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Der Schattenmann

heike stuckert | Der Schattenmann

Der erste Fall als Schöffin am Landgericht: ein Mord

Einem System ausgeliefert sein, Zwängen unterworfen, auf die man keinen Einfluss nehmen kann, gleich ob äußeren oder inneren – vielleicht würde man bei diesen Umschreibungen an Suchtverhalten denken, vielleicht an Bürokratie, vielleicht an den Gang durch den Immigrations-Checkpoint am JFK-Flughafen in New York. Ich denke unweigerlich an Strafverfahren. An Rollenbezeichnungen, die keinen Raum für Namen lassen: Täter, Opfer, Angeklagter, Beschuldigter. Herr Vorsitzender. Herr Staatsanwalt. Herr Verteidiger. Herr Gutachter. Schwarze Roben stellen Autoritäten klar.

Zur Schöffin ließ ich mich aufstellen, weil mir gefallen hat, dass dieser Bereich der deutschen Justiz mit Laien besetzt ist, nicht bis ins Letzte hinein professionalisiert. Ein bunter Fleck zwischen den Roben, ein persönlicher Blick, eine Chance. Historisch kommen die Schöffen aus der Karolingerzeit, also dem Mittelalter. Rechtlich bedienen sie den Absatz des Grundgesetzes: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ So wurde ich ehrenamtliche Laienrichterin. Gemeinsam mit einer Schöffin können wir, die beiden Schöffen, den Berufsrichter überstimmen. Theoretisch. Ich war im Losverfahren dem Landgericht zugeteilt worden, an dem die harten Fälle verhandelt werden.

Ich hatte nachgedacht über Recht und Gerechtigkeit, darüber, dass im Alltag der „Stärkere“ oft siegt, der Überlegenere, der mit mehr Einfluss, mehr Eloquenz. Dass Recht nicht immer gerecht sein kann. Dass mein subjektives Unrechtsempfinden – und ich sehe mich als vernünftige, gebildete Bürgerin an – überdacht, in Frage gestellt, eventuell einem größeren Prinzip untergeordnet werden kann. Wenn eine höhere Gerechtigkeit für mich verständlich und nachvollziehbar ist, kann ich die eigenen Emotionen in einen anderen Maßstab setzen, zurückstellen. Aber bei einem Kapitalverbrechen, bei Körperverletzung, Tötung, ja: Mord?

Wut, Reue, Hass, alles nachvollziehbare Emotionen, die das Gericht nicht berücksichtigen darf. Es gilt allein das Recht, an dem kann kein Schöffe rütteln – und auch kein Berufsrichter. Aber: In dubio pro reo! Nun war ich also in der Position, selbst mit zu richten. Ich, der ich bisher mit der Justiz noch nie in Kontakt gekommen bin.

Jugendrecht hat die Besonderheit, dass das Schöffengericht sehr hohe Strafen aussprechen kann, bis zu zehn Jahre Gefängnis. Aber auch Maßnahmen verfügen, die sanfter sind, erzieherischer, pädagogisch sinnvoller, mit dem Ziel, aus dem jungen Menschen, der auf die falsche Spur geraten ist, wieder einen „Guten“ zu machen, ihn einzugliedern in unsere Gesellschaft, ihn zu Einsicht, Reue, Empathie, zu einem sinnvollen Täter-Opfer-Ausgleich zu bewegen. Soweit der Idealismus, nun zur Praxis.

 

Spektakulärer Mordfall

Mein erster Fall hat gleich ein beachtliches Presseaufgebot mit sich gebracht, Fotografen und Kameras vor dem Verhandlungsraum. Ein spektakulärer Mordfall. Der Täter: lebt seit seiner Festnahme in der Psychiatrie. Das Opfer: zufällig ausgewählt, ein vierzigjähriger Mann. Der Tatort: der Eingangsbereich seines Wohnhauses. Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen, der Täter, nein, der Beschuldigte, sagt aus. Langsam, stockend, abgehackt, wie unter Drogen, als käme ihm das, wovon er redet, nur in Standbildern ins Bewusstsein. Oder als hätte er Angst, etwas Falsches zu sagen. Als halte er vieles zurück. Man möchte Emotionen, Reaktionen, die Wahrheit aus ihm herausschütteln, kräftig zupacken. Redet von dem Mord, als sei das nichts. Er habe nichts gefühlt dabei. Hat ihn aber Kraft gekostet.

