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Conversation with the Beast

nikola henze | Conversation with the Beast

Zwischen Kellerverlies und Opfer-Abo.

Der Mann fällt auf, sowie er hereinkommt. Obwohl ich nicht sagen kann, wodurch. Ob er laut ist, poltert, etwas sagt, was er anhat? Fehlanzeige. Als ob er mir innerlich auffiele. Als hätte seine Seele Arme, die nach mir greifen. Vielleicht eine Stunde, bevor der erste Seminartag zu Ende gegangen ist, taucht er auf. Ich sehe kaum auf, denke nichts konkret, da passiert er bereits meinen Rücken und nimmt einen Sitzplatz vor den Fenstern des Seminarraums ein. Beiläufig begrüßt die Dozentin den verspäteten Teilnehmer. Schade, ich werde ihn also nicht in der Pause ansprechen können. Denn die Vorstellungsrunde, in der jeder seinen Namen nannte und seine Gründe erläuterte, Akupunktur zu erlernen, ist vor Stunden gelaufen. Dabei spreche ich nie jemanden an. Egal ob ich seinen Namen kenne oder nicht.

Ich weiß noch, dass er sehr mager ist, auch im Gesicht. Er hat dunkle Haare, und seine blauen Augen funkeln. Wütend oder verächtlich mustert er seine Umgebung. Er gibt kein fröhliches Interesse an der Fortbildung zu erkennen. Trotzdem stellt er sich am nächsten Tag als Proband zur Verfügung. Die Dozentin sucht einen Freiwilligen, der sich entspannende Punkte am Bauch stechen lässt. Als wir alle die Übung mit unseren Sitznachbarn nachgemacht haben, bleibt der Mann mit den Akupunkturnadeln, die aus seinem erschreckend dünnen Bauch ragen, auf der Behandlungsliege liegen. Ich weiß nicht, ob er darum bittet oder ob die Dozentin ihm den Vorschlag macht, obwohl beide eine kräftige Stimme haben. Er: tiefer, klingender Ruhrpott ohne Ruhrpottakzent, sie: hessisch-quecksilbrig, als ob sie ihre Umgebung immer etwas auf den Arm nähme.

Am letzten Vormittag wollen die meisten Teilnehmer den bisherigen Stoff wiederholen, obwohl geplant war, Fälle aus der Praxis vorzustellen. Plötzlich regt sich der Typ mit den funkelnden blauen Augen darüber auf, dass „die gestrige Abmachung einfach gecancelt“ wird. Lautstark beharrt er darauf, dass er Praxisfälle besprechen will. Die Dozentin zieht die Schultern hoch, dann weist sie mit nach oben zeigenden Handflächen auf die restlichen Teilnehmer, die in U-Form um sie herumsitzen, es gehe nach der Mehrzahl. Da rumpelt er wütend aus dem Seminarraum hinaus. Als wir doch noch zu Fällen aus der Praxis kommen, ist er unbemerkt zurückgekehrt und meldet sich zu Wort. Der Fall, den er schildert, weist ihn als Orthopäde aus.

 

Den Orthopäden nicht grün

Zwei Monate später besuche ich das nächste Akupunktur-Seminar. Der Orthopäde mit den blitzenden blauen Augen kommt wieder zu spät, ich glaube, erst am zweiten Tag. Der Dozent sprüht vor Elan, doch den Orthopäden ist er nicht grün. In tiefstem Schwäbisch beschimpft er sie als „Mechaniker“. Sie seien zu simpel gestrickt, um die traditionelle chinesische Medizin zu durchdringen.

Ich erinnere mich nicht, wie ich mit dem Orthopäden ins Gespräch komme. Ob ich ihn sogar anlächle, als er morgens hereinkommt? Oder ob doch ich als Erste eine Bemerkung mache? Jedenfalls greife ich die Abneigung des Dozenten gegen Orthopäden auf und frage ihn, ob er sich davon nicht angegriffen fühlt. „Nein, ich lasse mich doch gerne beschimpfen!“, lautet seine ironische Antwort. Was folgt, ist eine kurze Unterhaltung. Er berichtet, dass er auch in der Unfallchirurgie und als Notarzt arbeitete, während er seinen Facharzt als Orthopäde machte. Ich erzähle, dass ich schon lange Heilpraktikerin bin, auch Künstlerin, aber die meiste Zeit als Journalistin arbeitete.

