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Generationen

69 Weltgeschichten und ein Ameisenbär in Manfred Chobots neuem Erzählband.


Manfred Chobot: Mich piekst ein Ameisenbär. Weltgeschichten.

Generationen

Löcker Verlag: Wien 2013

Rezensiert von: klaus ebner


Schon der Titel Mich piekst ein Ameisenbär verrät unverhohlen, dass da Skurriles und Witziges auf uns warten. Den Anfang macht eine Geschichte über einen ungewöhnlichen Weltreisenden, der „eine Rundreise um die halbe Welt“ unternimmt, aber kaum Geld mit dabei hat. Der Ich-Erzähler nimmt sich seiner beratend an und erfährt andererseits immer mehr Details aus dem Leben des Reisenden, der Hilfsarbeiten bei der Post verrichtet, zwecks Finanzierung seiner Weltreise einen von der Mutter geerbten Fischteich verkauft hat und dafür von seiner Cousine mit einem Entmündigungsverfahren bedacht wurde. Mit großer Sparsamkeit und kleinen Käufen und Verkäufen schlägt der Reisende sich durch, und bei der Heimkehr wurden aus seinem Ausgangsbudget von 20 Euro immerhin 130 Dollar.

Viele der skurrilen Geschichten erinnern an Ephraim Kishons Satiren. Spätestens der Titel Einchecken, wo es um den Flug eines österreichischen Autors zu einem Schriftstellerkongress in Israel geht, scheint diese Referenz zu bestätigen. Natürlich fliegt er mit El Al. Die pingelige Befragung durch ein Sicherheitsbeamten-Pärchen noch vor dem Abflug treibt den Autor fast zur Verzweiflung, und wir fühlen mit ihm. Da geht es um unbedeutende Details zu Hotel und Aufenthaltsort und die Frage, warum der Autor überhaupt eingeladen wurde. Diskussionen um nichts, denen die beiden Beamten aber offensichtlich größte Bedeutung zumessen. Gelungener Schlusssatz des nun auf den Aufruf zum Einstieg wartenden Autors: „Mir war nach einem koscheren Glas Wein.“

In Aug' um Aug' – Euro um Euro wird von Astrid erzählt, die in Brno/Brünn mit ungültigem Fahrschein in der Straßenbahn erwischt wird – sie hatte die Zonengrenze übersehen. Verzweifelt sucht Astrid zu erklären, dass ihr das System der Kurzzonen zu wenig bekannt sei und sie keineswegs schwarzfahren wollte, was die Tatsache beweise, dass sie sich im Besitz eines zumindest bis zur Zonengrenze gültigen Fahrscheins befinde. Das Gespräch wird dadurch erschwert, dass sie nur einfachste Grundkenntnisse des Tschechischen hat und der Kontrolleur anscheinend weder Deutsch noch Englisch versteht. Am Schluss jedoch, als sie – wütend – die Strafzahlung leistet, eröffnet ihr der Kontrolleur „in tadellosem Deutsch“, dass er in Wien auf der Donauuferautobahn hatte Strafe zahlen müssen, weil er 10 km/h zu schnell unterwegs gewesen war. Fazit: „Ich war zehn Stundenkilometer zu schnell und Sie waren zwei Stationen zu weit.“ Szenen wie diese finden immer wieder auch ihren Weg in die Tagespresse. Augenmaß und Entgegenkommen scheinen hingegen in dieser unserer Welt – oder Zeit – ein eher verlorenes Dasein zu fristen.

Die insgesamt 69 „Weltgeschichten“ sind in sechs Abschnitte unterteilt, welche die Texte eher lose zusammenhalten. Mich piekst ein Ameisenbär steht dabei nicht nur für den Titel des ganzen Buches, sondern auch eines der Abschnitte und einer Kurzgeschichte darin. Die hat natürlich nichts mit einem Ameisenbären zu tun, sondern mit einer modernen jungen Städterin. Sozusagen. Aber die Details sollen hier nicht verraten werden. Kurzgeschichten haben ja den großen Vorteil, dass man sie auch zwischendurch lesen und genießen kann. In der Straßenbahn, auf Reisen, in einer Pause. Wobei die Leser speziell bei diesem Buch keineswegs davor gefeit sind, dann nicht mehr aufhören zu wollen.