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Brief zur Literatur

thomas ernst brunnsteiner | Brief zur Literatur

Sehr ge-, verk- und bek-, ent- und verehrte Leser!

Wie Sie wissen, denke ich gerne nach. Es ist mein Verfahren, dem Weltungeheuer beizukommen, ich beginne mit dem Nachdenken oft schon vor dem Aufstehen und das Nachdenken hält mich an vielen Abenden davon ab, überhaupt einschlafen zu können. Alle Tätigkeiten, die mich vom Nachdenken abhalten, sind mir dennoch im Wesen zuwider, das war schon immer so und wird sich wohl auch nicht mehr ändern. Das Außerordentliche an meinem Nachdenken wiederum ist seine Nichtöffentlichkeit und meditative Stille, will sagen: Niemand weiß, ob und wann ich nachdenke, und schon gar nicht, worüber. Mein Nachdenken führt zu nichts, das ist die eigentliche Qualität. Ich müsste also weiter schweigen und nur daran denken, Ihnen zu schreiben, ohne es wirklich zu tun, aber dann wäre ich ein edlerer Mensch und erwachsen, und so bin ich doch nur wie ein Blatt im Wind, dünn und klein, und noch dazu eitel im Tanz, der immer am Erdboden endet.

Wozu diese Einleitung: Ich möchte einen Briefreigen beginnen von an Sie gerichteten Schreiben, die sich mit jeweils einem Stück Literatur auseinandersetzen sollen oder einfacher gesagt mit fremden Gedanken, die mich nachhaltig verstört oder amüsiert haben, mich jedenfalls – so nicht aufgeschrieben, an Sie geschickt und damit entzaubert – an einer Rückkehr in meinen eigenen inneren Singsang zu hindern vermögen. Und ich hoffe, dass zumindest auch Herr A. (Name von der Reaktion geahnt) diesem Beispiel Folge leisten wird und wenigstens wir beide Ihnen je nach Bedarf kleine Lasten schicken dürften zur Literatur, die Sie bitte aufsammeln möchten und erst ganz am Schluss vernichten beziehungsweise publizieren dürften, was ja auf das Gelbe herauskommt. Wann Schluss ist, weiß ich ebenso wenig wie ein anderer.

Damit zum ersten Stück Literatur, welches eigentlich sekundäre Literatur ist, womit ich mich also zu Anbeginn in den Bereich der Tertiärliteratur wage, wo einer über eine schreibt, die über einen geschrieben hat, der schrieb. Das Stück ist erschienen im Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen, Nr. 44, 2012, Seite 96 ff. als elfseitiger Artikel mit dem Namen Essen und Trinken in Christian Krachts Roman „Imperium“, als Verfasserin tritt uns Frau Helga Bleckwenn in Erscheinung, Professorin für Neuere deutsche Literatur und deren Didaktik an der Universität Flensburg, seit 2006 in Ruhe. Ein finnischer Kontext erschließt sich mir nicht, abgesehen vielleicht von den angeführten Studien dieser Frau Bleckwenn, nämlich „Studium der Germanistik, Geschichte, Ev. Theologie in Heidelberg, Zürich und Hamburg, Gymnasiallehrerin in Wedel, Promotion in Regensburg, Habilitation an der Universität Erlangen-Nürnberg“, und dann geht es wie oben weiter. Wie sagenhaft ist der Klang dieser Orte, Ihnen nicht auch? Habilitation – Erlangen, Lehrerin – Wedel, Promotion – Passau, Eventuell Theologie – Hamburg, fast bin ich versucht zu sagen: Humburg, Hummelburg, Hummerbag! Hammerbalg, Hamma bald, Heimbieg, Hemlock oder, wie es immer mit Hamburg assoziiert wird: Speck. Womit wir also bei Helsinki wären.

Den Text somit verortet habend, noch ein kurzes Wort zu Kracht: Ich lese ihn persönlich nicht, weil er mir ja nicht gefiele. Diese Einsicht ist einzig und allein dem intensiven Nachdenken über den Namen „Kracht“ geschuldet, Vorname „Christian“. Mir reicht zur Zufriedenheit schon die alleinige Vorstellung des Umstandes, in dem sich dieser Herr jeden Morgen, beim Aufwachen in Betten, Hängematten und Heuschobern, in Zügen und Hotels, auf dem Boden seines Zimmers wiederfindet. Als Christian Kracht. Dass Christian dann auch schreibt, ist nur natürliche Konsequenz des Vorgenannten. Umso interessanter, über ihn einen Text zu lesen aus der berufenen Feder, es ist wohl eine Füllfeder, der Frau Bleckwenn (ohne aber), die sich thematisch konkret und äußerst zurückhaltend auch in schöner Sprachmelodie des Essens und Trinkens in Krachts Buch annimmt. Es geht um Kokosnüsse, es fallen aber auch Sätze wie: „Es werden nicht als Zentrum die noch erinnerte Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika (heute Namibia) oder Deutsch-Ost-Afrika oder Togo gewählt, auch nicht die deutschen Siedlungen in Südamerika, wie beispielsweise die Nietzsche-Kennern bekannte Siedlung seines Schwagers Bernhard Förster im Orinoko-Gebiet, sondern jener Insel-Archipel im Pazifik, der bald nur noch von historischen Spezialisten als Teil des deutschen Kolonialreiches gewusst sein wird.“

