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wiedergänger, vampire und bela lugosi

jürgen plank | wiedergänger, vampire und bela lugosi

Geköpft, verbrannt und doch nicht umzubringen: Wiedergänger als Kehrseite des ewigen Lebens.

1997 war das Jahr der Vampire: 100 Jahre zuvor hat Bram Stoker seinen Roman Dracula veröffentlicht, zum 125. Mal jährt sich das Erscheinen der Vampirgeschichte Carmilla des irischen Autors Joseph Sheridan LeFanu, die ein wichtiger Einfluss für Stoker war. Auch feiert in diesem Jahr der berühmte Dracula-Darsteller Christopher Lee seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Und ein ewig lebender Stoker wäre 150 Jahre alt geworden.

Vampire, Bram Stoker und sein Dracula-Roman sowie dessen diverse Verfilmungen: Einige Stichworte, die das Thema Wiedergänger umkreisen, sind bereits gefallen. Andere fehlen noch: Volkskunde, Vorstellungen vom Tod, Mythen, Religion und Sagen.

Wiedergängern, den wiederkehrenden Toten, begegnet man quer durch die Epochen und an den verschiedensten Orten: im antiken Rom und Griechenland, im mittelalterlichen Europa genauso wie in Berichten vom Balkan des 18. Jahrhunderts. Eine hohe Dichte an Wiedergängern und ähnlichen Gestalten findet sich in isländischen Sagen.

Das führt zur Frage, warum und welche Toten wiedergehen. Da ist zunächst das Motiv der Rache. Die isländische Saga der Leute vom Svarfardsda, die auf das Jahr 1300 datiert wird, aber vermutlich auf viel ältere mündliche Überlieferungen zurückgeht, erzählt Folgendes:

Yngvild lässt ihren Gatten Klaufi durch ihre Brüder Gris und Ljotolf töten. Klaufi geht wieder und wird von Gris und Ljotolf geköpft. Doch nicht einmal das beendet Klaufis nächtliches Umherirren. „Nun ging Klaufi um, und seine Gewalttätigkeiten kannten keine Grenzen! Er verletzte Mensch und Vieh.“ Schließlich rächt sich Klaufi und bringt Ljotolf um.

Ein anderer Grund des Wiedergehens ist die Überbringung einer Nachricht. Mantische Wiedergänger verkünden oft den nahenden Tod. Ihre Vorhersagen gelten jenen, denen sie in der Nacht oder im Traum erscheinen. Oder sie berichten über ihr eigenes Dahinscheiden. In jedem Fall mischen sie „sich in das Leben der Menschen ein und verzichten nicht darauf, darin noch eine Rolle zu spielen.“

Verschiedenste Aspekte lassen sich an der Saga der Leute vom Svarfardsdal festmachen: zum einen jener des gewaltsamen Todes. Gefährdet, zum Wiedergänger zu werden, sind Verunglückte, Ertrunkene, Mörder und Selbstmörder. Oder Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden gewesen sind: Der zu Lebzeiten stets als unangenehmer Mensch beschriebene Thorolf Hinkefuß „kommt wieder, um alle zu belästigen, zu verprügeln oder umzubringen, mit denen er ständig haderte.“

Der Grund für das Wiedergehen und das Motiv zum Wiedergehen haben sich mitunter in der Antike verbunden: „Im alten Rom z. B. nahm man sich das Leben aus Rachsucht, damit man sich in eine Larve verwandeln und sich so an seinen Feinden - sehr oft an Wucherern - rächen konnte.“

Allen Wiedergängern scheint gemeinsam zu sein, dass sie ortsgebunden agieren, d. h. sie beschränken sich in ihrem nächtlichen Treiben auf ihren irdischen Lebensraum.

In einem Bericht aus dem Serbien des Jahres 1725 verbinden sich Vampir- und Wiedergängervorstellungen: „In dem Dorf Kisolova verstarb der Unterthan Peter Plogojowitz und wurde nach einigen Tagen christlich zur Erde bestattet.“ Kurz darauf werden mehrere Personen krank, neun Menschen sterben. Alle neun Personen beteuerten auf ihrem Sterbebett, dass „Plogojowitz die alleinige Ursache ihres Todes sey, weil er Nachts im Schlafe als Vampyr zu ihnen gekommen, sich auf ihren Hals geleget, ihren Hals gewürgt, und ihnen Blut ausgesogen habe.“

Das Grab wird schließlich geöffnet, der Leichnam Plogojowitz' ist - wie in vielen anderen Fällen von Wiedergängertum - drei Wochen nach dem Begräbnis nicht verwest. Ein Pfahl wird in sein Herz gerammt und einige Zeit dort belassen - danach wird Plogojowitz verbrannt, dem Spuk ist damit ein Ende gesetzt.

