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mein ich ist hirntot

alexandra rollett | mein ich ist hirntot

Nachruf auf einen geliebten Patienten

Nicht nur trauern wollen wir,
dass wir es verloren,
sondern dankbar sein,
dass wir es gehabt.


Meinem ICH ging es schon seit geraumer Zeit nicht besonders gut. Es war nicht nur erschöpft, was ihm Alain Ehrenberg in seinem viel zitierten Buch Das erschöpfte Selbst gerade noch zugestanden hätte. Es musste eine Reihe äußerst bedenklicher Burnouts verkraften: neuronale Synapsen durchgeschmort, moralisch-ethische Sicherungen geflogen und als Ascheregen auf das soziale Umfeld gerieselt, Körperbild beim Teufel und im Fegefeuer verdampft, Gefühlshaushalt in eine finnische Sauna verwandelt … Sein Selbstwertgefühl glich phasenweise Ground Zero. Kein Wunder, dass es in diesem Zustand jene unverfrorene, existentielle Schmähung, mit der es konfrontiert worden war, nicht ohne weiters hatte wegstecken können.

Im Verlauf seiner Phylogenese war es oft genug gekränkt worden, um eine gewisse Dickhäutigkeit gegenüber Beleidigungen an den Tag zu legen. Und einige Zweifel an seiner Allmacht erschienen ihm gar nicht so abwegig: Es konnte akzeptieren, nicht Mittelpunkt des Universums zu sein: Kopernikus war ein smarter Typ, der den kirchlichen Würdenträgern ordentlich eingeheizt hatte – selbst wenn er angesichts des Scheiterhaufens kalte Füße bekommen hatte. Auch die Vertreibung aus dem Garten Eden nahm ICH Darwin nicht weiter übel. Auf Paradiesbeete war es ohnehin nie scharf. Die Vorstellung, „Herr im eigenen Haus“ zu sein, die Freud mit seiner Psychoanalyse so spektakulär widerlegt hatte, kam für mein ICH, das sich mit meinem Körper und seinem zusätzlichen X-Chromosom meist solidarisch zeigte, sowieso nie in Frage.

Toleranz und Kooperationsbereitschaft waren herausragende Charaktereigenschaften von ICH. Descartes war ihm zu radikal; „cogito, ergo sum“ schön und gut, aber bitte keine Verabsolutierung der Rationalität: Gefühl, Körper, Mitmenschen usw. immer brav mit einbeziehen, danke. Kant war da schon akzeptabler. Als Escort-Service, das denkend alle Vorstellungen zu begleiten hatte, stellte ICH sich gerne zu Verfügung.

Die Traditionen der Moderne und ihre Dekonstruktion religiöser und sozialer Institutionen führte es bereitwillig fort. Ohne die Skepsis gegenüber Normen und Konventionen ging es nicht aus dem Haus. Folgsam misstrauisch begegnete es den Poppers, Punks und Ökos und den ihnen immanenten Gruppenzwängen, verweigerte sich den Trottoirs vorgefertigter Ideologieschablonen und schien daher bestens disponiert für das Flanieren in der Postmoderne. Souverän bewegte es sich in der Masse der Patchworkidentitäten zwischen den recycelten und gesampelten Weltgebäuden.

Sogar den Tod des Subjekts überlebte mein ICH ohne nennenswerte Spätfolgen. Seine in der Moderne gewonnene Hegemonie hatte es ohnehin nur als interimistisch betrachtet. Mit der Vorstellung Flussers, „Knotenpunkt in einem Netz von dialogisch strömenden Informationen“ zu sein, konnte es sich durchaus anfreunden. Es betrachtete sich als Betrachter der Welt, nie hätte es behauptet, ihr Herrscher oder gar ihr Schöpfer zu sein – zumal ihm gar nichts daran lag, als Urheber dieses Chaos zu gelten. Liebend gern hätte es abgedankt; man musste ihm, wie anderen Despoten, nicht mal mit der Guillotine drohen. Die Trennung von Leib und Seele hatte Platon schließlich bereits in der Antike vollzogen.

In der Theorie hatte man ICH unwiderrufbar gestürzt. Warum es trotz fehlender Gegenwehr in der Praxis nie zu seiner Demission kam, bleibt ein Rätsel der Geschichte. Vielleicht gab es einfach niemanden, der sich der beschwerlichen, verantwortungsvollen und gleichzeitig undankbaren Aufgabe, die Welt per Wahrnehmung zu schaffen, gewachsen fühlte. Der Körper wollte sich zwar anbieten, doch hatte er sich bereits als noch ungeeigneter als ICH erwiesen: Die Wissenschaft hatte das Buch der Natur akribisch analysiert und war beim Alphabet der Gene angekommen. Sie musste nicht mehr auf Prothesen der Kosmetik und Schönheitschirurgie zurückgreifen, um Metamorphosen des Körpers zu bewerkstelligen. Sie konnte den Text des Leibes neu schreiben, ihn soziokulturellen Wunschvorstellungen anpassen und ihn für die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft optimieren. ICH war zwar dekonstruierbar, aber es konnte nicht von anderen objektiv im Reagenzglas konstruiert werden wie der Körper. Dieser kam daher als Thronnachfolger keinesfalls in Frage – und auch sonst konnte nichts Adäquates gefunden werden.