Um diesen Satz dreht sich alles, deshalb will ich ihn sezieren und in eine etwas metrischere (das geht, wenngleich nur in der Neueren deutschen Literatur, in der Neuen wieder nimmermehr) Form, in einen sogenannten Zeilenhub, stapeln. Voilà:

 

„Es werden nicht

als Zentrum die

noch erinnerte

Kolonie

Deutsch-Südwest-Afrika

(heute Namibia)

oder

Deutsch-Ost-Afrika

oder

Togo

gewählt, auch nicht die deutschen Siedlungen in

Südamerika,

wie beispielsweise die Nietzsche-Kennern bekannte Sied-

lung seines Schwagers Bernhard Förster im Orinoko-Gebiet,

sondern jener Insel-Archipel im Pazifik,

der bald nur noch

von historischen Spe-

zialisten

als Teil

des deutschen

Kolonialreiches

gewusst sein wird.“

 

Und abermals, aber diesmal um meine Kommentare erwei-

tert, die kritische Satzanalyse in Hym(n)engewand:

 

„Es werden nicht

Es werde Licht. Kleinod gedanklichen Luftholens. Angestrengter

Edelstein. Ersetzt das Wort „Nein“ sowie den Punkt “.“ dahin-

ter. Hasengesicht.

 

als Zentrum die

Auch bei Oscar Wilde, im „Sonnet to Liberty“, reimt sich Anarchies auf Democracies, was kein Reim ist, dafür auch sehr hässlich.

 

noch erinnerte

ist was kommt, im Passiv, und verwendet die tollkühne Zwetschke erinnern transitiv? Wenn ja, Hut ab, wenn nicht: Kopf oder Zahl

 

Kolonie

Der Reim ist fertig. Der Satz atmet an dieser Stelle das erste Mal aus.

 

Deutsch-Südwest-Afrika

(heute Namibia)

im „heute“ der klare Hinweis auf die Vergänglichkeit willkürlich gewählter Negernamen wie Namibia. „Und morgen ...“ wäre passender als:

 

oder

Achtung:

 

Deutsch-Ost-Afrika

darf alleine stehen, weil das gibt es ja noch, dann wieder an der Stelle von „Und übermorgen ...“, das eingängiger wäre als:

 

oder

Achtung, Achtung:

 

Togo

or not to go, hätte der Wilde Oscar weitergesungen, weil bei dieser Schaffensmenge ist keiner mehr über den Schmarren erhaben. Der Satz hat sich in diesem geographischen Verwirrspiel – Objektkette, I presume – nun als Schlange entpuppt, es kommt zur Häutung mit Zeitwort:

 

 gewählt,

kommt immer gut, besser nur im stehenden Gefüge „Haben ..., der Herr?“, aber wir verneinen weiter mit:

 

auch nicht

Warum? Warum ...?

 

die deutschen Siedlungen in

Achtung Achtung Achtung:

 

Südamerika,                                                                                                                                                                                                 Gregory Peck im weißen Kittel als Knabenarzt in Dreizehnlinden, es ist Mittag, die Kirchenglocken läuten, der Schweinebraten schmeckt heute süßlich. Ich schmatze beim Lesen, so satt macht mich Südamerika. Mit diesem einzigen Meisterstück von einem (W)Ort – Südamerika – ist auch unsere Vergangenheit aufgearbeitet und wieder niedergelegt. In meinem Hirnkastl kehrt Ruhe ein, und ich kann jetzt wieder an Elvis denken, an eine finnische Biographie über Elvis, ich müsste an nichts anderes denken als an Elvis und diese Biographie bis zum Ende dieses Satzes, käme da nicht – und wir Nichtkenner erfahren später im Text, dass der Philosoph auch einmal seine Exkremente kostete – aber auch nicht dies, sondern:

 

wie beispielsweise die Nietzsche-Kennern bekannte Siedlung seines Schwagers Bernhard Förster im Orinoko-Gebiet,

