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egon christian leitner | nebelscheinwerfer

Damit Sie wissen, wovon Sie reden, wenn Sie „Neoliberalismus“ sagen. Und warum Sie nichts Nennenswertes gegen diesen unternehmen

Bourdieus et aliorum Das Elend der Welt ist bewerkstelligt worden, damit entsetzliche, entsetzte Menschen einander ohne Unterlass mitten im angeblich banalen Alltag – welcher angeblich unter einigermaßen erwachsenen Menschen durchaus zumutbar ist und aufgebrachter, enttäuschter, weinerlicher Rede angeblich nicht wert – durchaus schwatzhaft und witzig ihre Geschichten hassfrei zu erzählen beginnen und damit so aus jedem dieser einander respektvoll und beharrlich erzählten Leben ein politisches Argument zu werden vermag, und zwar das einzige politische Argument, das es wirklich geben kann, nämlich der Wert und die Schönheit eines Menschenlebens. Und auf dass auf besagte Weise die alltäglichen Schadensverursacher in Politik, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft Stück nach Stück die Macht über ihre angeblich banalen Mitmenschen verlieren. Ein solches Unterfangen nannte Bourdieu soziale Bewegung. Selbige ist der Sinn von Das Elend der Welt. Selbiges ist ein Werk, das Menschen in erlernter, erzwungener Hilflosigkeit verlässlich beizuspringen sich bemüht und das unterlassene, verweigerte Hilfeleistung als das benennt, was verweigerte, unterlassene Hilfeleistung ist, nämlich ein tägliches Verbrechen, Mitwisserschaft, Mittäterschaft. 

Das Elend der Welt gibt Menschen, denen ihre Lebensgeschichten gegenwärtig im Alltag schlichtweg weggenommen werden, abhandenkommen und die um ihre Leben, ihre Lebenschancen, ihre Lebensgefühle, ihre Lebensgeschichten ganz alltäglich, ganz selbstverständlich gebracht werden, diese ihre Lebensgeschichten, diese ihre Lebenschancen, ihre Lebensgefühle zurück, sozusagen ihr ureigenstes Eigentum. Ihr Leben. Das Elend der Welt ist gegen die von den Neoliberalen aller gegenwärtigen Parteien verursachte, immer unausweichlicher werdende Verdrittweltlichung der Ersten Welt verfasst. Die heurigen Hochwässer, die weltweite Rezession, die Arbeitslosigkeit, gewisse gewissenlose Zustände im Gesundheitswesen, das ist Verdrittweltlichung mitten in der EU und mitten in Österreich. Worauf dagegen Bourdieu realpolitisch hoffte, war das gewissenhafte, konsequente, rechtzeitige, jegliche Komplizenschaft verweigernde Aufbegehren der helfenden Berufe. Dass Politik die Helfer zum Schaden der Schutzbefohlenen hilflos macht, dagegen ist Bourdieu nämlich ein Gegenmittel. Dazu allerdings müssten Helfer öffentlich erzählen, von denen, die ihnen anvertraut und in Gefahr sind, und von sich selber. 

Nobelpreisträger Ronald Coase nun, der unermüdlich die Natur von Firmen und das Problem der sozialen Kosten reflektiert, ist einer der so genannten Chicago-Boys. Als Beispiel seiner Schaffenskraft diene hiemit die Luftverschmutzung durch eine Fabrik. Die Leidtragenden sind, sollte man meinen, die Bewohner rundum. Eine Umweltsteuer muss also eingehoben werden, sollte man meinen, und unter anderem dadurch die Fabrik gezwungen werden, sollte man meinen, Filter einzubauen, oder ähnliche den Schaden stiftenden Missstand zumindest eindämmende Maßnahmen seien zu ergreifen. Coase mit seiner Transaktionskostenökonomie sieht das jedoch wesentlich anders und typisch neoliberal. Denn nicht die Verschmutzer, nicht die Fabriken sollen laut Coase zur Verantwortung gezogen und zur Kassa gebeten werden, das würde laut Coase ja nur die Wirtschaftsleistung drosseln und die Arbeitsplätze gefährden. – Nein also, nicht die Industrie soll vom Staat durch Gesetze und Steuern zur Schadensbegrenzung oder gar zur Unschädlichkeit gezwungen werden, nein, sondern es können und sollen die anrainenden Bewohner rund um die jeweiligen Industriestandorte die Kosten für die Industriefilter übernehmen. Das sei erstens im Interesse besagter besorgter Bewohner vor Ort und zweitens im Interesse der Volkswirtschaft insgesamt und drittens überhaupt schlichtweg lediglich eine Verhandlungssache zwischen den jeweiligen Wirtschaftsherren vor Ort und der Bevölkerung vor Ort. Sich da einzumischen, verbietet der angesehene Unternehmenstheoretiker Coase seinem Staat entschieden. (Van der Bellens Vorschlag, welcher, wie ich gehört habe, einmal auch der des steirischen ÖVP-Finanzlandesrates Paierl gewesen ist, Vranitzky soll ihn in irgendeiner Form einst auch gemacht haben, Tschechien Temelin abzukaufen, mag ein glänzender sein, ist aber zugleich, mit Verlaub gesagt, Coase pur, neoliberale Transaktionskostenanalyse, salopp gesagt: das Bezahlen von Schutz- und Lösegeld durch die potentiellen Opfer.) 

