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Idole

sabine haupt | Idole

"Ich habe es doch gewusst“, hatte er schon nach ein paar Minuten gesagt und dabei die Traubenkerne in seine hohle Hand gespuckt: „Ich wusste immer, dass du eines Tages zurückkehren würdest.“ Er hatte sie angeschaut, ohne Neugier und ohne Erstaunen. Es war kein Triumph in seiner Stimme gewesen, aber auch keine Freude. Er hatte sie lange betrachtet, sorgfältig, nachdenklich, ungefähr so, wie man eine Landkarte studiert oder einen Streifen geröteter Haut. „Du siehst älter aus“, hatte er dann gesagt, ihr aus dem Mantel geholfen und sie in die Küche geführt, „alt und müde, doch eigentlich noch dieselbe.“ Er hatte sich an den Tisch gesetzt und schien auf etwas zu warten. Hin und wieder pflückte er sich eine Traube vom Stängel, ließ diese langsam über die Unterlippe gleiten, um sie dann mit einem Zug einzusaugen. Das Geräusch erinnerte sie an das Schmatzen von Gummisohlen auf heißem Teer. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Auf der Straße klingelte die Trambahn. Es war dasselbe scheppernde Geräusch wie früher. Dann hörte man den Aufzug und das Knarren der alten Holztüren. Nichts hatte sich hier verändert. Die Wände waren so kahl wie damals, nichts war hinzugekommen. Bis auf das Ausstellungsplakat, das sie ihm von einer Reise mitgebracht hatte, gab es dort nichts als einen alten, abgelaufenen Fotokalender mit Bildern von der Nordsee, ein Regal, auf dem ein dickes, dreißigbändiges Lexikon verstaubte, und die vielen zwischen den Fenstern gestapelten Zeitungen. Das Plakat zeigte eine Bronzeskulptur von Rodin. Ein nackter Mann kniete vor einer Frau, vergrub küssend sein Gesicht unter ihrer linken Brust, drückte sich sanft und tief in ihre Haut, ganz als wolle er langsam darin versinken. Dabei verschränkte er die Arme auf dem Rücken. Lange würde er sein Gleichgewicht so nicht halten können. Er würde nach vorne kippen, doch ohne sie anzufassen, ohne sich aufzufangen oder nach ihr zu greifen. Kopfüber würde der männliche Körper den weiblichen Körper durchdringen. – Nur wenn man dicht vor dem Plakat stand, sah man, dass es zur Fensterseite hin leicht vergilbt war. Kaum erkennbare Spuren verschiedenster Lichteinfälle. Auf den dunklen Körpern spiegelten sich die Lampen der Galerie oder des Museums, in dem die Skulptur fotografiert worden war. Oft hatte sie vor dem Plakat gestanden und das Liebespaar betrachtet. Bei ihrer Abreise hatte sie es mitnehmen wollen, aber es war zu groß für ihren Koffer gewesen.

