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zweifelhaft | ausgabe 27


27 - zweifelhaft

Nagende Gewissheiten

Wir stehen auf unsere Zweifel.

Der Kabarettist Josef Hader sagt von sich, dass er besser im Zweifeln ist als darin, Überzeugungen zu verbreiten. Ein guter Mann! Seine Aussage unterschreiben wir gerne. Für manche sind die Heilsversprechungen von Jesus Tatsachen, andere stellen die Existenz des Messias rigoros in Frage, und wieder andere glauben die Dinge erst, wenn sie auf Wikipedia nachzulesen sind. Gerade Letzteres ist eine trügerische Gewissheit, wie Ernst Kilia... lesen



Feuilleton

ernst kilian | Zweifellos ist ein hoher Berg

Wir glauben es, weil es absurd ist

Es muss ja nicht alles so zweifellos feststehen wie die Schuld in Kafkas Strafkolonie. Aber wenigstens einige grundlegende Dinge wüsste man gern vom Zweifel befreit, doch der nagt unerbittlich. Nagen ist das Einzige, was er kann, und ganz besonders gern und hartnäckig nagt er an den Fundamenten unserer Kultur. Beginnen wir chronologisch. Wer, zum Beispiel, war Moses (ca. 1300 vor der Zeitrechnung)? Bis ins 18. Jahrhundert galt er noch... lesen


stefanie lehrner | Geschichten vom Drachendreck

Ein neongelber Schleim belebt Körper und Geist.

Der Zweifel ist ähnlich wie das Internet, Sex oder Zirbenschnaps: der Ursprung und die Lösung vieler Probleme. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Werden Schleimpilze irgendwann die Welt beherrschen? Will you still love me tomorrow? Bin i jetzt eher tot oda lebendig? Warum nicht? Oder warum schon?   Yes we Kant „Ich mag deine Zweifel“ ist zweifelsfrei eines der schönsten, a... lesen


harald a. friedl | Wer soll ich sein wollen?

Die Suche nach Selbst-Gewissheit als postmoderne Odyssee.

Kärnten ist ein unvergleichlich schönes Urlaubsland mit perfekter Kulisse: Seen, Berge, Buschenschänken und Kasperltheater. Für genießende Gäste am schönsten ist jedoch die Freiheit wieder heimfahren zu können, denn wer lebt schon gerne dauerhaft unter bissigen Krokodilen, hinterlistigen Dieben und grinsenden Seppln? Wem aber der Rückzug ins Zuhause jenseits von Großglockner oder Pack verwehrt ist, dem bleibt nur die rechte He... lesen


hans durrer | Vom Vertrauen

Es beginnt beim Flughafentaxi

Das Weltbild der Juristen gründet auf der Vorstellung, dass man den Menschen nicht trauen kann. So recht eigentlich sind es nicht nur Juristen, die so denken, die meisten Menschen denken so, doch den Juristen ist eingefallen, daraus ein Geschäftsmodell zu machen, das dazu beiträgt, die Beziehungen der Menschen untereinander zu vergiften. Ich trage diesen Virus, dass man den Menschen nicht trauen kann, auch in mir. Den lieben Nachb... lesen


doris claudia mandel | Die Auferstehung der Winkeladvokaten

Wie man die Armen unter den Deutschen zu Kriminellen macht.

Deutschland ist gerade dabei, in die vordere Reihe der mächtigen Staaten zurückzukehren. Gleichzeitig ist es, einer Studie der englischen BBC zufolge, der beliebteste Staat der Welt. Sogar 59 Prozent der US-Amerikaner haben laut unserer dortigen Botschaft „einen ausgezeichneten Gesamteindruck“ von uns, und das will was heißen. Deutschland ein Musterländle zum Liebhaben? Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschu... lesen


bernhard horwatitsch | Wo das Geld ist, ist die Wahrheit

Die Alchemie hat sich doch durchgesetzt.

