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Ge(h)hilfen des Zweifels

michael helming | Ge(h)hilfen des Zweifels

Die Welt will betrogen werden. Nur Oma nicht.

Meine Oma fährt zwar nicht im Hühnerstall Motorrad – eine dubiose Betätigung, die der Text eines altbekannten Kinderliedes lebensfrohen Großmüttern da nachsagt –, dafür wagt sie sich mit ihrem Rollator inzwischen sogar auf Rolltreppen; wobei ein derartiges Unterfangen, zumindest beim Abwärtsfahren, allerhand Nervenkitzel im Geiste Evel Knievels impliziert. Ich weiß, wovon ich rede. Ich habe das überprüft, borgte mir während eines Einkaufsbummels Omis Mobilitätshilfe und erlebte am eigenen Leib jenes höchst mulmige Gefühl, oben an der Rolltreppe zu stehen, wie am Rande einer Klippe. Es kostete mich einige Überwindung, mein gesamtes Körpergewicht vornüber zu verlagern, auf das karge Metallgestell, worauf für den Bruchteil einer Sekunde tatsächlich der Eindruck folgte, abwärts zu stürzten; ich hatte dabei ein Déjà-vu mit meinem Teenager-Ich beim ersten Kopfsprung vom Dreimeterbrett. Beide Erlebnisse gingen dankenswerterweise ohne Bauchklatscher ab, jedoch weiß ich nun ein klitzekleines bisschen mehr über die Welt der Senioren, welche auch ich eines Tages wohl zwangsläufig meine eigene nennen werde.

 

Realer Aktionsradius

Die ganze Sache konnte sich nur deshalb ereignen, weil Oma irgendwann die Lust verloren hatte, ihre Wohnung zu verlassen, und dies, so behauptete sie, auf Grund fehlender Kraft. Wie meine Mutter und ich nach und nach herausfanden, hatte sie schlechte Erfahrungen mit ihrem Kreislauf gemacht und lebte nach diversen Schwindelattacken in Furcht vor Kontrollverlust und lebensgefährlichen Stürzen. Zudem glaubte sie, viele Bereiche ihrer Alltagswelt, vornehmlich die in höheren Etagen gelegenen, nicht mehr erreichen zu können, da die Kaufhallen und Passagen, die sie seit über einem halben Jahrhundert kannte, in ihrer Erinnerung nicht über Fahrstühle verfügten, sondern bestenfalls über Rolltreppen. Ein Fall von fehlerhafter Rekonstruktion eines an sich vertrauten Umfeldes. Hinweise auf längst gesetzlich verankerte Barrierefreiheit ignorierte sie, bis meine Mutter und ich mit ihr loszogen, um ihren realen Aktionsradius auszukundschaften. Ach, was war sie da überrascht über die Vielzahl an vorteilhaften Veränderungen, die ihr in der Vergangenheit verborgen geblieben waren, weil sie einfach nicht darauf geachtet hatte. So entdeckte sie Fahrstühle oder Rampen, wo sie nie welche vermutet hätte. Gewohnheit ist eben eine zweifelhafte Macht und es lohnt sich, ihr mit widerstrebendem Mut zu begegnen; gaukelt sie uns doch auf das Listigste Beständigkeit vor, einen vermeintlich gleichförmig-sicheren Gang der Wirklichkeit, der uns Veränderungen unterschwellig ablehnen lässt, weil es bequem ist – weil wir es eben so gewohnt sind. Bekommt diese Beständigkeit im Alltag dann auch nur den leisesten Knacks, kann uns das aus dem Gleichgewicht bringen. Dabei fußt das Phänomen lediglich auf der Tatsache, dass wir vertraute Umgebungen und Abläufe seltener überprüfen als weniger gebräuchliche. Das gilt prinzipiell für Menschen jeden Alters und meine Oma mag mit ihren 89 Jahren schwach auf den Beinen sein, sie hört und sieht dabei noch gut; geistig ist sie sogar ausgesprochen rege und keinesfalls leichtgläubig, wie der folgende Vorfall demonstriert.

