schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 27 - zweifelhaft Im schönsten Zwielicht
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/27-zweifelhaft/im-schonsten-zwielicht

Im schönsten Zwielicht

dirk werner | Im schönsten Zwielicht

Dem Jubilar Arno Schmidt die Ehre.

1

Auch wenn er in diesem Jahr einhundert geworden wäre – hat Arno Schmidt nicht zwielichtige Gestalten gefördert? Ans Tageslicht befördert, aus sich selbst herausgezogen? Um letztlich uns braven Bürgern die eigene Existenz wenn schon nicht als zwielichtig, so doch als zweifelhaft erscheinen zu lassen?

Dem Jubilar die Ehre.

Dennoch: Er hat.

Der Held seines Buches Das steinerne Herz ist ein Abenteurer. Abenteurer in den bis heute andauernden Zeiten des Wirtschaftswunders, die doch nur die Wirtschaft selbst als Abenteuer zulassen. Schmidts Walter Eggers ist ein Sammler. Ein Leidenschaftlicher, ein von der Begierde Besessener.

Einen Lügner, Betrüger, Scharlatan nennte man ihn in der Sprache des Offiziellen damals wie heute. Eggers lügt-betrügt, seine Ziele zu erreichen. Aber: Für mich verbindet sich das Lesen über diesen zeitlich begrenzten Lebensausschnitt vor allem mit dem Gefühl von Freiheit. Selbstredend macht auch er nicht ständig, was nur gewollt. Denn er steht unter dem Zwang, dem enormen Wunsch, einkreisend sich dem wild Gesuchten zu nähern. Aber stets wird dabei das Unbestechliche, Kritische seines Denkens offenbar. In Sprache und Reflexion zeigt sich der Mann poetisch, sehnsüchtig, liebevoll, verwerfend, verächtlich. Dabei reichen sein Witz, sein Humor und Wissen bei weitem nicht aus, dieser Welt in seinem Sprachspiegel das Bild einer anderen vorzuhalten. Und doch tut er es, indem er die vorhandene immerfort verneint. Zwielichtig so einer, aus Bürgers Sicht. Wenn’s nach Eggers ginge, so sähe sie einen lediglich schmutzigen Spiegel, wenn die Welt denn in einen hineinsehen wollte – anstelle ihres reflektierten Bildes.

2

Gespalten in Herz und Verstand hinterlässt uns manchmal auch der Zufall. Besonders wenn er andere glücklich macht. Doch bei Schmidt hat mich der Zufall am Ende nicht bloß eines, sondern zweier Romane sprachlos gemacht. Als Glückhaben ist der Zufall hier jeweils so fassbar wie glaubwürdig, da er nur im „finanziell-materiellen Bereich“ für den Helden eine Unabhängigkeit vollendet, die jener im Geschehen vorher in seinem Geiste immerfort schon unter Beweis stellte.

Arno Schmidt – ein Glücks-Erfinder? Ein unbedingter Kämpfer für den Wohlstand, spätestens im Alter? Erreicht er wenigstens durch einen eingebauten Glücksfall seinem Helden die Flucht aus dem Dilemma der Enge und Abhängigkeit, die ihm stets von überallher in der Gesellschaft drohen? Mich Leser, der ich selbst nicht so recht an das Glück glaube, hat er damit beschenkt. Denn es ist der innere Reichtum des Abenteurers und Sammlers Eggers in Das steinerne Herz und des Lohnbuchalters in KAFF auch Mare Crisium, der letztlich wie logisch in sicht- und greifbaren Reichtum umschlägt. Es scheint, als hätten beide dieses äußeren Materiewerdens ihres Inneren nicht bedurft, als wären beide – durch ihre Ironie, ihren Kenntnisreichtum, den Sprach-Schatz – weitgehend für das Leben in einer Welt gewitzt und geschützt, die ihnen eher nicht liegt. Der sie eher nicht liegen. Doch Schmidt, durch seine Idee einer plötzlichen Erbschaft beziehungsweise eines Goldschatzes, will die Freiheit beider für eine Zukunft auch nach der letzten Zeile des Buches, und nachdrücklich im Materiellen, sichern. Das ist es, womit er seinen Leser entlässt: Mit der Zusicherung von Freiheit und Unabhängigkeit, auch materiell, die am Schluss seiner Bücher größer, stärker sind als zu deren Anfang – und jetzt plötzlich wie unantastbar.

