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heldenandacht

ilona kästner | heldenandacht

Eine doppelte Grabrede

Einige wären ein Phönix gewesen, wären andere nicht zuvorgekommen. Großer Vorteil: erster zu sein, und wenn mit Vortrefflichkeit, doppelt. Bei Gleichheit gewinnt, wer als erster gewinnt. - Balthasar Gracian, Der Held

In unserem Wertesystem gibt es eine Kategorie, die ist unschlagbar: der oder die Erste. Als Ordinalzahl markiert sie zunächst nur einen neutralen Ort im Rahmen einer abzählbaren und geordneten Reihe. Seltsamerweise heißt es aber nicht der oder die „Einte“. Wir führen im Wort die horizontale Reihenfolge schon mit einem Superlativ in die Ordnung der Vertikalen ein. Früh übt sich der Wettkampf um diesen privilegierten Platz auf der Liste. Erster im Einhundert-Meter-Lauf, Erster im ..., Erster im ... Der Erste hat eine Leistung erbracht, bei der keiner seiner Mitstreiter hat mithalten können, er nimmt Auszeichnungen in Form von vergänglichen Endsiegen entgegen (Bester, Schnellster, Schönster ...) und steigt auf das Siegertreppchen, den Vorsprung optisch hinauszögernd. Nicht jede Leistung ist dabei für alle gleich berühmt. Ob jemand Erster bleibt, hängt von der Gunst seiner Zuschauer ab, die die Kriterien ausbreiten und in deren Macht es liegt, den Maßstab einfach auf den Kopf zu stellen. Ein Klassenerster, der Letzter geschimpft wird und im Zimmer bleibt, wenn alle in den Hof rennen, muss so tun, als hätte er seine wahren Richter im Lehrerzimmer gefunden. Klug ist immer, wer sich die richtigen Zuschauer sucht, nicht ohne dabei grob daneben greifen zu können, den unterschiedlichen Blicken muss man sich schließlich anpassen. Grundsätzlich gilt: Kein Erster ohne den Abzählenden, der bestimmt, worum gestritten wird, und ihn ins Verhältnis setzt zu denen, die nach ihm kommen.

Aber Erster ist nicht gleich Erster. Es gibt Erste, deren Rang in unserer Logik woanders angesetzt wird, als der Rang derjenigen, die sich ebenfalls derart zu betiteln das Recht erworben haben. Das sind die Ersten, die nicht mehr im Rahmen von Wettbewerben, Kämpfen und Konkurrenzen zu ermitteln sind, sondern die den Raum für einen solchen Wettbewerb erst eröffnen. Sie stehen nicht an der Spitze, sondern sie machen den Anfang. Gewissermaßen treten Sie außerhalb des Wettbewerbs auf. Diese Ersten haben Neuland betreten, eine Grenze überschritten, sie haben zum Möglichen, zum Verfügbaren etwas dazugeschrieben. Die Achtung, die diesen Ersten entgegengebracht wird, leitet sich nicht davon ab, dass sie etwas besser oder schneller gemacht haben, sondern anders bzw. woanders. Gibt es bei den Wettbewerben immer noch einen trostreichen zweiten und dritten Platz, die eine preisversüßte Nähe zum ersten Platz verheißen, kommt hier nach dem Ersten lange keiner mehr und dann alle auf einmal. Eine Typologie dieser Truppe zählt den Abenteurer und Entdecker, den Forscher und Erfinder, den Künstler, dessen Platz im kulturellen Archiv darüber legitimiert wird, dass er macht, was vor ihm so noch keiner gemacht hat. Dieser Erste muss nichts mehr teilen. Alle, die nach ihm das Gebiet betreten, werden vielleicht sogar die wesentliche Arbeit ausrichten, das Land vermessen, die Möglichkeiten der Erfindung ausloten, weiterdenken, interessantere Seiten auftun, Fehlerquellen beseitigen, die Regeln der Anwendung schreiben usw., sie werden anreichern, kommentieren und verdienen sich damit ihre Renten. Sie sind vielleicht fleißig, originell, nur als Plagiatoren werden sie aus der Gravisphäre der Ersten kaum heraustreten. Erster gewesen zu sein, verspricht einen Wertvorsprung, den keiner mehr auf demselben Gebiet einholt. Insofern ist es auch kein Status, den man wie das Wissen aktualisieren müsste, um mit allen anderen weiterhin Schritt halten und konkurrieren zu können.