 

Der Enkeltrick

Die alte Dame wohnt etwas ab vom Schuss, weshalb der Rest der Familie sie höchstens ein bis zwei Mal pro Jahr besucht. Regelmäßiger Kontakt findet vor allem telefonisch statt. Vor einigen Monaten erhielt sie des Nachmittags einen Anruf von einem Mann, der sie überschwänglich vor die Frage stellte: „Rate mal, wer am Telefon ist!“ Seine Stimme schien ihr zwar nicht mal andeutungsweise bekannt, doch sie tat instinktiv, was jeder tun würde: Sie riet aufs Geratewohl und tippte meinen Namen, was bei insgesamt nur drei Enkeln keinen ungewöhnlich großen Zufall darstellt. Prompt wurde ihr bestätigt, sie läge richtig. Ich war also angeblich am anderen Ende der Leitung und meine Stimme hörte sich nur deshalb so seltsam an, weil ich stark erkältet wäre, mitten im Juli. Doch ich war jetzt ganz spontan in der Stadt und würde sie am selben Tag sogar noch besuchen kommen. Nach diesen Auskünften stand Omis Vertrauen bereits auf recht wackeligen Beinen und die Ungewissheit in ihrem Kopf produzierte Sätze mit Ausrufezeichen, dick wie Krückstöcke: Der Enkel wohnt, bei aller Spontanität, über 700 Kilometer entfernt! Selbst im tiefsten Winter läuft er oft kurzärmelig herum und hat ein kräftiges Immunsystem! Und jetzt ist er hier, obwohl er ins Bett gehört! Sie hakte nach, und als ihr vermeintlicher Enkel berichtete, er habe sich soeben ein Auto gekauft und müsse nun zum Notar, da standen ihr plötzlich sämtliche Sinne stramm: Der Junge fährt trotz Führerschein seit über zwanzig Jahren kein Auto mehr! Er reist nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln und erzählt stolz seine weltweiten Eisenbahnabenteuer! Außerdem hasst er Behördengänge, Notare und Anwälte! Da kamen jetzt einige Widersprüche zusammen, doch für nähere Fragen fehlte die Zeit, denn der vermeintliche Enkel war in Eile, verabschiedete sich und legte auf. Bereits jetzt war sich meine Oma sicher, nicht mit mir gesprochen zu haben. Ihre Erklärung: Der junge Mann hatte sich verwählt und würde nun in Kürze bei seiner echten Großmutter auf der Matte stehen, die dann vielleicht ja sogar aus allen Wolken fiel. Eine lustige Situation. Warum sollen immer nur die Alten Verwirrung stiften! Auch junge Leute sind des Irrtums fähig. Sie hatte den Vorfall innerlich schon ad acta gelegt, als eine knappe Stunde später abermals das Telefon klingelte. Der verschnupfte Pseudoenkel befand sich nun angeblich beim Notar, konnte dort gerade nicht weg, brauchte aber für eine Sicherheit ad hoc 800 Euro, womit die Oma aushelfen sollte. Ein Vertrauensmann der Kanzlei käme vorbei und würde das Geld holen. Aha! Die Ausrufezeichen im Hirn der Rentnerin wurden dicker und gaben nun fast Schlagstöcke ab. Der Anrufer kannte sie offensichtlich schlecht, hatte er sie doch gänzlich auf dem falschen Fuß erwischt und nun sagte sie ihm auf den Kopf zu, er sei nicht ihr Enkel und der Vertrauensmann könne sich den Weg sparen, denn Geld gäbe es bei ihr keines zu holen. Dann legte sie auf und rief umgehend mich daheim an. Nach nur wenigen Minuten war klar, dass sie besser die Polizei informieren sollte, was sie auch umgehend tat. Dort war man mit derartigen Vorfällen bereits vertraut. Eine Beamtin nahm ihre Aussage telefonisch zu Protokoll, bestätigte, dass es sich um einen Betrugsversuch gehandelt habe, und beglückwünschte sie zu ihrer Geistesgegenwart.
Die Chance, die Täter zu erwischen, sei gering, daher läge der kriminalistische Erfolg vor allem in der Vereitelung. Gesundes Misstrauen ist also eine hilfreiche Stütze, die uns vor Schaden bewahrt.

 

