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Geschichten vom Drachendreck

stefanie lehrner | Geschichten vom Drachendreck

Ein neongelber Schleim belebt Körper und Geist.

Der Zweifel ist ähnlich wie das Internet, Sex oder Zirbenschnaps: der Ursprung und die Lösung vieler Probleme. Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Werden Schleimpilze irgendwann die Welt beherrschen? Will you still love me tomorrow? Bin i jetzt eher tot oda lebendig? Warum nicht? Oder warum schon?

 

Yes we Kant

„Ich mag deine Zweifel“ ist zweifelsfrei eines der schönsten, aber auch zweifelhaftesten Komplimente, das ich je bekommen habe. Kann man Zweifel an einem Menschen wirklich mögen? So wie man vielleicht eine bestimmte Art von Humor mag oder einen Gedanken oder Kinngrübchen? Und: Kann man seine eigenen Zweifel mögen? Darf man Zweifeln mögen und es exzessiv betreiben, auch wenn man nicht mehr 16 ist und frisch verliebt oder weltverschmerzt und aus Prinzip an allem zweifelt? Ist Zweifel eigentlich gut? Oder eher: Wozu ist Zweifel eigentlich gut? Ähnlich wie der Schiefer, der sich in die große Zehe bohrt, wenn man jung ist, an einem sonnigen Sommertag, am Holzsteg, beim Schwimmen am See, taucht der Zweifel oft unangekündigt auf. Er wird zum stichelnden Fremdkörper, von dem man hofft, dass er irgendwann von alleine aus einem herauseitert, wenn man nur lange genug wartet oder alt genug ist. „Bis d' heiratest is' wieder guad!“ Aber was, wenn man nie heiratet? Ist Zweifel eine Krankheit, von der man geheilt werden muss? (Freud) Oder ganz im Gegenteil eine produktive und notwendige Sicht auf die Welt? (Descartes) Und: Ist der Zweifel vom Wesen her mit dem Schleimpilz verwandt? (Lehrner)

 

Fluch oder Segen

Früher noch eine Sünde wider den Heiligen Geist, ist der Zweifel in der Philosophie und Wissenschaft mittlerweile zur Methode geworden. Als Werkzeug eingesetzt, übernimmt der Zweifel die Funktion einer Kickstarter-Kampagne für das eigene Denken. Gut dosiert ist er der Energydrink, der dem Geist Flügel verleiht und einen ermutigt und ermündigt Aussagen und Weltanschauungen kritisch zu hinterfragen, Erkenntnisse zu überprüfen und Dogmen und Fehlschlüsse zu entlarven. Im besten Fall ist der Zweifel ein Suchen nach guten Gründen und führt zu Erkenntnis, rationalem Dialog und Toleranz. Im schlechtesten Fall schmeckt er einfach nur grauslich und führt zu Nervosität, Herzrhythmusstörungen und Abhängigkeit. Auch sollte man ihn wie den Energydrink eines bekannten österreichischen Herstellers nicht oder nur mit Bedacht in Kombination mit Alkohol oder anderen Drogen konsumieren, denn der Zweifel fällt selbst schon in die Kategorie „bewusstseinserweiternde Droge“. Wenn die Mühlen des Zweifels einmal mahlen, sind sie auch nicht mehr so leicht anzuhalten. Was für Kunst, Wissenschaft oder Intellekt gerade noch produktive Kraft war, droht plötzlich alle Vorhaben und Gewissheiten zu zerschreddern, bis man irgendwann vor ihr in die Knie sinkt und schreit: „Kapitulation!“ oder alternativ: „Infiniter Regress!“ Im Straßenverkehr und in der Liebe kann Zweifel außerdem zu Angst, Unsicherheit, Fahren gegen die Einbahn und riskanten Spurwechseln führen. Es gibt Situationen, in denen der Zweifel als Ratgeber zur Qual werden kann, zum Beispiel in der Zahnarztpraxis, im Flugzeug, beim Kauf technischer Geräte und auf Jobsuche.

 

Zwischen Redundanz und Effizienz

Wenn der Zweifel eine physische Entsprechung hätte, wäre er vermutlich ein Schleimpilz. Der Schleimpilz ist ein faszinierender, ambivalenter und extrem anpassungsfähiger einzelliger Organismus, der begrifflich verschleiert, dass er gar kein Pilz im eigentlichen Sinn ist, sondern eher eine wabernd-fließende Zellmasse, die Eigenschaften von Pflanzen, Tieren und Pilzen vereint. Er ist außerdem uralt (es gibt ihn seit mehreren hundert Millionen Jahren) und taucht wie der Zweifel oft unangekündigt auf. Der neongelbe Schleim Physarum polycephalum ähnelt einer riesigen Amöbe, die nach einem Regen aus dem Boden quillt, sich dann verhältnismäßig schnell ausbreitet und alles überdeckt und zersetzt, was ihr begegnet und verdaulich ist.

