schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 27 - zweifelhaft Wo das Geld ist, ist die Wahrheit
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/27-zweifelhaft/wo-das-geld-ist-ist-die-wahrheit

Wo das Geld ist, ist die Wahrheit

bernhard horwatitsch | Wo das Geld ist, ist die Wahrheit

Die Alchemie hat sich doch durchgesetzt.

„Während Preising schlief, ging England unter.“  Jonas Lüscher: Der Frühling der Barbaren

Wenn Sie heutzutage irgendein Produkt oder Ihre Arbeitskraft (die markttechnisch auch nur ein Produkt ist) auf dem Markt platzieren wollen, dann brauchen Sie ein Startkapital. Das bedeutet in der Regel „Kredit“. Ihre Bank verkauft Ihnen nun gegen Zinsen das Recht, fremdes Geld wie Ihr eigenes zu benutzen. Jetzt machen Sie Geschäfte. Das Geld kommt wieder auf die Bank und wird nach gleichem Muster an andere Geschäftsleute verliehen. Im Rahmen dieser Kreditschöpfung verleihen die Banken untereinander Geld in Form von reinen Buchungsgeschäften. Und plötzlich haben die Banken durch „Zauberei“ Zugriff auf alles Geld, das in der Marktwirtschaft irgendwie verdient wird. Und in der City of London sitzen auf einer Quadratmeile Hunderttausend Angestellte und transpirieren Geld. Sie sind Magier, sie sind „Masters of the Universe“.

Nun. Die meisten Menschen machen da eher als Cartoneros Karriere. Und ihr Universum ist eine Mülltonne. Der Markt ist ein überschaubarer Ort. Und das Wort „Kreditwürdigkeit“ ist längst zum Euphemismus geworden.

War das immer schon so? Gehen wir also 500 Jahre in der Zeit zurück. Wir sind im 16. Jahrhundert. Kopernikus saß in seinem Dom in Preußen und entdeckte – völlig überrascht –, dass die Planeten um die Sonne kreisen. Columbus stellte grade fest, dass man nicht einfach hinten runterplumpst, wenn man mit seinem Schiff hinter den Horizont gerät. Der Buchdruck (die Drucker nannte man damals „Schwarzkünstler“, weil sie es „schwarz auf weiß“ druckten) war das Internet von heute. Und in Stauffen bei Breisgau wurde der erste Deutsche vom Teufel geholt. Johann Wolfgang von Goethe hat ihm (Faust) sein Leben gewidmet. Es ist die Zeit, in der die italienischen Stadtstaaten blühen, die Zeit der Borgia, die Zeit der Medici, die Zeit der Fugger. Die Geburt des modernen Nationalstaats und die Geburt des modernen Kapitalismus (Staat und Kapital sind ja so was wie siamesische Ringer) geschah wesentlich in Florenz, Padua, Mailand. Sie sehen: Bunga-Bunga-Land ist die Wiege des Kapitalismus. Das sollten wir nie vergessen. So wie Griechenland die Wiege der Demokratie ist. Aber es ist zu dieser Zeit auch immer noch tiefstes Mittelalter, geprägt von heftigstem Aberglauben, Menschen wurden verbrannt, weil sie angeblich Schadenzauber am Wetter begangen hätten. Stellen Sie sich das vor! Können Sie sich noch an Jörg Kachelmann erinnern? Aber gut. Es ist die Zeit, wo das Gebäude der Kirche wackelt. Eine kleine Eiszeit (ca. 1500 bis 1800) führte zu Missernten und mächtigen sozialen Verwerfungen. Gott sorgte nicht mehr so recht für die Menschen. Hunger herrschte, die Pest wütete. Und den Rest besorgte der Mensch dann selber. Das 16. Jahrhundert zählt 31 Kriege. Eine wahre Glücksepoche für das Kapital. Denn viele Menschen starben. Aber nicht ihr Besitz. Nein. Der wanderte in wenige Hände. Kapitalakkumulation nennt man das. Viel Geld, mit dem die damals Superreichen Statussymbole um sich häuften und sich mit Künstlern schmückten. Damals entstand der Kunstmarkt. So war es auch im 20. Jahrhundert, als viele Menschen auf den europäischen Schlachtfeldern ihren Besitz hinterlassen haben. Nach dem Zweiten Weltkrieg explodierte der Kunstmarkt, und ein gewisser Herr Gurlitt rieb sich die Hände.

 

Gold aus Pferdemist

Im Gegensatz zu Florenz, Padua oder Mailand ging es den Bayern gerade nicht so gut. Die bayrische Staatskasse war klamm. Sie sehen: Leere Staatskassen sind nichts Neues auf diesem Planeten. Also was tun? Wilhelm V., genannt „der Fromme“, hatte gerade im kurkölnischen Krieg erfolgreich 700.000 Gulden verschossen und saß etwas mürbe auf seiner Burg in Trausnitz. Der berühmte Marco Bragadino saß derweil in Padua und machte fröhlich aus Pferdemist Gold. Er war ein Alchemist vor dem Herrn.