Denn an der Erkenntnis, dass ICH eine Variabel, ein fluktuierendes Etwas war, das man je nach Lust und Zwang mit andern Werten und Inhalten füllen können dürfen sollen musste, gab es nichts mehr zu rütteln. Nach jenem kurzen theoretischen Intermezzo der Selbst-Auflösung hatten jedoch alle begriffen, dass paradoxerweise nichts existierte, das die Variable ICH selbst substituieren konnte. ICH blieb also in Amt und Würden; allerdings war seine Reputation schwer angeknackst. Sein Image musste nun mit aller Macht wieder aufpoliert werden.

Klar, dass ICH verwirrt war. Von einer Konstanten war ICH zu einer Variablen und als diese Variable wieder zur einzigen Konstante geworden, auf die ICH in einer von permanenten Innovationen erschütterten Welt zurückgreifen konnte.

Dieser Konfusion versuchte es zu entkommen, indem es sich Hals über Kopf in die Arbeit an sich selbst stürzte. ICH wollte wenigstens als Hülle so funktional wie möglich werden, auch nach etlichen Wiederbefüllungen keinen Materialverschleiß zeigen und allen Verbeulungen und Verbiegungen zum Trotz immer noch Form wahren können. Koste es auch Körper, Soziales, Vernunft oder was auch immer!

Während die ersten Stufen der Maslowschen Bedürfnispyramide rasch erklommen waren, stellte der Anspruch auf Selbstverwirklichung auf einmal einen uneinnehmbaren Monolithen dar. Mit der Befriedigung der primären körperlichen Grundbedürfnisse wie Trinken, Essen, Wärme und Schlaf konnte sich ein Individuum in prekären Arbeits- und Finanzverhältnissen ohnehin nicht lange aufhalten; der vormals sekundäre Wunsch nach Sicherheit war aus linksliberalen Gründen tabu, die an dritter Stelle rangierenden sozialen Beziehungen waren so unüberschaubar, dass man diese Stufe lieber übersprang – was nicht allzu schwer fiel, da alle Hierarchien flach geworden waren; und das angeblich vierte essentielle Bedürfnis nach sozialer Anerkennung konnte gar nicht erst entwickelt werden: Dazu hätte man erst einmal wissen müssen, welcher Sozietät man eigentlich angehören und von wem man folglich anerkannt werden wollte.

Um seine Kondition und bergsteigerischen Qualitäten in irgendeiner Form doch noch unter Beweis zu stellen, wollte ICH unbedingt zum Gipfel der Pyramide, auf dem es uneingeschränkte Freiheit und bestmögliche Talententfaltung geortet hatte. Aber selbst unter größten Anstrengungen gelangte es nur auf diverse Hochplateaus, die andere auf ihren präpotenten Höhenflügen als Rastplätze für ihre Jausenpausen benutzten. Statt es sich am Fuße des Monolithen gemütlich zu machen, um dort vielleicht einen Steigeisenverleih oder eine Sherpavermietung einzurichten, trainierte es weiter. Die Kontrolle über die Welt war ihm schnurz, sollte doch jemand anderer die Regentschaft über Gefühle, Emotionen und Wahrnehmungen ausüben. Es wollte nur mehr an sich selbst arbeiten dürfen.

Nichts wurde unversucht gelassen, um ICH vom Druck seiner täglichen Selbstverbesserungsexzesse zu befreien. Die Emotionen warfen sich ihm zuliebe von einer Beziehung in die nächste, um ein paar Flexibilitätsprobleme an das ICH des Anderen zu delegieren – was allerdings von wenig Erfolg gekrönt war. Schließlich verfolgte der Andere meist die gleiche Absicht und mein ICH war nicht gewillt, die Drecksarbeit für das fremde ICH zu erledigen.

Mein Körper bot Hilfestellungen an, zeigte, dass auch er über eine gewisse Fingerfertigkeit im Identitätenbasteln verfügte. ICH verwarf allerdings alle Angebote der physischen Seite augenblicklich, wollte sich nicht auf Fleisch und Knochen stützen, sondern aus eigener Kraft Standfestigkeit und Durchsetzungsvermögen erlangen.

Die Ratio wollte das anarchische Moment meines ICHs herausfordern und trat in einer Zeit, in der die Gesellschaft fit for fun auf Kommunikationsfreudigkeit und Workaholismus abfuhr, der einzigen revolutionären, kapitalismusresistenten Bewegung, der Depression, bei. Doch ICH verweigerte die Gefolgschaft. Selbst wenn die Welt mitsamt aller Kreatur untergehen, als zeitlich begrenztes Phänomen in einem sinnentleerten Universum den Kältetod sterben sollte und eh alles egal war – ICH wollte die pointierteste und unkonventionellste Wurstigkeit aller in Konkurs gegangenen Ich-AGs leben.

