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Leere Hände

helwig brunner | Leere Hände

Über Dichtung und Wahrheit - und den Zweifel an beidem

Unlängst, als ich wieder einmal mit leeren Händen dastand, habe ich ein Gedicht gelesen und eines geschrieben. Das wäre nun nicht weiter erwähnenswert, wenn es nicht Ausgangspunkt der nachfolgenden Darlegungen wäre, die auf beides, nämlich auf das Lesen und Schreiben von Gedichten, ein durchaus zweifelhaftes Licht werfen.

Nach meinen persönlichen Kriterien handelt es sich bei jenen zwei Gedichten, dem gelesenen und dem geschriebenen, um wohlgeratene Vertreter ihrer Gattung. Das will in etwa heißen: Ich sehe in ihnen jene Art von dicht gebündelter Sprache am Werk, die radikal über den Wortlaut des Geschriebenen hinausweist – etwa im Sinn des spanischen Lyrikers José Ángel Valente, der da meinte, das poetische Wort beginne an dem Punkt, an dem das Sagen unmöglich wird. Dinge dieser Art passieren manchmal in Gedichten, oder sie passieren nicht. Man kann sie nicht machen, sondern nur lesend beziehungsweise schreibend die Voraussetzungen dafür schaffen. Den Rest erledigt die Sprache; man sieht ihr staunend dabei zu und hat plötzlich etwas in der Hand, dem man Bedeutung beimisst und Bestand zutraut.

Gelesen oder geschrieben zu haben, was man für ein gelungenes Gedicht hält, sollte Grund genug für ein temporäres Gefühl der Zufriedenheit sein. Dieses stellt sich auch tatsächlich ein Stück weit ein; doch irgendwo in mir gibt es, sagen wir, ein gallisches Dorf, ein unbeugsames Widerstandsnest, das gegen die aufkommende Zufriedenheit rebelliert. Bewohnt wird es von einem eingeschworenen Rudel renitenter Gestalten, die sich stolz Zweifel nennen. Getrieben von schierer Besessenheit rennen sie die Zufriedenheit, von der sie sich feindlich belagert sehen, im Handumdrehen nieder. Allen voran stürmt der schnauzbärtige Dekonstruktix, der die Sprache mit flinker Handkante in ihre Bestandteile zerlegt und sie, schlau wie er ist, als syllabischen Modellbaukasten mit manipulierter Bastelanleitung entlarvt. Gleich nach ihm marschiert der breit gebaute Philosophelix, der dem Vernehmen nach einmal in den Kessel des Weltwissens gefallen ist – wo immer er jetzt mit der Wahrheitskeule hinschlägt, wächst kein Gras mehr. Mit ihm zieht sein Sprössling Wittgensteinix in die Schlacht, der plärrt, der Dorfbarde Truelyrix solle gefälligst die Klappe halten und über alles schweigen, worüber nicht gesprochen werden könne. Und dann kommt auch schon Unzufriedefix dahergehechelt, der kleine Köter, der mir immer ans Bein pinkeln wird, solange Lyrik im Allgemeinen auf dem Literaturmarkt marginalisiert bleibt und meine eigenen Gedichte im Speziellen nicht bei Suhrkamp oder Hanser erschienen sind. Alle diese Zweifelixe lassen Truelyrix, den Barden, mit seinen unermüdlichen Gesangsversuchen recht kläglich dastehen, obwohl er doch seiner Herkunft nach selbst einer von ihnen ist.

Bald sehe ich mich nicht nur jeder Zufriedenheit beraubt, sondern auch des vermeintlichen Wissens darüber, was gute Lyrik können kann und wer ich als Lyrikleser und Lyriker eigentlich bin. Plötzlich weht mir aus dem Diktum Michael Hamburgers, wonach Gedichte in das sonst nicht Sagbare eindringen wollen und sollen, nur noch Lächerlichkeit oder wenigstens Vergeblichkeit entgegen, denn das Hilfsverb »können« fehlt darin bezeichnenderweise. Plötzlich scheinen mir nicht die Zweifel, sondern die Lyrik selbst Ausdruck einer Besessenheit zu sein. Plötzlich zerfallen die Wörter, die Worte, die Verse vor meinen Augen und bröseln sinn-
entleert vom Papier oder vom Bildschirm herunter. Was nun Platz greift, ist eine existenzielle Verunsicherung etwa in der Art, wie Gottfried Benn sie in seiner Novelle Der Geburtstag beschreibt: „Aber über allem schwebte ein leise zweifelndes Als ob.“ Man liest ein Gedicht, als ob darin eine Wahrheit festgemacht wäre. Man schreibt ein Gedicht, als ob darin eine Wahrheit festzumachen wäre. Und so weiter.

Was wären Gedichte ohne Zweifel? Aber auch: Was wären Zweifel ohne Gedichte? Das eben noch gefühlte Gewicht einer Wahrheit, eines Wahrheit enthaltenden Sprachgebildes, verflüchtigt sich und ich stehe mit leeren Händen da –
wohl die beste Voraussetzung dafür, wieder ein Gedicht zu lesen und eines zu schreiben.