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die rosarote krise

harald a. friedl | die rosarote krise

Fallstudie über ein Opfer der Rosamunde-Pilcherisierung

Endlich hatte sie ihm unter Tränen und unverwüstlichem Make-up ihre ewige Liebe geschworen, während ihr der schottische Nebel das blonde Haar benetzte. Unter ihr der Abgrund einer wilden Felsküste, zerschnitten von weißen, schwebenden Möwen; im Hintergrund die beruhigende Grünheit der sanften Highlands mit ihrem Hauch von Freiheit und Abenteuer; über ihr ein Himmel so blau wie seine Augen; um sie seine starken Arme und in ihr seine Zunge … Nachspann, und die süße Lust am vollkommenen Liebesglück durch den Rosamunde-Pilcher-Kick klingt aus, schlägt langsam um in Cold Turkey. Hier hilft nur noch CSI New York auf Sat 1.

1. Geschichte einer Liebe
Sepp glaubt nicht mehr an Romantik. Nach einer Jugend voller Leidenschaft, mit welcher er inbrünstig und erfolglos unzählige verträumte Engel angehimmelt, vergrämt und vertrieben hatte, war er irgendwann zum behavioristischen Pragmatiker konvertiert. Nicht mehr die wahre Liebe auf den ersten Blick war nunmehr sein Credo, sondern das richtige Wort, die richtige Geste, die richtige „Aufmerksamkeit” zur richtigen Zeit, um im ästhetisch kompatiblen weiblichen Gegenpart erregende Interaktionsmuster auszulösen und auf dieser Basis eine „nachhaltige Partnerschaft” aufzubauen.

Sepps Wandel vom Paulus zum Saulus resultierte weniger aus einem Kuss des gnädigen Schicksals als vielmehr aus ernüchternder Lebenserfahrung: Sepp arbeitete neben seinem Studium der Literatur und der Kunstgeschichte als Schilehrer und Bergführer: Ein akademisch inspirierter Poet in den abgründigsten aller postmodernen Menschlichkeiten, im Tourismus, der Industrie für das buchbare Glück, wo aufgeklärte Bürger aller sozialer Schichten und Prägungen für teures Geld unter Lebensgefahr schwitzen, keuchen, furzen und stöhnen, um sich im Himmel auf Brettern zu wähnen, ein Himmel, gestern von dröhnend-stinkenden Pistenraupen präpariert, heute am besten Weg in die 2,0 Promille und morgen vielleicht im Krankenhaus.

Sepps mentale Anfänge als rational-existenzieller Verführer waren verheerend. Denn je besser er sein Handwerk als kletternder Illusionist verstand, um die Sehnsuchts-Saiten in den Schneehasen und Gipfelstürmerinnen anzuschlagen, desto mehr brodelte in ihm die Verachtung seiner als dekadente Ignoranten verteufelten Opfer der touristischen Manipulationsmaschinerie. Irgendwann und irgendwo, so suggerierte er sich damals nach jedem alpinistischen Rendezvous sein Mantra, werde er die Frau erkennen, die über Kitsch, Konsum und Konsalik-Küsse erhaben und zu wahren Gefühlen fähig sei …

Er begegnete ihr im Gemeinschafts-Waschraum einer Alpenvereinshütte, und er wusste sofort: Sie war hundertprozentig kompatibel! Marie-Sopie! Gebildet, doch bodenständig, abenteuerlustig, doch behutsam; erregend, doch niemals nuttig; jugendlich, doch von inspirierender Reife; und das Beste an ihr: eine romantik-resistente Nüchternheit, die ihn abheben ließ. Nach dreijähriger Testphase mit Alpenüberquerungen, Rauriser Literaturtagen und Florentiner Kunstmarathon mündete diese wohltemperierte Leidenschaft in den Hafen der Ewigkeit, zelebriert bei Sonnenaufgang auf 3.000 Meter Höhe, gefolgt von einem Job an der Uni, zwei Kindern und einem Haus im Grünen.