Seine Hände lagen gerade neben dem Teller. Er schien ruhig und auf alles gefasst. Die abgegessenen Traubenstängel würde er später entsorgen. Sie hatte ihm geschrieben, hatte angerufen und an seiner Türe geklingelt. Den Schlüssel hatte sie ihm schon vor Jahren auf den Küchentisch gelegt, damals, als sie an einem Nachmittag alle Kleider und Schuhe, ihre Toilettenartikel und Papiere aus Schränken und Schubladen herausgeholt und wahllos in verschiedene Koffer und Taschen gestopft, das Taxi gerufen und dann den nächsten Zug genommen hatte. Zwei Wochen später war schließlich jenes Paket gekommen, in dem der Rest ihrer gemeinsamen Zeit gelegen hatte: Skischuhe und Bettzeug, der alte Bademantel und die Strümpfe, die sie bei ihrer Abreise im Wäschekorb vergessen hatte. Im darauf folgenden Winter hatte er noch ein weiteres Päckchen geschickt. Es enthielt eine kleine Handorgel mit einer aufgemalten Friedenstaube. Er hatte eine Karte dazugelegt und mit seinen ungewöhnlich steilen Buchstaben – er selbst hätte eher von „korrekter Handschrift“ gesprochen – darauf vermerkt: „Melde dich, wenn du Sehnsucht nach der alten Leier hast.“ Sie hatte gelacht, die Kurbel aber nicht berührt. Seitdem lag die kleine Orgel neben der Nachttischlampe im Gästezimmer, stumm und mit zunehmend verstaubter Walze. Kein Besucher hatte je an ihr gedreht, sie waren gekommen und wieder gegangen, ohne sich um den Klang der „alten Leier“ zu kümmern. Sie hatte viele Gäste gehabt, manche waren tagelang, andere wochenlang geblieben. Meist ohne zu fragen, ohne zu wissen, was früher, vor ihnen, gewesen war und warum. Sie hatte mit ihnen gelacht und gefeiert und manchmal fast geglaubt, den einen oder anderen zu lieben. So sehr hatte sie sich das alles, das neue Leben, die vielen Gäste, die neue Wohnung, gewünscht.

„Gut, dass du wieder da bist – daheim. Ich wusste immer, dass du hierher gehörst.“ Er lachte leise und legte die Kerne aus seiner Hand auf den Teller. Er schien sie zu zählen oder sonst einem entfernten Gedanken nachzuhängen. Sie spürte so etwas wie Hitze in ihr aufsteigen. Die Fenster waren geschlossen, es roch nach Bohnerwachs und Rasierschaum. Seine Hand kam über den Tisch gekrochen, erst langsam, fast schläfrig, dann ruckartig, als müsse sie sich aus ihrer Verankerung lösen. Ihre eigenen Hände schwitzten. Das taten sie immer, wenn sie loslassen, sich öffnen oder etwas Fremdes berühren sollten. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, sagte sie, „ich kann mich einfach nicht mehr dagegen wehren.“ Er lächelte, nahm ihre Hand, führte sie zum Mund und küsste ihre Fingerspitzen. Auf seinen Lippen lag noch die Feuchtigkeit der Trauben. „Nimm doch einen Schluck Wein“, sagte er und holte eine Flasche aus dem Schrank. Er selbst trank keinen Alkohol, der Wein musste seit ihrer Abreise dort gestanden und auf sie gewartet haben.

Immer wieder hatte sie geübt, hatte, wenn ein Gast zu Besuch gekommen war, versucht, den Taumel aus sich herauszuspulen, hatte überall an sich herumgefingert, bis endlich, endlich, nach atemlosen Mühen und großer Erschöpfung ein Stück hervorgekommen war, hatte dabei, wieder und wieder, als gäbe es keine anderen, an ihn gedacht, nur an ihn, an seinen nackten Körper und seine sonderbaren, viel zu großen Lippen, an seine tiefe, viel zu ölige Stimme, seine langsamen, schwerfälligen Bewegungen. Sie sah ihn vor sich, während sie die anderen in sich spürte, spann sich tief hinein in ein Netz aus kalten, klebrigen Bildern, in denen sie, wie und warum auch immer, zuhause war, ohne zu begreifen, was das alles mit ihr zu tun hatte. Wenn es dann vorbei war, verschwand auch sein Bild. Sie hatte das Gefühl zu ersticken, wollte schreien und weglaufen, das fremde Gesicht, das fremde Drängen und Winseln schlagen und von sich stoßen.