Die Sache mit Madeleine

Wie gewissen Problemen besser nicht zu begegnen sei, geht mir immer wieder in Hotels auf, wo man Erfahrungen mit Gästen gemacht hat, die bei der Abreise unbewusst oder aus falsch verstandenem Sportsgeist die TV-Fernbedienung mitnehmen. Damit die Dinger fortan keine Beine mehr bekommen, sind sie mancherorts mittels einer kleinen Kette von vielleicht fünfzig oder sechzig Zentimetern Länge am Gehäuse des Fernsehgerätes befestigt. Damit bleiben sie zwar vor Ort, sind aber nicht mehr ihrem eigentlichen Sinn nach nutzbar; für ehrliche Gäste doppelt ärgerlich, werden sie doch obendrein schuldlos als Diebe gebrandmarkt. Vorsicht bleibt freilich die Mutter der Porzellankiste, doch tut der weise Zweifler gut daran, sich seine Bedenken nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. In diesem Punkt umsichtige Hotels geben die Sender zusammen mit dem Zimmerschlüssel aus und nehmen sie beim Check-out wieder in Empfang. Damit besteht zwar weiterhin ein Generalverdacht, aber wenigstens ohne praktische Nachteile. In seiner Kritik der zynischen Vernunft verweist Peter Sloterdijk auf das Narrenschiff des Sebastian Brant, wo es heißt: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur.“ Der Welt wird also ausdrücklich die Bereitschaft unterstellt, sich betrügen zu lassen. Selbst wer dies nicht will, muss sich der tugendlosen und obskuren Welt entgegenstellen, muss mit Doppelsinnigkeiten, verdächtigen und sogar unglaubwürdigen Situationen leben und kann allenfalls hoffen, die Welt dadurch ein wenig besser zu machen, dass er selbst sich um Eindeutigkeit und Übersichtlichkeit bemüht, soweit ihm das möglich scheint, ohne selber Betrugsabsichten zu hegen. Welchem Betrüger sieht man überhaupt den bösen Willen an? Teer und Federn sind aus der Mode. Die Täuschung lauert zwar nach wie vor überall, jedoch meist im Hinterhalt, sogar in harmlosen Schlagern, die sich zu Allgemeinplätzen aufgeschwungen haben. Einer, dem meine Oma gerne lauscht, behauptet: „Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine, doch das ich so verliebt bin, liegt an Madeleine“. Die Sache mit Madeleine muss ein jeder mit sich selbst ausmachen, die geografische Lage von Paris bleibt unbestritten, doch die von Kalkutta gibt Anlass zum Widerspruch. Streng genommen liegt Kalkutta oder Kolkata nämlich weniger am Ganges, sondern am Hugli oder Hooghly, einem Mündungsarm im westlichen Ganges-Brahmaputra-Delta, welches wiederum aus über zweihundert Flüssen besteht. Vom eigentlichen Ganges liegt Kalkutta also knapp hundert Kilometer entfernt. Diese Tatsache mag man Erbsenzählerei nennen, solang man keine konkrete Reise in die Region plant und keine Flusskreuzfahrt auf dem Ganges in Kalkutta zu enden gedenkt. Ebenso kann man nach Paris kommen, nicht aber ans Ufer der Seine, und man kann emotional völlig folgenlos mit mancher Madeleine bekannt sein. Solang noch interpretiert wird, stützt uns der beruhigende kognitive Grundpfeiler, dass die Phänomene auch jenseits sicherer Erkenntnis existieren: die Welt der Möglichkeiten. Erst wenn wir mit einem Klassiker des deutschsprachigen Hip-Hops in die konkrete Welt eintauchen und fragen: „Soll ich´s wirklich machen oder lass ich´s lieber sein“, stehen wir vor dem Dilemma, eine eindeutige Antwort geben zu müssen, um uns nicht wie Fettes Brot auf ein „Jein“ stützen zu müssen. Denn die Krücke des Ja oder Nein ist zuweilen morsch, und wenn sie bricht, reißt es uns von den Füßen und wir stürzen immer tiefer durch die halbseidene Hölle der Ambivalenz, bis ein Zwiespalt uns den Hals bricht.

 

