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Kaleidoskop

irina kilimnik | Kaleidoskop

Dass aus Frank und Mascha ein Paar wurde, verdankten beide einem schlichten Zufall. Zumindest aus Franks Sicht. Mascha dagegen glaubte an das Schicksal, an eine Vorsehung oder wenigstens an eine besondere Sternkonstellation. Ihren Freunden erzählte sie, dass an dem Tag Magie in der Luft lag. Frank dagegen sprach nur von einem nebligen Vormittag. Selbstverständlich hatte Mascha die Initiative ergriffen, wogegen Frank ihrem Annäherungsversuch nicht abgeneigt war. Und selbstverständlich war es dann drei Monate später wiederum Maschas Idee zusammenzuziehen, wobei Frank zum ersten Mal in seinem Leben einer Sache zustimmte, von der er nicht richtig überzeugt war.

 

Die Vorbereitungen für die Einzugsparty verliefen harmonisch. Mascha und Frank arbeiteten Hand in Hand und fanden bei kleinen Streitpunkten immer einen Kompromiss. Wobei Mascha viel mehr Kompromisse als Frank einging. Nur was das Essen anging, blieb sie hartnäckig: Die Küche ist ihr alleiniges Revier und sie duldet keine Mitbringsalate und Aufläufe.

Je näher die Party anrückte, desto mehr verzettelte sich Mascha mit den Gerichten. Ihre orange-rosa-grünen Speisen-Post-its bildeten bereits einen dichten Teppich auf der Kühlschranktür.

„Mit dieser Menge kriegst du halb Deutschland satt“, meinte Frank, „du musst reduzieren.“

Widerwillig entfernte Mascha ein paar Zettelchen, und das Muster lichtete sich. Doch einige Tage später waren die leeren Stellen wieder nahtlos ausgeklebt.

Frank rechnete und kalkulierte, strich einige Speisen aus der Liste und ersetzte Riesengarnelen durch Krabbensalat und Antipasti durch gefüllte Zucchini. Trotzdem stellten ihn die Zahlen nicht zufrieden.

„Ich fürchte, das übersteigt unser Budget“, sagte er zu Mascha und räusperte sich.

Sie lächelte und zauberte aus ihrem Portemonnaie einige 50-Euro-Scheine.

„Ein kleines Geschenk von meinen Eltern zum Einzug. Das wird ausreichen.“ Ihre Augen leuchteten und die kleinen goldenen Ohrringe tanzten an ihren Ohrläppchen wie die Motten ums Licht.

An sich hätte Frank das geschenkte Geld lieber für etwas anderes verwendet, anstatt es, salopp ausgedrückt, das Klo runterzuspülen. Ein Regal fürs Bad zum Beispiel wäre ganz nützlich. Aber er behielt es für sich, denn letztendlich gehörte das Geld Mascha.

 

In der Nacht vor der Party träumte Frank, er müsse noch Bier besorgen. Er durchkämmte einen Laden nach dem anderen und stieß überall auf leere Regale. „Versuchen Sie es mal bei den Russen. Die müssten noch was haben“, riet ihm ein Verkäufer. Als Frank bei den Russen anklopfte, öffnete ein Eisbär. Er trug eine grüne Militärmütze mit einem roten Stern drauf. „Ivan Wasiljewitsch“, stellte sich der Bär vor und bat Frank hinein. „Tee gefälligst?“, fragte er höflich.

„Bier“, sagte Frank.

Ivan Wasiljewitsch öffnete eine Flasche mit den Zähnen und reichte sie Frank. Sich selbst goss er heißes Wasser in ein geblümtes Teekännchen ein.

„Womit kann ich dienen?“, fragte der Bär.

„Ich brauche dringend drei Kisten Bier für morgen.“

„Welche Sorte?“

„Egal.“

„Haben Sie genug Geld dabei?“

Frank öffnete eine mit Rubeln prall gefüllte Sporttasche.

„Hoffentlich werde ich damit die Grenze passieren können“, sagte Ivan Wasiljewitsch und klopfte drei Mal auf den Holztisch. Dann ging er in den Keller und kam mit drei Kisten Bier zurück.

