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(viertausend, gleißen)

stefan schmitzer | (viertausend, gleißen)

na also. viertausend im minus, ist das

nichts? bürgerkrieg im sudan, inflation

bei den amis, lebensmittelknappheiten

wohin man schaut? im garten, hinterm

 

haus, schwer einzusehen, sitzt frau hoffnung,

schnuppert, denkt an früher, na, ist das

nicht eine scheiß-allegorie, zu simpel

und doch zu gelehrt im abgang? bloch

 

in rechnung gestellt, und benjamin, und trotzdem

   viertausend im minus, mag schon nicht

   mal mehr kiffen, oder abends raus,

   aber ist ja eigentlich immer noch ruhig,

 

und an den rändern gleißend, diese welt, keine

   krankheiten mehr, und ruhige tiefe atmung endlich

   richtig gelernt, und teppiche, grundfarbe dunkelrot,

   und die geilste sonnenbrille meines bisherigen

 

lebens, hat zweifünfzig gekostet, na also, an den rändern gleißt

   die welt, wie diese wolken-direkt-vor-der-sonne, du kennst sie, so

   barockaltäre, wo der heilige geist in den rissen

   erscheint, in den sonnenstrahlen, von ihnen getragen, und

 

ausgerechnet als taube, sanft und so, diese welt, wo allegorese

   stattgehabt hat, lang vor dem entstehen der groß

   städte, denk an bahnhof wien-süd, sanft

   wie tauben, naja, stell dir vor,

 

da dreht sich so ein kubisches werbe-teil an einer stange,

   und oben drauf, bewegungslos, eine taube

   und brütet, dreht sich also mit, den liebenlangen tag, frag ich mich,

   wie die nochmal losfliegen will, vielleicht

 

stürzt sie sich einfach runter, schafft's gerade noch,

   die flügel auszubreiten, bevor sie auf den boden knallt,

   oder schafft's nicht mehr, naja, allegorese eben, und viertausend

   im minus, seid weise

 

wie die schlangen, in der mitte einer welt, die an den rändern

   gleißt, mit unbewegten augen, aber das

   bin dann nicht mehr ich, das sind

   die anderen, inflation

 

eben nicht nur in ami-land, gärten eben

   nicht nur hinterm haus, also nussbaum, und

   flieder, seit gut vierzig jahren nicht

   totzukriegen, frau hoffnung kriegt

 

besuch, zur teezeit, von frau welt, seid weise,

   überseht die dinge nicht im rasen, es

   gibt kuchen und die erinnerung an weitere und

   an den rändern gleißendere kleider, es gibt erdwespen, schlangen, und angstvolle, 

 

ruckartig atmende käferchen im gras, es gibt

   viel zu viel deutung, in der mitte, also, in

   der mitte einer welt, die an den rändern

   gleißt, vergiss die allegorischen fotzen,

 

viertausend, inflation, und gleißen. eine welt

   der gärten, was reimt sich schon auf gleißen, na, ge

   kicher, macht aber nichts, die gewächse,

   alter baumbestand, im gegenlicht der ränder. vier

 

tausend im minus, bring dein haus

   in ordnung. fördernd

   ist beharrlichkeit. ich

   und meine geile sonnenbrille in einem zauber

 

spiegelbild, noch hübscher, noch verwundeter, noch

   gläubiger, wise

   as serpents, neu

   und verbessert, aber markt

 

wert und inflation steigen gleichermaßen, irgendwo

   tote soldaten, und sonst noch allerhand tot, was sterben kann, die

   inflation steigt, der markt

   wert meiner schönheit steigt

 

(gekicher), die popularität von wolfgang schüssel

   steigt, die arbeitslosigkeit

   steigt, das klassenbewusstsein steigt auch ein kleinwenig, die weiße

   taube steigt, und wenn das nicht

 

unrettbar kitschig ist, in einer welt, die an den rändern gleißt,

   dann gar nichts mehr. borg mir

   geld, süße, und reich mir den bildband

   übers bauernbarock, diese zweit

 

klassigen altarbilder, überall im land, diese alten, ein

   gefriedeten kirchen, diese himmel überall, die ver

   schuldeten bauern im gebet, die beichte

   eines hoferben, und die beichte eines arbeiters

 

auf montage, eine grundbesitzer-beichte,

   und dann ist der tag vorüber, mastschweinbeichte, baum- und 

   wespenbeichte, keiner da, aber

   beichte, polizisten

 

beichte, alles bleibt stehen in der mitte

   einer welt, die an den rändern gleißt, dann, und nur dann,

   steigt der marktwert, schuld, und

   keiner da, und gleißen in den gärten.