Der Erste kann sich verächtlich umdrehen und woanders hingehen, wenn er seinem ersten Plagiaten begegnet. Doch steht und fällt auch er mit diesen Nachfolgern wie des Kaisers Kleider mit den Blicken seiner Untertanen. Als relativer Stellenwert bleibt er an die Menge gebunden, von der er sich absetzt. Allein der eigene Hof kann ihn schließlich küren. Entsprechend war Kolumbus nur der erste Europäer auf dem neuen Kontinent, die ihm folgenden Einwanderer die ersten, die beim Landbesitz mit einem Recht des Ersten argumentierten, das andere, die vor ihnen schon da gewesen waren wohlweislich ausschloss. Kein Erster ohne den so genannten Dritten, ohne denjenigen, der das Maß hält, an dem gemessen wird, ohne den Schiedsrichter, der anerkennt, ohne denjenigen, der folgt und bestätigt, ja, hier sind wir noch nicht gewesen. Leistung und Innovation haben eine undichte Stelle: den Zuschauer, der den Wert bestimmt. Er könnte die gebotene Leistung nicht anerkennen, er könnte andere Momente wichtiger finden, als die, worauf der Wettstreiter sich konzentriert hat. Er versteht den neuartigen ersten Schritt nicht, er wendet sich gelangweilt etwas ganz Altem zu, das vorher keinen interessiert hat. Auf einmal stellt sich heraus, dass andere bevorzugt werden. Genau geplante, aufeinander abgestimmte und zeitsparende Funktionsabläufe riskieren, Ladenhüter zu werden, eine mustergültig zusammengestellte Biographie wird von einem Minderqualifizierten aus dem Rennen geschmissen, die Innovation ist längst überholt ... usw. Eine dritte Gestalt des Ersten tut sich auf: Erster beim Zuschauer sein, um diesem vor allen anderen seine Aufwartung machen zu können. Nicht mehr nur geht es darum, seinen Mitstreitern zuvorzukommen, sondern vor ihnen bei demjenigen anzukommen, der eigentlich nicht mitstreitet. Es geht darum, als Erster zu wissen, wonach man sich zu richten hat. Zum einen heißt das immer noch im Namen effizienter Produktionsabläufe schneller, billiger und besser zu funktionieren als die Mitstreiter (der Leistungskampf), zum anderen aber auch, um schneller beim Zuschauer zu sein als diese, immer schon zu wissen, wann er sich wo befindet (Prognosen). Bestenfalls mit den richtig berechneten Koordinaten ausgestattet sich so zu platzieren, dass man ihm, dem Zuschauer, sogar zuvorkommen kann (die Geschichten von Morgen). Ins Spiel hinzu kommt der Ehrgeiz, eine Richtung einzuschlagen, in der noch kein anderer Mitstreiter zu finden ist, mit dem Vorteil des Ersten aufzuwarten, der dort steht, wo vor ihm noch keiner gestanden hat. Denn im idealen Fall entwickeln sich diese brachliegenden Felder, sind sie einmal nutzbar gemacht, als die Abkürzung zum Zuschauer schlechthin mit der längsten Überlebenschance (Durchbruchsinnovationen), vorausgesetzt dieser macht mit. Aus den Augen lassen darf ihn auch hier keiner. Das Wichtigste bleibt: Der demütigenden Einsicht zu entgehen, total falsch zu liegen, dem Zukunftsschock vorzubeugen. Entsprechend bemüht ist man um die richtige Einschätzung der Bewegungsräume, um eine perfekte Kartographie und Geographie, die auch zukünftige Veränderungen mit einzutragen vermag; oder – der Einsicht folgend, dass auch mit der aufwendigsten Berechnung keine unbedingt zuverlässige Verhaltensprognose zu erstellen ist – um die nötige Flexibilität, sich allen Kurswechseln schnellstmöglich anzupassen. Die wirkungsvollste Prophylaxe aber bleibt der Glaube an die Möglichkeit, den Zuschauer und seine Gunst dorthin zu leiten oder zu halten, wo man ihn haben will. Wer hier führen will, muss gefallen können. Das Aufwarten hat Konjunktur. Wer aufwartet, hält sich entweder an bestimmte Regeln oder an den Ort, wo er meint, den anderen antreffen zu können. Er hat etwas anzubieten, zu bieten oder steht zu Diensten, die Ausrichtung auf denjenigen, dem er aufwartet, ist Prinzip, schließlich will er ihn nicht verfehlen. Um auf jemanden warten zu können, ist nur eine zeitlich-räumliche Distanz Voraussetzung, die Aufwartung dagegen erfordert einen Vorsprung, der die genaue Koordinate des Anderen mit im Plan hat. Der perfekte Diener weiß schon vor seinem Auftraggeber, was dieser zu tun wünscht, vielmehr, er weiß es besser. Sein Vorsprung bemisst sich an den Schritten desjenigen, dem er zuvorkommt. Er ist Erster, weil er den anderen zum Ersten seiner Aufmerksamkeit gemacht hat, er läuft rückwärts vorneweg. Die Rücksicht ist sein Werkzeug. Dieser fällt in der Regel die Aufgabe zu, den möglichen Bewegungsraum des Anderen sich ständig vor Augen zu halten, um im gefragten Moment richtig auf ihn reagieren zu können.

