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Baden gehen

katharina körting | Baden gehen

Ein zweifelhafter Text.

„Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warenansammlung', die einzelne Ware als seine Elementarform.“ Karl Marx

 

Ich habe ein Buch geschrieben – nun muss ich es verkaufen. Ihnen, liebe Leserin. Das Verkaufen ist eine andere, wenn auch ähnlich zweifelhafte Tätigkeit wie das Schreiben. Ihnen zuliebe, Leser, will ich ehrlich bleiben beim Lügen – in Wahrheit: mir zuliebe, denn dies wird kein literarischer Text. Frühmorgens sitze ich bei Kerzenschein in der Küche und lasse meinen Gedanken, wie man so zweifelhaft sagt, freien Lauf (als wenn das ginge).

Immerhin läuft die Tinte, wird wohlig eingesogen von dem durstig dicken Papier, auf dem ich abseits der Plastiktastatur meine Texte entstehen lasse, seitdem sich mir der Zweifel aufdrängte, ob nicht der ständige Zugriff auf alle zweifelhaften Informationen der Welt vom Wesentlichen ablenke. Das Wesentliche ist in diesem Fall das Schreiben, das sich im absoluten Überall und Nirgends des Internets aufzulösen droht, transformiert in ein hektisches Nichtstun, das meine Buchstaben verschlingt wie die Großmutter mit ihrem wolfsgroßen Mund das Rotkäppchen: sehr zweifelhaft! Also habe ich, wie man so schön sagt, Abstand genommen und dosiere nun den Online-Kontakt auf ein Minimum, während der Rechner den Datensalat der Sorge serviert: Schotte ich mich ab ohne Netz? Schaffe ich mich ab? Schließe ich (mich) aus? Wäre am Ende ich die Geisterfahrerin in dieser rasenden Welt, indem ich durch den Akt des Schreibens auf einer Langsamkeit beharre, die ihr zuwiderläuft?

Die Kerze flackert. Es mag ein Grinsen sein, vielleicht sogar ein Lächeln.

Inzwischen wird mein Buch auf all den Online-Portalen gelistet und – ausgerechnet – bei Amazon angezeigt; als E-Book wird es für zwei Euro weniger auf den Markt gebracht. An den Mann. Oder an die Frau, denn es ist ein Frauenbuch.

Ist es das?

Keine Ahnung.

 

Warum habe ich das getan?

„Die Ware ist zunächst ein äußerer Gegenstand“, fand Marx, „ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt.“ Wen befriedigt BADEN GEHEN (ISBN 978-3-944554-31-0)? Der Markt braucht Zielgruppen und Etiketten für seine Waren, aber ich weiß nicht mehr genau, was darin steht. Immerhin ist es eine Weile her, dass ich daran geschrieben habe. Dreizehn oder vierzehn Jahre sind vergangen, ehe ich den Text für wert befand, eine Ware zu werden, und wagte, einen Verleger zu finden, der ähnlich kühner Ansicht wäre: dass diese Geschichte sich verkaufen ließe. Denn was für einen Grund sollte es sonst geben, sie zu drucken?

Auweia … Der Text ist mein Baby, nun muss er laufen, und ich Rabenmutter erinnere mich nicht mal an seinen Geburtstag, errechne die Entstehungszeit an meinen richtigen Kindern, denn ich habe vier, und als der Text entstand, hatte ich nur zwei; das war in einer anderen Wohnung zu einer anderen Zeit. Ich schrieb in einer kleinen Kammer. Damals rauchte ich noch und begnügte mich mit der reinen Arbeit. Nach den ersten beiden Kindern kamen Jahre der Erwerbsarbeit, in denen die Bücherkinder hintanstehen mussten, denn die Familienarbeit macht mindestens so viel Mühe wie das Schreiben, kann aber nicht getauscht werden, hat deshalb keinen Marktwert. BADEN GEHEN blieb in der Schublade. Und nun soll es Geld bringen, und ich stehe hier mit einem gedruckten Buch, auf dem mein Name steht.

 

Erfolgreich im Warenreich

Um Erfolg zu haben, muss es zur Ware werden. So trage ich es zu Markte. Was ist geschehen?

Schreiben und Verkaufen sind grundverschiedene Tätigkeiten. Also zwinge ich mich, zweifelhafte E-Mails zu verschicken: He, schaut mal, ich habe keine Ahnung, ob es euch gefällt, aber lest doch mal und sagt weiter …

Und schäme mich.

Ich bastle eine Seite in Word, auf die ich das Cover kopiere, den Klappentext und eine (sehr kurze) Leseprobe. Die Leute mögen nämlich nicht so viel lesen. Das lernte ich beim Gelderwerb als verdingte Texterin. Die Leute wollen Bild und Gefühl. Wenn ich ihnen einen Text verkaufen will, muss ich ihn schmackhaft machen. Die Leute wollen – auch ich! – geködert sein, angerührt bei ihren eigenen Interessen, denn jede ist sich selbst die Nächste – ich auch! – und überfüttert mit Angeboten. Wir suchen: Liebe, Sex, Spannung, etwas Besonderes zum Anziehen, vor allem: ein echtes Gefühl. Wir bekommen: Waren. Und Werbung für Waren. Wir kaufen. Wir werden: Werbeträger; auch ich bin so ein richtig falsches, höchst zweifelhaftes Ding, das zum billigen Ausgleich seiner Lügen den Verrat wahrhaftig zu gestalten sucht. Zum Beispiel mit diesem Text, den Sie, hoffe ich, noch nicht aus der Hand gelegt haben: In BADEN GEHEN gibt es wenig Liebe, aber viele Worte für Sex. Das schafft Spannung durch Konflikte, die am Ende ganz trivial zu einem Happy End führen, obwohl … –

Na? Fühlen Sie sich angesprochen? Rennen Sie jetzt los und kaufen BADEN GEHEN? Drücken Sie auf den Order-Button beim Online-Händler Ihres Vertrauens? Habe ich alles Falsche richtig gemacht?

