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zivilisiertes gemüse

ann cotten | zivilisiertes gemüse

Erscheinungsformen vegetabilen Materials als Symptome kultureller Befindlichkeiten

Wir halten uns für ziemlich gut, ja? Unser kollektives Über-Ich schreibt wöchentlich in der österreichischen Tageszeitung Die Pisse eine Selbstgratulationskolumne, unser Es (Opa) tut am Wochenende im Schrebergarten Rasen mähen, und selbst leben wir ganz selbstverständlich um die Arbeit, unseren unverdaulichen Gallenstein, herum. Vor allem halten wir selbstverständlich unser selbstverständliches Weltbild für selbstverständlich, gerade im Kontrast zu weniger gesunden Kulturen. Aber ein näherer Blick auf fast alles, was unsere Welt konstituiert, muss diese Gewissheiten aufs Furchterregendste erschüttern! Wagen wir daher heute eine kleine Rundschau diesseits des Tellerrands – denn unsere kleinen grünen Freunde können uns so manches über die Tiefen der abendländischen Kultur verraten.


Gemüse 1

Das Wort Gemüse ist schon im Mittelhochdeutschen gebräuchlich und bedeutet so viel wie Mus oder Brei. (Auch Müssen, Essen und das Freud'sche Es stammen aus derselben etymologischen Ursuppe.) In dieser elementarsten Zurichtungsform zeigt sich die inhärente Brutalität, aber auch das unstillbare Bedürfnis nach Kuscheln, die unserer abendländischen Kultur zugrunde liegen. Die Natur, die dem primitiven Abendländer gegenübertritt, wird zunächst mit allen Mitteln unterworfen und vollkommen unschädlich gemacht. Anschließend wird sie von der abendländischen Zunge umkost, die, im Mus verzweifelt herumfahrend, aussichtslos nach einem Anzeichen der Erwiderung ihres Zärtlichkeitsbedürfnisses sucht – oder aber nach dem leisesten Zeichen von Widerstand. Ein solches würde ohne Zögern mit den Backenzähnen unschädlich gemacht.

 

GEM 2

Setzten wir uns im Mus mit unseren intimsten Schmuddelgefühlen auseinander, so zeigt sich in der Laibchenform die Sehnsucht nach einem Gegenüber. Wer kennt nicht das eigenartige Gefühl, nach dem Verlust eines vier- oder zweibeinigen Lebensabschnittspartners vor zwei geradezu insolent schwabbernden Laibchen zu sitzen, allein mit gekrümmtem Rücken und der Sehnsucht nach Ansprache? Wer erschau­dert nicht beim Gedanken an die ephemere Sensation, im Augenblick vor der Defloration des netten Rands eines knusprigen Goldtalers mit der Gabel sein eigenes Auge unter den stählernen Zinken zu erblicken? Tiefenpsychologisch erweist sich das Gericht als janusköpfig: Ist es die verbreitete Sehnsucht nach den einfachen Formen der Kindheit, die den Erwachsenen beim Laibchenverzehr in den Fängen hat, so ist es die unter­schwellige Lust auf die Mutterbrust, die davor die wühlende Hand im Dreisternefach geleitet hat.

 

GEM 3

Naturbelassen, geradezu idyllisch trifft diese Tellerladung ins Auge – aber Vorsicht! Was zum Anbeißen einlädt, ist in Wirklichkeit ein raffiniertes Trompe-l'Œil. Die Künstlichkeit des kulinarischen Englischen Gartens wird offenbar, sobald das Stillleben berührt wird: Es zerfällt. Die Zimtbestreuung des Karfiol­arrangements ist ein weiteres Zeichen für die Ungenießbarkeit des Augenschmauses. Der Ursprung dieser Kulturleistung ist ungeklärt, möglicherweise trans­zen­diert er die Grenzen des Abendlandes. Aber ob England, Japan oder Tscher­nobyl, feststeht die Intention: Bannung des Fremden, Grünen durch Mimesis.

 

GEM 4
Im Rahmen des Weltraumfahrtprogramms wurde in den USA der 50er-Jahre in geheimen Labors der hochnahrhafte Kartoffelchip entwickelt. Ursprünglich als Sym­biose von Mahl­zeit und Unter­haltung gedacht, sollte er die Weltraumfahrer auf Raumstationen, zur Betrachtung unend­licher Sitcom­serien verdammt (bei welcher Gelegenheit auch gleich das erste Konservenlachen aufge­nommen wurde, aus dem man noch deutlich das Knacken der Chips im Vakuum heraushört), geistig fit halten. Das knus­prige Sekundär­produkt eroberte jedoch in Kürze die ganze terrest­rische Welt, als ein russischer Spion den Chip aus dem Hochsicher­heits­trakt entwendete und in sibirischen Strafgefan­genen­lagerfabriken massenhaft repro­du­zier­te. Gleich­zeitig zeitlos und retro, erinnert die heute un­verändert beliebte Kunstform an die Zeit, in der die bedingungslose Kontrolle der Natur in greifbarer Nähe schien. In ihr scheint noch dialektisch das unregelmäßige Formprinzip ungebän­digter Imper­fektion (Analogizität) durch, während durch die an damalige Kunstfaserprodukte angelehnten hauch­dünnen Scheiben die Raffinesse des konser­vativen Fortschrittsglaubens durchschimmert.