 

da kann man sich natürlich vorstellen, einen bankbeamten

   mit vorgehaltener waffe zu zwingen, sowas zu sagen wie 'absolveo

   te', da kann man sich natürlich

   vorstellen, wie das ist, in diesen dörfern, wind,

 

und tote soldaten, erinnerte zumindest, und inflation, und der schnaps

   dunst aus der fresse des hoferben, sie ist, ja, wirklich, ganz

   genau in der mitte dieser welt, und die sonnen

   strahlen hinter den wolken sind viel zu fett aufgetragen, die er

 

innerung an seinen militärdienst hat ihn zur beichte getrieben, auch die

   erinnerung an seine mutter, was er so kapiert hat mit den tagen über

   sie, geldheirat, und gut dressiert, aber weils eben rein

   passt, hölzern, ohne glück, nun, sein lächeln am bahnhof

 

wien-süd, wann immer er in die stadt kommt, selten, zugegeben, doch die

   erinnerung an dieses lächeln, wenn er heimkommt, hat ihn auch

   zur beichte getrieben, aber da ist niemand

   mehr, bloß das gekicher der allegorischen fotzen auf sommerfrische, auch nicht weniger 

 

schuldhaft. inflation, und gleißen. was sollen wir noch,

   na, weise wie die schlangen, viertausend

   im minus, obwohl's ja trotzdem ruhig ist, was

   für bewegungen gibt es noch, was

 

für nischen, in denen gleißend die bewegungen noch sinn machen, was

   für tätigkeiten? also, jetzt

   mal ehrlich: durch die innenstadt spazieren, die alleraller

   letzte kohle verplempern, einer kleinen

 

sechzehnjährigen schwarzhaarigen proto-schlampe die zauber

   spiegelung in meiner geilen sonnenbrille gestatten, einem frucht

   baren luziden sommerhimmel gestatten, in meinen hintergrund

   zu treten, schaufenster, und die wut

 

auf die angestellten, die schlangenhafte

   beobachtungsgabe der kellner in den straßencafés, was

   sollen wir noch, spazieren, im zentrum

   bleiben, das letzte geld

 

verschwenden, als sei es meine jugend, aber die, nein, die

   kriegt keiner, also, was

   noch? nun, immer

   einen schritt nach dem anderen, im zentrum

 

bleiben, aber auf gewundenen wegen, weil die ränder

   sind zu nahe, draußen zählt

   die schuld nicht, sagt mir einer, quakestimme, engels

   mund, draußen, alter, hörst du mich?, da

 

zählt keiner die schulden, die kirchen

   sind verlassen, und niemand

   hat es uns gesagt. wir müssten, wenn

   schon, die ganze bagage vor uns her

 

nach draußen treiben, denk ich mal, aber einfach so

   abhauen ist nicht, er sagt noch was, eh klar, du

   rauchst zuviel, und dir ist nicht klar

   was das wort 'alkoholproblem' bedeutet, außerdem

 

würde die sechzehnjährige von vorhin mit dir mitgegangen sein, du trottel,

   statt sich nur zu spiegeln, ließest du

   es zu, so spricht er, und weil er recht hat,

   göttlich, fruchtbar

 

wie der sommerhimmelwind, weil er also recht hat,

   hat er recht. und schuldenfrei

   traurig sein, das ist nicht, und gleißen

   in der mitte dieser welt ist auch nicht, aber gut.

 

dann ist nacht, und ich habe hunger, sanftentäubchen

   hunger, und das essen wird geld gekostet haben, reproduktions

   kosten, süße, verstehst du, irgendwo ist die gier

   ein wesen geworden, atmet und träumt und so weiter, wir

 

lassen es geschehen, nichtwahr, teilen die nacht mit der gier, der himmel

   ist groß, heißt es, wird schon groß genug

   für uns alle sein, wird schon

   überdauern, sag ich dir was

 

ins ohr, sagst du mir was ins ohr, treiben wir heim,

   die schatten meiner hände, die schatten,

   wenn ich satt bin, meiner schatten, geld

   verwandelt sich, und eigentlich

 

ohnehin alles ganz ruhig hier, baumbestand, zungenschlag, gleißen. wir,

   sagst du, sind was anderes. nicht hier, nicht

   dort, nicht nacht noch schuld. nicht

   beichte. nicht geschichts

 

unterricht in den schulen, noch in den gesichtern der schüler

   angst, die von wert ist, oder

   von gleißender farbe. nicht

   über die verwandlungen da draußen nachgedacht, eben nicht

 

gebeichtet, was ich denn für einer sei. essen

   wird geld gekostet haben, und die welt,

   die gier- und schuld- und himmelweite welt, na also,

   was denn nun,

 

die welt gleißt an den rändern.