Anfangs irritiert mich sein intensiver Blick. Zu offen für meinen Geschmack oder zumindest ungewohnt. Während wir uns unterhalten, stehen wir in dem kleinen Seminarraum: ich an meinem Platz, er mitten im Raum. Ich versuche, meine Wirbelsäule aufzurichten, gleichzeitig meine Haltung zu lockern, um meine beginnenden Rückenschmerzen in Schach zu halten. Vielleicht unbewusst ahmt er meine Haltung nach. Als wir nach der Pause wieder auf unseren Plätzen sitzen, fragt er nach meiner Visitenkarte.

Mit dem Dozenten scheint er sich trotzdem zu verstehen. Er beteiligt sich mit lebhaften Bemerkungen. Einmal geht es um das Thema Gewicht, da wirft er die Angabe „65 Kilo“ in den Raum. Mir ist klar, dass er sich selbst meint und dass es um die Unterkante dessen geht, was für einen Mann seiner Größe angemessen wäre. Als Nächstes spricht er mich mitten im Vortrag an, sagt, dass er gerne etwas erzählen möchte, was mich als Journalistin interessieren könnte. „Hast du nach dem Seminar noch Zeit?“, fragt er. Ich antworte „ja, gut“, davon ausgehend, dass er meine journalistische Tätigkeit im Internet überprüft hat.

Mittags endet der Kurs. Der Typ mit den funkelnden Augen wartet an der Türe des Seminarraums, bis ich auf ihn zugehe.

„Was ich gleich erzähle, ist aber wenig schmeichelhaft für Frauen“, warnt er mich vor und fragt, ob ich das „Unwort des Jahres 2012“ kenne. Ich sage „aha“ und „nein“. Wir visieren den Kaffeeautomaten im ersten Stock an.

„Jörg Kachelmann hat in einem Interview von einem ‚Opfer-Abo‘ der Frauen gesprochen. Ich denke, er wollte damit kritisieren, dass Frauen generell als potenzielle Gewaltopfer gesehen werden.“

Nun purzeln meine Gedanken im Kopf durcheinander, während ich mich darauf konzentriere, die Treppe nach oben zu laufen, ohne zu stolpern. Ich erinnere mich: der Wetterexperte, den seine Freundin der Vergewaltigung bezichtigte, der aber freigesprochen wurde. Im selben Moment denke ich an mehrere Frauen, die sich hilfesuchend an mich wandten: missbraucht vom Vater, vom Partner, von Fremden. Meine künstlerischen Arbeiten zum Thema Missbrauch, zuletzt die Skulptur „Retten Sie Nataschas Kleid!“. Dafür fertigte ich ein Modell des Kellerraums an, in dem ein österreichisches Mädchen jahrelang gefangen gehalten worden war. Ich frage mich, ob der finster blickende Mann neben mir so schnell die Skulptur im Internet gefunden hat. Verwerfe den Gedanken. Sonst hätte er mich wohl kaum angesprochen. Fieberhaft überlege ich, worauf der Typ hinauswill. Er überlegt nicht, ob diese Geschichte bei mir gut aufgehoben ist. Er weiß nichts über mich, er riskiert es. Das ist wohl der Mut der Verzweiflung, denke ich und schlage den Bogen zu seinem wütenden Auftritt im letzten Seminar.

„Hat dich jemand wegen einer ähnlichen Sache angezeigt?“, frage ich, als wir uns in der Nähe des Kaffeeautomaten eingerichtet haben. Ohne Umschweife berichtet er nun, dass ihn seine Frau des sexuellen Missbrauchs an seiner Tochter bezichtigt habe. Bis dieser Vorwurf geklärt sei, habe er nur betreuten Umgang mit seinen Kindern. Einen Sohn hat er auch. Er denke jetzt daran, an die Öffentlichkeit zu gehen, um sich zu wehren. Ein Bericht oder eine Reportage in einem großen Magazin schwebt ihm vor. Darüber, dass auch Männer zu Opfern werden könnten, wenn sie zu Unrecht der Gewalt verdächtigt würden.

Ich frage Details nach und erfahre, dass seine Tochter gerade einmal zwei Jahre alt ist, der Sohn noch jünger. Er versucht jetzt darzustellen, in welchem Scheidungskrieg er sich befindet. Währenddessen überlege ich, ob seine Strategie darauf abzielt, Frauen auf seine Seite zu ziehen. Als Anwältin hat er sich schon mal eine Frau genommen, erfahre ich.