 

3

Im Zweifel – im Zweifel: an sich selbst – hinterlässt einen nach dem Lesen Schmidts auch das unsinnige Tun, das ständig autarke, nicht-einsehbare Schaffen der Natur. Das selbst-berauschende Tun der Bäume, der Büsche, des Windes. Das uns endlich wieder an kleine Kinder, an Tiere erinnert. Dieses Tun verstehen wir nur deshalb nicht, weil sein Sinn tiefer liegt, als wir suchen und fühlen wollen. Verstehen wir nicht, weil für uns in allem Getanen ein Sinn liegen soll. Wolken, Pflanzen, Laternen, Wesen. Bekommen hier wie in Lyonel Feiningers Comics eigene Gesichter. Hände, zu greifen, sich auszudrücken, Gesten und Mimik, zu erschüttern. Bauen in Arno Schmidts Romanen und Erzählungen eine Welt auf, das autonome Sein: eines Fauns, eines Shakes-
peare’schen Pucks oder wie das eines Froschkönigs, von dem wir doch gar nicht wissen, was er all die Zeit tat und trieb, ehe er auf die Prinzessin, sein Glücksversprechen, traf. Und von dem wir es nie erfahren werden, wie wir von uns selbst das ganz eigene Leben nicht wissen, da wir stets, mehr oder weniger, auf vorgefertigten Gleisen gefahren.

Die Erscheinungen der Natur, aber auch die Häuser führen hier ihr ureigenes Leben, von dem sie Schmidts Helden manche Erwähnung und Andeutung geben. Das geheime Treiben statt eines abzielenden Getriebes – das uns eben des Rätsels, der neunundneunzig von hundert Teile im Verborgenen wegen umso wertvoller erscheint.

 

4

Geheimnisvoll, rätselhaft und unvorstellbar wie das Leben des Frosches auf dem Grund des Brunnens, bevor dieser der Prinzessin die Kugel heraufholt und dadurch sein ferneres Leben festlegt, erscheint uns das Dasein auch der männlichen Hauptfiguren Arno Schmidts. Sie bewegen sich zwischen Überleben und Müßiggang (in den sie sich sehr oft zu begeben scheinen, äußerlich; und der nur ein Mittel des Überlebens, besser: des Durchkommens, ist), dem Geschichten-Erfinden und der fortwährenden Wortschöpferei wie der unbedingten erotischen Annäherung an Frauen. Dabei stellen sie Dinge und Gedanken in den Mittelpunkt, der möglicherweise nie einer der Gesellschaft sein wird, schon gar nicht deren Konsens und darum so wichtig. Sie monologisieren vielstimmig und in mannigfaltige Richtungen; und die Natur antwortet ihnen mit tausendundeiner Zunge. Eggers, der Sammler und darum Jäger und Abenteurer: „Was werd ich mal in der Hölle sammeln? : vielleicht Hufabdrücke der Teufel.“

 

5

Der Zweifel ist noch vor dem Müßiggang aller Laster Anfang. Letzteren gewährt Schmidt seinem Walter Eggers nur dem Scheine nach und nur zu Beginn im Steinernen Herz. Billigt er Müßiggang Walter Eggers als seinem Stellvertreter zu? Schriftstellers Kurzurlaub anhand einer erdachten Figur? Doch des Norddeutschen Romane und Texte wurden wohl kaum je am Ende müßiggängerischen Spazierens angefangen, so gern man das Traumhafte, das wie Geträumte in seinen Texten als poetische Folge eines lang-ahnenden äußerlichen Nichtstuns – eines Lebens eben in der Phantasie – ansehen möchte. Das Gegenteil ist der Fall. In seinem Essay über Charles Dickens betont Schmidt das Auszehrende des Schriftstellerberufes, nennt er als Beispiele, neben dem englischen Autor, Lessing und Tieck. „Lassen Sie sich doch ja nicht durch die Buntheit der Oberfläche täuschen : seine ‚Behaglichkeit’ ist nicht die ‚organische’ des fetten Faultiers ; sondern eines der Wunschbilder des verzweifelt-Fleißigen zur Selbstbetäubung !“

Walter Eggers Gehen durch die Natur, durch den Ort ist nicht nur behaglich. Stets ist er im Pendeln zwischen scheinbarem Unbeteiligt- und Beteiligtsein begriffen, zwischen der Verantwortung des genau Beobachtenden und der Freiheit des Passiven, Isolierten: dessen, der doch nur zusieht. Der Müßiggang dieses Sammlers ist konzentriert-kritisches Betrachten: ohne dabei wie sein Schöpfer der nicht endenden Aufgabe zu verfallen, er müsse Gesehenes stets schriftlich niederlegen.