„Während Preising schlief, ging England unter.“   Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren Wenn Sie heutzutage irgendein Produkt oder Ihre Arbeitskraft (die markttechnisch auch nur ein Produkt ist) auf dem Markt platzieren wollen, dann brauchen Sie ein Startkapital. Das bedeutet in der Regel „Kredit“. Ihre Bank verkauft Ihnen nun gegen Zinsen das Recht, fremdes Geld wie Ihr eigenes zu benutzen. Jetzt machen Sie Ge... lesen


michael helming | Ge(h)hilfen des Zweifels

Die Welt will betrogen werden. Nur Oma nicht.

Meine Oma fährt zwar nicht im Hühnerstall Motorrad – eine dubiose Betätigung, die der Text eines altbekannten Kinderliedes lebensfrohen Großmüttern da nachsagt –, dafür wagt sie sich mit ihrem Rollator inzwischen sogar auf Rolltreppen; wobei ein derartiges Unterfangen, zumindest beim Abwärtsfahren, allerhand Nervenkitzel im Geiste Evel Knievels impliziert. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe das überprüft, borgte mir währe... lesen


heike stuckert | Der Schattenmann

Der erste Fall als Schöffin am Landgericht: ein Mord

Einem System ausgeliefert sein, Zwängen unterworfen, auf die man keinen Einfluss nehmen kann, gleich ob äußeren oder inneren – vielleicht würde man bei diesen Umschreibungen an Suchtverhalten denken, vielleicht an Bürokratie, vielleicht an den Gang durch den Immigrations-Checkpoint am JFK-Flughafen in New York. Ich denke unweigerlich an Strafverfahren. An Rollenbezeichnungen, die keinen Raum für Namen lassen: Täter, Opfer, Ange... lesen


nikola henze | Conversation with the Beast

Zwischen Kellerverlies und Opfer-Abo.

Der Mann fällt auf, sowie er hereinkommt. Obwohl ich nicht sagen kann, wodurch. Ob er laut ist, poltert, etwas sagt, was er anhat? Fehlanzeige. Als ob er mir innerlich auffiele. Als hätte seine Seele Arme, die nach mir greifen. Vielleicht eine Stunde, bevor der erste Seminartag zu Ende gegangen ist, taucht er auf. Ich sehe kaum auf, denke nichts konkret, da passiert er bereits meinen Rücken und nimmt einen Sitzplatz vor den Fenstern... lesen


helwig brunner | Leere Hände

Über Dichtung und Wahrheit - und den Zweifel an beidem

Unlängst, als ich wieder einmal mit leeren Händen dastand, habe ich ein Gedicht gelesen und eines geschrieben. Das wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht Ausgangspunkt der nachfolgenden Darlegungen wäre, die auf beides, nämlich auf das Lesen und Schreiben von Gedichten, ein durchaus zweifelhaftes Licht werfen. Nach meinen persönlichen Kriterien handelt es sich bei jenen zwei Gedichten, dem gelesenen und dem geschri... lesen


dirk werner | Im schönsten Zwielicht

Dem Jubilar Arno Schmidt die Ehre.

1 Auch wenn er in diesem Jahr einhundert geworden wäre – hat Arno Schmidt nicht zwielichtige Gestalten gefördert? Ans Tageslicht befördert, aus sich selbst herausgezogen? Um letztlich uns braven Bürgern die eigene Existenz wenn schon nicht als zwielichtig, so doch als zweifelhaft erscheinen zu lassen? Dem Jubilar die Ehre. Dennoch: Er hat. Der Held seines Buches Das steinerne Herz ist ein Abenteurer. Abenteurer in den... lesen


katharina körting | Baden gehen

Ein zweifelhafter Text.