In den Sagen ist die rohe Gewalt das probate Mittel im Kampf gegen die Wiedergänger: Sie werden im Zweikampf besiegt, verprügelt oder gepfählt. Meist genügt es, den Leichnam zu köpfen oder zu verbrennen, aber manchmal werden Wiedergänger erst durch eine Kombination der genannten Methoden zur Strecke gebracht.

Klaufi, aus der Saga der Leute vom Svarfardsdal, scheint besonders hartnäckig zu sein: Er wird geköpft, verbrannt und seine Asche wird sodann im Meer verstreut. Erst das macht ihn unschädlich.

Im alten Rom sollten Talismane und in Holz, Knochen oder Stein eingeritzte Exorzismusformeln vor Gespenstern und Wiedergängern bewahren.

Im Mittelalter hieß es, der Jaspis, der Diamant, die Koralle, der Obsyonthes, der Donnerstein und der Chrysolith würden vor Gespenstern, Alpträumen und nächtlichen Erscheinungen schützen.

Auch das Christentum hat sich der Wiedergänger angenommen und sie für seine eigenen Zwecke dämonisiert und instrumentalisiert: In christlichen Exempeln werden die Wiedergänger durch kirchliche Heilsmittel wie Gebete, Weihwasser, Benediktionen, Exorzismen zur ewigen Ruhe gebracht.

Vampire, Gespenster, Elfen, Perchten, Zwerge und auch Wiedergänger haben ansonsten nur tagsüber Ruhe. In Stokers Dracula gelingt es Graf Dracula nach und nach, Jonathan Harkers Lebensrhythmus zu brechen: Dracula und Harker bleiben bis in die frühen Morgenstunden wach und verschlafen den darauffolgenden Tag.

Schon die Kutschenfahrt zu Draculas Schloss ist ungewöhnlich: Der von der langen Anreise aus London bereits ein wenig erschöpfte Jonathan Harker muss die Weiterfahrt mitten in der Nacht antreten.

In der Kutsche flüstert ein Mitreisender Harkers einem anderen einen Satz aus Gottfried August Bürgers Sturm- und Drang-Geisterballade Lenore zu: „Denn die Toten reiten schnell ...“

Eines ist dem Thema Wiedergänger immanent: Es sollte in Wechselwirkung zu anderen Bereichen betrachtet werden. Die Grenzen zum Vampirismus verschwimmen genauso wie jene zur Nekrophilie und zur Erotik.

Man bedenke, dass es sich bei den Opfern von Vampiren oft um Jungfrauen handelt, die ihrerseits zu Vampiren werden. Sheridan LeFanus Vampir Carmilla ist weiblich und lesbisch. Und K. B. Leder, für eine der Übersetzungen des Stoker-Romans verantwortlich, schreibt im Nachwort von einem „masochistischen Kitzel, mit dem er [gemeint ist Jonathan Harker, Anm. J.P.] den Kuss des Vampirs erwartet.“

Werner Herzog hat in seiner Verfilmung des Dracula-Stoffs (Nosferatu - Phantom der Nacht, 1978) einen ungewöhnlichen Schluss eingesetzt: Der Vampir Nosferatu kann nur durch die selbstlose Hingabe eines unschuldigen Weibes vernichtet werden.

Damit folgt Herzog der Vorlage für sein Remake, Friedrich Wilhelm Murnaus klassischem Stummfilm Nosferatu - Symphonie des Grauens (1921/1922), in dem Max Schreck die Titelrolle übernommen hat.

Max Schreck - manchmal gilt auch: omen est nomen - hat in den rund 400 seitdem gedrehten Dracula-Filmen berühmte Nachfolger bekommen: Den Ungarn Bela Lugosi etwa, der nur zwei Mal einen Vampir spielte und stets betonte, aus einem vampirreichen Land zu kommen. In Ed Woods Plan 9 from Outer Space spielt Lugosi eine kleine, postmortale Rolle - an der Seite der unheimlichen Vampyra.

Der schwer drogenabhängige Lugosi vermachte Christopher Lee, dem Dracula-Darsteller der 50er und 60er Jahre, seinen magischen Ring und wird - seinem eigenen Wunsch folgend - in einem schwarzen Dracula-Cape begraben.

Klaus Kinski verkörperte Nosferatu, Tom Waits spielte die Rolle des Renfield in Coppolas Dracula (1992), und sogar der coole Cowboy Jack Palance hat Dracula gespielt (1973).