 

6

Sammler? Abenteurer? Zweifelhafte Existenz? Walter Eggers ist mit den Dingen eins – und wer schon auf dieser Welt kann das von sich sagen. Er ist ein Retter des Verborgenen, einer, der liebevoll bewahrt. Denn als er endlich die Bücher aufgespürt hat, die er wert weiß, nimmt er sie in Empfang wie nur ein in derlei Erfahrener es kann. Er erkennt und weiß sofort die Geschichte dazu. Beziehungsweise er gibt sich selbst – angesichts einer überraschenden Widmung in einem der aufgefundenen alten Bände – den Auftrag, sie zu erforschen. Der Müßiggang vorab war lediglich ein Warten, bis die richtige Arbeit beginnt. Die einzige Arbeit, die er tun kann (im Gegensatz zu einer entfremdeten Arbeit, die jeder verrichten kann). Mit seinen Gerätschaften, Wissen und Händen, geht er sofort daran, die Bücher an lädierten Stellen vorsichtig wiederherzustellen. Seine Innigkeit, Verbundenheit sind es, die einen auf den Gedanken bringen, generell einmal zu fragen, was wertvolle Arbeit denn eigentlich sei. Sein könnte. Diese Frage stellen wir uns selten. Angesichts stets sehr hoher Arbeitslosenzahlen stellt der Umstand, in Brot und Arbeit zu sein, sein eigenes Geld zu verdienen, allein schon den Wert dar. Kaum jemand fragt da nach den Inhalten des Tuns für Geld. „Legalisierte Verschwendung“ nannte beispielsweise erst neulich ein Kabarettist das tagaus, tagein Getane in den Hallen eines großen deutschen Autokonzerns. Der da ein Buch (oder ein selbst geschriebenes Gedicht) als wertvoller ansieht als eine Silberlimousine, ist sicher ausreichend zwielichtig – oder nicht ganz dicht.

 

7

„Wer die Sein=setzende Kraft von Namen, Zahlen, Daten, Grenzen, Tabellen, Karten, nicht empfindet, tut recht daran, Lyriker zu werden ; für beste Prosa ist er verloren : hebe Dich hinweg !“, schreibt Schmidt, der lyrische Prosaiker, in Das steinerne Herz. Andere Nachrichten als die uns an der Oberfläche von Fernsehen, Radio, Politik, Kirche gebotenen sucht Eggers in den Archiven, alten Büchern und Handschriften. Und in sich selbst: Er will näher sein an dem, das war – was ist. Von ihm unterscheidet sich der spätere Schmidt’sche Lohnbuchhalter Karl Richter in KAFF. Neben nachweisbaren Fakten, und zwar stets auch am Ort, an dem man sich gerade aufhält, sucht dieser die Utopie. Ein freies Spiel der Gedanken und der Phantasie. Das Fakt werden kann. Fakten verändern kann, gerade durch seine Intensität, durch die enge Kopplung an Reales. Der Frau, die er, Richter, in dem Roman aus den sechziger Jahren, begehrt, erfindet er kein 1984, aber ein 1980 – auf dem Mond. Die Magie seiner Geschichte, des Erfundenen, die auch düster funkelt, bindet die Frau an ihn. Sei es ihr darum, sich aus der Wirklichkeit zu entfernen. Sei es ihr darum, ihn und seine Kraft auf diese Weise aushalten zu können. Sexualität, die sie aufgrund ihrer eigenen Kindheit im Krieg nur in dieser sublimen Form erträgt.

Anders als in den verschiedenen Medien heute wird die Erotik in Schmidts Büchern nicht zu einer zweifelhaften Behauptung, sondern zu einer verzaubernden Kraft. Kraft, die aushebelt, verwandelt, Fakten schafft. Ein Raum entsteht so neben den täglich sichtbaren, für den außer Arno Schmidt in deutscher Sprache nur wenige Vergleichbares an Worten gefunden haben. Das Entgrenzende der Sexualität wird hier zum Entgrenzen der Sprache. Indem endlich einer Wortpoesie für das Geschlechtliche findet, wird Sexualität – aus- und angesprochen – mehr, nicht geringer. Und ist doch gleichzeitig nicht so über-bedeutend wie heute, weil in die Sphäre menschlicher und humaner Sprache und Bildhaftigkeit geholt (und nicht in die der Medien). Was wichtig ist und immer wichtiger werden wird in unserer sexualisierten Gesellschaft. Vom Körperlichen lässt Schmidt nichts, gar nichts aus, auch nicht, was wir gewohnt sind zu beschweigen.