Was eine Veröffentlichung betrifft, habe ich zunächst große Bedenken. Ich müsste alles, was er mir erzählt, nachvollziehen und, unumgänglich, auch seine Frau interviewen. Extrem aufwendig. Dass ich mir nicht vorstellen kann, welche Zeitung bereit wäre, ihm ein Forum zu bieten, solange er des Missbrauchs verdächtig ist, sage ich nicht. Ich sage auch nicht, dass ich mir aus denselben Gründen seine Geschichte erst durch den Kopf gehen lassen müsse. Stattdessen sage ich: „Ich überlege mal, welche Veröffentlichung infrage kommen würde.“ Er gibt mir seine Visitenkarte. Er heißt Peter P., ursprünglich Niederländer, aber in Deutschland aufgewachsen. Deshalb der offene Blick, denke ich. Nicht von zentnerschweren Schuldgefühlen durch die Nazi-Vergangenheit belastet wie die meisten Deutschen.

Peter P. bietet mir an, mich zum Hauptbahnhof mitzunehmen. Vorsichtig stakse ich über den vereisten Parkplatz zu seinem Wagen. Während der kurzen Fahrt stellen wir fest, dass wir beide in Berlin studiert haben, zu annähernd derselben Zeit. Er Medizin, ich Malerei. Außerdem sind wir etwa gleich alt, Mitte vierzig, und beide in Bayern aufgewachsen, aber beide sprechen wir Hochdeutsch.

 

Die Geschichte als Porträt

Zwei Wochen später telefonieren wir. Obwohl ich noch nicht weiß, ob Peter P. zu Unrecht verdächtigt wird, habe ich Interesse an der Sache. Ich schlage Peter vor, seine Geschichte als Porträt zu schreiben. So könnte ich mich auf seine Sicht der Dinge konzentrieren und eine uferlose Recherche umgehen. Peter ist einverstanden. Auch als ich ihm vorschlage, mir wichtige Ereignisse aus seinem Leben schriftlich zu schildern. Zum Beispiel, wie und warum er Arzt wurde oder Erlebnisse aus seiner Jugend, die sein Leben geprägt hätten.

Ansonsten erfahre ich, dass er noch zwei weitere Kinder hat, eine Tochter und einen Sohn aus erster Ehe. Zuletzt fragt mich Peter, wie er seiner älteren Tochter erklären könne, was vorgefallen sei. „Sag ihr die Wahrheit, ohne das Wort Missbrauch zu verwenden. Etwa so, dass dich deine jetzige Frau verdächtigt, deinen Töchtern wehgetan zu haben“, antworte ich. Nach dem Telefonat überlege ich, ob Peter mich bereits auf seine Seite gezogen hat und ob dies die Absicht seiner letzten Frage war.

In seiner E-Mail zehn Tage später hat Peter einige Lebensereignisse aufgelistet. Kurz, fast naiv berichtet er, wie ihn als Kind eine Fernsehserie auf die Idee brachte, Chirurg zu werden. Und ebenso knapp, wie die bipolare Störung seines Vaters durchbrach und er die Mutter bedrohte, wenn er Alkohol getrunken hatte. An den Scherbenhaufen am nächsten Morgen habe er als kleiner Junge den Verlauf des Vorabends ablesen können.

Peter beschreibt bildhaft, sodass in meinem Kopf kleine Filmsequenzen ablaufen. Er erwähnt, wie er den ersten Kuss seines Lebens bekam (nicht etwa zum ersten Mal küsste), und wie ratlos er gewesen sei, dass auf seine Leidenschaft von ihrer Seite nichts folgte. An kleinen Ausdrucks- und Rechtschreibfehlern meine ich die emotional besetzten Stellen zu erkennen.

Zu den relevanten Ereignissen gehört offenbar auch dieses: Als Kindergartenkind unterschlug er zu Muttertag, dass er ein Gedicht auswendig gelernt hatte. Doch die Sache kam heraus. Er wurde zur Rede gestellt, warum er sich drücke, und mit Vorwürfen bedacht. Aus diesem Erlebnis zog er ab sofort (und offenbar grundsätzlich) die Lehre, „dass Schwindeln nichts bringt“.

Natürlich ist ihm klar, dass ich Rückschlüsse aus seinem Bericht ziehen werde. Dass es darum geht, ob ich ihn für fähig halte, die eigenen Töchter zu missbrauchen – die Zehnjährige genauso wie die Zweijährige.

