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Wer soll ich sein wollen?

harald a. friedl | Wer soll ich sein wollen?

Die Suche nach Selbst-Gewissheit als postmoderne Odyssee.

Kärnten ist ein unvergleichlich schönes Urlaubsland mit perfekter Kulisse: Seen, Berge, Buschenschänken und Kasperltheater. Für genießende Gäste am schönsten ist jedoch die Freiheit wieder heimfahren zu können, denn wer lebt schon gerne dauerhaft unter bissigen Krokodilen, hinterlistigen Dieben und grinsenden Seppln? Wem aber der Rückzug ins Zuhause jenseits von Großglockner oder Pack verwehrt ist, dem bleibt nur die rechte Heimat einer braunen Tracht, die windige Karriere als Analakrobat oder die linke Nischenexistenz als Narr. Die großzügige Ausstattung meiner Familie mit rechten Persönlichkeiten hielt sich mit der Zahl der professionellen Anpassungskünstler die Waage, wodurch mir nur der dritte Weg als Idiot blieb. Als solcher pflegte ich während meiner späten Teenager-Jahre mein Glück darin zu finden, die Schönheiten Kärntens mit den Feriengästen zu teilen: Ich liebte die goldüberfluteten Spätnachmittage im Klagenfurter Strandbad, wo ich mit sehnsüchtigem Blick und stockendem Atem den berauschenden Urlauberinnen nachträumte. Sobald aber meine Bikini-Götzen hinter den Kärntner Horizont verschwunden waren und mich der entfesselten Vorstellungskraft meiner Träume auslieferten, vermochte ich diese Leidenschaft bis zur Ekstase zu transzendieren: In meiner Wahrnehmung all dieser deutschen, italienischen, französischen und sonstigen außer-karantanischen Mädchen erfuhr ich die fleischgewordene Erlösung aus meiner Kärntner Spinner-Nische inmitten prinzipientreuer Ewiggestriger und unbeugsamer Besserwisser. Denn meine Träume öffneten mir – wenigstens kurzfristig – ein Fenster zu einer besseren Welt, zu Gefühlen der Befreiung und Flucht. Im Glanz meiner phantasierten Lichtgestalten meinte ich das einzig Wichtige im Leben zu erkennen, und dies mit solcher Klarheit, wie ich sie niemals mehr erlebt hatte, die Gewissheit, nur anders werden zu müssen als „die da“. Ich wusste, ich wollte einfach nur raus aus diesem Kärnten, wo die Fremden „Urlaub bei Freunden“ machten. Ein anderer woanders sein, wer auch immer, wo auch immer.

 

Heile Haut

Zu reisen war zu den meisten Zeiten der Vergangenheit ein gefährliches Unterfangen. Darum wurde nach einer alten persischen Weisheit als das Beste, das man von einer Reise zurückbringen könne, die heile Haut betrachtet. Eröffnete sich doch außerhalb der schützenden vier Wände und des vertrauten Dorfes eine unkontrollierbare Welt mit anderen Regeln, die einen selbst zum Fremden machte – zum beziehungs-losen Vogelfreien. Wer darum aus wirtschaftlichen oder familiären Gründen reisen musste, schloss sich einer Karawane an, einer großen Reisegesellschaft, die gleichsam ein mobiles Dorf als Bollwerk gegen menschliche und natürliche Gefahren bildete. Erst durch die imperiale Ausdehnung westlicher „Normalität“ und damit der Globalisierung von europäischer Vertrautheit, Sicherheit und Richtigkeit über die gesamte Erde in Gestalt des Kolonialismus streifte die domestizierte Fremde ihren Nimbus als existenzielle Bedrohung ab und kleidete sich ins exotische Gewand der lustvollen Verlockung. Ihre habituelle Ausprägung fand diese reizvolle Fremde im Tourismus, jener ansteckenden Kulturtechnik des Konsums reizvoller Sphären im Korsett westlicher Militär- und Zivilisationsdominanz bei besserem Wetter und mit Dusch-Garantie. Unter diesen versicherten Umständen wird der Begriff einer „Abenteuerreise“ zum Paradox, weil sich ein Abenteuer durch unkalkulierbare Risiken definiert. Eine gebuchte Abenteuerreise hingegen ist der garantierte Service einer professionell inszenierten Illusion von prickelnden Gefahren über unsichtbaren, dicken Sicherheitsnetzen: ein Abenteuer-Bühnenspektakel mit integriertem Publikum als Statisten. Wer heute reist, darf vertragsgemäß nicht scheitern. Was aber hilft die Rückkehr mit heiler Haut nach daheim oder anderswo, wenn die Seele brennt, weil sie nur weiß, wer sie nicht sein will. Denn sich selbst begegnen kann man nur im Schmerz des Scheiterns, der Verlorenheit.