Ein klein gewachsener, krummer Ministerialer trat nun zum klammen und melancholischen Wilhelm und berichtete ihm von dem großartigen Bragadino. Also holte ihn Wilhelm auf seine Burg. Der große Bragadino erschien, er erschien wahrlich hoch zu Ross in Gold und Seide gehüllt, mit zwei schwarzen düsteren Doggen zur Seite. Die eher schüchternen Bayern tuschelten und ängstigten sich. Da kommt einer aus Padua, dort ist das Zentrum der Bildung, das Zentrum der Macht. Die Heimat der Michelangelos und Da Vincis. Das ist wie New York. Bayern? Das war tiefstes Mittelalter. Landshut? Das ist heute noch weit, weit weg von New York. Also: Bragadino erwarb sich das Vertrauen des bayrischen Herrschers und seiner süßen Frau Renata von Lothringen, einer dänischen Schönheit von äußerstem Kunstverstand. Klar. Die Herrscher hatten schon etwas gehört von Padua, wollten etwas Glanz in die provinzielle Hütte bringen.

Nun brauchte Bragadino natürlich Gold. Denn ein Anfang muss gemacht werden. Startkapital sozusagen. Und so gab der leutselige Wilhelm der Fromme dem Alchemisten eine große Anzahl Gulden (den Rest vom Schützenfest) aus seiner Kriegskasse. Wir kennen auch das noch heute. Spekulanten (unsere Hedgefonds-Manager) sind die modernen Alchemisten,
Geldvermehrer und Magier.

Nun, was wir auch aus unserer heutigen Zeit gut kennen: Dem Alchemisten gelang es nicht, das Gold des Staates zu vermehren. Nur sein eigenes. Bayern war nach Bragadinos Besuch noch klammer als zuvor. Dank der Naivität des bayrischen Herrschers. Ein wenig erinnert das an Griechenland und die Deutsche Bank. Und was man heutzutage allerdings mit Spekulanten, die das Geld verbrennen, nicht mehr macht? Genau! Sie hinrichten. Bragadino wurde am 26. April 1591 auf dem Münchner Weinmarkt mit dem Schwert getötet. Es muss eine mächtige Sauerei gewesen sein, denn der Scharfrichter brauchte für den Alchemistenkopf drei volle Schläge. Den zartbesaiteten Bayern muss das an die Nieren gegangen sein. Vielleicht haben sie daher auch die teuflischen Doggen des Alchemisten gleich mit geschlachtet. Sicher ist sicher.

Lernen wir daraus?

Nein. Und jetzt kommen wir der Zeit Goethes schon erstaunlich nahe. Wir sind auf dem Höhepunkt des Barock, dem Rokoko und der Verherrlichung des Absolutismus. Zu dieser Zeit, also nur hundert Jahre nach Bragadinos Kopflosigkeit, kam Domenico Manuel Caetano aus Neapel auf die Burg Grünwald, um dasselbe mit Max Emanuel zu treiben, was zuvor Bragadino mit Wilhelm V. getrieben hatte. Caetano arbeitete dabei mit Rührlöffeln, die mit Gold gefüllt und mit Wachs versiegelt waren. Während seiner zauberhaften Vorstellungen schmolz in der Hitze des Feuers erst das Wachs und später trat geschmolzenes Gold aus. Caetano, ein begnadeter Redner, zauberte Goldstücke hervor, versprach Max Emanuel einen gewaltigen Goldschatz zu erschaffen und ließ sich am Ende seiner Vorstellung erst mal einen vernünftigen Vorschuss auszahlen.

Es klappte nicht. Max Emanuel verlor die Geduld und auf der Burg Grünwald war ein Gefängnis geboren.

Ein recht idyllisches Gefängnis, wenn man es mit dem düsteren Dogenpalast vergleicht, in dem sich einst Casanova aufhielt. Caetano konnte auch bald fliehen. Aber – und daher nennt man das die guten alten Zeiten – man konnte ihn doch noch erwischen, im Gegensatz zu den heutigen Goldmachern, die sogar Regierungsämter besetzen. Wie aktuell zum Beispiel Jörg Asmussen, ein Zentralbanker, der fleißig an der Deregulierung der Wirtschaft mit geschraubt hat. Wann? Genau! In der letzten Großen Koalition in Deutschland (2005 bis 2009) als Spezialist für Hans Eichel. Als Mitglied im Aufsichtsrat, unter anderem bei der IKB Deutsche Industriebank, setzte er sich offen für den Kauf US-amerikanischer Hypothekendarlehen und einen Ausbau des Handels mit Asset Backed Securities (ABS) ein. Diese Formen des Börsenhandels führten die IKB in die Krise und gelten als Auslöser der Finanzkrise ab 2007. Dieser Kompetenz-Flüchtling mit seinem Smartphone-Schädel besetzt nun schon wieder ein Regierungsamt – als Staatssekretär im Arbeitsministerium. Ein Alchimist und Goldmacher wacht zukünftig über die Deregulierung des deutschen Arbeitsmarktes. Das ist nicht nur zweifelhaft, das ist zum Verzweifeln.