 

GEM 5

Erst mit Pröngles konnte nämlich der absolute Sieg der Zivilisation verbucht werden. Nichts an diesen perfekt geformten Geschöpfen gemahnt noch an die wilde Imperfektion des Roh­stoffes. Sinnfällig beschreibt die Kante eines Pröngle-Chips in angemessener Position eine Achterschleife, das Symbol der Unendlichkeit. Diese idealen Ebenbilder Gottes bilden so poten­ziell eine Leiter direkt in den Himmel. Der Schnurrbart ist gleichzeitig Tarnung und unverwechselbares Markenzeichen des Allmächtigen; die Geschmacksrichtungen – von Sauerrahm-Zwiebel bis Paprika – sind nur ebenso viele Erschei­nungs­formen Unseres Lieben Herren. Seine geschmack­liche Eigen­schaftslosigkeit ist der Beweis Seiner absoluten Existenz.

 

GEM 6

Wie Skalps an den Gürteln der Wilden hängen Gemüsestückchen an der Oberfläche einer Suppe. Nach­dem dem Feind alle Nährstoffe entzogen worden sind, wird kokett seine Form zitiert. Kein Wunder, wenn diese zuweilen etwas blass aus der Wäsche schaut. St. Veit sieht auf Original­dar­stellungen auch nicht gerade aus wie aus dem Solarium gehüpft, im Gegenteil kann man, ganz wie beim Gemüse, seine Fasern erkennen.

 

GEM 7 

Dass der Hang zum Symbolismus den Österreichern einfach nicht abzusprechen ist, zeigt sich recht anschaulich am so genannten Schnitzelgemüse. Als Friedrich II. Maria Theresia einen Heiratsantrag machte, soll sie ihm zur Antwort wortlos 2.000 Wiener Schnitzel geschickt haben. Auf einer allgemeineren hermeneutischen Ebene stellt die bekannte Konstellation einfach die Unter­werfung des Unkrauts durch die Panier dar und wird dementsprechend oft reproduziert. Die jüngste Parodie verhalf zwar Leonardo di Caprio und Kate Winslet zum Durchbruch, aber seither ist auch schon manches junge Kraut am Komposthaufen verrottet.

 

GEM 8 

Die Krokettenform ist verwandt mit der Laibchenform und ebenso beliebt. Auch hier sind atavistische Regressionstendenzen zu erkennen: Die Puppenform weist auf den frühabendländischen Brauch des Kinder- und Maden­verzehrs hin, mit dem der Stammesvater seine Kinder vor anderen Kindern und Mehl­motten beschützte. Wir haben es wieder mit Gemüse als willenlosem Material zu tun, das sich, bis zur Wider­stands­­losigkeit gezüchtigt, problemlos zu Puppen und in weiterer Folge zu diversen rituellen Zwecken entfremden lässt.

 

GEM 9 

Und noch ein beschwingtes Symbol transatlantischer Verführungen, nachempfunden dem flammen­gleichen Auf­wärts­drang schlanker Spargelstangen, damals, als sie rar waren. Freedom Fries sind ein tägliches kleines Denkmal, das an die Statue der Freiheitskämpferin Lizzy Pathos, der Anführerin des Spargel­deckellüpferaufstandes von 1848, erinnert, eine große Statue, die im Wasser vor einer nord­ameri­kanischen Küstenstadt steht und in der Hand einen der charakteristischen Pinsel hält, mit denen die Arbeiterinnen gezwungen wurden, den Spargel, der durch fehlerhafte Deckel grün geworden war, weiß anzupinseln. Heute noch werden Freedom Fries aus Beton und grünen Kartoffeln gelb angemalt. Freedom Fries wurden hierzulande erst 1955 mit dem legendären Satz „Österreich is fried“ eingeführt, was in etwa mit „Das Buffet ist eröffnet“ zu übersetzen ist.

 

GEM 10 

Musex wiederum ist ein Produkt der 68er-Revolution. Wie im restlichen Leben wurden auch hier die Ziele totaler Toleranz nicht ganz erreicht, im Gegenteil gingen mitunter interne Kritiker der Bewegung in die vegetabile Paste ein. Dafür wurde das ununterscheidbare Pastetenimitat ein unerwarteter Erfolg nicht nur unter Terroristen (Produzenten), sondern auch unter Vegetariern (Konsumenten). Tomaten­mark hingegen hat es immer schon gegeben. In der Zeit, bevor es Tomaten gab, verwendete man einfach gesto­ck­tes Blut.

 

GEM 11

Die gefüllte Tomate: eine französisch-barocke Idyllenevokation. Den Saloninsassen, denen Gemüse, das seinem Anschein gemäß Gemüse war, zu banal erschien, wurde stattdessen Gemüse vorgesetzt, das mit gefälsch­ten Wolken gefüllt war. Dies befriedigte sowohl die dichterische Phantasie als auch den Appetit, denn die Wolken waren in Wirklichkeit bedeutend deftiger als das ursprüngliche Innere der Tomate. Eine erotische Nebenbedeutung bestand, für die Epoche typisch, in der Ähnlich­keit der gestopften Naturgefäße mit den überbordenden Korsetten der zeitgenössischen Mode – verkehrte Welt sozusagen.