich am angrenzenden Platz gegessen habe, wo Studenten des Pontificial North American College ihre Sushiröllchen knabberten und währenddessen „alle Sprayer auspeitschen“ und „in Steinbrüchen arbeiten lassen“ und „wir Steuerzahler müssen die durchfüttern“ und „abknallen, dann verfaulen lassen am Laternenmast, wie sie es mit unserem Benito machten“ und ähnliche Sprüche auskotzten – gerade deswegen fahre ich nach San Lorenzo. Gewappnet wie ein Medienakademie-Analphabet mit Digicam Digimicro Digiapps und zwei in der Apotheke gekauften Pfeffersprays („Wofür brauchen Sie einen solchen?“ „Ich fahre nach San Lorenzo.“ „Nehmen Sie zwei.“) bin ich nicht, Voyeurismus war mir stets fremd. Aber so ein selbstbestimmtes Tier wie der Panther, der interessiert mich – also auf zur Hochburg der Autonomie.

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Der Bus hält vor dem Parco dei Caduti, wo ein Festival im Gange ist. Die Stände bieten Bücher Shirts Broschüren und nochmals Bücher dar: politische und literarische, Comics, Kindersachen. Die CD von der zentralen Parkanlage hängt im Lied Maruzzella, auch sonst scheint Neapel hier präsent. Die heute dunkelblaue Anzüge tragenden Männer vom Altenzentrum rufen jeder Frau in ihrem alten Dialekt „Femmina kke bella“ nach, während die agileren Seniorinnen sich unters doch sehr jüngere Platzvolk mischen. Ich gustiere, allein, selbst die fiktiven Romane handeln von Klassenkampf und Militanz, Bewaffnung und Niederlagen. Besser Kinderbücher, Aquarelle und Zeichnungen von Elefanten Tigern und Mäusen in Rosa, aber auch hier liegen die Flugzettel auf mit dem Kampfprogramm der Erwachsenen.

O.k., Il Duka liest aus seinem Buch Roma k.o., Untertitel „Roman über Liebe, Drogen und Klassenhass“. „Der Fürst“ betritt die flache Bühne – und ist präsent, heißt dominierend. Ein Endvierziger, rotes Shirt, schwarze Jeans; kurze Begrüßung, ab da Wasserfall. Gestikulierend wie eine hundertköpfige Masse erzählt der Mann den Inhalt des Romans, der genau das ist: Il Duka erzählt sein Leben. Hier in San Lorenzo, den Fußballstadien, in den besetzten Universitäten zur Zeit des „Panthers“, den Drogen, in den besetzten Häusern, den Drogen, in den Lokalen hier wie in Amsterdam, Drogen, in den Kämpfen mit Polizisten Faschisten, den Drogen. Ein Historiker und Pinocchio auf LSD, tänzelnd und deklamierend, aufstachelnd und sentimental stimmend, „kannst dich erinnern“, ein Held, gefallen wie gefallend. „Hurra“ ist genauso laut zu hören wie „Aber soooo schlimm war’s auch nicht“.
Anstatt einer Signatur bitte ich Il Duka um Antworten auf zwei Fragen.

- Erstens: Was „zahlen wir nicht“?
- Häh?
- Na, das steht überall auf den Mauern: „Wir zahlen nicht“.
- Ach so, na ja: die Lobbyisten Finanzfaschisten, Banken Mafiosi, die politische Kaste – es ist deren Krise, nicht meine deine unsere, die spekulierten, jonglierten und kassierten, nicht ich. Mich hat niemand gefragt, ob wir in Afghanistan Krieg führen oder griechische Fünfsternkomplexe subventionieren müssen, drei Verteidigungsministerien brauchen und jeder Politiker gratis Dienstflüge Dienstzüge Dienstchauffeure Dienstfriseure, es sind diese Schulden, die wir tragen –
- Wie viele eigentlich, wie hoch verschuldet ist Italien denn?
- Weiß nicht … frag’ mal Giccio da drüben, den Schrank mit der Glatze … der hat Wirtschaft studiert … dann aber doch den linken Skinverband in der via dei Volsci gegründet … und du eigentlich bist was? Na egal, Valerio hätt’ dir gefallen, der war auch so auf Fragen aus … kanntest du ihn?
- Verbano, Valerie Verbano, den ermordeten Autonomen?
- Idiot. Marchi, Valerio Marchi, unser bester Soziologe auf der Piste der Ultras. Lebte das, was er analysierte, kaum zu glauben … die meisten der Normanstaltsabgänger schleichen ja bloß rum um unsereins und nennen’s „teilnehmende Beobachtung“ oder lesen die von den Bullen konfiszierten Blätter und nennen’s „Inhaltsanalyse“ … bist du’ n Akademikerdingsbums?
- Äh … nein, Schreibkraft.
- Wichtiger Beruf, sehr wichtig … deklassiert, Subproletariat … wir –
- Ja, danke. Äh, und zweitens: Was ist mit dem „Panther“?
- „Lies mein Buch.“ Grußlos federt der Veteranenfürst zu seinen Freunden.