Letzteres war endlich, nach vierzehn Beziehungs- und zwei Baujahren, bezogen, die kleine Tochter plagte sich noch mit ihren ersten literarisch identifizierbaren Artikulationsversuchen, und der Sommerurlaub stand bevor, mitsamt schwiegerelterlicher Kinderbetreuung. Dies versprach ein lauwarmes Meer an Zeit, um die aufgestauten Missverständnisse, Stressstakkatos und Schlafdefizite der Bauphase zweisam bei lauen Abenden zu Liebe, Lust und Leidenschaft zu verdauen …

… als sie am Vorabend des Urlaubsbeginns über ihre Sehnsucht nach mehr Romantik zu klagen begann, über ihre Verlorenheit und Erfrorenheit neben ihm und über das Wesen der wahren und reinen Liebe … mit Namen Rüdiger: Event-Manager und trauter Freund der Familie, der die mageren Freizeiten des kleinkinddomestizierenden Hausbaues stets mit Fröhlichkeit und sanftmütigem Verständnis zu erleichtern verstanden hatte, und der sich plötzlich als Don Juan entpuppte. Der Vollprofi des Erlebnis-Business’ beherrschte die Kunst, einer durch Kinderkacke, Küchenabfälle und Hausstaubmilden nach Romantik ausgehungerten Frau ekstatische Erlebnisse zu bereiten, ihr die vollkommene Erfahrung wahrer Liebe zu suggerieren, hier und jetzt, und dies rein platonisch, wie sie beteuerte, denn um Sex gehe es dabei überhaupt nicht …

2. Krise einer Liebe
Sepp ist heute semi-alleinerziehender Patchwork-Familienvater.
Bis vor wenigen Wochen hatte sich Sepp in seinem überschaubaren Universum aus Familie, Job und Nestbau sicher verwurzelt und zufrieden gefühlt. Am Horizont weit und breit kein Anzeichen für eine Krise. Freilich gab es häufig Meinungsverschiedenheiten, gelegentlich Konflikte und sporadisch sogar heftige Gewitter, aber nichts Untypisches in Zeiten des familiären Wandels: Eine klassische Kleinkind-Bauphase eben, die vorübergeht, wie Sepp den Zustand seiner Welt stets kritisch-heiter diagnostiziert hatte.

Eine abenteuerliche, weil so wunderbar neue Welt, wie er sich eingeredet hatte: Sein freiwillig gewählter, wenn auch auf ihr Betreiben beschleunigter Weg vom freien Bergführer zum etablierten Familien-Bürokraten interpretierte er für sich als „De-Montanisierung” ihrer Beziehung: herab von einem unsteten Taumeln und Träumen zwischen karg-bizarren Gipfeln ihrer alpinen Zweisamkeit in die fruchtbar-geschäftigen Talböden eines geerdeten Familienalltags. Mehr als das: Der einstige Jäger nach körperlichen Grenzüberschreitungen sah sich nun in seinem Engagement als „neuer Mann” für Windel, Wäsche und Wagenwartung auf einem gleichfalls berauschenden Weg zu neuen Horizonten. „Von Babys kann man so viel lernen!”, hatte er oft in versonnenem Ton gegenüber patriarchalischen Kopfschüttlern beteuert, seien doch Kinder noch unverdorben von schematischen Erlebnisritualen seiner einstigen Bergtouristen! Babys seien, weil menschlich unverbraucht und von Konsum- und Medienterror verschont, die einzigen authentischen Wesen auf Erden! Und gibt es zudem etwas Sinnvolleres, Zukunftsfähigeres – und letztlich auch Romantischeres, als für Weib und Kind in Zeiten der Klimakrise mit eigenen Händen ein Niedrig-Energiehaus im Grünen zu schaffen, ein Bollwerk gegen die Scylla der postmodernen Beliebigkeit und die Charybdis des kapitalistischen Patriarchats?

Und dann dieses Erdbeben!
Marie-Sophie war jung, ein typisches Kind der Bush-Clinton-Bush-Ära, geprägt von der Erlebnisgesellschaft mit einem multioptionalen Horizont. Der Mief der konservativen Sehnsucht nach Sicherheit und Kontinuität, den so viele Nachkriegspaare aus schlichter Perspektivenlosigkeit mit sich herumzuschleppen schienen, hatte sie stets angewidert. Alles, nur das nicht, hatte sie vom Leben gewollt, wenn auch, zugegeben, nicht ganz so extrem wie ihr einstiger Sepp, aber doch in der Richtung …

Ihre Versuche, ihn behutsam zu moderieren, waren anfangs mühsam und bald, seit dem ersten Kind, entsetzlich erfolgreich verlaufen. Plötzlich hatte sich Sepp in ein feministisches Chamäleon verwandelt, dessen Anpassungsakrobatiken im Bemühen um eine heile Familie sie immer häufiger in Angststarre versetzten: Er wurde zu einer Art Androgyn ohne klare Linie, ohne jenes „Ich will … mit dir dort hinauf! Ich will uns da spüren!”, weswegen sie sich einst in ihn verliebt hatte. Aus ihrem eroberten Luis Trenker war ein kuschelig-effizienter Babysitter geworden, dessen raunendes „Ganz wie du möchtest, mein Schatz” sie zum Wahnsinn und dessen intellektuelles Gefasel zur verqueren Begründung seiner Nicht-Entscheidungen ihr die Akne ins Gesicht trieb.