Das Coase-Theorem jedenfalls handelt von sozialen Kosten, Umweltschutz und Verursacherprinzip. Nehmen wir an, eine Lok verursacht durch Funkenflug den Brand eines Weizenfeldes. Laut Coase soll sich der Staat in den daraus entstehenden Konflikt zwischen Farmer und Eisenbahnunternehmen ja nicht einmischen. Die beiden Kontrahenten, also der Getreidebauer und die Bahngesellschaft, sollen sich die Problemlösung untereinander aushandeln. Denn warum soll eigentlich, meint Coase, die Bahn dem Bauern den Schaden, die Ernte ersetzen. Warum bezahlt nicht der Bauer der Bahn die Technologie, damit es zukünftig zu keinem Funkenflug mehr kommen kann? Außerdem hat ja der Farmer den Weizen angebaut. Hätte der Farmer das nicht getan, hätte es zu keinem Schaden kommen können. 

Ich darf Sie in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass ÖVP-Klubobmann Khol im Frühherbst 2000 am Tag nach Bekanntwerden der Aufhebung der EU-Sanktionen wortwörtlich gesagt hat: „Wir regieren neoliberal.“ Dazu fügte er bald darauf dann noch den Begriff der ökosozialen Marktwirtschaft. Sonderlich viel Freude mit Politikern, die neoliberal, also à la Coase denken, rechnen, regieren und kassieren, werden Österreichs Bauern à la longue aber wohl nicht haben – und schon gar nicht Österreichs Lebensmittelkonsumenten. Was ist das also, wozu Khol sich da bekannt hat, was ist eine neoliberale ökosoziale Marktwirtschaft? 

Wer nicht Schaden nehmen will an Leib und Leben, der muss zahlen. Das, mit Verlaub, ist neoliberal. Neoliberalismus ist etwas ganz Einfaches. Ronald Coase schenkt da dankenswert reinen Wein ein. In derselben Woche der Aufhebung der EU-Sanktionen gegen Österreich, als Khol sich dazu bekannt hat, neoliberal zu regieren, hat übrigens Finanzminister Grasser ausdrücklich verlauten lassen, er, Grasser, baue an einem Staat mit New-Economy-Strukturen. Und im Frühsommer vorigen Jahres erklärte er bei einem Parteikonvent, warum man das Nulldefizit brauche. Dann nämlich haben die 3,5 Millionen arbeitstätigen Österreicher pro Monat 7.000 Schilling mehr in der Geldbörse. Das Nulldefizit wurde ja, heißt es, zwischenzeitlich durchaus erreicht, man sollte als arbeitender Mensch also allmonatlich seine Geldbörse kontrollieren und bei Fehlen des genannten Betrages von Schilling 7.000, rund Euro 500, bei Grasser urgieren. Zu hoffen bleibt überdies, dass mit der New Economy, dem neuen digitalen Kapitalismus, letztlich nicht zugleich doch auch Riesenstücke von Grassers New-Economy-Staat, Österreich mit Namen, mit in die Binsen gegangen sind. 