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warenansammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform.“  Karl Marx   Ich habe ein Buch geschrieben – nun muss ich es verkaufen. Ihnen, liebe Leserin. Das Verkaufen ist eine andere, wenn auch ähnlich zweifelhafte Tätigkeit wie das Schreiben. Ihnen zuliebe, Leser, will ich ehrlich bleiben b... lesen



Literarische Texte

deike lautenschläger | Was vorher noch nicht da war

  Eines Morgens, als ich auf dem Weg zur U-Bahn meinen MP3-Player aufsetzte, war da zwischen Track acht und Track neun ein kleiner Ton, der vorher da nie gewesen war. Ich stieg in die Bahn, kümmerte mich nicht weiter darum, sprang weiter nach vorn zu Track vier und wippte im Takt entgegen dem Schlagen der Gleise. Aber wenig später war er da wieder, der Ton. Ich war mir ganz sicher. Natürlich dachte ich auch wie beim ersten Ma... lesen


irina kilimnik | Kaleidoskop

Dass aus Frank und Mascha ein Paar wurde, verdankten beide einem schlichten Zufall. Zumindest aus Franks Sicht. Mascha dagegen glaubte an das Schicksal, an eine Vorsehung oder wenigstens an eine besondere Sternkonstellation. Ihren Freunden erzählte sie, dass an dem Tag Magie in der Luft lag. Frank dagegen sprach nur von einem nebligen Vormittag. Selbstverständlich hatte Mascha die Initiative ergriffen, wogegen Frank ihrem Annäherungs... lesen


sabine haupt | Idole

"Ich habe es doch gewusst“, hatte er schon nach ein paar Minuten gesagt und dabei die Traubenkerne in seine hohle Hand gespuckt: „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“ Er hatte sie angeschaut, ohne Neugier und ohne Erstaunen. Es war kein Triumph in seiner Stimme gewesen, aber auch keine Freude. Er hatte sie lange betrachtet, sorgfältig, nachdenklich, ungefähr so, wie man eine Landkarte studiert oder eine... lesen


thomas ernst brunnsteiner | Brief zur Literatur

Sehr ge-, verk- und bek-, ent- und verehrte Leser! Wie Sie wissen, denke ich gerne nach. Es ist mein Verfahren, dem Weltungeheuer beizukommen, ich beginne mit dem Nachdenken oft schon vor dem Aufstehen und das Nachdenken hält mich an vielen Abenden davon ab, überhaupt einschlafen zu können. Alle Tätigkeiten, die mich vom Nachdenken abhalten, sind mir dennoch im Wesen zuwider, das war schon immer so und wird sich wohl auch nicht m... lesen


selim Özdogan | In Gummistiefeln

– Du glaubst nicht wirklich, dass Außerirdische die gemacht haben, oder? – Nein, sagte ich, das glaube ich nicht. Ich sage nur: Es ist möglich. Ein Stück trockenes Holz knackte unter dem Rad meiner Schubkarre. – Es ist längst bewiesen, dass die alle von Menschen gemacht wurden. Zwei Engländer haben zugegeben, dass sie das waren mit den Kornkreisen. Das kann jeder nachlesen. Den einen hat seine Frau verdächtigt, er hät... lesen


michael bauer | Zweifel. Ein Selbstversuch

Zufall, den es nötig gehabt hat, manchmal, der in dir diese Fragen wieder zum Vorschein bringen wollte. Zweifel, der dich auch noch hier in den Linienbus auf der Autobahn nach Sofia an jenem einundzwanzigsten Dezember begleitet hat: Auswahl an Deutungsmustern. Vielleicht das Dazwischen, was da ist zwischen dem, was du kennst, und dem, was auch der Fall hätte sein können: die anderen Menschen, deren Ichbewusstsein, von dem du nichts w... lesen


jonis hartmann | Gänse treten und andere Texte

Gänse treten Mein Taschenrechner hat ausgerechnet, dass ich in 234 Tagen und drei Stunden eingehen werde. Das war gestern. Heute ist Montag. Ich laufe am Ufer und kicke die Viecher ins Wasser, nur wenn ich auf der einen Seite fertig bin, ziehen sie sich auf der anderen Seite schon wieder hoch.   Innovativ wie Asche An einem grauen Morgen, dessen Jahreszeit unerheblich ist, beging ich zum ersten Mal keinen Fehler. Ich... lesen



Rezensionen

Grazer Spaziergänge

Bart Moeyaert führt seine Hauptfigur auf den Weg zu sich selbst.