Um legal, billig und mit elterlichem Segen das Land verlassen zu können, nutzte ich darum als erstbeste Gelegenheit die olivgrüne Uniform. Als Gefreiter musste ich mich in Tirol zur Stellung einfinden, wohl weil ich dank einstiger verquickter Zufälle im Inntal ins Leben gezogen worden war. Die Anerkennung als „Tiroler Mensch“ hatte mir mein Tiroler Großvater zu seinen Lebzeiten stets mit dem Hinweis verwehrt, eine Sau werde durch Geburt im Kuhstall noch lange nicht zum Ochsen. Zumindest aber fand sich im „Heiligen Land“ genug Platz für einen vorübergehenden Asylanten aus Vorderslowenien, um abseits des „rechten Wegs“ einen eigenen Trampelpfad zu bahnen, die Augen für das Wesentliche zu schärfen.

 

Tiroler Nymphen

Die zwischen Innsbrucker Häuserfluchten wandelnden Tiroler Nymphen wirkten auf mich noch zauberhafter als die erinnerten Wörthersee-Nixen, wenn ich nachts meine kargen Stunden außerhalb der grauen Kasernenmauern nutzte, um die Ernüchterung meines Ausbruchsversuchs aus meinem Kindheitsland fortzuschwärmen. Die vermeintliche Poesie von Exerzieren und Waffendrill hatte sich rasch als prosaischer Kloputzmarathon entlarvt. Dort, im polierten Spiegelbild des kollektiven Duschraums, erhellte mich die Evidenz meiner mangelnden Ähnlichkeit mit Rambo wie auch jene der irrtümlichen Eignung des Bundesheeres als Reisebüro. Diesem Traum vom Abenteuer in der Fremde, jenseits von daheim, war schon so mancher gemütskranke Fremdenlegionär auf den Leim gegangen. Und doch hatte ich eine neue Perspektive gefunden: eine bislang unbekannte Variante dessen, was ich nicht zu sein schien, bestimmt aber nicht sein wollte. Worauf ich neuerlich aufbrach.

 