Ich hingegen steuere auf Giccio zu, den glatzköpfigen Tattoohünen, und rattere ansatzlos eine Lügenkaskade herunter: „Ciao, Giccio, in meiner Jugend war ich ein Skin wie du, jetzt als Redakteur der Berliner Zeitschrift Rothaut bin ich’s innerlich. Apropos: Wie hoch ist Italien verschuldet?“ „Mit fast zwei Billionen Euro, Leutnant Weißhaut … und jetzt geh wieder heim mit Google spielen!“ Tja, ganz schön hoch die Summe – und ganz schön blöd meine Person.
Aber an einem Bücherstand hängt ein Transparent: DER PANTHER SIND WIR! Dorthin ziele ich, mit anderer Taktik.

- Ciao, ich bin aus Wien und schreibe eine Reportage über segensreiche Buchhandlungen in Rom, spezialisiert auf Antagonismen und Gegenkultur. Glaubst du, dass du Zeit hast, so während dem Verkaufen, mir ein bisschen was zu erzählen?
- Ja, ja, aber komm herüber zu mir und nimm dir 'nen Sessel.

Wir sitzen uns quasi gegenüber, mit Blick auf den Ausstellungstisch, wo neue und gebrauchte Bücher und CDs, Zeitschriften linker Hooligans und Skinheads aufliegen. Guglielmo reicht mir ein schottisches Bier – „das liefert mir ein Rugby-Ultra aus Glasgow“ – samt obligatem Joint, den ich ablehnen muss „wegen meiner Allergie gegen Harz“ (häh?), und beginnt zu erzählen. Dass die Buchhandlung Internazionale in San Lorenzo 1995 von Valerio Marchi gegründet wurde, der zeitlebens Antifaschist Skinhead Reggae/Ska/Punk-Experte und Soziologe war bis zu seinem Tod 2005 und der … aber das interessiert mich heute nicht. Ich lasse ihn dennoch weiterreden bis zum Ende der Vorstellung nunmehr seiner Buchhandlung.

- Und der „Panther“, wer ist der „Panther“?
- Warst du nicht bei der Lesung vom Duka?
- Schon, aber der redet wie ein Wasserfall, und ich verstehe ihn –
- Ich auch nicht, war nicht beim „Panther“. Frag Simone … Ouu, Simò, komm mal her!

Simone trägt das gutmütigste Gesicht zur Schau, das ich seit meiner Ankunft in Rom gesehen habe, eine Mischung aus Teletubby und Professor für lateinische Blumenlyrik. Guglielmo stellt uns vor und berichtet ihm von meiner Frage.

„Mit dem Panther schlag ich mich seit vier Jahren rum … ich mein, entlaufen war er 1990, aber das Buch darüber … na ja, jedenfalls: Alleine zwischen 1978 und 1982 zählte man alleine in Rom rund einhundert Tote, vierhundert Verletzte und eintausend Verhaftete. Wer in den Achtzigern auf der Seite der extremen Linken nicht inhaftiert war, lebte entweder im französischen Exil oder in der inneren Emigration, ein großer Rest verreckte an Heroin, das plötzlich auf wundersame Weise massenhaft zur Verfügung stand. Die Studenten waren friedlich und vom Kapitalismus genährt. Nach dem ‚Panther‘ kam es endgültig zum Triumph des Bildes über das Wort, das Image der Unis wurde wichtiger als deren Inhalte. Ein kurzes Zucken des Protests gab es bloß gegen die erste Regierung von Berlusconi. Dann explodierte Genua 2001 und vier Jahre später kam es nach Langem wieder zu Demos und Okkupationen von Fakultäten in Rom … und erst jetzt rollt wieder eine Bewegung durch die Studenten –“ Simone deutet auf sein Shirt, auf dem geschrieben steht: „ANOMALIA DES WISSENS“. Ich speichere es für später, denn auch Simone neigt zum verbalen Wasserfall, und höre ihm weiter zu. „Aber nochmals zurück in die Achtziger“, kündigt er an und öffnet uns beiden die kleinen Bierflaschen aus der Glasgower Brauerei.

