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Kafkaeskes Schlawinertum

Alfred Goubran, der große Unangepasste, pflegt einmal mehr sein Faible für den unkonventionellen Blick.


Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer. Roman.

Kafkaeskes Schlawinertum

Braumüller Verlag: Wien 2014

Rezensiert von: heimo mürzl


Alfred Goubran, als Verleger, Essayist, Übersetzer, Singer/Songwriter und Autor seit jeher ein Unangepasster mit einem Touch Exzentrik und dem Blick für das Unkonventionelle, hat mit seinem zweiten Roman Durch die Zeit in meinem Zimmer ein ebenso artifizielles wie amüsantes Kunstwerk geschaffen, ein mitunter irrlichterndes Gedankenspiel gegen alle Lese- und Denkgewohnheiten. Bei Goubran muss man stets gewärtig sein, dass Geschichten und Gedanken unberechenbar verlaufen. Unvermittelt nehmen sie eine Wendung ins Surreale, Aberwitzige oder Groteske und oszillieren zwischen beklemmenden Überlebensfragen und euphorisiertem Überschwang. Alfred Goubran widmet sich literarisch nicht das erste Mal dem Sperrigen und Randständigen – verlässt er doch bevorzugt den Pfad des Gewohnten und bürstet seine Literatur gern gegen den Strich. So gerät auch sein zweiter Roman zu einem ambitionierten literarischen Werkstück zwischen Roman, Reportage, Sozialstudie und philosophischer Abhandlung. „Das Leben, das man sich schuldig geblieben ist, das ungelebte, das nicht gelebte Leben, das man sich aus diesen oder jenen Gründen aufgespart hat, in jedem Fall aber, um im Bequemen zu bleiben.“

Die Handlung: Elias will nichts mehr zu tun haben mit der Welt der Geschäftigen und Nützlichen. Nachdem er die Schulausbildung abgebrochen hat, dient ihm ein einst von seinem Vater „als Investition gekauftes Zimmer“ als Unterkunft. Das Wenige, was er zum Leben braucht, besorgt er sich in Müllcontainern, Billigläden, von Freunden und Bekannten und aus dem Erlös aus Gelegenheitsjobs. In Elias schlummert der Kern des Aufruhrs und des Widerständigen nicht nur – er versucht aufmüpfig und stur sein „eigenes Reich“ zu errichten. Sich nicht in ein abgesichertes und ungewolltes Leben zu fügen. Elias verlässt sein Zimmer kaum mehr, schläft viel, träumt gern und philosophiert und deliriert Tag für Tag, ohne sich konkreten Zukunftsplänen widmen zu müssen. In seiner Welt bilden Pflicht und Ordnung keine Kategorien, die selbstgewählte Einsamkeit wird nur von den gelegentlichen Besuchen von Carmen, Claudia, Martha und Rosemarie unterbrochen. Das Leben ohne Verpflichtungen, ohne Regeln und ohne feste Bindungen gerät erst durch die zwischenzeitliche Lagerung einiger Marihuanasäcke eines Freundes ein wenig aus den Fugen, da ihm der Verkauf der Marihuanasäcke die Möglichkeit bieten würde, die auf Dauer doch beengte Welt seines Zimmers zu verlassen. „Die Zeit der großen Gruppen war vorbei. Gegnerschaft, Widerstand war nur noch Behauptung des Anders-Seins, einer Unangepasstheit, die man sich zu bewahren suchte.“ Um den Winter in seinem Zimmer gut zu überstehen, verheizt Elias sogar seine Bücher und die Obstkisten, die ihm als Bücherregal dienten. Schließlich nimmt er – ob in den Fieberträumen des schwer erkrankten Romanprotagonisten nur halluziniert oder doch real, lässt der Autor offen – einen Zug Richtung Meer, der ihn aber in ein Skigebiet führt. Nach einer anschließenden Busfahrt über den Grenzpass schlägt sich Elias zu Fuß durch die vereinsamte und unwirtliche Bergwelt, ehe er auf den Spuren einer geheimnisvollen Alten im „Schwarzen Schloss“ landet und damit in der „Obhut“ der Schlossbesitzerin Isabel, die sich als Hirnforscherin vorstellt und als Privatgelehrte erweist.

Goubran schreibt über „Menschen im Übergang, die an den Rändern und im Ungesicherten leben“. Elias, der zeitweise in einer halluzinierten Zwischenwelt agierende Protagonist, ist eine typische Stellvertreter-Figur, die mit dem Leser durch Zeiten und Möglichkeiten reist. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit mehr und mehr, und dem literarischen Exzentriker Goubran gelingt ein gewagter Brückenschlag zwischen Experimentierfreude, Gesellschaftsanalyse und kafkaeskem Schlawinertum.