Gary Stanley Becker ist der jüngste der Lausbuben aus Chicago und trieb den Pierre Bourdieu in dessen Gegenfeuer 2 wohl am meisten zur Weißglut, wohl weil sich der Nobelpreisträger Becker ökonomisch über den Alltag hemmungslos hermacht – und der Alltag sowohl mit seinen Ohnmachtsfallen als auch mit seinen durchaus vorhandenen Befreiungsmöglichkeiten ist wiederum nun einmal Bourdieus soziologisches Hauptthema seit Jahrzehnten. Von Gary Becker übrigens stammt der dem Pierre Bourdieu Grauen einflößende Begriff „Humankapital“. In Beckers Ökonomie der Liebe sind nämlich beispielsweise Kinder zuvorderst langlebige Konsumgüter, deren Produktion einerseits von den elterlichen Kosten für Lebensunterhalt, Erziehung etc. und andererseits vom erwarteten Nutzen für die Eltern und die Familie abhängt. Und Kriminalität hat in Beckers Augen rein gar nichts mit Kindheit, Milieu und Sozial- oder sonstiger Psychologie zu tun, sondern ist durchaus rational und folgt demgemäß rational einem schlichten Kosten-Nutzen-Kalkül. Der Becker’sche Mensch nämlich wird dann zum Straftäter, wenn der erwartete Nutzen aus dem jeweiligen Verbrechen höher ist als der Nutzen aus einer legalen Tätigkeit. Also muss der Becker’sche Rechtsstaat dafür sorgen, dass die Verbrechen den Bürgern möglichst teuer zu stehen kommen. Der Volkswirtschaft insgesamt allerdings schadet, meint Boy Becker, weniger die jeweilige Straftat, sondern weit mehr der Umstand, dass der Verbrecher keinen Beitrag zum Sozialprodukt leistet. In amerikanischer Gefängnishaft tut er das dann aber.

Selbstverständlich erfolgt auch Rassendiskriminierung in Beckers Sicht der Dinge rational über ein Kosten-Nutzen-Kalkül. Es gibt, wie gesagt, keinen Lebensbereich, der der Becker’schen neoliberalen Analyse zu entgehen vermag. Und gerade diese angebliche Auf-alles-Anwendbarkeit des Becker’schen neoliberalen Paradigmas war ein Grund für den Nobelpreis anno 1992. 

Die Zahl der jeden Tag im Elend sterbenden Kinder ist 20.000. Die jährliche Zahl der Kinder, die vor ihrem 5. Lebenstag sterben, ist 14 Millionen. Die Zahl der jährlich verhungernden Menschen ist 30 Millionen. Die Zahl der täglich verhungernden Menschen ist 100.000. Die jährliche Zahl der an chronischer Unterernährung und in der Folge an schweren Behinderungen Leidenden ist 820 Millionen. Die jährliche Zahl der durch Unterernährung Erblindenden ist 7 Millionen. Die Zahl der Kinderarbeiterinnen und Kinderarbeiter ab dem 5. Lebensjahr ist 250 Millionen. Die Zahl der täglich aussterbenden Tierarten ist 10. Die Zahl der täglich aussterbenden Pflanzenarten ist 50. In der Tat spielen all die eben genannten Zahlen in den Kalkülen und Kalkulationen der Chicago Boys nicht die geringste Rolle. 

Ich muss der Redlichkeit halber eine wichtige Einschränkung machen und einräumen, dass Ökonomen wie Gary Becker allerdings sehr wohl auch mit Menschenleben rechnen. Sie kommen dabei beispielsweise zum Ergebnis, dass jeder Jugendliche, der abrutscht, die Gesellschaft, auf sein ganzes Leben hochgerechnet, etwa eine Million Dollar an Gerichts- und Wohlfahrtsspesen kostet. Wenn auch nur die Hälfte der gefährdeten Kinder abrutscht, belaufen sich besagte Kosten Mitte des 21. Jahrhunderts daher auf sieben Billionen Dollar. Ökonomen wie Gary Becker folgern nun daraus, dass die staatliche Wohlfahrt unfinanzierbar, ineffizient sei und drastisch zu reduzieren. Ein kaputtgehender junger Mensch also kostet bis zum Ende seines Lebens 1 Million Dollar. Investitionen in soziale Prophylaxe jedoch kommen besagten Chicago Boys partout nicht in den Sinn. Das ist keine Unterstellung meinerseits, sondern Neoliberalismus. 