 

Überinformiert …

Als die Geschichte von Natascha Kampusch in das öffentliche Bewusstsein dringt, sind meine Zwillingstöchter so alt wie die Österreicherin zum Zeitpunkt ihrer Entführung. Als Mutter und Künstlerin versuche ich, das Unfassbare fassbar zu machen, indem ich mich mit dem Kellerraum beschäftige, der ihre Kindheit beendete. Die wenige Zeit, die Natascha Kampusch oben im Haus des Täters überhaupt verbringen durfte, überwachte er sie auf Schritt und Tritt. Mit dem klaustrophobisch kleinen Gefängnis unterhalb seines Hauses steigerte er seinen Einfluss bis zur Omnipotenz. Die Gründe, warum der Täter das Mädchen außerdem hungern ließ, liegen für mich auf der Hand: Er konnte ihre Entwicklung zur Frau durch extremes Untergewicht unterdrücken.

Während ich für eine Ausstellung den fünfeckigen fensterlosen Raum maßstabgetreu nachbaue, leide ich unter Schlafstörungen: Sobald ich die Augen schließe, befinde ich mich in dem bunkerartigen Raum unterhalb des Hauses, der mir schier die Luft zum Atmen nimmt. Sinke ich endlich doch in einen leichten Schlaf, weiß ich oft nicht, ob ich schlafe oder wach bin. Manchmal merke ich nur an der zunehmenden Helligkeit des Zimmers, dass ich mich in der sicheren eigenen Wohnung befinde.

Die Skulptur „Retten Sie Nataschas Kleid!“ fällt gerade so groß aus, dass ein Erwachsener, der seinen Arm zur Luke hineinstreckt, bis zur gegenüberliegenden Wand reicht. Dort kann er das Kleid greifen, in dem Natascha Kampusch entführt wurde. Ich schneidere es nach Fotos aus dem Internet nach. Mit dem Titel „Retten Sie Nataschas Kleid!“ fordere ich die Betrachter dazu auf, in die Skulptur hineinzugreifen. Auf diese Weise macht der Besucher dieselbe Erfahrung wie ich: Das verstörende Ereignis lässt ihn überinformiert und ohnmächtig zurück.

 

… und ohnmächtig

Einmal ruft Peter zwischendrin an. „Meine Frau versucht, mich weiter in Misskredit zu bringen“, berichtet er. Sie behauptet, er habe sie beleidigt, und zeigt ihn an, weil er sie angeblich mit einem Messer bedroht habe. Die Polizei spricht ein Kontaktverbot aus, Peter darf sich seiner Frau auf höchstens 50 Meter nähern.

Wir unterhalten uns darüber, wie es zu den Missbrauchsvorwürfen kam. „Meine jetzige Frau hat mich vor einem Dreivierteljahr von heute auf morgen verlassen. Die Kinder hat sie mitgenommen und mir seitdem jeden Kontakt verweigert“, erzählt er.

Im Herbst versucht Peter, über das Jugendamt Besuchstermine für seine Kinder zu bekommen. Eine Woche später konfrontiert ihn seine Frau, ebenfalls im Jugendamt, mit dem Verdacht, beide Töchter zu missbrauchen. Daraufhin schaltet sich die Staatsanwaltschaft ein, aber nur bezüglich der kleineren Tochter. Der Umgang mit seinen Kindern aus zweiter Ehe findet ab sofort eingeschränkt statt: in einer betreuten Einrichtung.

Die Mutter der älteren Tochter darf selbst entscheiden, ob das Kind den Vater besuchen darf. Sie lässt den Kontakt zum Vater weiter zu, weil sie nicht an den Missbrauch glaubt. Die vom Familiengericht bestellte Gutachterin, eine Kinderpsychologin, überzeugt die Richterin davon, mit Peters Kindern aus zweiter Ehe ein „Wechselmodell“ zu probieren: Obwohl der Missbrauchsvorwurf weiter besteht, sollen die Kinder die Hälfte der Woche beim Vater verbringen, die andere Hälfte bei der Mutter. Außerdem soll ein psychologisches Gutachten von beiden Elternteilen erstellt werden, mailt mir Peter kurze Zeit darauf.

 

Verspannung

Inzwischen haben wir Sommer. Peter fragt an, ob ich zum nächsten Akupunkturkurs komme. Es gebe viele Neuigkeiten.