Zeitgefühl hat er erkennbar nicht, jongliert mit Monaten, Tagen, Uhrzeiten, kein Verhältnis, widersprüchliche Aussagen, alles war „irgendwann mal“. Spricht davon, dem Opfer so circa zwei oder drei Stiche zugefügt zu haben. Die Rechtsmediziner haben zwei tödliche und mindestens fünf weitere Stichverletzungen festgestellt. Über seine eigene Verletzung, die er sich bei dem Überfall zugezogen hat, spricht er mehr. Die beschreibt er genau.

 

„Beides ist richtig!“

Bereut nichts, geht nach der Tat weg, lässt das Opfer sterbend liegen, wohin er geht, bleibt unklar, er sagt nach Hause, dort kommt er aber erst viel später an. Nach der Tat sei es ihm genauso wie zuvor gegangen. Wie auswendig gelernt verwendet er die Sachbegriffe der Polizei, Worte wie Tatwaffe, Tatort, dann sagt er „Tatortvermittler“ statt Ermittler. Hat die Tat nie zu seiner eigenen gemacht. Schuld? Scham? Motiv? Einsicht? Empathie? Nicht zu erkennen.

Seine Vorstellung davon, was er mit der Leiche machen würde – „halt einfach verstecken“ – alles wirklichkeitsfern. Auf die Frage nach der Wegbeleuchtung antwortet er, er schätze mal so 35 bis 40 Watt. Hm, so genau wollte das Gericht das dann auch nicht wissen. Die wichtigste Erkenntnis des ersten Tages scheint zu sein, dass er einfach ein Computerspiel nachgespielt hat. Da kriegt man den Auftrag, einen Menschen zu töten. Und das hat er dann auch gemacht. Einfach so. Tausendmal am Computer und dann halt in echt. Mich wundert, woher dieser Mensch so viel Geld hat, für Computer, Computerspiele, Flachbildfernsehen, alles Mögliche. Sozialhilfe?

Tag zwei, der Täter macht Aussagen, die anders nachgewiesen wurden, die Realität kommt scheinbar nicht bei ihm an. Aber die Tatbilder bewegen ihn dann doch, er zittert mehr, seine Hände hinterlassen Schweißflecken. Kann das Alter des Opfers nicht einschätzen, sagt, der Mann sei so circa sechzig gewesen. Hat nicht überlegt, was danach, nach der Tat, hätte sein können. Stellt der sich nur so doof? Ich kann kaum glauben, dass einer so sein kann. Was mit der Kleidung, die er zur Tat getragen hatte, passiert war, weiß er nicht. Eventuell müsse er auch noch den umbringen, der ihn erwischt!

Das mit einer Arbeit habe nicht funktioniert, da habe er halt gedacht, er fange eine Verbrecherkarriere an. Im Gefängnis lerne er vielleicht, wie es richtig geht, wie die anderen coole Verbrechen begehen. In der Psychiatrie seien keine brutalen Mörder, im Gefängnis gehe mehr ab.

Die Ärzte jedoch erinnerten ihn an Schwerverbrecher.

Er wolle nicht mehr an die Tat denken. Wolle es aber beim nächsten Mal anders machen, mit Hammer, Schere oder Glasflasche. Auf den Hinweis, dass das ein Widerspruch sei, antwortet er, beides sei richtig!

Wie der Fall zersplittert, ein Mosaik, noch kein Gesamtbild.

Wie er sich jetzt seine Zukunft vorstelle? „Daran hab ich nicht nachgedacht!“

 

Der Behindertenausweis

Ich gehe nach Hause, meine Straße entlang. Die Bilder des Toten bleiben im Kopf, ich betrachte die Passanten, denke, dass so was hier auch passieren könnte. Gehe durch die Hauseinfahrt und denke, dass auch mir einfach so einer folgen könnte.

Ich frage mich, ob dieser Mensch jemals gelernt hat, was Strafe, Konsequenz, Einhalten von Regeln heißt. Sein Leben unmittelbar vor der Tat scheint klischeehaft einfach: Versagen auf dem Arbeitsmarkt, Praktikum nicht geschafft, Berufsschule geschwänzt, keine Lust auf einen Job, dann der Vorschlag der Mutter, er solle einen Schwerbehindertenausweis kriegen, Debilität und Autismus waren ihm mehrfach nachgewiesen worden. Kann nichts mit sich anfangen außer rumhängen und Killerspiele spielen, keine Freundin, keine Freunde. Sozial isoliert. Vollständiger Rückzug in sich selbst. Klar, der Typ ist kontaktgestört. Dann fällt er durch Gewaltfantasien auf. Die wurden als ernst eingestuft, blieben aber letztlich folgenlos. Ich nehme an, Auslöser für die Tat war die Mischung aus Frust, Versagen, Zukunftsängsten, Scham und Wut, weil er einen Behindertenausweis kriegen sollte. Eigentlich war er nicht auffällig, sagt ein Jugendpolizist. Sagt auch das Jugendamt. Er müsse noch lernen, mit negativen Gefühlen umzugehen. Nein, er sollte das schon längst gelernt haben, immerhin ist er zwanzig.