Neoliberalismus ist etwas ganz Einfaches. Neoliberale sagen ganz offen, was sie vorhaben. Wie Leute, die verbal vergewaltigen. Dass ihnen Sozialdemokraten, Grüne und Christen darauf nicht nach Gebühr und nicht mit Entschiedenheit antworten, sondern statt dessen mittels Darmakrobatik, das, mit Verlaub gesagt, scheint mir persönlich die Perversion dieser unserer Gegenwartsgesellschaft zu sein. 

Gestatten Sie mir bitte noch einige profitable Zahlen à la Becker und Coase: Computer, Mobiltelefone, die meisten High-Tech-Erzeugnisse, nahezu alle elektronischen Geräte benötigen heutzutage für ihre Kondensatoren das Metallpulver Tantal. Das überaus kostbare Erz dafür, Coltan, wird im Kongo unter unmenschlichsten Bedingungen abgebaut. So werden Kindersklaven von Kindersoldaten in die Bergwerke und Gruben gezwungen. Der Sold dieser Kindersoldaten besteht einzig und allein in der täglichen mickrigen Essens-, Drogen- und Munitionsration. Der Pharmakonzern Bayer, der Hersteller von Aspirin, treibt mit dem kongolesischen Coltan lukrativen Handel und trägt dadurch wesentlich zur Finanzierung des Krieges im Kongo bei. Dieser Krieg hat in den letzten drei Jahren 2,8 Millionen Menschenleben gekostet. Das scheint mir der Erwähnung wert. Unsere Handys trällern und unsere PCs summen 2 Millionen 800 Tausend Tote vor sich hin. Wem meine Information Kopfzerbrechen, Ärger oder ähnliche Schmerzen bereitet, bei dem kann ich mich nur entschuldigen und ihm aufgrund eigener Erfahrung zur Einnahme von Aspirin raten. Aber bitte ja aufzupassen und nicht Coltanstaub und nicht Tantalpulver zu schlucken anstatt Aspirin-C-Brause! 

In Rumänien wurde anno 2000 der zweitgrößte Fluss Ungarns, die Theiß, vergiftet und vernichtet, und zwar durch das Zyanid für die Goldgewinnung im rumänischen Baia Mare. Die Umweltkatastrophe von Baia Mare hatte die Dresdner Bank mitfinanziert. Negative juristische oder negative finanzielle Konsequenzen für besagte deutsche Bank hatte die Katastrophe nicht. Mitfinanzierung ist nicht dasselbe wie Mitverschulden. Die freigesetzte Giftmenge damals, 120 Tonnen Zyanid, hätte gereicht, um eine Milliarde Menschen zu töten. Man hat Glück gehabt. Denn bloß 2 Millionen Menschen haben ihr Trinkwasser verloren. Insgesamt 11.000 Schilling musste die Betreiberfirma dafür an Schadenersatz leisten. Schilling 11.000 kostet derlei und ist es wert. 120 Tonnen Zyanid, Lebensgefahr für eine Milliarde Menschen, ohne Trinkwasser 2 Millionen Menschen. Dafür zu zahlen Schilling 11.000. 

Neoliberale Ökonomen haben übrigens in Coase’scher und Becker’scher Manier die optimale, weil ein natürliches gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht garantierende Arbeitslosenrate errechnet, diese beträgt 10 %. Bis zu 10 % Arbeitslosigkeit sind neoliberal optimal. Und das Heilige Land, das zurzeit ja außer Betrieb ist, steht, heißt es, vor dem Bankrott. Denn Israel hat zwar weltweit die höchste Ärztedichte, die höchste Dichte an Wissenschaftern und Ingenieuren und gilt, nicht zuletzt durch die Rüstungsindustrie, in den letzten 10 Jahren als neoliberales High-Tech-Wunderland schlechthin. Nun freilich aber haben nicht allein besagte 160.000 Palästinenser ihre Arbeit verloren und leiden nicht allein besagte 20 % der palästinensischen Kinder im Alter zwischen einem Tag und fünf Jahren unter chronischer Unterernährung, sondern es leben 25 % der israelischen Kinder in Armut, nochmals klar und deutlich: Es lebt jedes vierte israelische Kind in Armut, es wächst jedes vierte israelische Kind in Armut auf. Und die reale Arbeitslosigkeit in Israel beträgt im Jahr 2002 geschätzte 20 %. Die Investitionen in Israel schrumpfen heuer zweistellig, das Bruttosozialprodukt schrumpft heuer nahezu zweistellig, 2001 fielen die Investitionen in israelische Wertpapiere an der New Yorker Börse um 98 %. Der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern wird zurzeit in der Folge immer mehr zu einem gesellschaftlichen Gewaltakt sondergleichen zwischen israelischen Bürgern, nämlich zwischen armen und reichen Israelis. Mit anderen Worten, der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern wäre eigentlich ein für die Weltöffentlichkeit überaus lehrreiches neoliberales Ereignis geworden. Sozusagen eine Art neoliberaler Bürgerkrieg innerhalb der israelischen Bevölkerung. Jedoch lernt die Weltöffentlichkeit offensichtlich nichts aus diesem neoliberalen Ereignis. Offensichtlich auch meint man von Machthaberseite nach wie vor, dass durch Kriege die Wirtschaft aufblüht. 