Mangel an Wünschen

Der König aus Ithaka, so berichtet ein sagenhafter Dichter namens Homer, soll keine Begeisterung für den Kriegszug nach Troja empfunden haben. Frisch verheiratet, mit einem Säugling im Arm, lag ein hinreichend großes, intimes Abenteuer vor dem Mann, das mehr Glück versprach als die kollektive Prügelei um eine geraubte Frau, und sei sie noch so begehrenswert. Odysseus, im Hauptberuf Teilzeit-Bauer, -Hirte und -Seemann, hatte alles, was ein kluges Herz begehrte: ein liebevolles Zuhause, fleißige Untertanen und eine fruchtbare Insel. Ithaka war gleichsam eine Allegorie der epikureischen Glücksvorstellung, wonach sich Glück nicht mit der Zahl der Güter mehre, sondern mit dem Mangel an Wünschen. Da der loyale Odysseus letztlich dem Kriegsruf folgte und Richtung Osten aufbrach, überschritt er seinen bescheidenen Horizont und betrat bei Troja eine exotische Welt mit unglaublichen Verlockungen: Schlachten, Schätze und schöne Frauen, die frühantike Ausprägung der postmodernen Multioptionsgesellschaft. Wer sich je gefragt haben mag, warum die Griechen ein ganzes Dezennium fern der Heimat das standhafte Troja umkämpften, findet die Antwort durch einen Blick auf den erfolgreichsten Tourismustrend: Shopping-Malls! Die Verschmelzung von architektonischen Wunderwerken mit luxuriös-verspielten Unterkünften inmitten einer vibrierenden Welt aus exquisiten Boutiquen, delikaten Restaurants, simulierenden 3-D-Kinos, vitalisierender Musik, sinisteren Bars und verheißenden Casinos: für jedes auch noch so verborgene Bedürfnis die ultimative Garantie auf tiefe Befriedigung mit sofortiger Wiederholungschance, nonstop. Das strahlende Troja musste für die Krieger aus dem steinzeitlichen Hellas das Dubai der Heldenepoche gewesen sein: der Olymp auf Erden … Weil aber selbst der längste Urlaub irgendwann ermüdet, segelten die siegreichen Hellenen wieder heim, schwer beladen mit schönen Sklavinnen und Gold – wie Touristen nach erfolgreicher Souvenirjagd.

 

Olivgrüne Periode

Erfolg sei nach Überzeugung mancher Wirtschaftstheoretiker die Summe aus Talent, Fleiß und Glück. Demnach setze Erfolg – neben der erhofften Beliebtheit bei den Göttern – die Kenntnis der eigenen Fähigkeiten und Stärken voraus. Denn wer sein Schiff nicht kennt, hat keine guten Winde. Wohl darum herrschte während meiner olivgrünen Periode bleierne Flaute, denn es gab nur sehr spärliche weiße Flecken in den Atlanten der Wissenschaften, die mich kalt ließen, wie etwa Autos oder Fußball. Als paralysierte meinen jugendlichen Entwicklungsdrang die einstige Mahnung meiner Volksschullehrerin gleich dem Fluch einer Knusperhexe, ich hätte ganz einfach zu viele Interessen. Meine darüber hinausgehenden adoleszenten Leidenschaften wie jene der lyrischen Dichtung ließen ebenfalls keine überzeugenden Erfolgsperspektiven aufkommen: Der stimmungsvolle Vortrag meiner schmachtenden Liebesballaden verstieß gegen die Genfer Menschenrechtskonvention, und meine Rezitation von Homers „Odyssee“ im Original erntete jähes irritiertes Stirnrunzeln, denn wer beherrschte noch Altgriechisch – außer mir. Als wäre ich einer Kärntner Fossiliensammlung entkommen. In diese Nebelbrühe der Ratlosigkeit öffnete sich mir überraschend der Türspalt zu einer unverhofften Möglichkeit: eine Karriere als Militärpilot! Die greifbare Chance auf pragmatisierte Coolness! So empfand ich meinen Marschbefehl zum „Psycho-Check“ ins Militärzentrum Langenlebarn als einen Aufbruch nach Troja, um endlich Ruhm und Ehre zu ernten, während die Kleinen und Schmächtigen zurückbleiben mussten. Und tatsächlich endete dort mein bisheriges Leben.

Trojanisches Pferd

Odysseus, der Nachdenkliche, hatte die List des Trojanischen Pferdes ersonnen, wenn auch inspiriert von Weisheitsgöttin Athene, die ihren Schützling endlich wieder nach Hause, an den heimischen Herd, führen wollte. Odysseus’ neues Kriegsgerät war eine Innovation im modernsten Sinne – die schlichte Verknüpfung von durchaus vertrauten, jedoch bislang getrennt voneinander verwendeten Belangen, weshalb sich die Trojaner narren ließen: ein kunstvolles hölzernes Pferd als Opfergabe, das aber, weil hohl, auch als geheimes Transportmittel für Angreifern diente. Innovation ist die Frucht von kreativem, weil spielerischem Denken, das unvoreingenommen technisch mögliche Varianten ausprobiert. Innovation ist somit ein Kind der Freiheit, das sich abseits von Dogmen entfaltet. Darum begann der überwältigende Siegeszug des westlichen Denkens im 15. Jahrhundert mit der Renaissance, die ein freieres, neugieriges, versuchendes Denken hervorbrachte und damit die Voraussetzung für die fundamentale Veränderung der Welt eröffnete: die Ausdehnung von räumlichen Horizonten durch den Aufbruch zu fernen Ländern und Kontinenten,