 

Von Verbrechern lernen

Wäre es nicht auch eine Chance, ihn angemessen zu bestrafen? Ins Gefängnis zu stecken? Aber dann hätte er ja seinen Willen, nämlich von den Verbrechern zu lernen. Sucht er vielleicht Aufmerksamkeit als Mörder? Den Mord hat er geschafft, wenn auch wenig anderes in seinem Leben. Wie fühlt er sich, wenn er die Menschen über seine Tat reden hört? Ich werde nicht schlau aus ihm: Er zuckt dauernd, ist sehr angespannt und verkrampft. Wie viele Medikamente bekommt er, wie wirken die sich auf sein Verhalten aus? Verrückt, einem Mörder zwei Meter entfernt gegenüberzusitzen.

Unbegreiflich, ein tödlicher Stich ins Herz und einer in den Hals! Das Opfer ist verblutet, innerlich und äußerlich.

Jetzt, im Hochsicherheitstrakt der Psychiatrie, sagt der Mörder, tue es ihm gut, so frei von Elektronik. Nein, noch ist er kein Mörder, noch ist er nur ein Beschuldigter.

 

In der Rolle bleiben

Wie kann ich mich selbst schützen? Also nicht körperlich, dazu sind ständig vier bis sechs Polizisten anwesend, sondern seelisch, vor den ganzen Eindrücken, vor den Emotionen, der Trauer der Angehörigen des Opfers, den Bildern des Opfers, den zwiespältigen Emotionen gegenüber dem Täter, wie meine eigenen Gedanken in Worte fassen? Es gibt die Distanz, die die Tische schaffen, ich gehöre zum „Hohen Gericht“, wir sitzen auch erhöht, diese festen, unverrückbaren Vorgaben, der reglementierte Ablauf, so kann auch ich in meiner Rolle bleiben.

Der Täter hatte nur negative Erlebnisse, negatives Feedback, hat nie mal was Positives erfahren. Blieb von Kind an auf der Strecke. Wurde nie gefördert. Verantwortlich sind vielleicht die Eltern, die sozialen Verhältnisse, was weiß ich. Hat auch keine Hilfen angenommen oder von sich aus gesucht. Viele wurden ihm angeboten, leider vergeblich. Hätte aber auch niemand ahnen können, dass es mal so weit kommen würde. Ist er einfach nur dumm? Behindert? Krank? Nicht jeder psychisch Kranke bringt jemanden um. Ein Mörder gehört doch ins Gefängnis gesperrt!

Die Prozesstage gehen vorüber, wir erfahren mehr über das Umfeld des Täters, seine Familie und Freunde, die Zeugen, die das Opfer gefunden haben, die Sanitäter, die Notärzte, die Kriminalpolizei, die Untersuchungen. Wir erfahren viel über das Opfer, sein Umfeld, seine Ziele, über die DNA-Spuren, die Einstiche. Und dann die psychiatrischen Gutachten. Die Ärzte attestieren geistige Behinderung, Debilität, Autismus, eine zusätzliche schizophrene Störung ist zum Zeitpunkt der Tat nicht mit hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen. In dubio pro reo? Aber was ist hier pro, was contra?

 

Jung, weich, undurchschaubar

Es ist seltsam, einem Mörder zu begegnen, vor allem wenn er nicht wie einer aussieht. Nicht brutal, aggressiv, fies. Sondern jung, weich, vor allem: undurchschaubar. Dafür steht mir bislang keine Kategorie zur Verfügung. Der Mord hinterlässt Fragen, die auch am Ende der Verhandlung offenbleiben. Wie kann der solche Kraft entwickeln? So brutal vorgehen? Warum nur?

Man kann nicht in Menschen blicken. Es bleibt das Gefühl, dass der doch viel mehr mitkriegt, als die Psychiater ihm attestieren.

 

Der Schattenmann

Das Motiv fehlt. Der Mörder sagt auch nichts dazu aus, schweigt.