Mit einem war es anders gewesen, oder wenigstens besser. Er hatte schulterlange Haare gehabt und Lachfalten in den Augenwinkeln. Mit ihm war alles leicht und gut gewesen. Er hatte sich um ihren steifen Nacken gekümmert, um das Auto und die zerbrochene Fensterscheibe und hatte den Boiler repariert. Er hatte ihr geholfen, die Möbel umzustellen und die Krankenkasse zu wechseln. Er hatte sie in den Armen gehalten und ihr zugeflüstert, ihr Kopf wäre frei. Es mache für ihn keinen Unterschied, wohin sie flöge, wenn er sie hielt und bis in den Schlaf hinein küsste und liebte. Mit ihm hätte alles gut sein können. Er hatte schmale Schultern und berührte kaum den Boden, wenn er morgens aufstand, um leise ins Bad zu gehen oder das Fenster zu öffnen. Sie hätte das Gästezimmer schließen, die kleine Handorgel verschenken, ein neues Auto kaufen oder eine Reise nach Italien buchen können. Doch wenn er sie ansah, freundlich und wie einer, der nur Gutes will und kann, wie einer, der geradewegs aus den Wolken in ihr Bett gefallen war, dann hatte sie das Gefühl, als verschöbe sich etwas in ihr, als würde etwas für immer verschlossen, als käme sie nie wieder zu sich zurück.

Er stand auf und wartete an der Tür. Nun würde das geschehen, wonach sie sich all die Jahre gesehnt hatte. Sie würde aufatmen und sich ausbreiten können, und er würde sie mit einem einzigen Stoß nehmen und befreien, aus der Fremde erlösen, mit ihr dort wieder einkehren, wo noch der Faden zu allem liegen musste. Er würde sich nicht aufregen, jetzt noch nicht, er würde ihr keine Vorhaltungen machen über ihr „ganzes Fehlverhalten“, ihre Aussprache korrigieren und behaupten, sie wolle ihn bevormunden. Das käme erst später, am dritten oder vierten Tag, wenn er wieder „für sich“ sein und alles von sich abschütteln musste, was ihn einschnürte und beengte. Damals hatte sie seine plötzlichen Stimmungswechsel nicht mehr ertragen, nicht seinen sprunghaften, unberechenbaren Zorn, nicht das Schweigen und die Einsamkeit, damals, als sie seine Wohnung verließ, beim letzten Mal endgültig und mit der festen Absicht, nie wieder auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln. „Ich verhandle nicht“, hatte er gesagt, als ihm klar wurde, dass sie tatsächlich gehen würde.

„Komm“, sagte er, „komm, ich lasse dir ein Bad einlaufen und bringe dir einen Kaffee.“ Sie hoffte, er würde sie endlich küssen, sie mit dem Handtuch abreiben und dann mit einer Geste, die nur er und sie kannten, ins Schlafzimmer führen, in diesen Raum – sie erinnerte sich an das Gefühl auf der Haut –
der immer kühl und abgedunkelt sein musste, in dem sie in einen Abgrund gestürzt war, eine Tiefe, die bodenlos schien und doch so etwas wie eine Verankerung besaß, eine Tiefe, die alles auf einen Punkt brachte. Sie war gestürzt, oft stundenlang, immer wieder, sobald er mit seinem Atem in ihre Nähe kam, sie anhauchte und einsaugte, sie in seinen Bann schlug, als wäre sie nichts als ein Schatten.

Der andere, der mit den schmalen Schultern und der sanften Stimme, war ohne Abgrund und ohne dunklen Bann. Er hatte Tränen in den Augen gehabt, als sie von ihrer Kindheit erzählte oder davon, wie es war, eine tödliche Krankheit hinter sich zu lassen. Er war bei ihr gewesen, war zu ihr gefahren, wenn sie sich allein fühlte und nach ihm rief. Er hatte sie nicht bedrängt und nichts verlangt. Sein Lächeln war ohne Anstrengung, frei und offen, es genügte, dass sie gerade ins Zimmer gekommen war oder an ihm vorbeiging. Er wusste, dass er nicht gemeint war, dass sie durch ihn hindurchblickte, wenn sie ihn ansah, dass hinter ihm, zwischen ihm und der kahlen Wand, der andere stand und das, was gutgläubige Menschen „Seele“ nennen, nach ihr ausstreckte.