„Brauchen Sie eine Rechnung?“, fragte er Frank.

„Ja, bitte.“

„Mit Stempel?“

„Wenn es Ihnen nicht so viele Umstände bereitet.“

Ivan Wasiljewitsch seufzte und ging wieder in den Keller. Als er zurückkam, trug er einen riesigen Stempel in Matroschka­form bei sich. Er öffnete den Sekretär, zog eine Schublade raus und wühlte in alten Prawda-Ausgaben herum. „Wo habe ich bloß den Quittungsblock abgelegt?“, murmelte er und wühlte weiter. Seine Militärmütze verrutschte dabei und hing nun an einem Ohr. Dann ging er zum Bücherschrank. Eingequetscht zwischen Bulgakows Hundeherz und Derridas De la Grammatologie stand der vermisste Block. „Nichts geht über eine gute Bücherordnung“, lachte der Bär zufrieden. Zum Abschied drückte er Franks Hand und bat ihn, seinen Laden weiterzuempfehlen. „Ich mache gerne Geschäfte mit den Deutschen“, sagte er und schloss die Tür.

Als der Wecker klingelte, blieb Frank noch eine Weile im Bett liegen.

 

Die russischen Gäste kamen pünktlich um vier, legten ihre riesigen Präsentkörbe und Pakete im Flur ab, tranken ein Gläschen Sekt und kamen relativ zügig in Feierlaune. Als eine Stunde später die ersten Deutschen auftauchten, war die Party bereits voll im Gange. Mascha umsorgte alle und schwirrte von der Küche ins Wohnzimmer, um leere Schüsseln und Teller nachzufüllen. Ab und an wurde sie festgehalten und musste mit den Russen einen trinken. Als Frank sich auch nützlich machen wollte, wurde er von Maschas Mutter Ludmilla der Küche verwiesen. „Wir machen das schon“, sagte sie mit einem Lächeln und blieb im Türrahmen stehen. Frank drehte ab. War ihm soeben tatsächlich der Zutritt zu seiner eigenen Küche verwehrt worden und hatte er das klaglos hingenommen wie ein Bauer einen Wetterumschwung?

Im Wohnzimmer wurde die Stimmung immer ausgelassener, je mehr Leergut sich unter dem Esstisch stapelte. Frank setzte sich auf einen Stuhl am Fenster und hörte in das Stimmengewirr hinein. Drei russische Wörter, die er nicht verstand, kamen auf ein deutsches Wort, das er zumeist auch nicht verstand. Dann ließ jemand eine Gabel fallen und für einige Sekunden herrschte vollkommene Stille. Wer dann als Erster wieder zu reden anfing, konnte Frank nicht ausmachen.

Abends, als sie endlich allein waren, vergaß er trotzdem nicht, Mascha einen kleinen Vorwurf zu machen: Du hast doch selber gesagt, dass niemand Essen mitbringen soll, und deine Mutter hat ihre halbe Küche angeschleppt. Doch sie zuckte nur mit den Schultern. Ihre Mutter habe noch nie auf sie gehört und außerdem sei es ja die eigene Familie. Und für die gelten diese Regeln nicht. Beim Einschlafen dachte Frank an Maschas Worte und überlegte, ob er seine Verwandten und den Rest der Welt auch mit zweierlei Maß maß.

 

Beim nächsten Mal traf Frank Ivan Wasiljewitsch bei der Schwanensee-Aufführung im Bolschoi-Theater. Sie hatten Logenplätze und teilten sich ein Binokel. Der Bär ächzte bei jeder Ballettpirouette und klatschte vergnügt in die Pfoten.

„Was für eine Grazie“, flüsterte er Frank ins Ohr, „so etwas kriegen Sie nicht mal in Paris zu sehen.“

In der Pause stießen sie mit Krimsekt an.

„Auf die Toleranz!“

„Auf den Frieden!“

„Auf die schönen Frauen!“

„Auf die Freundschaft!“

Dann läutete der Gong.

Im zweiten Teil kuschelte sich der Bär an Franks Schulter und seufzte tief. Am Ende der Vorstellung war Ivan Wasiljewitsch tief gerührt und hatte Tränen in den Augen. Er umarmte Frank und drückte ihn fest an sich. Sein Fell duftete nach frisch geernteten Äpfeln und gerösteten Haselnüssen.