-           die Sprengung von geistigen Mauern durch die Entwicklung neuer Wissenschaften und Denkgesetze,

-           die Vervielfältigung von wirtschaftlichen Reichtümern durch die Erfindung des Rationalitätsprinzips,

-           die Überwindung menschlicher Leistungsgrenzen durch technische Errungenschaften

-           und schließlich die Relativierung moralischer Selbstverständlichkeiten durch die Begegnung mit fremden Kulturen.

Diese Verquickung von sich wechselseitig durchdringenden Wirkkräften brachte als ein sich langsam, aber stetig beschleunigender Innovationsprozess die heutige Welt hervor, jenes unüberschaubare Universum an unendlich vielen und vielfältigen Lebensmöglichkeiten, an dessen Anfang der mythische Urvater Odysseus zu stehen scheint. Denn durch seine grenzgeniale Verschmelzung von Kriegstechnik, Design und Psychologie öffnete sich den Hellenen eine neue Perspektive – der Sieg über Troja und damit die Veränderung ihres Schicksals: Sie konnten endlich aus dem Ringen um den Sieg ausbrechen und neue Wege beschreiten.

 

Blödsinn faseln

In Langenlebarn begegnete ich Paul Watzlawick. Nicht ihm persönlich, aber einem Psychologen, der mir das Buch des gebürtigen Villachers mit dem skurrilen Titel Wie wirklich ist die Wirklichkeit? empfahl und mir das Fenster zum Konstruktivismus eröffnete, oder vielmehr – mich aus der trauten Welt des Positivismus in Alices Wunderland plumpsen ließ. Als wäre ich aus Kärnten ins Silicon Valley gebeamt worden …, denn für Positivisten sei es „offensichtlich“, dass die Welt in ihrer Struktur und Dynamik objektiv erkennbar und darum „richtig“ beschreibbar sei. Demnach könne es nur falsche oder wahre Aussagen geben und somit auch nur Menschen, welche die objektive Wahrheit anerkennen – oder irrsinnig Blödsinn faseln. Dem gegenüber sind Konstruktivisten der Ansicht, dass man die Erkennbarkeit der Welt durchaus so sehen könne, dass aber diese Annahme wenig überzeugend sei, wie der jahrhundertelange Fortschritt der Wissenschaften anzunehmen nahelegt: ein ständiges Verbessern, Widerlegen oder gar komplettes Ersetzen von „Wahrheiten“ über die so genannte Wirklichkeit. So musste Newtons Gravitationstheorie Einsteins Relativitätstheorie weichen, und diese wiederum passt nicht mehr recht zur String-Theorie … Dass die „g‘sunde Watschen“ zur kindlichen Entwicklung beitrage, gilt heute ebenso als überholt wie die Überzeugung, weiße Männer seien die intelligenteste Spezies auf Erden, Geistliche seien prinzipiell moralisch unfehlbar, Professoren wüssten notwendig alles besser und AIDS sei Gottes Strafe für libidinöse Sünder. Nun wanken bereits die Bollwerke der letzten Wahrheiten, seit der Papst sich selbst erlaubt in Pension zu gehen und anderen erlaubt, über den Papst und die Kirche nachzudenken. Die Logik hinter dem Konstruktivismus ist bestechend einfach: Jedes wahrnehmende Wesen kann seine Umwelt mit keinen anderen Augen sehen als den eigenen, die wiederum die empfangenen Lichtreize an kein anderes Interpretationsorgan weiterleiten können als das eigene Hirn. Somit „sieht“ jedes Lebewesen nur die eigene „Wirklichkeit“, verfügt also nur über eine individuelle, subjektive Sichtweise: Die Objektivität ist notwendig … subjektiv! Damit liegt die Sprengkraft des Konstruktivismus in der totalen Freiheit, die „eigene“, wahrgenommene Welt völlig frei interpretieren zu können, nämlich so, wie es für das persönliche Leben am „stimmigsten“ erscheint, und eben nicht mehr so, wie ein Papst, Oberlehrer oder Landeshauptmann es für richtig erklärt. Das eröffnet ein unbegrenztes Universum an neuen Denk-, Anschauungs- und Entfaltungsmöglichkeiten, in welchem jegliche Gewissheit verschwindet wie der Stern von Bethlehem in einem schwarzen Loch. So trieb mich Watzlawicks Idee erst zum Studium der Philosophie und ihrer angrenzenden Wissenschaften, um die schillernde „Psychologie der Weltanschauungen“ (Karl Jaspers) zu durchstaunen, dann hinaus aus Europa auf alle Kontinente, um in ungeahnte Sichtweisen exotischer Kulturen einzutauchen, und letztlich in die Arme manch magischer Frau, um deren atemberaubende Geheimnisse zu erforschen … und letztlich doch nur auf die Suche nach mir selbst.