8

Ob als Erbschaft oder als Schatz – beide Protagonisten, Walter Eggers wie Karl Richter, bekommen zum Ende der Romane eine Art Freiheit geschenkt. Womit das Lösen von den Abhängigkeiten in der Industriegesellschaft und der Dienstleistungsepoche gemeint ist. Jedoch in KAFF wird dem Lohnbuchhalter wie der von ihm begehrten Textilgestalterin der Gedanke, schon am nächsten Tag den Chefs die Kündigungen überreichen zu können, nicht nur zur befreienden Vision, sondern auch zur Last. Denn es genügt nicht allein der Reichtum, die praktische Voraussetzung für diese Freiheit – man muss auch die Gabe haben, sie annehmen, sich ihrer bedienen zu können. Schmidt selbst nennt diese Fähigkeit die „prachtvoll-unbezähmbare Neigung zur Selbstständigkeit“, wie sie seiner Meinung nach, jedenfalls zur damaligen Zeit, „eben Zierde des Engländers darstellt… und dem Deutschen so notorisch fehlt.“ (in: Der Triton mit dem Sonnenschirm, Hervorhebung vom Autor selbst)

 

9

Wenn es stimmt, was ich in der Schule lernte, dann ist der Zufall eine Erscheinungsform der Notwendigkeit. Das Glück also nur eine Spielart des Gesetzmäßigen? Ja. Des Autors Helden sind mit den gleichen Talenten wie er selbst ausgestattet. Abgesehen aber zum Beispiel von dem einen in Brand’s Haide sind sie nicht Schriftsteller. Keiner kann mit seinen Gaben sich selbst den Lebensunterhalt schaffen, wie etwa Schmidt selbst es konnte, auch wenn er zu Lebzeiten alles andere als ein Erfolgsschriftsteller war. Geld und Gold – für den Autor ist es darum unabdingbar, ihnen als Außenseitern ein Happy End in einer Gesellschaft zu sichern, die dieses sich als Gaukelei gewöhnlich nur vom Fließband der Filmindustrie herstellen lassen kann. Mit diesem Gold-Geld-Glück beschließt Schmidt seine beiden Romane nicht des besseren Absatzes beim Publikum wegen, sondern um für seine Figuren in ihrer verletzlichen Position, in ihrer Randständigkeit, ausreichend zu sorgen. Denn: „ … Geist, Geschmack, Charakter… sie waren absolut autark – : bis auf das Geld“, heißt es, lakonisch, im schon erwähnten Triton.

 

10

Die Sammlung ist der Sammler. Bei Schmidt in einem noch existentielleren Sinne als sonst. Doch eigentlich geht es Eggers, dem Mann mit dem steinernen Herzen, um Daten, Fakten, Zahlen. Er muss sie physisch sein nennen können, sie stets in körperlicher Nähe haben. Diese Staatshandbücher aus dem neunzehnten Jahrhundert, die er sucht, die versammelten, eingebundenen Daten, waren die Statistischen Jahrbücher des Königreichs Hannover. Also altes, nur noch historisch wertvolles Zahlenwerk? Das Ganze eine Marotte? Nein. Denn: In ihnen kann man, heute wie damals, so etwas wie „Wahrheit“ nachlesen. Zumindest einen Teil der Wahrheit. „Die Einführung der Staatshandbücher, sagen wir etwa 1730, bezeichnet den Beginn der Erziehung des Untertanen zum Bürger!“, sagt Eggers und fährt für die Zeit danach mit einem Einwand fort: „Man hatte endlich gemerkt, dass der Pöbel damit viel zu viel Material zu nachdenklichen Vergleichen in die Hände bekam, und entzog dem Kinde langsam und systematisch das gefährliche Spielwerk !… – Genau wie heute, wo man dem betrogenen Volke finanzielle Details über die Kosten der Wiederaufrüstung vorenthält . Die verstehens ja doch nicht, gelt ? !“

Bei allem, was wir Heutigen von der Welt um uns her zu wissen meinen – wir wissen viel zu wenig. Oder doch – zu viel? Ordnung in der Gesamtheit aller zur Verfügung stehenden Daten zu halten, schafft niemand, keine Institution länger. Selbst wenn man immer neue gründet. Zwielicht und Unordnung herrschen. Eine Überfülle an Fakten lässt den Staatsbürger heute wahrscheinlich genauso dumm aussehen wie ein bewusstes Zurückhalten von diesen, das Arno Schmidt noch beschrieb.