„Auf bald“, sagte Ivan Wasiljewitsch und stieg in eine rote Limousine.

 

Einige Tage, nachdem sie zusammengezogen waren, begann Mascha täglich mit ihrer Mutter zu telefonieren. Manchmal lauschte Frank den Mutter-Tochter-Gesprächen in der Hoffnung, irgendein Wort zu erhaschen, und um zu erfahren, ob sie auch über ihn redeten. Doch Sprachen gehörten nicht zu seinen Stärken und mühsam erlernte russische Wörter zerfielen in seinem Kopf innerhalb einer bemerkenswert kurzen Halbwertszeit.

Einige Wochen, nachdem sie zusammengezogen waren, begann Ludmilla, ihr selbstgekochtes Essen vorbeizubringen. Als Frank Mascha zur Rede stellen wollte, rechtfertigte sie sich mit ihrer Diplomarbeit, die sie gerade fertig schrieb, und meinte zudem, ihre Mutter mache es gerne und Frank solle deshalb kein schlechtes Gewissen haben.

Schlechtes Gewissen hatte Frank ganz und gar nicht. Er wurde nur das Gefühl nicht los, Mascha handele hinter seinem Rücken. Aus Protest aß er an manchen Tagen nur Brot mit Käse und ließ Ludmillas Sachen unberührt stehen.

 

Als Frank und Mascha zur Verlobungsfeier von Maschas Cousine eingeladen wurden, klärte sie ihn über ein paar Eigenheiten auf. Zum Beispiel durften keine Fotos von Verlobten gemacht werden, bevor ihre Cousine nicht den Ring angesteckt bekäme. Oder warum unter der Tischdecke Geldmünzen liegen würden und wieso man sein Glas nach jedem Toast immer leer trinken müsse. Und so weiter. „Ich hoffe, du glaubst nicht wirklich daran?“, fragte er, als sie fertig war. „Das ist doch reiner Aberglaube.“

Mascha schwieg beleidigt und Frank dachte über die kulturellen Eigenheiten nach und darüber, dass sie für eine gelungene Integration sicherlich ein Hindernis waren.

 

Pünktlich um drei versammelten sich die Gäste in einer extra zu diesem Anlass angemieteten Halle, die mit Luftballons und künstlichen Blumen geschmückt war. Ordnungskärtchen gab es keine, und bis jeder einen Platz gefunden hatte, dauerte es eine ganze Weile. Neben Frank saß Maschas wortkarger Onkel, der sich dauernd Wein einschenkte. An seiner Stuhllehne hing eine große Umhängetasche.

„Er hat immer sein Schachbrett dabei“, flüsterte Mascha Frank ins Ohr.

Nach einem kurzen Hin und Her fing man zu essen an und zu der bereits herrschenden enormen Lautstärke kam noch das Klirren der Gläser und das Klappern des Bestecks hinzu. Kaum war auf Franks Teller eine freie Stelle sichtbar geworden, reichten ihm die Frauen sofort zahlreiche Schüsseln rüber, damit er sich einen Nachschlag holte. In der Pause zwischen den Hauptspeisen und den Desserts blieb Frank auf seinem Platz sitzen, während Mascha irgendwo in der Halle verloren ging. Vereinzelt kam Maschas Verwandtschaft zu ihm rüber und erkundigte sich nach ihrem Zusammenleben und wann denn er und Mascha heiraten wollten. Frank antwortete ausweichend und fühlte sich in die Enge getrieben. Als Maschas Onkel ihn zu einer Partie Schach einlud, war er erleichtert.

Sie spielten zwei Partien und Frank verlor beide.

„Machen Sie sich nichts draus“, ein älterer Herr in Uniform klopfte Frank auf die Schulter. Er trug eine Militärmütze, die Frank irgendwie bekannt vorkam. „Er hat noch nie verloren. Viele sagen, seine Figuren sind verzaubert.“

„Ach so“, sagte Frank.