Schleimpilzzellen agieren wie ein Netzwerk ohne Gehirn, aber mit räumlichem Gedächtnis und meistern netzbildungstechnisch den Spagat zwischen Redundanz und Effizienz (so ein Gleichgewicht können wir uns beim Zweifeln oft nur wünschen). Sie können sich als Plasma-Heer mehrerer Zellen zusammenschließen (Schleimpilzsex funktioniert verhältnismäßig simpel, indem zwei Zellen verschmelzen) und so kollektiv auf äußere Reize reagieren und logische Operationen durchführen. Wissenschaftler, Hobbybiologen, Verschwörungstheoretiker und Fantasy-Autoren widmen sich schon seit einigen Jahren aufmerksam und bisweilen liebevoll diesen auch als „Drachendreck“ bekannten Schleimpaketen. In Experimenten hat sich herausgestellt, dass der Schleim vegetativ komplexe Netze bildet, um Futterquellen zu erreichen und dabei rasch effizientere Wege entdeckt als zum Beispiel die Bahngesellschaft für das Bahnnetz von Tokio. Zudem laufen Studien, wie man die Rechenleistung von Schleimpilzzellen als Bioroboter nutzen kann. Nicht überraschend, dass die Schleimpilze aufgrund ihrer evolutionären Sonderstellung und ihrem einzigartigen Entwicklungszyklus in Science-Fiction-Szenarien mitmischen. Vielleicht werden uns irgendwann nicht Zombies, sondern riesige, pulsierende Schleimzellen oder Plasmaroboter verdauen ...? Mitunter verliert man beim Zweifel ebenso wie bei Schleimpilzen den eigentlichen Gegenstand leicht aus den Augen.

 

Gründe zum Zweifeln

Wie richtig zweifeln? Wie das Mittelmaß finden zwischen radikaler Skepsis, die die Existenz von Wahrheiten grundlegend negiert und selbst zum Dogma wird, und einem blinden Glauben, der sich in der Hingabe an eine höhere Autorität selbst genügt? Lieber auf den Verstand verlassen oder auf die Erfahrung?

Während die Skepsis die Abwesenheit von Gewissheit ist, ist der Zweifel eher die Suche danach. Denn Zweifeln impliziert zumindest die Idee von Entscheidungsfreiheit und baut auf der Annahme von bestimmten Gewissheiten auf. Wir müssen uns den freien Willen zumindest als eine Möglichkeit vorstellen und so handeln, als gäbe es ihn (auch wenn wir das vielleicht nicht beweisen können), um Raum zu schaffen für (moralisches) Handeln und letztlich für den Glauben. (Kant) Führt Zweifel also am Ende wieder zum Glauben?

Die radikale Skepsis und unsere Sprache verführen uns allerdings dazu, Zweifel-Sätze zu formulieren, wo wir gar nicht sinnvoll zweifeln können. (Wittgenstein)

Totaler Skeptizismus führt in praktischen oder moralischen Entscheidungsfragen zu Handlungsunfähigkeit. Welt ist dann nicht mehr ein Amalgam aus Möglichkeiten, über die es sich zu zweifeln lohnt, sondern nur mehr ein Amalgam aus Beliebigkeit, ein Einheitsschleim.

 

Why anything goes maybe

Auch wenn man kein ausgewiesener radikaler Skeptizist ist, hat man es mit Entscheidungen im Alltag oft nicht leicht. Anything goes wird zum Mantra der Twenty- und Thirtysomethings, denen gerne die Stempel „Generation Y“ oder auch „Generation Maybe“ aufgedrückt werden: Die Generation, die alles hinterfragt, der niemand mehr sagt, was sie tun soll, und die nicht mehr weiß, was sie eigentlich will. Kein Gott, kein Staat, keine Arbeit, kein Geld? (Jeans Team) Wie überhaupt noch Entscheidungen treffen? Festlegen hat einen unangenehmen Beigeschmack bekommen, man will sich die Optionen lieber offenhalten, vielleicht kann man am Ende des Tages seine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung oder Glücksbilanz noch maximieren? Die Wirtschaft lehrt uns, dass wir flexibel bleiben müssen (der Schleimpilz ist übrigens auch ein Verwandlungskünstler), um optimal auf Angebot und Nachfrage reagieren zu können, um erfolgreich sein zu können. Massenkultur wird nach Barthes zur Wunschvorzeigemaschine: Den Partner/die Partnerin finden, der/die noch besser zu einem passt, den Job finden, in dem man sich noch besser selbst verwirklichen kann, vielleicht doch lieber die Wohnung kündigen und eine Weltreise machen oder Schleimpilzforscherin werden? Der Plasmaschleim jedenfalls entscheidet sich im weitesten Sinn auch, als hätte er einen eigenen Willen – und zwar ohne Bewusstsein – ob und auf welchem Weg er sich auf eine Reizquelle zu- oder von ihr wegbewegt.

 

Salzhürden

Was den Schleimpilz allerdings zur Verzweiflung bringt, sind Salze, Säuren und Laugen. Schließt man Schleimstränge des Physarum polycephalum in einen Salzring ein, sitzt er theoretisch in der Falle und droht zu verhungern – er wandert normalerweise nicht gerne über Salz. In Experimenten hat das Plasmodium allerdings mit seinem Verhalten überrascht: Wird die Verzweiflung zu groß, bezwingt der Schleimpilz sogar erhobenen Schleimes die Salzhürde. So macht er uns letztendlich Mut, dass es in scheinbar aussichtslosen Situationen vielleicht doch Auswege gibt, wenn auch unbequeme.

Konsequent zweifeln lässt sich also wohl nur, wenn man im Zweifelsfall auch bereit ist, an seinem eigenen Zweifel zu zweifeln.