Eng verbunden mit dem Topos des Wiedergängers sind gesellschaftsimmanente Vorstellungen vom Tod. In der isländischen Saga der Leute vom Flói kämpft Thorgils mit einem Wiedergänger, und Thorgils gewinnt aus folgendem Grund: „Endlich, da Thorgils ein längeres Leben bestimmt war, fiel der Tote auf den Rücken und Thorgils darüber.“

Schon im Altertum besteht die Vorstellung, dass jedem eine bestimmte Lebensspanne zugedacht ist. Der plötzliche Unfalltod, der Mord oder der Selbstmord erweckte besondere Ängste, da sie „auf den Zorn der Götter zurückgeführt und somit als religiöse Strafe aufgefasst wurden.“

Überhaupt sehen viele Ethnien den Tod nur als Übergangsstadium. Der französische Orientalist Arnold van Gennep hat solche Zwischen- und Ausnahmezustände mit dem Begriff „rites de passage“ - Übergangsriten - beschrieben.

Immer besteht ein Zusammenhang zwischen dem irdischen Leben des Wiedergängers und seinem Umherirren. Oft haben die Hinterbliebenen Angst. John G. Kennedy schreibt über die Tarahumaras, eine Ethnie in Nordmexiko: „The ghosts of the dead are also feared.“

Um zu verhindern, dass die Toten überhaupt wiederkehren, können auch prophy-laktische Maßnahmen ergriffen werden: „So werden bei vielen Völkern Frauen, die im Kindbett sterben, außerhalb des Friedhofs verscharrt; bei den Munda werden ihre Füße mit Dornen beschwert, um ihre Rückkehr zu erschweren.“

Im Vorwort zu Lecouteux schreibt Lutz Röhrich: „Der christliche Gebetswunsch für die Verstorbenen ‘requiescat in pace’ ist somit keine Leer-Formel, sondern eine sinnvolle und wichtige Beschwörung, hinter der massive Angst vor der möglichen Wiederkehr der Toten stand.“

Bei allen hier angestellten Betrachtungen soll aber nicht der Eindruck entstehen, es würde sich bei den isländischen Sagas - oder bei anderen Mythen - um Tatsachenberichte handeln, die eine historische, ethnographische oder wie auch immer geartete Wahrheit erzählen.

Dies zu glauben, würde ein Missverstehen von Mythen an sich bedeuten. „Und außerdem ist der paradoxe Charakter der Mythen selbst ein Bestandteil der von ihnen vermittelten Botschaft.“

Obgleich die im 12. und 13. Jahrhundert aufgezeichneten Sagas historische, kulturelle und genealogische Daten miteinander kombinieren, ist eines sicher: Die Sagas entsprechen keiner historischen Wahrheit.

So schreibt Lecouteux folgerichtig: „Die Isländersaga enthalten also glaubwürdige Elemente, die die Erzähler brauchen; Wirklichkeit und Fiktion vermischen sich und im Laufe der Zeit gewinnt letztere die Oberhand.“

Zu Mythen kann man aus ethnologischer Sicht sagen, dass sie die Aufgabe haben, die bestehende Welt zu erklären. Sie sind in sich geschlossene - und nur deshalb auch - logische Systeme und liefern Erklärungen.

Eine neue Erklärung für den Vampirismus scheint der spanische Wissenschafter Juan Gumez-Alonso gefunden zu haben: „Die Legende von Vampiren, die ihre Opfer beißen und sich von deren Blut ernähren, könnte auf Männern beruhen, die um das Jahr 1700 an Tollwut litten.“ Die meisten Vampire sind männlich, und auch die Tollwut kommt bei Männern siebenmal so oft vor wie bei Frauen. Zudem hat es in den Jahren 1721 bis 1728 eine Tollwutepidemie in Ungarn gegeben - und Vampirismus wird sozusagen auf dieselbe Weise „übertragen“ wie Tollwut, durch einen Biss. Dass es in Ungarn Vampire gibt, weiß man spätestens seit Bela Lugosi, jenem Mann, der alle Selbstlaute in seinem Namen vereinte.

Stoker war mit dem Turkologen Arminius Vambery bekannt, der ihn möglicherweise auf Volksmythen des Balkans hingewiesen hat. Stoker erwähnt Vambery in Dracula sogar namentlich. In einer Hinsicht ist es fast ein Zufall, dass Bram Stoker seinen Roman in Rumänien spielen lässt: Denn Stoker hat angeblich überlegt, seinen Dracula in einer anderen, im Europa des 19. Jahrhunderts als entlegen und düster geltenden Region anzusiedeln - in der Steiermark.

 

Literatur:

  • Dieter Harmenig: Der Anfang von Dracula - Zur Geschichte von Geschichten. Würzburg: Könighausen & Neumann 1983.
  • Claude Lecouteux: Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter. Köln, Wien: Böhlau 1987.
  • Bram Stoker: Dracula. Übersetzt von H.C. Artmann. Wien: Kremayr & Scheriau 1966.