Bart Moeyaert: Graz. Novelle

Graz, das ist die Menschenrechtestadt mit Punks, die von überall vertrieben werden, und mit Bettlern, denen das Betteln verboten wird (bis der OGH eingreift), Graz ist City of Design mit Plätzen im Stadtzentrum wie dem Andreas-Hofer-Platz, an dem städtebauliches Design seit Jahrzehnten versagt, Graz hat keine U-Bahn und ein völlig überholtes Straßenbahnnetz, diskutiert dafür jeden Sommer eine Seilbahn entlang der Mur, Graz i... lesen


Vom Vergeben und Entkommen

In Elke Laznias Prosadebüt tun sich viele dunkle Seiten auf.

Elke Laznia: Kindheitswald. Roman.

Elke Laznia hat sich in ihrem beeindruckend-bedrückenden Debüt kindheitswald bekannter und in der österreichischen Literatur sehr beliebter Leitmotive angenommen: der Auseinandersetzung mit Familie, Heimat und Kindheit, ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und geographischen Verortung. Die unerbittliche Klarheit und verstörende Kompromisslosigkeit, mit der Laznia den dunklen Geheimnissen und bleibenden Verletzungen einer gewaltt... lesen


In dubio contra

Christoph Dolgan hat ein großartiges Buch geschrieben und möchte das nicht überbewerten.

Christoph Dolgan: Ballastexistenz.

Im Herbst werde sein erstes Buch erscheinen, sagte Christoph Dolgan, als wir uns vor knapp einem Jahr getroffen haben. Nachsatz des Jungmeisters selbstzweifelnden Understatements: Er sei aber nicht völlig zufrieden damit. Von wegen! – Ballastexistenz , im Herbst 2013 im Literaturverlag Droschl erschienen, ist ein grandioses Debüt. Es erzählt aus der Perspektive eines Heranwachsenden vom Elend des Alkoholismus, der nicht nur die... lesen


Kafkaeskes Schlawinertum

Alfred Goubran, der große Unangepasste, pflegt einmal mehr sein Faible für den unkonventionellen Blick.

Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer. Roman.

Alfred Goubran, als Verleger, Essayist, Übersetzer, Singer/Songwriter und Autor seit jeher ein Unangepasster mit einem Touch Exzentrik und dem Blick für das Unkonventionelle, hat mit seinem zweiten Roman Durch die Zeit in meinem Zimmer ein ebenso artifizielles wie amüsantes Kunstwerk geschaffen, ein mitunter irrlichterndes Gedankenspiel gegen alle Lese- und Denkgewohnheiten. Bei Goubran muss man stets gewärtig sein, dass Geschicht... lesen


Im Ausgedinge

Daniel Wisser widmet sich in seinem neuesten Werk ganz besonderen geschützten Arbeitsplätzen.

Daniel Wisser: Ein weißer Elefant. Roman.

Es scheint, als ob Daniel Wisser an einer Bestandsaufnahme der modernen Arbeitswelt arbeitet. Nach seinem Roman Standby aus dem Jahr 2011, der sich „der Künstlichkeit unseres Alltags, der Alltagsabläufe, der Berufsabläufe, der Abläufe in einem Büro“ (Franz Schuh am Umschlagtext des Buches) annahm und dessen in einem Call Center tätiger Protagonist unter klassischer Entfremdung leidet und dennoch unter Groll und mit ständig w... lesen


Die Bewegung?

Die Bewegung zur Musik!

Paul Divjak: Das war Pop

Es gab da ja mal die Erzählung vom großen Sell-out: Eine irgendwie vitale, nicht ausschließlich kommerziell orientierte musikalische Formensprache nebst einer Szene drumrum würde in einer Nische der Gesellschaft fröhlich vor sich hin existieren. Dann käme das Big Label und fütterte ein paar Künstler an. Deren Mucke würde nun immer verwässerter, inhaltsloser, marktgängiger. Gleichzeitig würden die Symbole und der Lifestyle de... lesen


It’s only Rock’n’Roll

Das wundersame Leben als Rockmusiker.

Boris Bukowski: Unter bunten Hunden.