Sie selbst hatte keine Seele, aber sie hatte einen Trieb und sie hatte Vernunft. Dazwischen stand eine, die zauderte. Oft nächtelang. Es gab die blinde, brennende Sehnsucht, das Verlangen, alle Schranken niederzureißen, sich in den Zug zu setzen, weiter und weiter zu fahren, sich und alles aufzugeben. Und es gab die Vernunft, jene langen, stillen Abende, in denen sie wie betäubt in der Wanne lag oder hellwach im Bett, in denen jeder Blick und jedes Wort aufgefangen, abgewogen und miteinander verglichen wurden. Und wenn endlich alles bemessen und gewichtet war, begann die Rechnung von Neuem, manchmal erst mitten in der Nacht, manchmal schon morgens beim Aufwachen. Doch jene Qual, Tag für Tag vor einer Entscheidung zu stehen, eine Wahl treffen zu müssen, die gar keine mehr war, blieb ganz in ihr verschlossen. Niemand hätte ihr raten, ihr sagen können, wohin sie gehörte, und sie hätte auch niemandem geglaubt. Von einer klugen Freundin erfuhr sie, was die Franzosen unter einer Amour fou verstanden, doch das Rätsel, warum sie sich ausgerechnet da zuhause fühlte, wo die Hölle war, konnte mit den Erzählungen über Auguste Rodin und Camille Claudel, über André Breton und Nadja oder über Betty und Zorg auch nicht gelöst werden. „Du liebst den, der dich durchschaut“, hatte ihre Freundin gesagt und dabei vielsagend die Augen aufgerissen.

Sie stieg aus der Wanne und ging hinüber zu ihm. Er hatte bereits das Licht gelöscht und lag im Dunkeln. „Ich will dich“, sagte er, ohne sich zu rühren. Im Zimmer war alles still. Draußen dämmerte es. Die geschlossenen Fensterläden vibrierten leise im Wind. Durch einen Spalt fiel Licht an die Wand: dünne, zitternde Strahlen und Punkte, dazwischen Flimmern und einzelne Blitze. Es war, als tanzten dort nervöse kleine Figuren, wilde Tiere, Männchen und Weibchen, in ritueller Schrittfolge und doch unberechenbar wie alles in diesem Raum. Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke, er berührte sie am Hals, am Nacken, an der Brust, schließlich im Schritt. Sein Atem roch noch genauso wie früher. „Nun ist alles gut“, sagte er und schob seinen Körper bis dicht an ihre Grenze, drückte und drängte, suchte und zwängte sich dann ganz plötzlich in sie hinein. Sie hätte schreien können, hätte alles aus sich herausschleudern, die ganze Verzweiflung, all das Fürchten, Warten und Zweifeln wie einen Krampf von sich abschütteln können – fließen und treiben und einfach nur da sein.

Während er sich weiter in sie hineinschob, sie fordernd und wütend vor sich hertrieb, ganz als habe sie diese Wohnung nie verlassen, als sei er noch immer ein Teil von ihr, bildeten die Lichtreflexe an der Wand und über ihren Köpfen eine Art Kranz. Sie schloss die Augen und versuchte, sich auf seine Bewegungen zu konzentrieren. Doch es war, als stoße er ins Leere, als greife er durch sie hindurch. Sie rückte ihm entgegen, drückte ihren Schoß gegen sein Becken, öffnete die Arme, kroch, so weit es ging in seine Richtung, ließ sich packen und schütteln. Schnell! Wo waren die Bilder, die all die Jahre geholfen hatten? Die Bilder von ihm, wie er dalag, nackt und erregt, wie er ihr von seinen Fantasien erzählte, ihr zeigte, was ihn reizte und berauschte. „Entrußen“ und „entsaften“ hatte er das „Programm“ scherzhaft genannt, doch es war kein Scherz dabei gewesen, alles, was er tat, geschah mit großem Ernst. Doch sie war nach und nach zu seiner Komplizin geworden, durfte sehen und hören, schmecken und berühren, was aus dem Abgrund zu ihr heraufschwappte. Aus ihrer Angst war Lust geworden, eine Lust, die sie nicht wieder losließ. Sie musste gehorchen, wenn er sie zu sich rief, auch wenn sie wusste, dass er sie schon im nächsten Moment wieder von sich weisen würde, weil er sich schämte oder über etwas ärgerte. Sein Programm lief wie unter Zwang, und dieser Zwang war mächtiger als alles, was sie kannte, stärker als essen und trinken, als schlafen, arbeiten oder gesund werden. Es hatte Wochen gegeben, in denen sie kaum die Wohnung verließ, weil er – auch wenn er sich im Badezimmer eingeschlossen hatte – wie ein Magnet alles auf sich zog, alle Aufmerksamkeit und alles Leben, und sie nur fiebrig auf den Moment wartete, in dem er sie wieder zu sich lassen würde.