Neben Peter im Seminar zu sitzen, ist komischerweise entspannend. Als würden wir uns eigentlich sehr lange kennen. Vielleicht liegt es an Peter, der viel befreiter wirkt als bei unserer letzten Begegnung. Wir flüstern uns Bemerkungen zu, die den Vortrag des Dozenten aufgreifen, weiterspinnen, ins Lustige ziehen. Und ich stelle erfreut fest, dass Peter eigentlich ein fröhlicher Mensch ist. Einmal lacht er sogar, laut und keckernd.

Abends fragt Peter, ob wir essen gehen. Das italienische Restaurant, das er vorschlägt, liegt in der Innenstadt und hat genügend freie Plätze draußen. Wir nehmen zusammen Vorspeisen, Salat und Gemüse. Peter erzählt, dass das „Wechselmodell“, wonach die Kinder abwechselnd bei Mutter und Vater leben, leider wieder aufgegeben wurde, obwohl es mit Hilfe seiner Mutter gut geklappt habe. Die zweijährige Tochter schlief bei seiner Mutter im Zimmer, der einjährige Sohn bei ihm, berichtet Peter detailgetreu. Daraus schließe ich, dass Peter die Fallstricke des Missbrauchsvorwurfs verinnerlicht hat und seine Beziehung zu den Kindern bereits beeinträchtigt ist.

Nach wenigen Malen wurde sein Sohn krank, erzählt Peter weiter. Peters Frau ließ ihn wegen einer Erkältung für zwei Tage in die Klinik aufnehmen. Danach stellte sie einen Eilantrag, das Wechselmodell aufzugeben, es gefährde die Gesundheit der Kinder. Dem wurde ungeprüft stattgegeben. Stattdessen wird festgelegt, dass die Kinder alle zwei Wochen ein Wochenende beim Vater verbringen.

Obwohl ich mich schlecht an Namen, Kleidung oder bestimmte Worte erinnere, schreibe ich nicht mehr ständig mit. Stattdessen verlasse ich mich auf mein Gespür. Fast ist es eine physische Angelegenheit, wie Belange von anderen auf mich einwirken, und ich erinnere mich zeitlich verzögert an das, was sie gesagt oder gemeint haben, worunter sie leiden. Dann wird die Angst der anderen zu meiner Angst, deren Anspannung zu meiner physischen Verspannung. Manchmal ziehe ich mich schroff von anderen Menschen zurück, bis ich die eigene Balance zur Welt wieder hergestellt habe. Im Nachhinein wird mir oft einiges klar. So geht es mir auch mit dem, was Peter erzählt.

Er redet gerade davon, dass er eigentlich ein gutes Verhältnis zu seinen Schwiegereltern hatte, beide Ärzte genauso wie seine Frau. „Sie haben mich gefragt, ob ich in die Gemeinschaftspraxis einsteigen will“, erzählt er. Allerdings sollte er dafür auf Allgemeinmedizin umsatteln, vorgesehen als Nachfolger seines Schwiegervaters. Am Ende lehnte Peter ab. „Ich wollte lieber weiter als Orthopäde, Handchirurg und Rheumatologe arbeiten.“

An diesem Abend erfahre ich außerdem, dass Peters Frau überängstlich wegen der Kinder ist. Peter illustriert dies an einem grotesken Beispiel: Wie er seine kleine Tochter – mit Schwimmflügeln an den Armen im Schlauchboot sitzend – durch das hüfthohe Wasser im Schwimmbassin der Schwiegereltern zog. Seine Frau befürchtete dennoch, dass die Tochter ertrinken könnte. In dem schmalen Zeitfenster zwischen seinem potentiellen Herzinfarkt und der Reaktion der umstehenden Familie. Obwohl ich Sinn für skurrilen Humor habe, bleibt mir das Lachen im Hals stecken.

Nebenbei lässt Peter immer wieder einfließen, dass er sich körperlich am Rande der Belastbarkeit fühlt, und er erzählt, wie er nach seiner Trennung in kürzester Zeit fünf Kilo Gewicht verlor. Ich dagegen wundere mich, wie Peter nach diesem langen Tag mit einer unheimlichen, nicht nachlassenden Konzentration redet oder zuhört und nebenher isst, während ich mit nagenden Rückenschmerzen aufgrund meiner Wirbelsäulenverkrümmung kämpfe. Ich betrachte Peters lange dünne Gestalt, seine gerade Haltung, sein längliches Gesicht, seinen zu schmalen Kiefer, in dem die Zähne beginnen, sich aus der Mittelachse zu schieben, und muss an einen Linolschnitt von meiner Freundin Sonja denken. Darauf ist ein langer, dünner Mann zu sehen, wie gerade in den letzten Zügen des Wachstums. Er hockt im Schneidersitz auf dem Boden, vielleicht beim Meditieren.

