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Rezensionen der Ausgabe 27 - zweifelhaft

Grazer Spaziergänge

Bart Moeyaert führt seine Hauptfigur auf den Weg zu sich selbst.

Bart Moeyaert: Graz. Novelle

Graz, das ist die Menschenrechtestadt mit Punks, die von überall vertrieben werden, und mit Bettlern, denen das Betteln verboten wird (bis der OGH eingreift), Graz ist City of Design mit Plätzen im Stadtzentrum wie dem Andreas-Hofer-Platz, an dem städtebauliches Design seit Jahrzehnten versagt, Graz hat keine U-Bahn und ein völlig überholtes Straßenbahnnetz, diskutiert dafür jeden Sommer eine Seilbahn entlang der Mur, Graz i... lesen


Vom Vergeben und Entkommen

In Elke Laznias Prosadebüt tun sich viele dunkle Seiten auf.

Elke Laznia: Kindheitswald. Roman.

Elke Laznia hat sich in ihrem beeindruckend-bedrückenden Debüt kindheitswald bekannter und in der österreichischen Literatur sehr beliebter Leitmotive angenommen: der Auseinandersetzung mit Familie, Heimat und Kindheit, ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und geographischen Verortung. Die unerbittliche Klarheit und verstörende Kompromisslosigkeit, mit der Laznia den dunklen Geheimnissen und bleibenden Verletzungen einer gewaltt... lesen


In dubio contra

Christoph Dolgan hat ein großartiges Buch geschrieben und möchte das nicht überbewerten.

Christoph Dolgan: Ballastexistenz.

Im Herbst werde sein erstes Buch erscheinen, sagte Christoph Dolgan, als wir uns vor knapp einem Jahr getroffen haben. Nachsatz des Jungmeisters selbstzweifelnden Understatements: Er sei aber nicht völlig zufrieden damit. Von wegen! – Ballastexistenz , im Herbst 2013 im Literaturverlag Droschl erschienen, ist ein grandioses Debüt. Es erzählt aus der Perspektive eines Heranwachsenden vom Elend des Alkoholismus, der nicht nur die... lesen


Kafkaeskes Schlawinertum

Alfred Goubran, der große Unangepasste, pflegt einmal mehr sein Faible für den unkonventionellen Blick.

Alfred Goubran: Durch die Zeit in meinem Zimmer. Roman.

Alfred Goubran, als Verleger, Essayist, Übersetzer, Singer/Songwriter und Autor seit jeher ein Unangepasster mit einem Touch Exzentrik und dem Blick für das Unkonventionelle, hat mit seinem zweiten Roman Durch die Zeit in meinem Zimmer ein ebenso artifizielles wie amüsantes Kunstwerk geschaffen, ein mitunter irrlichterndes Gedankenspiel gegen alle Lese- und Denkgewohnheiten. Bei Goubran muss man stets gewärtig sein, dass Geschicht... lesen


Im Ausgedinge

Daniel Wisser widmet sich in seinem neuesten Werk ganz besonderen geschützten Arbeitsplätzen.

Daniel Wisser: Ein weißer Elefant. Roman.

Es scheint, als ob Daniel Wisser an einer Bestandsaufnahme der modernen Arbeitswelt arbeitet. Nach seinem Roman Standby aus dem Jahr 2011, der sich „der Künstlichkeit unseres Alltags, der Alltagsabläufe, der Berufsabläufe, der Abläufe in einem Büro“ (Franz Schuh am Umschlagtext des Buches) annahm und dessen in einem Call Center tätiger Protagonist unter klassischer Entfremdung leidet und dennoch unter Groll und mit ständig w... lesen


Die Bewegung?

Die Bewegung zur Musik!

Paul Divjak: Das war Pop

Es gab da ja mal die Erzählung vom großen Sell-out: Eine irgendwie vitale, nicht ausschließlich kommerziell orientierte musikalische Formensprache nebst einer Szene drumrum würde in einer Nische der Gesellschaft fröhlich vor sich hin existieren. Dann käme das Big Label und fütterte ein paar Künstler an. Deren Mucke würde nun immer verwässerter, inhaltsloser, marktgängiger. Gleichzeitig würden die Symbole und der Lifestyle de... lesen


It’s only Rock’n’Roll

Das wundersame Leben als Rockmusiker.