 

Pussy Riot gegen Putin

Das Sinn-Drama des aufgeklärten Menschen spiegeln formvollendet die Irrfahrten des Odysseus wider: Von der Angst vor der Fremde entknechtet, ist der Mensch getrieben von der Gier nach Neuem angesichts seiner Infragestellung von Altem, gerät in Konflikt mit den Vertretern überkommener Ordnungen, Dogmen und Gewissheiten und droht sich zu verlieren im Ozean der zahllosen Möglichkeiten, Verlockungen und Irrungen. Weil Odysseus den Untergang von Troja, Poseidons Stadt, verursachte, bestrafte der erzürnte Meeresgott den listigen Helden mit seiner unerbittlichen Wut. Denn wer sich gegen die alte Ordnung stellt, ob Adam und Eva gegen Gott oder Pussy Riot gegen Putin, der wird aus dem Paradies der Gewissheit ob der väterlichen Güte auf ewig verstoßen. So war Odysseus nunmehr gezwungen seinen eigenen Weg, seine eigene Gewissheit, seine Identität in einer Welt von lauter Fragen zu er-finden, was zwangsläufig zur langwierigen Irrfahrt gedieh: Bei der Zauberin Kirke erlebte er, dass Männer sich aufgrund ihrer ungezügelt gewaltsamen Gier in Schweine verwandeln, während Odysseus, selbstbeherrscht und durch Hermes gedopt, Kirkes Zauber widerstand und so ihr Begehren schürte. Seine Fahrt vorbei an der Insel der Sirenen, ungeschützt, doch festgebunden den lieblich-verlockend-verderblichen Gesängen ausgesetzt, erscheint als teilnehmende Beobachtung in einer Drogenhöhle, wo Menschen der Allverfügbarkeit von Rauschmitteln wie Sex, Drogen, Glücksspiel und Käufe in haltlose Genussexzesse verfallen und vergehen. Seine Fahrt zwischen dem Monster Scylla und dem Meeresstrudel Charybdis erscheint als Sinnbild der Balance zwischen Unbestimmtheit als Bedingung für Lebendigkeit, Entfaltung und Freiheit, aber auch Willkür, Zerfall und Chaos einerseits und Gewissheit als Grundvoraussetzung für Vertrauen, Verlässlichkeit und Sicherheit, aber auch Zwang, Totalitarismus und Versteinerung andererseits.