„Sie glauben wohl nicht daran?“

„Sie etwa?“

„Junger Mann, wir haben viele seltsame Dinge in Russland erlebt und diese Schachfiguren würde ich nicht mal dazuzählen.“ Dann ging er beleidigt.

 

Der Mond, der in Franks karge Gefängniszelle leuchtete, war fast rund. Die Nacht war klar, ein kalter Luftstoß ließ ihn erschaudern. Frank wollte aufstehen, doch seine Fußkette war zu kurz. Es muss etwas Schlimmes passiert sein, dachte er und hörte laute Schritte vom Gang kommen.

„Der hat mir die falschen Rubel untergejubelt.“ Ivan Wasiljewitsch stand neben einem hochrangigen Offizier und zeigte auf ihn mit seiner Pfote. „Bier wollte er haben, für eine Party“, fügte er noch hinzu. Der Offizier musterte Frank mit seinen kalten blauen Augen.

„So, so“, sagte er schließlich, „denkst wohl, du bist hier der Klügste?“

„Ich habe nichts getan“, schrie Frank, „das Geld war echt!“

„Du gibst also zu, unseren Beamten Ivan Wasiljewitsch bestochen zu haben?“

„Nein!“, schrie er erneut, „ich habe doch nur für das Bier bezahlt.“

„Morgen wirst du ins Lager gebracht“, sagte der Offizier.

„Gute Arbeit, Ivan Wasiljewitsch “, gratulierte er dem Bären.

„Sluzhu Sovetskomu Sojuzu“, salutierte der Bär. „Das heißt ‚Immer im Dienste der Sowjetrepublik‘“, übersetzte er für Frank.

„Lasst mich hier raus!“ Frank schrie und versuchte wieder aufzustehen. Doch die Fußkette warf ihn nach hinten. Als er den Kopf anhob, sah er den Lauf eines Revolvers auf sich gerichtet. Der Offizier drückte ab und Frank kniff die Augen zusammen. Ivan Wasiljewitsch lachte vergnügt.

 

„Meinst du, die Hose ist nicht zu eng?“ Mascha stand bereits eine geschlagene Stunde vor dem Spiegel und probierte ihre gesamte Garderobe durch. Sie drehte sich nach links und rechts, zupfte an ihrem Oberteil und verzog nach jedem Outfitwechsel den Mund.

„Hauptsache, du fühlst dich wohl“, sagte Frank.

„Ich werde mich erst nach der Prüfung wohlfühlen.“

„Dann ist es egal, was du anziehst.“

„Nein, ist es nicht.“ Sie zog wieder das Kleid von vorhin an. „Wenn ich bis morgen noch zwei Kilo abnehme, kann ich so gehen.“ Dann klingelte das Telefon.

„Mutter?“, fragte er, als sie zurückkam.

„Wer sonst“, sagte Mascha und zog sich wieder um.

 

Vor dem Zubettgehen legte sie ihre Lehrbücher unters Kissen.

„Kriegst du davon nicht Kopfschmerzen?“, fragte Frank.

„Wenn du es nicht verschreist …“

Er drehte sich auf die andere Seite. Soll sie machen, was sie will.

Morgens beim Frühstück sagte sie kein Wort und nippte nur an ihrem Tee. Als Frank ihr einen Kuss geben wollte, drehte sie den Kopf weg.

„Was ist los?“

„Du bist mir keine große Hilfe“, sagte Mascha, „ich habe jetzt tatsächlich Kopfschmerzen.“ Sie tat so, als wäre es Franks Schuld.

„Tu mir bitte den Gefallen und kommentiere wenigstens heute nichts, was ich mache. Das wäre mir eine große Hilfe.“ Sie hatte Tränen in den Augen, und Frank entschuldigte sich sofort, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.

Den ganzen Vormittag ging er ihr aus dem Weg und erst, als sie fertig angezogen an der Tür stand, kam er raus.

„Sagst du mir nichts zum Abschied?“, fragte sie.

„Sag mir, was ich dir sagen soll, ich will keinen Fehler machen.“

Sie lächelte. „Sag: Scher dich zum Teufel.“

Er wiederholte ihre Worte.

Als Mascha die Tür hinter sich schloss, klopfte Frank vorsichtshalber dreimal aufs Holz. Damit nichts schief geht.