Boris Bukowski: Unter bunten Hunden.

Als Laie stellt man sich das Leben als Rockmusiker oft als die ins Extrem getriebene Form der Freizeitgestaltung vor. Lang schlafen, dazwischen ein wenig Zeit an Klavier oder Gitarre verbringen, kurze Aufmerksamkeitsspannen und zum Friseur muss man auch nur alle halben Jahre mal. Rockmusiker sind die Professionalisten der Freizeitgestaltung. Aber denkste. Wer sich schon mal mit den Terminplänen und den Flugzeiten von Musikern auf Tourn... lesen


In die Vollen

Thomas Antonic & Janne Ratia: Der Bär im Kaninchenfell. Das unmögliche Leben des Thomas A. J. Ratia

Fortsetzung der Rezension " It's only Rock'n'Roll " Ganz anders geartet ist  Der Bär im Kaninchenfell . Die fiktive Biographie des Thomas A. J. Ratia langt in die Vollen. Zudem scheint es gegenwärtig unter jungen Germanisten modisch zu sein, fiktive Spielchen mit dem eigenen Namen zu inszenieren (siehe dazu auch die Rezension zu Gerald Linds  Zerstörung  in diesem Heft). Wo Lind aber den komplett hypertrophen Weg einschl... lesen


Barbarellas Puppen

Das Schöne allein bringt uns nicht weiter.

Gundi Feyrer: Das Rauschen der Tage. Phantastische Geschichten und anderes Irren.

Gundi Feyrers neues Buch Das Rauschen der Tage umfasst zwei Teile, deren Titel bereits auf ihren Charakter verweisen: Da haben wir einerseits Phantastische Geschichten und andererseits Noch mehr irren . Es geht hier also um Übersteigerungen, um Fehlgänge und Verwunderliches. Dabei sind es Themen wie das Alter, Beziehungen, Nichtbeziehungen etc., die hier verhandelt werden: Eigentlich wird nur Alltägliches beschworen. Doch F... lesen


Mit der Wucht einer Turbinenhalle

Zu Ute Eisingers Gedichtband „Dichte Kerne“.

Ute Eisinger: Dichte Kerne.

Bei Baudelaire war es (im Eröffnungsgedicht der Blumen des Bösen ) die Langeweile, über die der Bund mit dem Leser geschlossen werden sollte. Sie bezeichnet da die Haltung des Dandys und gleichsam – paradox? – die Bedrohung der Poesie, der Kunst überhaupt. Rund eineinhalb Jahrhunderte später ist die Poesie gefährdet genug, Ute Eisinger braucht nicht zu kokettieren, ihr Ernst – vom ersten Vers an – ist schlicht und do... lesen


Der Lind, der lacht

Ein Autor im Spiegelkabinett des Dekonstruktivismus.

Gerald Lind: Zerstörung.

Gerald Linds Buch Zerstörung besteht, neben Einsprengseln, aus einer Sammlung fiktiver Sekundärmaterialien zu einem Buch namens Zerstörung eines fiktiven Autors Gerald Lind. Dieses Buch hat, wie das real vorliegende, zum wesentlichen Gegenstand die Selbstverortung des fiktiven Autors in der Tradition von David Foster Wallace, dann das kalkuliert Pampige, Gerngroße, Fadenscheinige dieser Selbstverortung, schließlich ihre bruchlos... lesen


Medea und Kolleginnen

Kindesmord von 1787 bis in die Gegenwart.

Sophie Reyer: Marias. Ein Nekrolog.

Sophie Reyer kompiliert in ihrer jüngsten literarischen Publikation Marias. Ein Nekrolog verschiedene literarische Quellen, Kataloge und Gutachten von sogenannten Kindsmörderinnen: Dokumente aus Frauen-Dokumentationszentren, Kriminalmuseen, Haftanstalten und der „hohen Literatur“. Reyer entwickelt daraus eine auf mehreren Ebenen arbeitende Prosa, die sprachlich formal konsequent und genau ausgeführt Perspektiven auf Medea und i... lesen


Blühende Erdbeeren

Wenn Menschen das Weite suchen.