Die Sozialisten um Bettino Craxi und die Christdemokraten um Giulio Andreotti veränderten Italien in den 51. US-Bundesstaat ohne starke Gegenwehr seitens der in Westeuropa stärksten kommunistischen Partei, die jene seit Langem gepflogene Distanz zur UdSSR in weiser Vorausschau intensivierte. Die Ränder, ob links oder rechts, verschlossen sich, während die riesige Mitte in die neue Kommerzkultur via Berlusconi-TV flüchtete. Im Kleinen organisierten sich Gruppen zu parteilosen Ökobewegungen Feministenorganisationen Gewerkschaften Friedensinitiativen Sozialzentren, deren Schlagkraft aber marginal blieb. Dass sie „zurückkehrte oder sich verbreiterte, da gibt’s geteilte Meinungen, ist den Schülern zu verdanken.“ „Den Schülern … du meinst, den Pubertierenden?“, frage ich nach. „Pubertät, egal. Bis 1985 haben die nie als politisch-sozial eigenständige Gruppe agiert: nun aber schon.“ Und warum damals? Eine Autonomie war vorgesehen. „Ja, aber Autonomie ist doch –“, versuche ich einzuwerfen, „prinzipiell ein ‚bürgerlicher‘ Begriff … Kant Hegel & Co.“, führt Simone den Satz zu Ende, „aber hier in den 1970ern proletarisch umgedeutet.“ Anders seitens der Regierung: Für Schulen hat es bedeutet sich betriebswirtschaftlichen Prinzipien unterzuordnen, jede Lehranstalt wurde zum Unternehmen, in weiterer Folge zu Firmen mit Rankings. „Die Schüler haben protestiert, erfolgreich.“ Diese Bewegung der Jüngsten, die keiner parteipolitischen Gruppe nahestanden und bloß abgrenzbare Bedürfnisse einforderten, beeinflusste das Entstehen unabhängiger Lehrergewerkschaften, während die „Autonomen“ skeptisch waren. „Klar, weil die Schüler hatten ja nicht Klassenkampf im Auge, außerdem stritten sie ‚bloß‘ für ihre eigenen Rechte … auf Bildung, Chancengleichheit.“ Und die Studenten schlossen sich an, vor allem in Rom: In den drei Jahren danach kam es zu diversen Besetzungen und anderen Arten der Mobilisierung an der größten Universität Europas. Aber es bedurfte erst des Falls der Berliner Mauer, Glasnost und Perestroika, um „wirksameren Druck auf die Masse zu erzeugen.“ „Was meinst du mit Masse“, frage ich ihn, der uns zwei weitere Bierflaschen öffnet. „Gesellschaft, die Ränder eingeschlossen. Das Gefühl 1989 war eigentlich Angst, zumindest in Italien. Denn hier zitterte die Rechte vor dem Wegfall der kommunistischen Bedrohung, das hieß auch des amerikanischen Schutzschildes über all den Schweinereien der Jahrzehnte zuvor, die KP vor Bedeutungslosigkeit, der sie erst recht mit einer solchen begegnete, Änderung von Namen Symbolen Werten etc., und auf der dritten Seite zitterten alle vor Enthüllungen seitens der Richter und Staatsanwälte … Mani Pulite … wer besaß hier schon ‚saubere Hände‘?“ Am sensibelsten für diese Vorgänge hätten sich die Studenten gezeigt: Sie waren es, die den Sturz der kommunistischen Regime als Sieger-Potenzial für die Einführung neoliberaler Politik, Privatisierungen und Deregulierungen zusammendachten, während alle traditionellen Parteien einstürzten – ihr Gefühl war: Wut. „Das Subproletariat des Wissens“, sagt Simone, „erkannten sie schon damals, das ganze elende Prekariat von heute.“ „Allein, die Proletarisierung der intellektuellen Arbeit hat doch schon am Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt“, erwidere ich. Aber ich müsse das Prinzip von Angebot und Nachfrage sowie die Masse mitdenken, „1990, im Jahr des ‚Panthers‘, gab es rund 1,1 Millionen Studenten, während es etwa 1968 noch 500.000 waren.“ Ja, was war denn nun mit dem „Panther“, frage ich ungeduldig. „Gleich, zuerst stell’ dir ein Bild vor: das eines gigantischen Parkplatzes, auf dem in einem Überbrückungszeitraum zwischen Unmündigkeit und Jobkampf etliche Millionen Menschen heterogener Klassenherkunft und Abhängigkeiten spezielle Bedürfnisse und Probleme entwickeln – ein autonomer Charakter dieser Student, nicht? Aber leider auch transitorisch, verschiedenartig und äußerst eigen. Dies nur zum Verständnis, warum der ‚Panther‘ erlegt wurde.“