Und wenn er endlich, von seiner fanatisch-neurotisch-disziplinierten Schufterei an seinem Familienschloss erschöpft, ins Bett taumelte, war er zu geschafft für einen kleinen gemeinsamen Höhepunkt und wimmerte stattdessen um Verständnis und Anerkennung. Welche erbärmlich kaschierte Memme sich da an ihren Hals gehängt hatte: einen so lieben Papi, aber keinen Mann mehr … keinen wie Rüdiger: Einer, der Frauen versteht; einer, der zuhört, statt dauernd aufzubauen, zu reparieren und zu organisieren; einer, der zupackt und küsst, anstatt herumzuphilosophieren; einer, der Frauen glücklich macht! Ein echter Romantiker eben …

Nach ihrer Beichte zeriss es Marie-Sophie das Herz, während ihr Verstand rotierte. Sie blickte voller Mitleid auf ihren heulenden Sepp, voller Gewissensbisse auf ihre süßen Kinder und voller Entzücken zu ihrem Rüdiger. Hin- und hergerissen zwischen Verantwortung und Glück, zwischen Pflicht und Lebensfreude, zwischen Sicherheit und Chance entschied sie sich in ihrer Verzweiflung für einen Befreiungsschlag durch die Flucht nach vorn: Raus‘ aus der Umklammerung, endlich wieder frei atmen, endlich wieder auf die Gipfel, wo einst ihr Kopf so klar war. Denn ein Weg ins Tal hatte sich noch immer gefunden …

3. Die Konsumkultur romantischer Liebe
Es war die mittelalterliche Minnelyrik, die Sepp einst zum Studium der Literatur bewogen hatte, jene uneingestandene Sehnsucht danach, dem Geheimnis der Romantik und der wahren Liebe auf die Spur zu kommen. Und es war Michelangelos Pieta, dessen Anblick einstmals ihm, dem konstruktivistischen Zweifler an allem Universellen, dem agnostischen Leugner alles Metaphysischen, dem verhinderten Che-Rebellen gegen alles Autoritäre, Kontrollierte und Konsumtive, absolute Glückseligkeit vermittelt hatte: intensiver als der Orgasmus mit der kleinen Amerikanerin auf der Glocknerhütte und letztlich auch so wunderbar unbegreiflich, weit jenseits seiner später kultivierten Gefühle für Marie-Sophie. Wegen ihr, der Pieta, hatte er Kunstgeschichte studiert. Mittlerweile weiß Sepp, dass sein kunsthistorischer Parzivalsweg zur Glückseligkeit vielleicht qualitativ subtiler, letztlich aber keinesfalls erfolgreicher oder „wahrer” war als jener seiner Schischülerinnen.

Denn alle Menschen streben nach dem Glück auf Erden. Und sie tun es auf solche Weise, wie sie sozialisiert wurden: Im Westen als Mitglieder einer postmodernen Erlebniskultur, deren Glaube ans ewige Heil im jenseitigen Paradies durch die Aufklärung untergraben wurde. Wo aber die Heils­perspektive ins Diesseits rückt, verliert der Tod seinen erlösenden Charakter und wird zum endgültigen Game-over: zum Verlust jeglicher Chance auf Erfüllung, die, wenn überhaupt, nur mehr im Hier und Jetzt möglich und sinnvoll ist. Morgen könnte es bereits zu spät sein, in einer dunklen Welt bedrohlicher Krisen. Wo aber jegliche Werte und Orientierungen ihre Grundlage einbüßen, hat zwangsläufig nur noch die Wonne des ekstatisch erlebten Augenblicks Sinn! Carpe diem, denn ein trauriger Tag ist ein verlorener Tag.