Theodor Herzl stirbt im Alter von 44 Jahren. Seine Frau und seine Kinder muss er mittellos zurücklassen. Das ganze Vermögen, insbesondere das seiner Frau, hat er in die zionistische Bewegung gesteckt. Seine Frau stirbt drei Jahre nach ihm, keine 40 Jahre alt. Die Kinder, die allein zurückbleiben, haben schreckliche Schicksale vor sich. Eine Tochter wird morphiumsüchtig und tötet sich in Frankreich. Am Tag ihres Begräbnisses bringt sich in England ihr Bruder, Herzls einziger Sohn, um. Die jüngste, mit einem Industriellen verheiratete Tochter wird bis 1942 in der Psychiatrie von Steinhof angehalten, von den Nazis nach Theresienstadt deportiert, 1943 ermordet. Ihr Sohn, Herzls Enkel, begeht 1946 in den USA Selbstmord. Damit ist Herzls Familie völlig ausgelöscht. Herzls Judenstaat war ein offener, toleranter Wohlfahrtsstaat. In Jerusalem hätten alle Völker dieser Erde einen gemeinsamen Friedenspalast haben sollen. Lange Zeit sah Herzl im Sozialismus die einzige sinnvolle Antwort auf den europäischen Antisemitismus. Mit den Führern des österreichischen Antisemitismus wollte er sich auf Leben und Tod duellieren, dem Antisemitismus damit ein Ende bereiten. Jeder Bürger Israels hätte im Heiligen Land die ihm im Rest der Welt vorenthaltene Würde und die ihm überall anderswo vorenthaltenen Lebenschancen garantiert bekommen sollen. Israel, wie gesagt, ist neoliberal geworden. Herzl wollte das nicht. 

Newe Schalom hingegen ist ein kleiner israelischer Ort, eine Siedlung zwischen Tel Aviv und Jerusalem, ein seit Jahrzehnten praktiziertes Friedensexperiment, das von einem Benediktinermönch jüdischer Herkunft ins Leben gerufen und lange Zeit von israelischer Regierungsseite behindert wurde, dann als eine Art Auslandswerbung und Herzeigeprojekt für israelische Politik fungierte. Dazumal zu Recht freilich. Denn in Newe Schalom leben Muslime, Christen und Juden, Araber und Israelis zusammen, wachsen gemeinsam auf, haben gemeinsamen Unterricht in Arabisch und Iwrit, feiern vom Kindergarten an alle Feste gemeinsam bis auf den Gründungstag Israels, erklären einander aber, warum sie diesen Tag nicht gemeinsam feiern können. Das Friedensmodell Newe Schalom wurde im Laufe seiner Geschichte immer wieder auf Konfliktherde in aller Welt zu übertragen versucht, sowohl auf Nordirland als auch auf die Balkanstaaten. Newe Schalom ist ein Beispiel dafür, man müsste leider besser sagen, Newe Schalom ist ein Beispiel dafür gewesen, dass Zwischenmenschlichkeit inmitten von kollektiver Feindschaft und kollektivem Hass möglich ist. Bei Newe-Schalom-Treffen außerhalb Israels versucht man die Kontakte damit zu beginnen, dass die Gegner einander erzählen: 1. Frage, 1. Tag: Wer bin ich, wer bist du. Die Emotionen des Anderen werden dadurch wahrgenommen, der Andere wird entdämonisiert. 2. Tag, 2. Frage: Die Gegner erzählen einander: mein Trauma – dein Trauma. Die kollektiven Kränkungen und Katastrophen, denen sie ausgesetzt waren, werden verständlich, somit die kollektiven Verletzungen und warum sich wer wie verhält. Am 3. Tag fragt man, wie es weitergeht, wie man koexistieren wird können. Bourdieus Sozioanalysen sind im Vergleich zu den Bemühungen von Newe Schalom vielleicht tatsächlich soviel wie nichts, die Sozioanalysen im Elend der Welt versuchen aber genau das: nämlich beizubringen, sich von der quälenden, ungewollten Situation zu befreien und sich an die Stelle des anderen zu versetzen. Dadurch, dass Menschen einander ihre Geschichten erzählen. Newe Schalom ist ein Demokratiemodell, das allerorten seinesgleichen sucht. Das Elend der Welt sucht auch seinesgleichen. Doch muss man rechtzeitig sein. 