Als Laie stellt man sich das Leben als Rockmusiker oft als die ins Extrem getriebene Form der Freizeitgestaltung vor. Lang schlafen, dazwischen ein wenig Zeit an Klavier oder Gitarre verbringen, kurze Aufmerksamkeitsspannen und zum Friseur muss man auch nur alle halben Jahre mal. Rockmusiker sind die Professionalisten der Freizeitgestaltung. Aber denkste. Wer sich schon mal mit den Terminplänen und den Flugzeiten von Musikern auf Tourn... lesen


In die Vollen

Thomas Antonic & Janne Ratia: Der Bär im Kaninchenfell. Das unmögliche Leben des Thomas A. J. Ratia

Fortsetzung der Rezension " It's only Rock'n'Roll " Ganz anders geartet ist  Der Bär im Kaninchenfell . Die fiktive Biographie des Thomas A. J. Ratia langt in die Vollen. Zudem scheint es gegenwärtig unter jungen Germanisten modisch zu sein, fiktive Spielchen mit dem eigenen Namen zu inszenieren (siehe dazu auch die Rezension zu Gerald Linds  Zerstörung  in diesem Heft). Wo Lind aber den komplett hypertrophen Weg einschl... lesen


Barbarellas Puppen

Das Schöne allein bringt uns nicht weiter.

Gundi Feyrer: Das Rauschen der Tage. Phantastische Geschichten und anderes Irren.

Gundi Feyrers neues Buch Das Rauschen der Tage umfasst zwei Teile, deren Titel bereits auf ihren Charakter verweisen: Da haben wir einerseits Phantastische Geschichten und andererseits Noch mehr irren . Es geht hier also um Übersteigerungen, um Fehlgänge und Verwunderliches. Dabei sind es Themen wie das Alter, Beziehungen, Nichtbeziehungen etc., die hier verhandelt werden: Eigentlich wird nur Alltägliches beschworen. Doch F... lesen


Mit der Wucht einer Turbinenhalle

Zu Ute Eisingers Gedichtband „Dichte Kerne“.

Ute Eisinger: Dichte Kerne.

Bei Baudelaire war es (im Eröffnungsgedicht der Blumen des Bösen ) die Langeweile, über die der Bund mit dem Leser geschlossen werden sollte. Sie bezeichnet da die Haltung des Dandys und gleichsam – paradox? – die Bedrohung der Poesie, der Kunst überhaupt. Rund eineinhalb Jahrhunderte später ist die Poesie gefährdet genug, Ute Eisinger braucht nicht zu kokettieren, ihr Ernst – vom ersten Vers an – ist schlicht und do... lesen


Der Lind, der lacht

Ein Autor im Spiegelkabinett des Dekonstruktivismus.

Gerald Lind: Zerstörung.

Gerald Linds Buch Zerstörung besteht, neben Einsprengseln, aus einer Sammlung fiktiver Sekundärmaterialien zu einem Buch namens Zerstörung eines fiktiven Autors Gerald Lind. Dieses Buch hat, wie das real vorliegende, zum wesentlichen Gegenstand die Selbstverortung des fiktiven Autors in der Tradition von David Foster Wallace, dann das kalkuliert Pampige, Gerngroße, Fadenscheinige dieser Selbstverortung, schließlich ihre bruchlos... lesen


Medea und Kolleginnen

Kindesmord von 1787 bis in die Gegenwart.

Sophie Reyer: Marias. Ein Nekrolog.

Sophie Reyer kompiliert in ihrer jüngsten literarischen Publikation Marias. Ein Nekrolog verschiedene literarische Quellen, Kataloge und Gutachten von sogenannten Kindsmörderinnen: Dokumente aus Frauen-Dokumentationszentren, Kriminalmuseen, Haftanstalten und der „hohen Literatur“. Reyer entwickelt daraus eine auf mehreren Ebenen arbeitende Prosa, die sprachlich formal konsequent und genau ausgeführt Perspektiven auf Medea und i... lesen


Blühende Erdbeeren

Wenn Menschen das Weite suchen.

Birgit Pölzl: Das Weite suchen. Roman.