Sie schaute an die Decke. In der Dämmerung tanzten und sprangen die Lichter und Schatten jetzt langsamer. Alle Bewegungen geschahen wie in Zeitlupe. Sein Atem ging schwer, vermutlich würde er jeden Moment in jenes Keuchen ausbrechen, das sie früher beglückt hatte und vor dem sie sich jetzt wieder fürchtete, fürchtete wie ganz am Anfang, bevor er sie in die Tiefe mitnahm. Sie spürte einen stechenden Schmerz über der linken Schläfe. Wie oft hatte sie früher diese Migräneanfälle gehabt? Sie konnte sich plötzlich deutlich erinnern, wie sie, nach einer der unzähligen Auseinandersetzungen, in der Küche eingeschlafen war, den schweren Kopf auf der Tischplatte.

Das Keuchen kam nicht. Die Lichter tanzten in immer langsameren Rhythmen, sein Atem verebbte, irgendwann ließ er sie los und drehte sich auf die Seite. Wortlos, böse, enttäuscht. Sie spürte, was sie immer gespürt hatte, aber es war wie abgeschnitten, wie etwas, das sie aus sich herausziehen und irgendwo hinstellen oder aufhängen konnte. Das erstaunte sie. Und plötzlich war da noch etwas anderes in ihr, es war kein Zeichen, nicht einmal ein Gefühl. Sie hätte die Fensterläden öffnen und auf die Straße schauen wollen, Ausschau halten, wegfliegen. Sie dachte an den, der nicht in ihrem Kopf gewesen war, wenn sie mit ihm schlief, an den, der jetzt wahrscheinlich irgendwo wartete und nicht wusste, wie es weitergehen würde, der vielleicht traurig war und ratlos. Es war lächerlich, was sie hier tat, einfach nur lächerlich.

Sie stand auf, suchte ihre Sachen zusammen, zog sich an und bestellte ein Taxi. Es blieb still in der Wohnung, er hatte sich zur Wand gedreht und sagte nichts. Früher hatte er stundenlang so gelegen, nicht ansprechbar, wie eingemauert in die eigene Trauer und Sturheit. Sie wusste nicht, wie sie hier jetzt wegkommen sollte, ob es so spät noch einen Zug gab, ob das neue Leben tatsächlich auf sie warten würde, ob der mit den schmalen Schultern sie ertragen konnte, so wie sie war, mit all ihrem Fehlverhalten. Aber in diese Wohnung käme sie ganz sicher nie mehr zurück.

 

Als sie die Haustür öffnete und auf die Straße trat, kam ihr ein Pärchen entgegen. Die beiden gingen eng umschlungen. Es regnete. Die Pflastersteine rochen nach Zimt und Kaffee und auch schon ein bisschen nach Herbst. Sie blickte noch einmal hinauf zu den Fenstern im dritten Stock. Es schien ihr, als stünde ein Schatten hinter den Gardinen. Doch es blieb keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, das Taxi bog bereits um die Ecke. Beim Einsteigen wunderte sie sich, wie leicht ihre Reisetasche war. Hoffentlich hatte sie oben nichts
Wichtiges vergessen.