Die Lebensstile der Gegenwart, wie sie in der Tourismus- und Freizeitkultur zur Ausprägung gelangen, zeichnen sich durch die Maximierung von intensiven Gefühlen, sogenannten „Erlebnissen”, aus. Ob die Teilnahme am Ironman, die Perfektionierung des Kite-Surfens oder anderer Trendsportarten, das Pilgern von einem Event zum nächsten, das Abklappern der 1.000 Orte, die man sehen muss, bevor man stirbt (Patricia Schultz) und schließlich auch Komasaufen, Fresssucht, Kaufrausch und Rosamunde-Pilcher-Marathons – sie müssen allesamt als postmoderne Kulturtechniken zur Erfüllung säkularer Transzendenzbedürfnisse verstanden werden; als emotionale Hightech-Suche nach diesseitigem Heil und zugleich als Ausweg aus der Gewissheit der metaphysischen Sinnlosigkeit: Wir wissen nichts über Gott, nichts über die Zukunft und nichts über den Sinn des Lebens, aber das gewiss! Was wir erleben, ist blanker Heilskapitalismus: die verzweifelte Suche nach täglicher Erlösung von der Vergänglichkeit des Daseins auf dem Jakobsweg des Konsums materieller und immaterieller Güter.

Die protestantische Prädestinationslehre, jene Ablehnung der katholischen Vorstellung, durch gute Werke könne man für einen Platz im Himmelreich Gott „bestechen”, lässt sich nach Max Weber (1864-1920) als ideologischer Auslöser für die Entstehung des Kapitalismus verstehen: Weil auch Protestanten doch irgendwie herausfinden wollten, ob sie fürs Himmelreich „berufen” seien, orientierten sie sich notgedrungen an der erfolgreichen Nutzung ihrer Gaben im Diesseits. Wer somit erfolgreich arbeitete und die erwirtschafteten Früchte als göttliche Opfer fleißig re-investierte, anstatt sie katholisch zu verprassen, den dürfte Gott wohl lieben …

Ein analoges Schema lässt sich heute in der säkularisierten Erlebnisgesellschaft ausmachen: Weil die alten Werte, Überzeugungen und Institutionen mit ihrem Credo von Sicherheit, Gewissheit und Stabilität als irdische Garanten der Glückseligkeit ihre Autorität eingebüßt haben, bleibt als letzter Gradmesser für die Chance auf Erlösung allein das Maß der bestmöglichen Gefühle: Nicht Sicherheit, sondern Ekstase, nicht Geborgenheit, sondern Lust, nicht Stabilität, sondern Grenzüberschreitung werden so zum Leitwert des Alltags.

Was vordergründig erschreckend wirkt, ist letztlich weiter nichts als die auf die Spitze getriebene Ideologie der Aufklärung: die Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Denn der postmoderne, erlebnisorientierte Mensch ist – zumindest scheinbar – zutiefst autonom, nämlich unabhängig von äußeren Zwängen und Normen, aber auch von jeglichen Sicherheitsnetzen. Er allein ist seines Glückes Schmied. Wer unglücklich und unbefriedigt ist, ist selbst schuld! Damit mutiert der Mensch zwangsläufig zum getriebenen Glückssucher.

Genau an diesem Punkt setzt die Maschinerie der Konsumindustrie an, deren Aufgabe in der Produktion von Gefühls- bzw. Erlebnisstimulanzien liegt: allesamt Werkzeuge, die metaphysisch desillusionierten Menschen bei ihrer Suche nach „dem Glück” zu helfen versprechen. Dazu zählen neben den primären Gütern zur unmittelbaren Bereitung von Lustgefühlen (Genussmittel, Drogen, Unterhaltungsindustrie, Abenteuerreisen etc.) all jene sekundären Güter, welche die Eigenkompetenz zur Glücksgewinnung zu steigern behaupten:

1. Die Schönheitsindustrie liefert medizinische, chirurgische, pharmazeutische und Service-Produkte zur Erhaltung, Pflege und Perfektionierung des eigentlichen „Gefühlsinstruments”, des eigenen Körpers, mit dem Ziel, diesen zu sensibilisieren und zu perfektionieren, um dauerhaft noch besseren Sex mit noch schöneren Menschen zur Erzielung von noch romantischeren Gefühlen zu erlangen.

2. Die säkulare Heilsindustrie liefert mit ihrer Ratgeberliteratur sowie den Heeren an Therapeuten, Coaches und Trainern Instrumente zur Stärkung und Erweiterung der mentalen Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit. Denn um irdisches Glück erlangen zu können, muss man es überhaupt erst zulassen und dann auch die nötigen Rahmenbedingungen dafür zu optimieren beherrschen.