Birgit Pölzl: Das Weite suchen. Roman.

„Die Erdbeeren blühen“ – dieser Satz kehrt wieder in Birgit Pölzls jüngstem Roman Das Weite suchen und hat eine ähnliche Wirkung wie Kerzen und Gaslampen anstatt Strom und Feuer im Kamin: Die Menschen werden wehmütig, wenn sie daran erinnert werden, was ihnen manchmal fehlt. Und so kann man wieder einen Roman lesen, in dem es wieder einmal wieder ein paar junge Menschen mit dem „einfachen, reduzierten“ Landleben aufnehm... lesen


Dem Abgrund nah

Über unerwiderte Liebe und rasende Leidenschaft.

Elmar Mayer-Baldasseroni: Die Hinrichtung. Roman.

Bei einem ersten kurzen Blick auf das Cover dieses Romans von Elmar Mayer-Baldasseroni könnte man fast meinen, es handle sich um einen Psychothriller: ein glühend rot-gelbes Herz auf schwarzem Grund, darunter der vielsagende Titel: Die Hinrichtung . Was auf den nächsten 224 Seiten folgt, ist jedoch kein Psychothriller im klassischen Sinne. Auch die Erwartung einer grausamen Hinrichtung wird enttäuscht: keine Schüsse, kein Köpfero... lesen


Revolte im Krankenhaus

Eine Fantasie mit fließenden Grenzen.

Kerstin Kempker: Die Erfüllung der Wünsche. Eine Übung. Roman:

Der Schauplatz: ein Krankenhaus mit dem für sich sprechenden Namen „Moribundes“. Die Erzähler: eine berichtende Instanz, die die relevanten Schauplatzstationen und das Geschehen näher beschreibt. Eine Ich-Erzählerin, die nach einer Untersuchung einen Befundbrief besagten Klinikums erhält. Und dann noch eine zweite Ich-Erzählerin; eine aufgrund ihrer Fast-Kahlheit offenbar krebskranke Patientin, die sich gemeinsam mit anderen K... lesen


Generationen

69 Weltgeschichten und ein Ameisenbär in Manfred Chobots neuem Erzählband.

Manfred Chobot: Mich piekst ein Ameisenbär. Weltgeschichten.

Schon der Titel Mich piekst ein Ameisenbär verrät unverhohlen, dass da Skurriles und Witziges auf uns warten. Den Anfang macht eine Geschichte über einen ungewöhnlichen Weltreisenden, der „eine Rundreise um die halbe Welt“ unternimmt, aber kaum Geld mit dabei hat. Der Ich-Erzähler nimmt sich seiner beratend an und erfährt andererseits immer mehr Details aus dem Leben des Reisenden, der Hilfsarbeiten bei der Post verrichtet, z... lesen


Geht runter wie Bier

Ein liebenswerter Loser und ein subversiver Heimatzugang.

Andrea Stift: Wilfert und der Schatten des Klapotetz. Ein Südsteiermark-Krimi.

Regionalkrimis stehen derzeit hoch im Kurs. In ihnen verbindet sich das Bedürfnis nach dem guten alten Heimatgefühl, das realiter dem Zerbröseln ausgesetzt ist, mit jenem nach einer – meist als Detektiv oder Kommissar auftretenden – markanten Persönlichkeit, die unter den weichgespülten Charakteren, die unsere flexible Dienstleistungsgesellschaft hervorzubringen genötigt ist, ebenfalls dem Aussterben geweiht und daher als lite... lesen


Direkt vom Herzen

Bettina Messner räumt mit dem Patriarchat auf.

Bettina Messner: Senta bremst ein. Erzählungen.

Brennend heiß unter den nackten Füßen: Das ist der Strand, an den sich Bettina Messner erinnert. Das und anderes - Hauptsache kein Hohlkreuz. Über kulinarische Schwierigkeiten mit Mutter und Großmüttern, Probleme mit Männern, die dann doch nicht passen, obwohl sie nicht geschieden sind, keine Kinder haben und keine lästigen Ex-Frauen. Er hätte der Richtige sein können, denn er war passend, aber lieben - das ist dann doch etwas... lesen