Wie 1977 hob die Bewegung in Palermo an: Eine erste Fakultät wurde besetzt gegen die Einführung einer Universitätsreform, die ein Mini-Diplom bzw. -Doktorat als akademische Titel der B-Klasse sowie Statuten- und Budgetautonomie für jede einzelne Uni vorsah, die sich Private und Sponsoren ins Boot der Finanzierung und Administrierung holen dürfen. Tage später demonstrierten 10.000 Studierende: „Unsere Träume brauchen keinen Sponsor.“ Über Neujahr schwappte die Bewegung übers ganze Land: Neapel, Turin, Genua … und ab 15. Jänner wurden die Fakultäten Roms besetzt. „Von außen begünstigten mehrere Entwicklungen das Anschwellen der Bewegung: die Globalisierung des kritischen Bewusstseins, das heißt Solidarität mit den Studenten in Osteuropa und am Pekinger Tian’anmen-Platz zeigen oder für Palästina; das gleichzeitig dräuende Antidrogengesetz, das Haschischraucher schwer kriminalisiert hätte; und erst das Fax als Fakultäten landesweit vernetzendes Mittel zur Kommunikation, hernach die ersten Maillisten.“ Und dann die Ausdrucksformen, auf die man bauen konnte: Graffiti Anschlagzettel Mauermalereien von 1977, Leintuchtransparente aus dem situationistischen 1968, die Dada-Sprache aus den Zwanzigern, die Kommune als geistiges und körperliches Kollektiv. „Und der ‚Panther‘?“, hake ich nach. „So warte doch“, antwortet Simone und reicht mir ein Doppelmalzbier. Ende Jänner demonstrierten 20.000 Studenten in Rom, Anfang Februar bereits 150.000; zu diesem Zeitpunkt waren landesweit 120 Fakultäten okkupiert. Basisgewerkschaften der Lehrer und gegen die Privatisierung kämpfende Eisenbahner schlossen sich an, „aber die Gelegenheit, notwendige soziale Allianzen zu schmieden, wurde vertan.“ Zwar pflockten die Studenten auf der Piazza Venezia in Rom genau die Summe an Kreuzen in den Rasen wie Arbeiter zur Vorbereitung der Fußballweltmeisterschaft in Italien gestorben waren, doch weder erreichten sie „diese Masse“ noch deren politische Vertreter. „Diese Hosenscheißer von nunmehr Ex-Kommunisten haben jene letzte, von mir aus vorletzte Situation – die vergeigten sie vor dem Politantritt Berlusconis – mutwillig vertan … diese Arschgeigen hätten das Potenzial, die Wünsche und Wut der Studenten und Arbeiter bloß ein wenig unterstützen müssen, aber nein, sie paktierten mit dem sozialistischen Bildungsminister Ruberti, der als vormaliger Rektor der römischen Uni und Berlusconi-Freund genau wusste, was er sich erlauben konnte.“ Ich frage nicht mehr nach dem Panther, er wird schon erscheinen. „Die einzige Partei, die hinter uns stand, war die Proletarische Demokratie – und die hat das Zeug auch am Werkeln gehalten … vergiss, was dir etwaig die ‚Autonomen‘ erzählen, denn die haben jede Spontaneität verhindert.“ Er wird wütend, ich nutze es aus: „Du meinst die Arbeiterautonomie?“ „Es waren keine Arbeiter, bloß frustrierte Relikte oder indoktrinierte Söhne von Inhaftierten. Wer aber mitmischte, waren die Populärkatholiken, eine Bande aus Sex- und überhaupt Lebensabstinenten … diese Deppen haben Ruberti ein paar Änderungen seiner Reform abgeschlagen … und mit ‚abschlagen‘ meine ich, was Menschen mit Urin tun … als Berlusconi seine Master in Unternehmenskommunikation prämierte in Mailand.“ Und während der kommende Kaiser von Rom sein Projekt einer eigenen Fakultät vorstellte – „und jetzt sag mir nicht, dass es nicht auch in Österreich in jedem Kaff eine ‚Akademie für Öffentlichkeitsarbeit‘ und ähnlichen Schrott gibt“ – und 140 Fakultäten besetzt waren, kam es zur nationalen Konferenz der Protestierenden in Florenz. Sie dauerte enorme elf Tage. „Die ‚Autonomie‘ wehrte sich gegen jede demokratische Selbstorganisation der Bewegung, sodass die studentischen Gewerkschafter der Ex-KP noch als ‚progressiv‘ galten. Egal, es wurde ein Fiasko: keine Beschlüsse, keine Einheit.“ Jene, die zum Feiern die besetzten Unis bevölkerten, feierten weiter, die Proletarische Demokratie, bereits ein Zusammenschluss aus dutzenden Minigruppierungen, floss in die Partei der Grünen, der Kommunistischen Wiederbegründung, der Kritischen Linke usw. In Neapel kamen nochmals mehr als 100.000 Studenten zusammen, um zu demonstrieren, was eine dreizehn Kilometer messende Menge bedeutete.