Als ich von der Toilette komme, hat sich Peter eine dünne Jacke übergezogen. Im Dunkeln gehen wir durch die Innenstadt zurück zum Parkhaus. Ich bin froh, mich bewegen zu können, habe aber nachtblind die Orientierung verloren und tapere Peter hinterher. Er versucht, seine Schritte zu bremsen. Als er mir anbietet, mich zu meiner Unterkunft zu fahren, nehme ich gerne an.

 

Die Macht des Sorgenmachens

Neben Erkrankungen der Organe liegt der Schwerpunkt dieses Akupunkturkurses auf den Geschlechterunterschieden. Der Dozent erzählt witzig und warmherzig von eigenen Eheerfahrungen. Viele Teilnehmer murmeln bestätigend vor sich hin. Einmal auch Peter. „Sich-Sorgen-Machen ist nur eine Methode, wie Menschen Macht aufeinander ausüben“, erklärt gerade der Dozent. Ich höre Peter flüstern „stimmt“ und habe das Bild vor Augen, wie er seine Tochter mit Schwimmflügeln im Schlauchboot sitzend durch das Wasser zieht.

Nach Seminarende gehen Peter und ich noch Mittagessen. Während wir vor einem indischen Lokal draußen sitzen, verdichtet sich für mich eine Idee – praktisch noch im Begriff der Entstehung. Ich fange an zu erzählen: Dass ich Peters Geschichte in meiner nächsten Ausstellung mit einer Skulptur kombinieren möchte. Sein Porträt würde ich zur Eröffnung lesen, das Kunstwerk unkommentiert zeigen. Anhand von Fotos erkläre ich ihm, was ich mit der Skulptur „Retten Sie Nataschas Kleid!“ beim Betrachter auslösen will. Während ich rede, sehe ich, wie Peters Gesichtszüge einfrieren. Sein Empfinden sträubt sich sichtbar dagegen, sich vorstellen zu müssen, was Natascha Kampusch in ihrer Gefangenschaft erlebt hat. Aber schließlich fasst Peter mit gefestigter Stimme zusammen: „Ich verstehe. Du willst zeigen, dass es beides gibt, und beides furchtbar ist. Sexueller Missbrauch, aber auch, wenn jemand falsch verdächtigt wird.“

 

Das Gutachten

In der nächsten Gerichtsverhandlung gilt der Verdacht des sexuellen Missbrauchs gegen Peter P. aufgrund des psychologischen Gutachtens über ihn als ausgeräumt. Er bekommt diese Aussage schriftlich. Peter ist erleichtert, aber eine Rehabilitierung hätte er sich anders vorgestellt. Für den Umgang legt das Familiengericht fest, dass Peters Kinder aus zweiter Ehe einmal in der Woche bei ihm übernachten.

Monate später treffen wir uns wieder. Peter macht einen sehr erschöpften Eindruck, er scheint auch abgenommen zu haben. Außerdem klagt er darüber, dass er seine älteren Kinder, die alle zwei Wochen ein Wochenende bei ihm verbringen, und die Kleinen, die jedes Wochenende für einen Tag zu ihm kommen, kaum unter einen Hut bekommt. Ich frage ihn, ob er sich gerichtlich gegen die Anschuldigungen seiner Frau zur Wehr setze. „Erst muss das Verfahren gegen mich abgeschlossen sein“, erklärt er. „Aber ich weiß noch nicht, ob ich überhaupt noch etwas in dieser Sache unternehmen will.“

Ein halbes Jahr später ist Peter P. geschieden, das Verfahren wegen des Missbrauchsverdachts wurde offiziell eingestellt, und er hat seine Exfrau wegen Verleumdung angezeigt. Von der Ärztekammer lässt er außerdem prüfen, ob sie ihre Approbation als Kinderärztin missbraucht hat, um den Missbrauchsverdacht zu unterfüttern. Ich bereite inzwischen meine Ausstellung Untertage in Düsseldorf und die geplante Lesung von Peters Geschichte vor und schicke Einladungen an ihn und an seine Exfrau.

 

 

 

Anmerkung zum Titel: Conversation with the Beast ist das Regiedebüt von Armin Mueller-Stahl. Der Spielfilm von 1996, in dem ich als Laiendarstellerin mitwirkte, umkreist dialoghaft-konfrontativ „das Böse“ in der Person von Adolf Hitler.