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Nagende Gewissheiten

werner schandor | Nagende Gewissheiten

Wir stehen auf unsere Zweifel.

Der Kabarettist Josef Hader sagt von sich, dass er besser im Zweifeln ist als darin, Überzeugungen zu verbreiten. Ein guter Mann! Seine Aussage unterschreiben wir gerne. Für manche sind die Heilsversprechungen von Jesus Tatsachen, andere stellen die Existenz des Messias rigoros in Frage, und wieder andere glauben die Dinge erst, wenn sie auf Wikipedia nachzulesen sind. Gerade Letzteres ist eine trügerische Gewissheit, wie Ernst Kilian in seinem Essay Zweifellos ist ein hoher Berg nachweist, den wir an den Anfang unseres umfangreichen Zweifel-Heftes gestellt haben.

Von zweifelnder Selbstsuche über unangebrachtes Misstrauen bis hin zu den philosophischen Kniffen des gehobenen Zweifelns, festgemacht am guten alten Neffentrick, reichen die Zugänge, von denen her sich Harald A. Friedl, Hans Durrer und Michael Helming dem Thema nähern. Aber auch die nagenden Gewissheiten unseres wirtschaftlichen Gefüges werden im Heft thematisiert: Doris C. Mandel als Betroffene der deutschen Hartz-IV-Schikanen wirft einen Blick auf den Krieg, den das System gegen die Armen führt, während Bernhard Horwatitsch daran erinnert, auf welch subtil humorvolle Weise in der frühen Neuzeit Alchemisten nach ihrer Enttarnung als Scharlatane zu Tode gefoltert wurden, während heutige Finanzscharlatane einfach mit saftigen Boni davonkommen.

„Im Zweifel für den Angeklagten“, lautet der vielleicht bekannteste Rechtsgrundsatz unseres Justizsystems. Wie schwierig dieser Grundsatz in der Realität umzusetzen sein kann, weiß Heike Stuckert, die es gleich bei ihrem ersten Einsatz als Schöffin am Münchner Jugendstrafgericht mit einem geistesgestörten Mörder zu tun bekam. Nikola Henze dagegen kontrastiert in Conversation with the Beast die Beklemmung, die Natascha Kampuschs Leidensgeschichte bei ihr verursachte, mit der psychisch zermürbenden Vorverurteilung von Männern, denen Sexualdelikte vorgeworfen werden. – Eine zweifelhafte Gegenüberstellung?

Wie schön es sich zweifeln lässt, belegen im vorliegenden Heft nicht nur manche der ausgewählten literarischen Beiträge, sondern auch die Texte über Literatur, die uns Helwig Brunner, Katharina Körting und Dirk Werner zukommen haben lassen. Und ganz besonders Stefanie Lehrners erfrischende Geschichten vom Drachendreck, in denen es um die fungösen Aspekte des Zweifels geht. Die Autorin wird darin dem Kompliment „Ich mag deine Zweifel“, mit dem sie bereits konfrontiert wurde, zweifellos gerecht.

 

Nochmals zur Literatur: Deike Lautenschläger, Irina Kilimnik, Sabine Haupt, Thomas Ernst Brunnsteiner, Selim Özdogan, Michael Bauer und Jonis Hartmann haben uns hervorragende Texte geschickt, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen. Überhaupt haben wir derart viele herausragende Literaturbeiträge zugesandt bekommen, dass uns die Entscheidung, welche wir ins Heft aufnehmen sollen, sehr schwer fiel. Und weil es zudem noch mehr lesenswerte Literatur gibt, hat das vorliegende Heft einen umfangreichen Rezensionsteil, an dem sich die sanfte Adaption unseres bewährten Layout durch den Grafiker Michael Neubacher vielleicht am deutlichsten zeigt. Die Kunstseiten wiederum wurden diesmal vom Zeichner Helmut Kaplan gestaltet, einem der Gründungs- und Kernmitglieder des Grazer Künstlerkollektivs Tonto.