„Die Erdbeeren blühen“ – dieser Satz kehrt wieder in Birgit Pölzls jüngstem Roman Das Weite suchen und hat eine ähnliche Wirkung wie Kerzen und Gaslampen anstatt Strom und Feuer im Kamin: Die Menschen werden wehmütig, wenn sie daran erinnert werden, was ihnen manchmal fehlt. Und so kann man wieder einen Roman lesen, in dem es wieder einmal wieder ein paar junge Menschen mit dem „einfachen, reduzierten“ Landleben aufnehm... lesen


Dem Abgrund nah

Über unerwiderte Liebe und rasende Leidenschaft.

Elmar Mayer-Baldasseroni: Die Hinrichtung. Roman.

Bei einem ersten kurzen Blick auf das Cover dieses Romans von Elmar Mayer-Baldasseroni könnte man fast meinen, es handle sich um einen Psychothriller: ein glühend rot-gelbes Herz auf schwarzem Grund, darunter der vielsagende Titel: Die Hinrichtung . Was auf den nächsten 224 Seiten folgt, ist jedoch kein Psychothriller im klassischen Sinne. Auch die Erwartung einer grausamen Hinrichtung wird enttäuscht: keine Schüsse, kein Köpfero... lesen


Revolte im Krankenhaus

Eine Fantasie mit fließenden Grenzen.

Kerstin Kempker: Die Erfüllung der Wünsche. Eine Übung. Roman:

Der Schauplatz: ein Krankenhaus mit dem für sich sprechenden Namen „Moribundes“. Die Erzähler: eine berichtende Instanz, die die relevanten Schauplatzstationen und das Geschehen näher beschreibt. Eine Ich-Erzählerin, die nach einer Untersuchung einen Befundbrief besagten Klinikums erhält. Und dann noch eine zweite Ich-Erzählerin; eine aufgrund ihrer Fast-Kahlheit offenbar krebskranke Patientin, die sich gemeinsam mit anderen K... lesen


Generationen

69 Weltgeschichten und ein Ameisenbär in Manfred Chobots neuem Erzählband.

Manfred Chobot: Mich piekst ein Ameisenbär. Weltgeschichten.

Schon der Titel Mich piekst ein Ameisenbär verrät unverhohlen, dass da Skurriles und Witziges auf uns warten. Den Anfang macht eine Geschichte über einen ungewöhnlichen Weltreisenden, der „eine Rundreise um die halbe Welt“ unternimmt, aber kaum Geld mit dabei hat. Der Ich-Erzähler nimmt sich seiner beratend an und erfährt andererseits immer mehr Details aus dem Leben des Reisenden, der Hilfsarbeiten bei der Post verrichtet, z... lesen


Geht runter wie Bier

Ein liebenswerter Loser und ein subversiver Heimatzugang.

Andrea Stift: Wilfert und der Schatten des Klapotetz. Ein Südsteiermark-Krimi.

Regionalkrimis stehen derzeit hoch im Kurs. In ihnen verbindet sich das Bedürfnis nach dem guten alten Heimatgefühl, das realiter dem Zerbröseln ausgesetzt ist, mit jenem nach einer – meist als Detektiv oder Kommissar auftretenden – markanten Persönlichkeit, die unter den weichgespülten Charakteren, die unsere flexible Dienstleistungsgesellschaft hervorzubringen genötigt ist, ebenfalls dem Aussterben geweiht und daher als lite... lesen


Direkt vom Herzen

Bettina Messner räumt mit dem Patriarchat auf.

Bettina Messner: Senta bremst ein. Erzählungen.

Brennend heiß unter den nackten Füßen: Das ist der Strand, an den sich Bettina Messner erinnert. Das und anderes - Hauptsache kein Hohlkreuz. Über kulinarische Schwierigkeiten mit Mutter und Großmüttern, Probleme mit Männern, die dann doch nicht passen, obwohl sie nicht geschieden sind, keine Kinder haben und keine lästigen Ex-Frauen. Er hätte der Richtige sein können, denn er war passend, aber lieben - das ist dann doch etwas... lesen