Die Tochter von Klaus Kinski sagt, er hätte sich an ihr vergriffen. Hoch auf dem gelben Wa-ha-gen, sitz ich am Schwager von … ja, von wem? Auch Förster Rombach kommt in den Sinn und Anja Kruse und Enya und der Deutsche Bundespräsident, abgesetzt wegen einer Lappalie, unehrenhaft entlassen nach der 17. Staffel und wieder Anja Kruse, die als kleines Mädchen auch von Klaus Kinski missbraucht worden sein soll. Der Satz der Professoressa gibt mir hier zu viel Spielraum, das alles hat auch mit dem Wort „beispielsweise“ zu tun, das ursprünglich aus dem Fußballjargon und der Rindermast –Argentinien, nicht Brasilien – kommt und, als einziges klein geschriebenes Nomen in der Deutschen Sprache, als „bespielswiese“ bald wieder der Vergeißenhaut einhamfeil. Auf den Falkland-Inseln sehe ich jetzt Klaus Kinski unter schweigenden Schafen, nur eines kräht und zwar das, dem die Stunde geschlagen hat, Der Alte Mann und das Mähn, Rassenmäher und Zeitschänder, als plötzlich DAS DEUTSCHESTE WORT ÜBERHAUPT, nämlich

 

sondern                                                                                                                                                                                                              

mir die Schneid abreißt wie einen gekauften, roten Faden. Erst jetzt fällt mir auf, wie eine den „-Kennern bekannte Siedlung“ klingt, nämlich nicht so gut wie der folgende Rumpfsatz, der auf einen, und hier müsste es heißen, in einen Ozean mündet wie ein langer, ruhiger Fluss, ein müder Fluss, in dem Solschenizyn mit einer ukrainischen Bäuerin nackt und fliegenfischend wandelt, und es treiben Kinderleichen vorbei, aber ich nehme vorweg:

 

jener Insel-Archipel im Pazifik,

hier dem, der genau hinsieht, ein weißer Schimmel im Keller, „jenem Inselmeer im Pazifik“ wäre reichlicher, „jenem Inselmeer im Pacifico“ dann erst richtig aufgedunsen, den Satz vollends zur Explosion brächte „jenem Inselmeer im pazifischen Ozean“, però avanti:

 

der bald nur noch

ein gut gewählter Trommelwirbel aus Einsilbern, diesen Geißeltierchen unseres Wortschatzes, unter leichtfüßiger Vermeidung des Wortes „mehr“ so kurz nach „Pazifik“. Es folgt eine Kaskade, die ich nur des Klangbildes wegen derart umbrach, also:

 

von historischen Spe-

zialisten

als Teil

des deutschen

Kolonialreiches

dem ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen, außer jene drei Worte, die eben den Kilimandscharo (in der Pornosprache: die Wilhelmskuppe) dieses Satzes ausmachen sollten, hört hört und

Superachtung:

gewusst sein wird.“

Amen und Halleluja. Luja, sog I. Ein Bayer im Himmel.

 

Alles Weitere, vor allem und zu allen Händen die Zitate aus dem Originalwerk sowie die Hinweise auf einen sogenannten Diskurs, den der Roman ausgelöst hätte und zu dem sich sogar Daniel Kehlmann geäußert haben soll, sind dagegen natürlich toter Text. Selbst die mehrmalige Verwendung des Schäferhundes unter den Neueren Deutschen Nomini – Hitler, in Österreich immer mit einem schelmischen „da“ versehen und um die mannhafte Endung zugunsten des Adamsbuchstabens beraubt, „da Hitla“ – vermag diesem Umstand kein Bein mehr zu stellen, vielmehr ergibt sich ein Panoptikum an Schauergestalten (Kehlmann et al.) und Nüssen (Kehlmann et al.). Die Vermessenheit der Welt eine nichtendenwollende seiend, verorte ich hier gleich kategorisch Kehlmann knapp nach Kracht, aber noch kurz vor dem Stehl-Mann Köhlmeier, die K-Rabbiner in meinem K-Binett des literarischen K-Rauens, deren Bücher ich allesamt nie lesen werde, weil sie mir ohnehin nicht gefielen. Eine Erkenntnis, geehrter Herr Leser, verjahrte Frau Lauser, geschätzter Freund Ihnen, die ich ganz offenbar dem langen und sorgfältigen Nachdenken auch nicht verdenke, welches dieser Tage meine – ähem – Tage und Nächte sowie meine Köpfe gefüllt hält, bis wenigstens einer davon bricht. Nicht im Sinne von übergehen, eher er- oder auf-, am wahrscheinlichsten aber im Sinne von: übergeben.

 

Ich entbiete meine herzlichsten Grüße

und verbleibe als Ihr sehr ergebener

 

Thomas Ernst Brunnsteiner