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Barbarellas Puppen

Das Schöne allein bringt uns nicht weiter.


Gundi Feyrer: Das Rauschen der Tage. Phantastische Geschichten und anderes Irren.

Ritter Verlag: Klagenfurt 2014

Rezensiert von: lisa spalt



Gundi Feyrers neues Buch Das Rauschen der Tage umfasst zwei Teile, deren Titel bereits auf ihren Charakter verweisen: Da haben wir einerseits Phantastische Geschichten und andererseits Noch mehr irren. Es geht hier also um Übersteigerungen, um Fehlgänge und Verwunderliches. Dabei sind es Themen wie das Alter, Beziehungen, Nichtbeziehungen etc., die hier verhandelt werden: Eigentlich wird nur Alltägliches beschworen. Doch Feyrer klopft dann die Sprache, mit der sie jenes inszeniert, so furios ab auf ihre doppelten Böden, die Möglichkeiten der Verwechslung, Vertauschung, der anderen, auch oder sogar besser passenden Bezeichnung, dass uns das ganz gewöhnliche Leben mit einem Mal recht unheimlich oder aber auch frisch erscheinen mag. Da gerät der Pferdeschwanz zum Stutenschwanz, und wir müssen uns unweigerlich sagen, dass das doch nur recht und billig ist –
wieso sind wir bloß nicht selbst und früher draufgekommen? Oder im Text Man kann ein Buch wie einen Bach in die Hände nehmen werden Bach und Buch so lange enggeführt, bis man sozusagen in beider kühlem Rauschen herumblättert und Seite um Seite genüsslich auszutrinken vermag.

Alles stimmt irgendwie in diesen Kunstwerken, mehr sogar, als es normalerweise stimmt. Das könnte man sagen. Eigentlich ist da alles am Platz. Doch explodieren eben die Sätze doch auch immer – da es immer mehrere dieser Plätze gibt, die alle der einzig richtige sind – in eine spezielle Realität, und das ist dann durchaus nicht unbedingt ein freundlicher Vorgang. Da wird einem plötzlich der Blick von den übelriechenden Augenrädern eines „Vespakakerlaks“ verdreht. Garagenwände werden immer heißer, und am Ende klebt die Nachbarin am Feuerwehrmann, sodass der Nachbarinnengatte – ja, natürlich! So muss er heißen! – folgerichtig explodiert.

„Das Leben ist und bleibt gefährlich, anders kommen wir hier nicht weiter“, heißt es einmal im Text. Das Gefährliche der Sprache, des Lebens, die Beziehung oder Nichtbeziehung zwischen den beiden –
da ist dieser doppelte Boden der einer der Mischung und der falschen Identität ist, der aber auch jederzeit bersten, brennen, schmelzen kann: „Das Papier trägt die Gedanken wie das Bett, die Erde, den Bach. Jeder Gedanke besteht aus Buchstaben und ist sie selbst. Kein Gedanke ohne Buchstabe.“

Jederzeit können hier Teilchen sich verbinden, sich trennen, ineinander überblendet werden. Was in der Folge surreal aussieht, entpuppt sich allerdings – Umkehrung der Überraschung –
bei näherem Hinsehen oft wieder als vielmehr über-real, zum Beispiel, wenn der Mann, der sich danach sehnt, eine Frau auch privat zu treffen, dies damit begründet, dass er nicht nur ihre schönen, sondern auch ihre hässlichen Gesichter sehen will. Ist es nicht genau das, was Beziehung bedeutet, wenn man sich zum Beispiel an Albert Cohens Belle du Seigneur erinnert? Nur das Schöne leben zu wollen, tötet die Beziehungen. Das Schöne allein, das Streben nach ihm, bringt uns nicht weiter in unserem Bezug zur Welt. Das Schöne ist folgerichtig auch nicht das Movens der Dichtung. Nein, das Drama, der Knoten ist die Ursache für Bewegung. Und so lange es sich bewegt, lebt es auch. Da sieht dann einer hinaus aus dem Fenster, und das bedeutet natürlich gleich, dass er mitten in die Welt hinaussieht. Ja! Dieser Mittelpunkt der Welt bewegt sich aber, je nachdem, wo man da aus dem Fenster sieht, nix ist fix, also müssen wir uns eben auch bewegen, damit wir die Orientierungspunkte irgendwie im Blick behalten. Und so – in diesem Sinn –
strotzen diese Texte vor böser Unbändigkeit, zeigen ihre Zähnchen wie die albtraumhaften Puppen aus Barbarella, und wie diese rücken sie uns andauernd auf die Pelle, um am Ende, wenn die Verwicklung gelöst ist, unschuldig dazuliegen und zu behaupten, sie seien ja nur bedrucktes Papier.

Gleichzeitig aber bieten sie uns eben auch an, uns selbst zuzusehen, wie wir Welt konstruieren im Lesen. Die Bewegung, die Bissigkeit, kann sich dabei beruhigen und zu einem meditativen Fließen und Berühren werden. Denn Feyrers Texte sind Texte zum Angreifen, sie reizen das Begreifen, sind Texte einer Autorin, die auch bildende Künstlerin ist, die sehr stark mit den Sinnen zugange ist.