 

11

Erwähnen wir kurz drei Texte: einen Essay, einen wissenschaftlichen Text und einen Spiegel-Beitrag über Arno Schmidt. Lege ich die Texte neben seine, so sehe ich, dass die Fesselung eines Geistes, der bald hier-, bald dorthin springt, der überheblich, sarkastisch, poetisch-zärtlich und unabhängig-einsam sich zeigt, durch engende Analysen und objektiv klingende Begriffe schwerfällt. Wer oder was immer es sein mag – der Autor, seine Gestalten, die Sprachspiele –
sie entkommen den Deutern. Denn die Hauptsache ist die Sprache: Es ist keine gefunden, sich seiner zu nähern, ihr zu antworten. (Und Arno Schmidt selbst soll ja wohl gesagt haben, dass zunehmende Unübersetzbarkeit einer Prosa Hinweis auf ihre originäre Qualität sei. Für eine einigermaßen taugliche Übersetzung von Finnegans Wake ins Deutsche beispielsweise spricht sich der Autor in einem seiner berühmten Funkessays für eine Arbeitszeit von mindestens drei bis fünf Jahren aus.) Durch seine eigene Sprache bietet Schmidt an, sich mitreißen zu lassen, hinein in Stromschnellen und Wirbel. Er bietet an, Gedanken springen zu fühlen. So richtig die Analysen in den drei Texten, jede auf ihre Art – ich lass mich lieber verführen.

Besser ein Mal gelebtgelacht, als zu wissen, warum es zu Leben und Lachen kam.

 

12

Der Mond ist die kalte Seite der Sonne. Sein Licht ist das Zwielicht. Von keinem Ding wie dem Erdtrabanten ist im Schmidtwerk so regelmäßig die Rede. – Wie viele mondkalte Fluchten vor den Menschen hat Walter Eggers in seinem Leben vorbereitet, wie viele bewusst und mehr noch unbewusst vollzogen? Flucht als erstes Mittel der Freiheit. Immerwährende Flucht –
nie wirklich ankommen –: Isolation. Flucht als die Stärke des Schwachen, die kalte Seite eines warmen Herzens. (Finden wir nicht auch bei Arno Schmidt die Bemerkung, dass Flucht Widerstand sei?)

 

13

Halten wir fest: Eggers liebt, vielleicht, nie. Denn er will es anders, will Anderes im Leben, ja, kann dieses nur so meistern. Nachdem er bei und mit jenen, vor deren Haustür er zu Beginn des Romans auftaucht, mit ihrer Hilfe, seine Sammlung – sein Leben – vollständiger machen kann, plant er die Flucht ins Wieder-Alleinsein.

Alles Glück, das nicht mit Sammlung, Schatz und Schatzsuche zusammenhängt, erträgt Eggers nicht. Denn es ist löchrig, vielversprecherisch und es ist, in seinen Augen: lediglich Unglück nach sich zu ziehen. –

Wie also wird jemandem, dem jede Bindung zur Fessel gerät, jene zu einer leicht erträglichen, kaum spürbaren Schleife anstelle des Knotens?

 

14

Am Schluss beider Bücher, Das steinerne Herz wie KAFF auch Mare Crisium, verlängert jeweils mindestens ein Angestellter, der hier wie da zum Figurenensemble gehört, den zu Anfang knappen Urlaub in eine Abwesenheit auf Jahre. Mit Hilfe und infolge des plötzlich auftauchenden Vermögens bildet sich in beiden Romanen eine kleine Kommune, die Zukunft ausmalt, Freuden und Risiken des Kommenden bedenkt und bespricht. Eine Kommune am Ende also – keine Kleinfamilie. Entwürfe also – keine Lebensversicherung noch Aktienbündel. Utopien statt Happy Endings. Uns Schmidt-Nachkommen allerdings erscheinen – nicht wie seinerzeit Walter Eggers neunundneunzig Prozent – sondern inzwischen ganze hundert des uns Umgebenden als ziemlich zweifelhaft.