Es klaute und adaptierte, schummelte und simulierte, überklebte und imaginierte, schluckte und assimilierte ohne Rücksicht auf eigene Kräfte und Ressourcen – was schon bald einige unangenehme Nebenwirkungen mit sich brachte: ein implosiver Kollaps hier, eine neurotische Eruption da, Breakdown Absturz Burnout und immer wieder Neustart.

ICH hätte allerdings noch ein wenig länger durchgehalten, wenn es nicht plötzlich die Nachricht seines Hirntods ereilt hätte: Mitten in einer anstrengenden Identitätsmodulationsübung klopft auf einmal die Neurowissenschaft bei ihm an und erklärt ihm, dass sein Dasein jeder hirnphysiologischen Basis entbehrt. Es gibt keine Schaltstelle, keine Kommandozentrale, in der alle Eindrücke der Außenwelt gesammelt und verarbeitet werden. Es gibt kein durchgängiges Bewusstsein, nichts großes Ganzes, das gleichzeitig sehen, hören, riechen, denken kann. Jede Hirnregion bewerkstelligt ihre Aufgabe auf eigene Faust; die Befehlsausgabe findet nicht bei ICH statt, sondern in den Nervenzellen, Muskeln, Drüsen und Organen.

„Ich weiß doch, dass ich hier bin“, brüskiert sich ICH, was die Forschung prompt widerlegt: Nur der Körper weiß, dass er hier ist. Dieses Körpergefühl wiederum ist als Simulation entlarvt, die von den visuellen Wahrnehmungsorganen und Propriorezeptoren völlig autark generiert wird.

„Ja, aber ich erinnere mich doch an mich!“, verteidigt sich mein ICH entsetzt. Nix da, das Gedächtnis ist kein Dokumentationsarchiv, sondern eine Propagandamaschinerie, die Kindheitserinnerungen durch den Fleischwolf dreht und aus Pleskavica Cevapcici macht.

An die Wand gestellt sieht ICH nur mehr einen Ausweg. Es stellt sich tot: „Ihr braucht nicht zu beweisen, dass es mich nicht gibt, ich existiere eh nicht mehr. Fragt mal Lacan, Baudrillard oder am besten Derrida!“ „Hah“, kontert die Wissenschaft, „diese Hirnwichser haben vom Um-die-Ecke-Bringen keine Ahnung. Zuerst praktisch hirntot machen, dann den theoretisch-klinischen Tod erklären. Nicht umgekehrt. Aber bitte, von uns kriegst du deinen Hirntod jetzt nachgeliefert. Verteile dich gefälligst auf alle Zellen des Organismus und brich jeglichen Kontakt zwischen dir und dir ab.“

„Aber ich bin so eine schöne Hülle“, heult mein ICH auf. „So schön flexibel, dehnbar und anpassungsfähig.“

Wenn es in diesem Moment noch Inhalt gehabt hätte, hätte es ihn ausspucken und verstreuen können. Aber da es nur mehr über eine rein äußerliche Substanzialität verfügte, konnte es sich nicht aufteilen, ohne sich zu zerstören – aller mühsam anerzogenen Schizophrenie zum Trotz.

Jahrhunderte lang hat ICH die Qualen der Alleinherrschaft auf sich genommen, die Kränkungen der Geistes- und Naturwissenschaftler über sich ergehen lassen, hat sich ständig neu erfunden, sich permanenten Mutationen und Metamorphosen unterzogen, hat, ohne sich an kollektivvertragliche Arbeitszeiten zu halten, immer weiter an sich gearbeitet – nur, um sich jetzt von ein paar dahergelaufenen Neurowissenschaftlern erklären zu lassen, dass es gar nicht existiert? Das war zu viel.

„Macht doch euern Scheiß allein!“ – Das waren die letzten Worte meines ICH, bevor es ins Koma fiel.


Ich weiß jetzt auch nicht genau, was ich machen soll. Lebensversicherung hat mein ICH keine abgeschlossen, aber die Bestattung dieses lappigen, durchsichtigen Häutchens wird mich schon nicht in Unkosten stürzen. Bis jetzt bin ich beim Sichten seiner Dokumente – fast alles Fälschungen übrigens – auf kein Testament gestoßen. Da, soweit ich weiß, keine rechtmäßigen Erben existieren, bitte ich alle, die Anspruch auf den Nachlass erheben, sich bei mir zu melden. Die Beisetzung wird wohl bald stattfinden. Von Kranz- und Blumenspenden ist abzusehen – ihr könnt mit dem vorgesehenen Betrag ja eine tolle politische, soziale oder künstlerische Initiative unterstützen. Das ist sinnvoller.