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Vom Vertrauen

hans durrer | Vom Vertrauen

Es beginnt beim Flughafentaxi

Das Weltbild der Juristen gründet auf der Vorstellung, dass man den Menschen nicht trauen kann. So recht eigentlich sind es nicht nur Juristen, die so denken, die meisten Menschen denken so, doch den Juristen ist eingefallen, daraus ein Geschäftsmodell zu machen, das dazu beiträgt, die Beziehungen der Menschen untereinander zu vergiften.

Ich trage diesen Virus, dass man den Menschen nicht trauen kann, auch in mir. Den lieben Nachbarn nicht, Fremden schon gar nicht und Fremden in einem anderen Land schon überhaupt gar nicht. Das fängt schon beim Flughafentaxi an. Sicher wird der mich übers Ohr hauen, mich womöglich mit Kollegen, die schon auf uns warten, ausrauben, mir vielleicht sogar was antun. Mir ist das zwar noch nie passiert, anderen aber eben schon, ich habe davon gelesen. Dass es mir noch nie passiert ist, heißt ja nicht, dass es mir gar nie passieren könnte. So denke ich. Vor allem in Ländern, in denen ich noch nie war. Obwohl, auch da ist mir bisher noch nichts passiert.

Dass jemandem zu vertrauen, den man nicht kennt, ziemlich naiv ist, das weiß jeder. Weshalb denn auch wohlmeinende Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben, niemals mit einem Onkel mitzugehen, den sie nicht kennen. Obwohl man aus der Kriminologie weiß, dass die meisten Missbrauchsdelikte an Kindern von Bekannten begangen werden und man daraus so recht eigentlich folgern sollte: Geh nie mit einem Onkel mit, den du kennst!

Mich stört mein latentes Misstrauen. Weil ich damit vielen Menschen Unrecht tue. Das beschämt mich. Dazu kommt, dass ich selber erwarte, dass man mir vertraut. Da das alles nicht so recht aufgeht, versuche ich Gegensteuer zu geben. Das kostet zwar Überwindung, ist aber nötig.

Letzthin in Panama-Stadt: Das Futter meines Rucksacks ist gerissen, es muss genäht werden, ich erkundige mich bei einer Hotelangestellten, wo ich einen Schneider finden könne. Auf ihrem Heimweg komme sie bei einem vorbei, sagt sie und bietet mir an, den Rucksack mitzunehmen und mir am nächsten Tag zu retournieren. Kann ich ihr trauen, wird sie ihn mir wirklich morgen wieder zurückbringen? Ich entscheide mich, es zu wagen ... und werde nicht enttäuscht.

Ein paar Tage später im kolumbianischen Barranquilla: Die Schuhmacherwerkstatt besteht aus einer Kiste mit diversen Werkzeugen, steht am Straßenrand und wirkt wenig vertrauenerweckend. Ich möchte den Riemen an meinen Sandalen etwas enger haben, der Schuhmacher brummelt etwas Unverständliches vor sich hin, reißt kräftig am Riemen, löst ihn von der Sohle ... Ich will gerade eingreifen, denn was der Mann da macht, ist genau, was ich nicht will, doch ich halte mich zurück, schließlich verstehe ich vom Schusterhandwerk so ziemlich gar nichts, und beschließe stattdessen, darauf zu vertrauen, dass der Mann sicher weiß, was er tut. Und genau so ist es dann auch.

 

Es versteht sich, sowas kann natürlich auch in die Hosen gehen: Unvergesslich der Holländer in Bangkok, der seine exquisiten Lederstiefel bei einem Straßenschuhmacher mit Gummi besohlen lassen wollte. Der Schuhmacher, der englischen Sprache unkundig, betrachtete den einen Stiefel und riss kurzerhand die Sohle vom Schaft. Der Holländer, des Thailändischen nicht mächtig, blickte entgeistert auf das, was gerade noch sehr schöne Stiefel gewesen waren ... und brach in kaum mehr zu bändigendes Lachen aus.