Odysseus’ Reise in die Unterwelt, um sich vom Seher Theresias seinen Weg „nach Hause“ weissagen zu lassen, ist eine Metapher für das Heer an Lebensberatern und Coaches, die alle dieselbe Funktion erfüllen: dem Irrenden den Spiegel vorzuhalten, damit er sich selbst „erkennt“, die eigene Identität als Ausdruck der Entscheidung für einen „Lebensstil“ wählt und diesen konsequent formt. In diesem Sinne richtet sich Immanuel Kants Kardinalfrage „Was soll ich tun?“ weniger auf das richtige „Sollen“ als vielmehr auf das zu bestimmende „Ich“: Denn was richtig sei, hängt zwangsläufig von einer konkreten Situation ab – also davon, wer im Hier und Jetzt „Ich“ sei, wie „Ich“ die Welt in diesem Augenblick wahrnehme und entsprechend stimmig handle. Entsprechend lässt sich auch Odysseus’ siebenjähriger Aufenthalt bei der schönen Nymphe Kalypso auf der Insel des ewigen Frühlings verstehen: Angesichts seiner Auslieferung an grenzenlose Liebe, Schönheit und göttlichen Sex musste der Held einen permanent hohen Serotoninspiegel ertragen, der jegliche Wahrnehmung von Zeit und Raum verunmöglichte – bis zu jenem Augenblick, da Göttin Athene den ver(w)irrten Helden mit der schlichten Frage konfrontierte, was eigentlich wichtig in seinem Leben sei, worauf Odysseus unweigerlich ernüchterte, seiner Familie gedachte und zur Heimkehr aufbrach, fort aus der Welt der Entrückung hin zu konkreter Entscheidung und Gestaltung von Sein und Selbst. Dergestalt muten die existenziellen Nöte der postmodernen, konsumkompetenten Menschen an, die ihre Lebenskarriere gleich einem Slalom um intensive Erlebnisse, exotische Begegnungen und einkommensmaximierende Berufswege bahnen – und mit vierzig vor ihrer biologischen Uhr zu erschrecken.

 

Konkretes Leben

Odysseus’ Irrfahrt endete in seinem Palast auf Ithaka, wo er als Bettler verkleidet Einlass fand und sich seiner Frau Penelope – nach 20 Jahren! – zu erkennen zu geben versuchte. Seine „wahre“ Identität zu „beweisen“ vermochte er letztlich durch sein Wissen um ein gemeinsames, intimes Geheimnis: Odysseus’ einstiger Bau des Ehebettes aus einem verwurzelten Baum. An diesem Kardinalspunkt offenbart sich der einzige Ausweg des postmodernen Irrfahrers aus seiner kreisenden Suche nach Orientierung im Meer der unendlichen Möglichkeiten. Es ist das bewusste Einschlagen eines bestimmten Weges und damit der gezielte Verzicht auf alle übrigen Richtungen, die Umwandlung von vager Potenzialität in konkretes Leben, in greifbares Dasein, in erlebbare Geschichte, die als gefühlte Erinnerungen im Hirn jedes Menschen ihre Wurzeln ausprägt und damit Identität definiert.

Ich befand mich im zehnten Jahr meiner Studien, beim Aufbruch zu meiner neunten Reise nach Australien, das achte Abenteuer durch den Jemen eben erst abgeschlossen, als mich meine damalige Gefährtin fragte, wie lange ich noch als Reiseleiter durch die Welt „zigeunern“ wolle.

Nach dieser Frage war nichts mehr wie zuvor. Der ewige Frühling der Rebellion wich einem lichten und klaren Sommer, da ich am Horizont mein Ithaka erkannte.

 

Der König aus Ithaka, so berichtet ein sagenhafter Dichter namens Homer, soll keine Begeisterung für den Kriegszug nach Troja empfunden haben.

Adam und Eva gegen Gott.

 

Nun wanken bereits die Bollwerke der letzten Wahrheiten, seit der Papst sich selbst erlaubt in Pension zu gehen.