Methodische Zweifel

Im Zweifel für den Angeklagten, heißt es bei Gericht und mancher redet sich um Kopf und Kragen, da er nicht weiß, dass den juristischen Zweifel mit Sicherheit allein das Schweigen aufrechterhält. Damit steht die Justiz ein Stück weit in der Tradition der antiken Skeptiker, die sich jeglicher Aussage oder gar Bewertung enthielten und damit Urteile unmöglich machten. Nun ist ein solches Vorgehen nicht immer praktikabel, und obendrein haben wir meist ein Interesse daran, den Zweifel eben nicht aufrechtzuerhalten, sondern ihn durch möglichst gesicherte Erkenntnisse zu ersetzen. Herodot berichtet da von den alten Persern, diese hätten ihre Angelegenheiten im Alkoholrausch besprochen, und nur falls ihnen die Ergebnisse auch am nächsten Tag nüchtern noch gefallen hätten, wären sie in die Tat umgesetzt worden. Umgekehrt sollen sie mit objektiven Plänen so verfahren sein, sich diese vor der Durchführung noch einmal mit reichlich Wein durch den Kopf gehen zu lassen. Die Methode dürfte neben Resultaten reichlich Ataxien und Kopfschmerzen produziert haben. Die moderne wissenschaftliche Skepsis lehnt den Rausch ab und setzt auf methodischen Zweifel. Sie versieht unsere schwankende Erkenntnis unter anderem mit vier elementaren Aussagen, die kleinen Stützrädern gleichen. Jede Situation, die uns sonst durch Undurchschaubarkeit oder eine ihrem Status geschuldete Offenheit ins Stolpern bringen könnte, wird damit überprüfbar, vom einfachen Alltagsproblem bis zur Existenz von Außerirdischen. Die erste dieser Aussagen lautet: „Die Beweispflicht obliegt immer dem Behauptenden.“ Der Satz gibt uns Sicherheit, eine gewisse Ruhe, denn wir müssen zunächst einmal nichts tun. Werden wir mit Behauptungen konfrontiert, neigen wir dazu, uns selbst unter Zwang zu setzen und festnageln zu lassen. Eine Reaktion, mit der unsere Gegenspieler rechnen, die sie oft provozieren. Jedoch sollten wir zunächst durchatmen, nichts sagen und uns schon gar nicht festlegen. Im Fall meiner Oma bedeutet das lediglich: Da ist jemand am Telefon, der behauptet, er sei ich. Beweise musste sie in der Situation gar nicht groß einfordern, da der Betrüger eine unspezifizierte Methode verwendete, auf eine gewisse Wahrscheinlichkeit und Glück vertraute. Die zweite Aussage lautet: „Besondere Behauptungen verlangen immer besondere Beweise.“ Der Enkel ist zufällig in der Stadt und hat sich ausgerechnet dort ein Auto gekauft. Diese Story gibt Anlass zu einigen Ausführungen, die wiederum Gelegenheit bieten, sich zu verzetteln. Bei nicht ganz hasenreinen Konstrukten sind Widersprüche vorprogrammiert. Tatsächlich vereitelte Omi den Betrug allein mithilfe dieser zwei Aussagen. Der Vollständigkeit halber seien nun auch noch die beiden anderen genannt, von denen die eine lautet: „Trenne Allaussagen von Existenzaussagen.“ Das ist ein interessanter Punkt. Grundsätzlich gilt, dass Allaussagen nicht bewiesen und Existenzaussagen nicht widerlegt werden können. Beispielsweise ist es also unmöglich zu beweisen, dass alle Kupferdrähte elektrischen Strom leiten, weil man nicht alles Kupfer der Welt zum Test heranziehen kann. Mit einer Reihe von Versuchen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit. Im Vorfeld dürften sich die Betrüger mit diesem Punkt befasst haben, wobei für ihre Täuschung eine Verkettung von zwei Existenzaussagen von zentraler Bedeutung ist: Da gibt es angeblich einen Enkel, der sich ein Auto gekauft hat, und es gibt einen Notar, bei dem Geld hinterlegt werden muss. Falls der Betrüger sich als Enkel etablieren kann, weil die Oma viele Enkel hat, diese selten sieht oder aus sonst einem Grund den Überblick verloren hat, so bleibt die Existenz des Notars als Ansatzpunkt. Über die Notarkammer oder sogar über die Kanzlei – falls mit einem tatsächlich existierenden Namen gearbeitet würde – fliegt die Sache schon mit einem oder zwei Telefonaten auf. Kennt eine Großmutter die Nummer der Auskunft nicht oder hat die Notarkammer schon Feierabend, bleibt die vierte und letzte Aussage: „Trenne zwischen angebotenem Sachverhalt und angebotener Erklärung.“ Vor allem die Zahlungsmodalitäten der geplanten Transaktion sind recht fragwürdig. Seit wann braucht man zum Autokauf einen Notar? Wie passt die Summe ins Bild? Es kann sich ja nicht um den gesamten Kaufpreis handeln. Eine Rostlaube wäre den Aufwand nicht wert. Das alles fordert gewisse Darlegungen, und welcher echte Enkel wollte seiner hilfsbereiten Oma die verweigern?! So es tatsächlich Sprösslinge mit derart schlechter Kinderstube gibt, sollten die von ihren Großeltern sinngemäß Folgendes zu hören bekommen: „Jetzt mal langsam, Junge! So viel Geld. Das will gut überlegt sein. Wie heißt der Notar? Moment. Das muss ich mir aufschreiben ...“ Das blieb meiner Oma erspart. Sie kennt ihre Enkel, weiß, was sie will und eben auch, dass man 800 Euro nicht einfach so rausrückt – egal, wer da kommt. Geschenke macht sie den Enkeln trotzdem zuweilen, ungefragt und augenzwinkernd. Soll ja ´ne Überraschung sein.