 

Der beste Liebesroman Deutschlands

Mein Verleger ist hilfreich und zweifellos gut. Ich musste ihn nicht dafür bezahlen, gedruckt zu werden. Wir haben einen anständigen Vertrag. Wir konferieren per E-Mail. Ob sein Marketing funktioniert, weiß ich noch nicht. Was aus mir wird, so oder so, auch nicht. Vielleicht sollte ich mich sicherheitshalber aufs Betteln verlegen: Bitte! Lesen Sie mein Buch!

Aber warum sollten Sie?

So wird auch diese Ware zum Warum. Warum habe ich das Buch geschrieben? Warum bedeutet es mir etwas, dass wildfremde Menschen – Sie! – lesen, was ich geschrieben habe?

Warum schäme ich mich – aber nicht genug, um weiterzuschreiben? Warum sollten Sie entziffern wollen, was ich schreibe?

BADEN GEHEN ist ja nicht mal ein politisches Buch. Wahrscheinlich ist es nicht mal eine richtige Liebesgeschichte, obwohl wir es eingereicht haben, mein Verleger und ich, bei einem Wettbewerb, der den besten Liebesroman Deutschlands kürt. Die Gewinnerin erhält ein Preisgeld. Das könnte ich brauchen. Und der Verlag könnte aufs Cover kleben: Bester Liebesroman Deutschlands.

Meinem Buch würde es Spaß machen, als Liebesroman gelesen zu werden. Auch ich würde es mit Würde tragen: Erfolg ist, wenn man trotzdem lacht. Liegt ohnehin nicht mehr in meiner Hand. Gedruckt ist gedruckt und die leichte Kost wollte ich damals schreiben, bevor ich mich aufs Geldverdienen verlegte und den Roman Roman sein ließ: Unterhaltungsliteratur. Am besten einen Bestseller. Damit ich mich endlich genauso lächerlich machen könnte wie all die anderen Deppen, die den Unterschied zwischen Produktion und Vertrieb eines Textes leugnen, indem sie sich und uns vormachen, dass ein verkauftes Schreiben ohne Falsch möglich sei. Ist es aber nicht. Auch wenn ich noch so viele Gedanken wie sperrige Kassiber in die Zeilen schummele, kann ich damit doch keinen veröffentlichten Text außerhalb des Marktes stellen. Die Warenwelt lässt sich nicht transzendieren – sie ist allgegenwärtig. 9,99 Euro lassen sich nicht wegphilosophieren. Es ist unmöglich, einen reinen Gebrauchswert zu schaffen.

 

Ein Blick in die eigene Entfremdung

So muss ich wohl oder übel in Kauf nehmen, dass das Geschriebene zur Ware wird. Um eines möglichen (wenn auch unwahrscheinlichen) Erfolges willen, der sich in Zahlen berechnet, schreibe ich sogar diesen zweifelhaften Werbetext, den Sie gerade lesen, sofern Sie bis hierhin durchgehalten haben – nicht mal eine Pose, bestenfalls eine verzweifelt komische Posse.

Warum habe ich das getan? Und warum höre ich nicht damit auf? Warum schreibe ich weiter wie bestellt und nicht abgeholt?

Die Kiste mit den Belegexemplaren, von denen ich gerne wüsste, was sie belegen und wem, habe ich tagelang unberührt liegen lassen. Die Bücher darin sind mir fremd. Das ist die Wahrheit: Ich könnte erst einen Blick in die eigene Entfremdung werfen, wenn sie erfolgreich vertrieben, wenn sie sich gelohnt haben würde. Dann erst würde ich mich buchen lassen und mit großem Vergnügen aus meinem BADEN GEHEN vorlesen. Das ist nämlich der wahre Grund: Ich schreibe, weil ich so gerne lese. Nur darum.

Die Ware indes bleibt ein höchst zweifelhaftes Warum.

Und nun steht sie da rum.

 

Postskriptum

Dieser Text ist vor der angekündigten Verramschung des Buches entstanden. ‚Verramschen‘, laut Duden ein umgangssprachliches und so genanntes ‚schwaches Verb‘, ist ein Fachbegriff, der im Buchvertrag steht: Der Verlag hat das Recht zu verramschen (= unter Wert verkaufen) und schließlich zu makulieren (= in die Tonne kloppen), wenn dies und das (nicht) eintritt. Darüber, was wie und warum in diesem Fall nicht eingetreten ist, bin ich verpflichtet, Stillschweigen zu bewahren. BADEN GEHEN ist jedenfalls in kürzester Zeit, nomen est omen, baden gegangen. Die Verfasserin hat sich ein wenig nass gemacht, aber Schreiben ist ohnehin nur ein anderes Wort für Scheitern. Wer es veröffentlicht, muss im Warenmeer schwimmen können.

 

 

Drum prüfe, wer Verlage sucht
und sich mit dem Vertrage bindet,
wie sehr der Text im Tausch sich windet,
wenn Wort als Ware wird verbucht –
ob sich ein Mehrwert wirklich findet?