Ich stelle mir vor: Sein Opfer kam abends vorbei, zufällig. Er folgte ihm. Es regnete in Strömen, beide hatten ihre Kapuzen tief über den Kopf gezogen. Der Ältere lief so schnell wie möglich nach Hause. Schritte hinter sich hörte er keine, der Regen war zu laut. Die Vorsicht zu gering. Warum auch, es war ja erst früher Abend, und er war schon an seinem Haus. Ein Wohnblock, ein Mehrfamilienhaus, neu und weiß. Hell beleuchtet. Hätte das Opfer sich umgesehen, hätte er den jungen Mann hinter sich einfach wegstoßen können. Mit Leichtigkeit. Sich einfach umschauen, einen Typ hinter sich sehen, vermummt, zumindest die Kapuze über dem Kopf, das alleine war nichts Besonderes in dem heftigen Regen, aber er wäre zu dicht gewesen, zu nah, irgendwie komisch, ungewöhnlich, wie schnell er folgt, wohnt der auch hier oder will er in unserem Haus jemanden besuchen? Man denkt ja erst mal nichts Böses, warum sollte man, es war einem ja noch nie etwas passiert. An Irre denkt man einfach nicht, schon gar nicht im strömenden Regen, als ob der Regen auch dazu betragen würde, dass man sich sicher fühlt. Sicher, klar, man kann sich ja auch immer wehren, schließlich ist man selbst ein Mann, wehrhaft, keine alte Frau, die sich kaum aufrecht halten kann, kein leichtes Opfer, nein, man ist gar kein Opfer, man geht einfach nur nach einem langen Arbeitstag nach Hause, wo die Freundin einen schon erwartet, wo man ein warmes Bad nimmt, einen Rotwein trinkt, den Fernseher einschaltet, um die Nachrichten zu hören und vielleicht einen Krimi oder die Sportschau zu schauen. Plötzlich wird man attackiert, urplötzlich, aus dem Nichts hat man ein Messer im Herzen. Der Täter hat genau getroffen, zwischen den Rippen, den Spalt zwischen den Rippen hat er trotz der Jacke genau getroffen, dann war das Opfer zusätzlich in diesem Moment des Angriffs noch wehrlos, weil er gerade den Gurt seiner Umhängetasche über den Kopf zog, die Arme oben hatte. Ein Stich, allein der schon tödlich. Aber erst nach ein paar Minuten. Das Opfer wehrte sich, irgendwie, gegen diese dunkle Gestalt, den Angreifer, den Schattenmann, den Tod. Aber schnell schwinden die Kräfte, man geht in die Knie, bekommt noch einen Stich in den Hals, durch die Kehle, auch tödlich, zwei tödliche Stiche, man blutet aus, schnell jetzt, wie ein Schwein, der Täter ist schon weg, war das der Tod persönlich, ein schwarzer Affe, der mich angreift, ich sehe, dass ich sterbe, versuche zu rufen, es gurgelt nur, ich bin außerhalb meines Körpers, sehe ihn gekrümmt dort liegen, es tut nicht weh, nur das Gefühl, jetzt schon zu sterben, schmerzt unendlich, das hatte er noch nicht gewollt, zu früh.

 

Nichts, nichts, nichts

Der Täter antwortet in kurzen Hauptsätzen oder sogar nur in einzelnen Wörtern. Ausweichend. Kapiert er die Frage nicht oder will er nicht? Kann er nicht? War in sonderpädagogischen Einrichtungen, die er langsamer als andere durchlief, hatte erst einen Abschluss, als er schon erwachsen war. Dann ging der Druck los, die Forderung nach Entscheidungen, Praktika, neue Leute, die ihn beurteilen sollten, denen er etwas bieten sollte, für die er was leisten musste, die Anspannung wuchs, Verpflichtungen, Aufträge erfüllen, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Augenkontakt, Lernen, Rechnen, Lesen, plötzlich kann man es nicht mehr, plötzlich verschwimmen die Worte, die Bedeutungen dringen nicht mehr durch, bleiben fernes Stimmengewirr, das bedrohlich näher kommt, aufsaugt, alle fordern, Geld verdienen, und sei es nur wenig, aber mit Zahlen kann man nicht umgehen, was heißt das, wie viel sind dreihundert Euro oder tausend, irgendeine Zahl. Was werden, was werden zu müssen, endlich einen Ausbildungsplatz, aber dort ist man der letzte Dreck, am besten eine Arbeitsmaschine werden, aber die kann man auch nicht sein, man kann nichts, nichts, nichts. Im Kopf befreit er sich von den näher kommenden Stimmen, die ihn vereinnahmen wollen, ihn töten wollen, im Kopf kann er vergessen, wenn er ein Computerspiel einlegt und ballert, das entspannt, das Ballern tut gut, das schafft wieder Raum, Weite, Leere. Einfach einen umbringen, dann geht das weg.