In Graz beispielsweise und allerdings wurde im heurigen Spätsommer vor Geschäftsleuten, Bankleuten, Werbeleuten und lauter ähnlichen wichtigen Leuten die so genannte Cannes-Rolle präsentiert. Cannes ist, habe ich mir erklären lassen, ein Ort in Frankreich und die Cannes-Rolle beinhaltet die zurzeit weltweit besten Werbespots. Ein praktizierender Psychotherapeutenmensch war bei besagter Präsentation auch zugegen. Und bei der Gelegenheit sprach das Psychotherapeutenwesen lächelnd in die Kamera, sie alle, die sie hier zugegen seien, bräuchten die Werbung für ihre Sparten, auch es, das Psychotherapeutenwesen, und zwar für die Praxis, die es betreibe. Naturgemäß wurde angesichts der Cannes-Rolle viel und vergnügt und herzhaft gelacht. Es seien hiemit einige der größten Lacherfolge der Werbebranche getreulich gräulich wiedergegeben: Spot Nummer 1: Mütter holen mit ihren Autos ihre Kinder von der Schule ab. Ein Mädchen steigt in ein Auto. Die Frau am Steuer dreht sich nach hinten um zum Kind, lächelt es an und fragt es erstaunt, wer es denn sei. Denn das Kind muss offensichtlich sowohl Mutter als auch Auto verwechselt haben. „Wer bist denn Du?“ „Who are you?“ Das Kind schnallt sich an, bekommt harte blaue, strahlend-stechende Augen wie in einem Horrorfilm und antwortet bloß mit einem „Shut up and drive“. Die Automarke, die mit diesem mädchenhaft charmanten „Shut up and drive“ beworben wird, ist mir entfallen, weil ich vor dem kleinen Monster so erschrak. Spot Nummer 2: Ein Blinder geht schwer dahin mit seinem weißen Stock. Plötzlich fängt der Blinde zu schnuppern an. Am Weg steht eine attraktive und gepflegte Frau, sie wartet auf den Bus. Der Blinde lässt vor ihren Füßen den schwarzen Sack fallen, den er mit sich schleppt, und geht weiter seinen Weg schweren Schrittes. Es ist ein Müllsack offensichtlich. Denn ein paar Meter von der Frau entfernt steht ein Müllcontainer und davor liegen solche schwarzen Säcke. Die Frau hat wohl gestunken und daher hat der blinde Mann den Müllsack ihr einfach vor die Füße geworfen, blind eben, wie er ist, wirft er Gestank zu Gestank. So ist das. Da also die stinkende schöne Frau, dort das hasserfüllte liebe Kind. Die eine Werbung da für eine namhafte Automarke, wie gesagt, die andere Werbung dort, wenn ich mich recht erinnere, für ein namhaftes Parfum. Gemerkt habe ich mir namentlich bloß Spot Numero 3. Eine IKEA-Werbung. Sofern ich in meiner Fassungslosigkeit nicht alle einschlägigen Möbelmarken miteinander verwechselt habe. Ein Mann umarmt eine Frau auf dem Sofa. Er sinkt auf sie, hebt sie zu sich hoch dann in der Umarmung. Die Frau ist plötzlich leblos. Eine Gabel steckt in ihrem Rücken. Die Frau ist zu Tode gekommen an dieser Gabel. Der Witz dabei kam schriftlich dazugeliefert, wenn ich mich recht erinnere, nämlich dass immer jemand dafür sorgen muss, dass aufgeräumt ist. Und das macht irgendwie IKEA. Durch IKEA-Möbel ist immer alles aufgeräumt. Kindermonster, stinkende Frau, getötete Frau. Man war, wie gesagt, sehr amüsiert bei der Präsentation. Egal, ob Männchen oder Weibchen. Auch das anwesende Psychotherapeutenwesen. 