Doch die Repressionen und Räumungen haben längst begonnen: Eine ganze Generation alternativ-urbaner Junger sah sich dem Schrecken ausgesetzt, ein fünf Monate dauerndes Happening beenden zu müssen, um nicht Opfer der Polizei und Justiz zu werden. Verlust, Trennungsangst, Depression folgten. Im Mai 1990 drangen vom Rektor der römischen Sapienza-Uni gerufene Polizeieinheiten ins Gelände ein, schossen Tränengas auf die 2.000 verharrten Besetzer und räumten das Gelände. „Alle mussten das Beste für sich selbst wie für die Gruppe hoffen … nicht geschlagen, nicht angeklagt, nicht exmatrikuliert zu werden … obwohl viele davor bereits wussten, ‚der Kampf hat mich ausgestoßen‘ … und dass die Niederlage eine politische soziale berufliche Isolierung bedeutet. Und das war sie auch.“
Simone öffnet zwei neue Biere aus Glasgow, ich kann die Flasche kaum ergreifen ob des inneren Rumors an Vorstellungen: Wie ich in einem Hörsaal liege, in der Ecke vor der Tafel, angebunden, das Zahnarztgeräusch, welches fremde Finger machen mit der Kreide, das AUS, Horden an Muskelpaketen in grauen Uniformen mit Schlagstöcken Tränengas …

- Danke, Simone. Jetzt fehlt nur der „Panther“.
- Ende Dezember 1989 war in der via Nomentana in Rom ein flüchtender Panther gesichtet worden. Von Zuhause fliehen, nicht domestiziert werden, frei sein, aber auch Angst machen, gefährlich sein, was Veränderungen betrifft, wie die „Black Panther Party“ der Schwarzen in den USA in den Sechzigern … das assoziierte man unter den römischen Studenten mit dem entlaufenen Tier. Und zwei Grafiker namens –“
- „Ma kke kazzo stai dicendo“, brüllt Il Duka. „Ich war’s, ich hab’ am 24. Jänner in Rom während unseres Happening-Zugs spontan gebrüllt: DER PANTHER SIND WIR!“

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Und 2008 nannte er sich „Anomale Welle“, und nun – wieder „Panther“?