 

Die Luft in der Chipstüte

Nach Sloterdijk gehören zum Betrug neben Betrügern auch immer Betrugswillige, jene also, die überhaupt nicht zweifeln wollen. Der Philosoph behauptet, Letztere seien für die Moderne der Zeittypus par excellence gewesen. Das mag stimmen, jedoch dürfte es sie zu allen Zeiten in großer Zahl gegeben haben und auch in Zukunft weiter geben. Dank dieser Klienten haben Betrüger, Fälscher und Hochstapler immer Konjunktur, wobei manche Tricks sich wandeln. Es gibt Hütchenspieler, Wahrsager, Sektenführer, Falschmünzer und klassische Bauernfänger. Wir kennen gefakte Onlineshops
und Phishing-Mails, übergroße Waschmittelkartons, Kaffeefahrten, den Plagiat-Doktortitel, Medikamente ohne Wirkung, zu viel Schaum im Bierglas und die Luft in der Chipstüte. Das Böse ist immer und überall. Und jeder ist sich selbst der Nächste. Diese Binsenweisheiten unterstreichen, nicht der Zweifel ist anrüchig, sondern das blinde Vertrauen. Natürlich muss man sich davor hüten, in ebenso blindes Misstrauen, Argwohn und Hysterie zu verfallen. Schnell zeugt der Zweifel die Verzweiflung und Letztere im Menschen ebenso rasch den Zweifel an sich selbst. Diderot sagt: „Der erste Schritt zur Wahrheit ist der Zweifel.“ Wobei er hinzufügt, dass es einen Letzten nicht gibt.

David Bowie hat seinem Song über den Sinn des Zweifels (Sense of Doubt) keinen Text gegeben, wobei die Musik mehrere Szenarien zulässt: Krimi, Eifersuchtsdrama oder einfach irgendeinen Moment, der einer konkreten Entscheidung vorausgeht. Das mag primär bedrohlich klingen. Der Zweifel ist und bleibt dabei eine skeptische Leistung unseres Verstandes, der Möglichkeiten auf Wahrscheinlichkeit prüft, um der Wahrheit wenigstens ein Stück näher zu kommen.

 

Mit Rollis auf Achse

Seit meinem Selbstversuch mit ihrem Rollator habe ich Oma nicht mehr besucht, lediglich einige Male mit ihr telefoniert. Ich erfuhr von ihren eigenen Rolltreppenabenteuern und bin froh, dass sie jetzt wieder regelmäßig unter Leute geht, was wohl auch an ihrer Nachbarin liegt, die ich sogar mal kennengelernt habe und die inzwischen ebenfalls einen Rollator benutzt. Anfangs soll diese dem als neumodisch verschrienen Gerät recht wankelmütig gegenübergestanden und eher zum klassischen Stock tendiert haben – vermutlich auch ein Grund, warum Omi zeitweise nicht vor die Tür wollte. Inzwischen sind beide Damen jedoch oft gemeinsam mit ihren Rollis auf Achse und dabei wohl recht zufrieden. Nur schwer einordnen kann ich dagegen folgende Umstände: Bei unseren letzten beiden Gesprächen berichtete Oma, der falsche Enkel habe ebenfalls erneut angerufen, wobei sie jeweils nach wenigen Sätzen aufgelegt haben will. Was soll man davon halten? Ist das wahrscheinlich? Noch denke ich mir zwei Erklärungen: Entweder probieren die Betrüger es tatsächlich in gewissen Abständen immer wieder bei Senioren, bei denen sie zuvor erfolglos waren, in der Hoffnung auf günstige Zufälle. Eine andere Möglichkeit wäre, meine Oma steigert sich hier in etwas hinein, vielleicht, weil sie nur selten Familienbesuch hat und mit dieser Begebenheit einen Bonus an Aufmerksamkeit bei der Verwandtschaft erfahren hat, den sie sich (bewusst oder unbewusst) erhalten will. Schwer zu sagen. Ich habe mir noch kein endgültiges Urteil gebildet. Aber solange niemand zu Schaden kommt, ist gegen den Fortbestand einer ungeklärten Begebenheit zweifellos nichts einzuwenden.