 

Preußischer Humor

Domenico Manuel Caetano, Graf von Ruggiero, hingegen wurde am 16. August 1709 vom preußischen Kammergericht zum Tode verurteilt. Dass die Preußen keinen Humor gehabt hätten, widerlegt die Hinrichtungsmethode: Am 23. August 1709 zwischen 11 und 12 Uhr wurde Caetano öffentlich in Küstrin an einem mit Flittergold beklebten Galgen aufgehängt. Und nicht nur das. Der preußische König Friedrich I. ließ bald danach – wohl zur Warnung an Nacheiferer – Flugblätter in allen Ländern des Reiches verteilen, in denen er das Ende des Hochstaplers mit folgenden Worten kundtat:

Arbeit / Armuth und Gestank
Rauch und Kälte und zuletzt den Strick
Zahlet in der Alchemie der Betrüger List und Tück

 

Unverzichtbare Nazis

Früher war nicht alles besser, klar. Aber manchmal kann man aus der Vergangenheit schon lernen. Aber was wurde eigentlich aus der Grünwalder Burg? Einst als germanischer Wachturm gegen den Einfall der Römer gedacht, baute der Graf von Andechs im 13. Jahrhundert diese schöne Burg, dann klauten sie die Wittelsbacher. Sie übernahmen Ende des 13. Jahrhunderts die Burg und bauten sie dann hübsch. Ludwig der Strenge, Ludwig der Bärtige, Albrecht der Fromme, Albrecht der Weise. Das nur ein paar der illustren bayrischen Herrscher, deren Macht- und Ränkespiele selbst Berlusconi erblassen lassen. Aber eines, das wollten die Herrscher immer schon: Gold!

1872 ging die Burg in Privatbesitz über. Die Schwabinger Künstler und Reichen feierten Kostümfeste auf der Burg. Vermutlich zogen sie hin und wieder auch die Kostüme aus. Aber davon berichtet das Burgmuseum nicht.

Und die Nazis? Sie dürfen ja in keiner Geschichte fehlen. Ihnen verdankt die Stadt Grünwald einen berühmten Besucher, denn während der Kriegszeit, als Karl Valentin nicht auftreten konnte, lebte dieser im Jagdschlössl nebenan. Noch immer ziert ein Wandrelief mit Valentins markantem Gesicht das beschauliche Hotel.

1970 erwarb ein Münchner Bauträger das Gelände und nahm sich vor, den ganzen alten Schrott niederzureißen. Kostet nur Geld, verschandelt die Gegend und ist Träger der immer wieder gleichen dummen alten Geschichten. Aber die Gemeinde Grünwald – gehört ja auch nicht zu den ärmsten Gemeinden Münchens – verhinderte mit Bürgerinitiativen, dass die geliebte Burg gegen Luxuswohnungen ausgetauscht würde. Dank dieser Initiative kaufte der Freistaat Bayern das Gelände und es entstand das Burgmuseum. Und das lohnte sich.

Vor ein paar Jahren gab es dort auch eine Sonderausstellung von dem Künstler Andreas Kuhnlein zu bewundern, der in alte Bäume mit der Motorsäge sein bajuwarisches Gemüt hineingesägt hat. Die Figuren passen gut in die alten Gemäuer, sie sind morbid, verkörpern Geschichte und zeigen auf das Vergängliche allen Seins. Die sehenswerte Sonderausstellung endete Mitte September 2012. Wie dieser kleine Beitrag nun endet. Wie alles einmal endet. Sogar das Universum.

Doch immerhin. Unser gutes altes Universum ist nicht von Spekulanten und Bauträgern bedroht, sondern nur von Supernovae und der ewigen, eisigen Kälte.

Und irgendwo aus der Ferne hallt die Stimme eines Bajuwaren wider:

 

Die alten Ritter war´n recht grob
Doch ihre Sprach, die is net tot
Es sei uns Rat in allen Dingen
Ritter Götz von Berlichingen

 

 

Sagen wir es mit den Worten des Ritters selbst. Sagen wir es, wie es ist. Sagen wir, was wir von der Wall Street halten, von der City of London, von Brüssel, von all den Idioten, die unsere Erde bevölkern und deren Existenz so zweifelhaft und nutzlos ist wie Hundescheiße auf Schuhsohlen: „Vor Ihro Kayserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respect. Er aber, sags ihm, er kann mich im Arsch lecken.“