 

Kann kein Blut sehen

Aber das alles kann der Angeklagte dem Gericht nicht sagen, auch den Psychiatern und Psychologen nicht, hier schauen ihn alle an, durchdringende Blicke, erwarten was, die Handschellen werden gelöst, der Verteidiger drückt ihn auf den Stuhl, er schaut gar nicht auf, wer da alles ist, nimmt nur aus dem Augenwinkel viele Menschen wahr, rechts hinter einer Absperrung sind die, vielleicht auch meine Familie, die Mutter, vielleicht der Vater, die Schwestern, vielleicht nicht, das kann ich nicht sehen, vor mir Roben, Männer, Frauen mit Brille, erhöht sind die Richter, hatte man mir erklärt, die über mein weiteres Leben entscheiden, darüber, ob ich ins Gefängnis komme, wo die echten Verbrecher sind, von denen ich was lernen kann, oder bei den Verrückten bleiben muss, im Krankenhaus, wo ich eingesperrt bin wie in einer Zelle im Knast. Was sagen, ich verstehe nicht, ich muss es aber richtig machen, darf nicht wieder versagen. Ja, den Mord habe ich gemacht. Mit dem Messer. Ich habe mir dabei wehgetan. Das hat geblutet. An der Hand. Das hat nicht aufgehört. Das hat gepocht und immer mehr wehgetan. Ich bin zum Arzt. Der hat nichts gemacht, mich ins Krankenhaus geschickt. Das war weit. Ich musste hin, es tat weh. Entzündet. Ins Krankenhaus. Dort erst anmelden. Karte zeigen. Unterschreiben. Dann warten, warten. Dann kam einer, nahm mich mit in ein Zimmer, wieder warten. Dann kam wieder einer, der musste nähen, Spritze, ich habe weggesehen, so viel Blut. Kann kein Blut sehen. Der hat das genäht und zugebunden. Mit einem Verband. Gab mir Tabletten. Jeden Tag musste ich wieder hin. Zur Kontrolle. Hat noch lange wehgetan. Wurde nicht gut genäht.

Nein, was mit dem Mann wurde, weiß ich nicht. Mir ist nichts aufgefallen. Niemand hat was gesagt. Ich gucke keine Nachrichten. Ich lese keine Zeitung. Ich weiß nicht, ich hatte Schmerzen in der Hand. Habe im Bett gelegen, Musik gehört. Sonst nichts. Habe einfach an nichts gedacht und meine Hand betrachtet. Bis es geklingelt hat und die Bullen kamen. Weiß nicht, warum. Haben was erzählt, was ich jetzt vergessen habe. Polizei kam. Suchte das Messer. Das lag auf dem Regal, das haben die gleich gesehen. Und die Hose und die Jacke lagen auch neben meinem Bett. Sind schon getrocknet, waren ja nass vom Regen. Voll Blut. Habe ich dahin gelegt und nicht mehr beachtet. Vergessen. Dann hatten die plötzlich Handschellen, und ich musste ins Polizeiauto einsteigen. Nur meine Jacke, meine Zahnbürste und einen Kamm und frische Unterwäsche konnte ich mitnehmen. Ja, die haben mich viel gefragt, ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe. Es ging um den Mord an dem Mann im Hauseingang. Ja, den habe ich gemacht. Ja, mit dem Messer. Weiß nicht, warum. Ich wollte halt einen umbringen. Der war schwächer als ich und der hat mich nicht gesehen. Da habe ich einfach reingestochen. Wie oft, weiß ich nicht. Gestochen. Dann hatte ich keine Lust mehr und bin gegangen. Der Regen war danach nicht mehr so schlimm. Nach Hause gegangen. Habe meine Wunde mit Klopapier umwickelt. Aber die hat nicht aufgehört zu bluten. Wusste nicht, was ich machen sollte. Habe ein Küchenhandtuch drumgewickelt. Hatte keinen Hunger, aber Durst. Später bin ich dann zum Arzt, wegen der Hand.

 

Schuldunfähig

Die Einzelteile setzten sich neu zusammen. Urteil: Mord. Schuldunfähig, daher Psychiatrie.

Gefängnis ist endlich, bei guter Führung sogar sehr endlich. Psychiatrie nicht. Die Zeit dort kann in vier Jahren enden oder nie, je nach Gutachten. Der Täter mit dem jungen Gesicht bleibt abhängig von anderen, trägt nicht selbst die Konsequenzen seines Handelns. Weil er sein Handeln selbst nicht steuern kann.

 

Ich bin erleichtert, als diese fünf Tage um sind, dass ich nichts mehr von diesem Typen hören und sehen muss. Und ich trauere um einen Menschen, der zufällig am falschen Ort zur falschen Zeit war. Im Regen.