In Graz auch trat m. W. im Dezember 2001 Matthias Horx zusammen mit der Astrologin Gerda Rogers auf. Zufall ist das keiner, sondern hat mit der Ähnlichkeit der Professionen von Frau Rogers und Herrn Horx zu tun. Nach der Seriosität seiner Zukunfts- und Trendforschungen befragt, antwortete Horx jüngst mit der Gegenfrage, was denn Wissenschaft überhaupt sei, ob Psychologie eine Wissenschaft sei, ob Philosophie eine Wissenschaft sei, ob die Sozialwissenschaften Wissenschaften seien oder nicht weit eher Wissenschaftlichkeit oft nur simulieren, ohne wirkliche Nachprüfbarkeit. Die Prognosen der Zukunftsforscher hingegen werden, meinte er, durch die Realität recht schnell bestätigt. So einfach sei das. Durchaus optimistisch prognostizierte Horx bekanntlich bald nach dem 11. September eine „Globalisierung plus“. Vor allem aber riet besagter Horx bei dieser Gelegenheit, man müsse jetzt angesichts des Terrors doch endlich lernen, mit der Angst umzugehen wie erwachsene Menschen. Und wie man das mache, wie man also erwachsen und erfolgreich mit der Angst umgeht, das könne man am besten von Israel lernen. Für Horx, wie gesagt, war immer alles einfach und ist Scharons Israel daher der Hort vorbildlicher Rationalität. Scharons Israel als Hort vorbildlicher Rationalität für den Rest der Welt – so in etwa muss man sich, scheint es fast, die Horx’sche Globalisierung plus vorstellen. Wer den Begriff Spaßgesellschaft in kritischer Weise verwendet, den erklärt Horx kurzerhand für einen muffigen Menschen. Wer weiß, vielleicht ist für Horx sogar Israel noch ein großer Spaß. Die unzähligen Trend- und Zukunftsforscher der Gegenwart, die den Neoliberalismus, den neuen digitalen Kapitalismus, mit groß und übermächtig gemacht haben, haben ausdrücklich beigebracht, umgekehrt zu denken, umgekehrt wahrzunehmen, umgekehrt zu empfinden. Beim als Kind vermutlich selber Misshandlung und Missbrauch ausgesetzten Freud heißt derlei bekanntlich polymorphe Perversion. (Anna Freud nannte ein der polymorphen Perversion überaus ähnliches menschliches Grundphänomen Identifikation mit dem Aggressor. Und Thukydides, einer der wichtigsten Ideologiekritiker aller Zeiten, beschrieb vor fast zweieinhalb Jahrtausenden politische polymorphe Perversionen sonder Zahl. Werte und Worte bedeuteten plötzlich ihr Gegenteil, und wirre Demokraten führten gräuliche Kriege.) Leute wie Horx nun machen trotz weltweitem neoliberalem Bankrott weiter, als ob nichts geschehen wäre. Der MIT-Prof. und hoch dekorierte Cambridger Ökonom Paul Krugman freilich befürchtete öffentlich vor drei Jahren bereits, und zwar durchaus inmitten der Börsianereuphorien, dass durch die, wie er es einschätzte, hochgradig undurchsichtige New Economy urplötzlich eine schwere Weltwirtschaftskrise ausgelöst werden wird. Statt für überflüssigen Hightech, sagte Krugman damals, sollten die Politiker gefälligst dafür sorgen, dass die Kinder lesen und schreiben wirklich lernen und dass sie gesund aufwachsen können. Die neoliberalen Ideen, sagte er weiters, verbreiten sich von Gehirn zu Gehirn wie Viren von Wirt zu Wirt. Die neoliberalen Wirtschaftslenker und Politiker der Gegenwart gleichen, meinte er, einem Autofahrer, der einen Fußgänger überfahren hat und den Fußgänger dann, um ihn wieder auf die Beine zu bekommen, gleich noch ein zweites Mal überfährt.