Der perfekte Diener

... ist nie richtig anwesend, er trifft seinen Herrn, indem er selber als Person ihm ausweicht. Die Synchronisation hat sein Verschwinden zur Folge. Das ist natürlich fiktiv und abgesehen von einer traumhaft-traumatischen Liebesbeziehung wird diese Art der Synchronisation wohl eher missglücken. Im ungewissen Raum zwischen den Parteien spielt sich etwas anderes ab. Der Wunsch am richtigen Ort für die Augen des Zuschauers zu stehen, ist Anlass, alle Störfaktoren, die nicht passen könnten, zu verdecken und konzentriert sich auf das, was gefallen müsste. Es wird aber mehr gemeint als gewusst beim Aufwarten. Eine Mischung zwischen Meinung und Wissen ist die am laufenden Band ermittelte Koordinate: Quoten, Verkaufszahlen, Kundenbedürfnisse ... Wer gefallen will, wird aber in der Regel schwer gefallen können: Er selbst fehlt ja bei der Präsentation. Statt dessen versucht er im Einklang mit dem Bild aufzuwarten, das er sich von demjenigen gemacht hat, dem er gefallen möchte. Zur Handhabe bereit stehen unmissverständliche Muster, Allgemeinplätze garantieren die Trefferquote. Doch wer sich ernsthaft mit den Insignien für Leistung, Dynamik und Kreativität behängt, der macht sich in dem Moment lächerlich, wo sie als bloße Zeichen erkannt werden. Ein Anruf im Call-Center, und die an meine Bedürfnisse angepasste Freundlichkeit der kommunikationstrainierten Telefonstimme ist leider der größte Stolperstein im ganzen Gespräch. Verwirrend ist es, mit niemand zu sprechen, der selber auch nur mit einem Prototyp kommuniziert. Eine große Wochenzeitung aufzuschlagen, um darin neben den Inhalten auch die Intentionen der Gestaltung und der Redaktion mit ablesen zu können, ist nichts Besonderes. Darin aber angesprungen zu werden mit dem, was mir als Leser angepasst ist, was sich mit meinem Ort decken soll, und doch nichts anderes ist als das Schnittmuster, das ziel- und leserorientierte Menschen einer hölzernen Kundenpuppe übergezogen haben, fängt irgendwann an zu nerven. Der verschwundene Diener steht letztendlich mit seiner schief hängenden Maskerade überall plump im Weg herum. Er fängt an zu stören, wenn man ihm dabei zusehen kann, wie er nicht gesehen werden will. Der entnervte Zuschauer wendet sich ab und geht von der Tribüne, nichts dabei, außer dass er sich mal wieder hat anschauen müssen, wo ihn andere so vermuten. Er träumt von einem rücksichtslosen Helden. Einem, der das Prinzip verstanden hat. Der auch den Siegertreppen, Leistungsstufen, der Hetze um den ersten Platz, um das Originelle, das Neue, das ganz Andere, das Aktuellste als einer plumpen Form der Aufwartung nichts abzugewinnen vermag. Dem all das egal ist. Der ihn nicht kennt, den Zuschauer oder wenigstens so tut als ob. Ihm würde er gerne folgen.