Genau hier setzt die Romantik-Industrie ein, die auf gesellschaftlicher Ebene durch Medienprodukte á la Rosamunde-Pilcher-Filmen normiert, was als „richtige, schöne und gute” Liebesbeziehung zu gelten und nach welcher Choreografie sie abzulaufen habe. In diesem Sinn beweist etwa ein Dinner bei Kerzenlicht hohe Romantikkompetenz, während Windeln und Schnuller, Babygeschrei und müde Schlummergesänge völlig daneben sind.

Auf operativer Ebene liefert die Romantik-Industrie die nötigen Accessoires, welche den Weg zur Umsetzung von Strategien zur Inszenierung romantischer Erlebnisse ebnen sollen: Exquisites Parfum ist gut, Wonderbra besser, ein Cabriolet schon semi-professionell, doch der wahre Meister entführt damit seine Angebetete übers Wochenende zum Schampus-Schlürfen nach Paris. Ganz schlecht wiederum sind Hofer­shampoos, Socken mit Homer-Simpson-Sujets und der Ausflug zum Kinderspielplatz in der rostigen Familienkarosse.
Erfolgreiche Romantiker allerdings benötigen ein hohes Zeit-, Geld- und auch Kulturkapital. Denn Cabrios und Champagner sind sogar in Krisenzeiten teuer, lassen keine Zeit für die Nährung des Familienbudgets, und schließlich fallen raffinierte Weinsorten, verträumte Insiderlokale und stimulierende Romantik-Events aus dem Kompetenzhorizont von engagierten Familienvätern.

Fazit: Gegenüber dem klassischen Macho hat der „neue Mann”, der aus Liebe zu seiner Frau und aus Überzeugung von der gleichberechtigten Partnerschaft „halbe-halbe” macht, das Klo putzt, Brei füttert und Windeln wechselt, im Wettkampf um die schärfsten Hasen, den besten Sex, die ekstatischsten Beziehungen und die stabilste Liebesbeziehung keine Chance. Aber dass wusste auch schon Darwin.

Die evolutionsbedingte Renaissance der Machos?
Bedeutet dies, dass der „neue Mann” nur ein vorübergehendes Versuchsmodell ist, während sich letztlich der knallharte Macho durchsetzen wird? Evolutionstheoretisch könnte das zutreffen, falls den Romantikprofis beim „Infight” häufig genug das Kondom platzt. Weil aber Kinder mit dem machistischen Romantikkonzept prinzipiell inkompatibel (und Kondome getestet) sind, werden letztlich die vom „neuen Mann” geprägten Nachkommen die spärlichen Macho-Unfallprodukte verdrängen. Von welchem Charakter die vom „neuen Mann” geprägten Kinder in Zukunft sein werden, ob schwule Nazis, zölibatäre Zeugen Jehovas oder polygame Existenzialisten, bleibt die große Frage.

Klar ist nur, dass der Bedarf nach Romantik und nach Strategien zu deren Ermöglichung weiter zunehmen wird. Dies indiziert etwa der ungebrochene Trend zur Hochzeit, jene rituelle gegenseitige Suggestion der glück­lichen Landung im sicheren emotionalen Hafen angesichts der existenziellen Stürme der Postmoderne. Dass aber die lebenslange Ehe und das Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie als irdischer Hort des romantischen Glücks offensichtlich überholt sind, beweisen die explodierenden Scheidungszahlen. Letztlich kann den drückenden Anspruch auf irdische Geborgenheit heute keine Kirche, kein Staat, keine Schule und auch kein Alpenverein mehr garantieren. Auch nicht Rüdiger, wie überzeugend er dies auch beteuern mag.

Schlechte Zeiten für Romantiker der alten Schule. Was würde wohl ein Lebensstil-Coach dem desillusionierten Sepp raten? Seine Träume an das Edle, Schöne und Gute mitsamt sich selbst an den nächsten Baum zu hängen? Beeindruckend dramatisch, jedoch äußerst ineffektiv fürs persönliche Weiterkommen. Warum also nicht einen Romantik-Ratgeber für „neue Männer” verfassen, einen Bestseller landen und mit einer scharfen blonden Super-Nanny als ultra-cooler Daddy Familienurlaub auf den Tonga-Inseln machen? Letztlich kommt der Kulturindustrie keiner aus.

Literatur:
Patricia Schultz: 1000 Places to see before you die: Die Lebensliste für den Weltreisenden. Königswinter: Ullmann/Tandem 2007.
Eva Illouz: Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2004.
Gerhard Schulze: Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde. Frankfurt/Main: Fischer 2008.