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Zweifel. Ein Selbstversuch

michael bauer | Zweifel. Ein Selbstversuch

Zufall, den es nötig gehabt hat, manchmal, der in dir diese Fragen wieder zum Vorschein bringen wollte. Zweifel, der dich auch noch hier in den Linienbus auf der Autobahn nach Sofia an jenem einundzwanzigsten Dezember begleitet hat: Auswahl an Deutungsmustern. Vielleicht das Dazwischen, was da ist zwischen dem, was du kennst, und dem, was auch der Fall hätte sein können: die anderen Menschen, deren Ichbewusstsein, von dem du nichts weißt, außer dass es sich manchmal zu offenbaren versucht. Bewegungen, Wörter, Wahl des Kleidungsstückes, manchmal auch: größere Zeugnisse, schriftliche Werke. Zu deuten versuchen: Wortwahl, Themenwahl, wiederholende Muster und was davon wichtig für dein weiteres Leben sein wird: Angst vor dem Versagen. Dem Nichtverstehen der eigenen Existenz:

Wenn die Antwort ausblieb, so dachtest du, müsstest du sie dir langsam selbst zu konstruieren versuchen, aus Bruchstücken früherer Gespräche, Mimik, Verhalten und sonstiger Attribute, so nebensächlich sie dir damals auch erschienen sein mögen. Jedes Mal, wenn du zu einer solchen Antwort zu gelangen schienst, es wieder wie ein Mosaik einwerfen und neu zusammensetzen versuchen, das Ganze noch einmal im Tagtraum durchkauen und immerhin dadurch zu neuer Erkenntnis kommen: Wie das Denken in jenen Momenten seine Richtungen immer wieder geändert hat, dachtest du, und man sollte auch noch innehalten dürfen, im Ganzen. Manchmal, wie sich später oft zeigte, stimmten diese Versuche schon halbwegs mit den tatsächlichen Resultaten überein.

Enttäuschungen, die letztlich Neues hervorzubringen versprachen: Und auch diese Täuschungen, die sich im Nachhinein nicht in Luft auflösen ließen, diese Täuschungen, darauf nicht vorbereitet zu sein, ließen auch den Schluss zu, dass es ein ganz Anderes geben müsste, das dahintersteht, ungeahnt, unerkannt, ungeatmet. Welt hinter der des Sechzehnjährigen, noch ungelebt, und doch der Freiraum, den es die ganze Zeit auszufüllen galt.

Ihm wollte es damals noch nicht recht in den Sinn, dass irgendetwas doch zu erreichen war, wenn du es herbeizusehnen begannst. Kurzes Nichtverstehen. In der Leere, verzweifelt, wie es doch zu erreichen wäre: ein zufälliges Aus-der-Rolle-fallen, das auch damals schon möglich gewesen ist. Scheinbar, als hätte das Leben einen kurzen Blick in die Zukunft freigeben wollen. Zugegeben, damit rechnen hättest du in jedem Augenblick können. Im Irgendwo, das dazwischen ist, herumstochern. Doch wenigstens eine bleiche Ahnung von dem Nichtgewussten. Irgend: Gerade dieses Morphem sprechen wir aus, um auszudrücken, dass wir unser Nichtwissen verorten, aber nicht greifen können, gleichzeitig uns gerade dieses Nichtwissens, Nebelherumstocherns vollkommen bewusst sind. Schrödingers Katze unter den deutschen Präfixen, möglicherweise. Nur nicht die einzelnen Ahnungen mit dem Wissen vollständig gleichsetzen. Unbewusste Begegnungen, Begebenheiten. Gegenstände, die man lieber doch nicht gekauft hätte oder zumindest schon früher, als das Geld noch dafür da gewesen wäre. Was du ansonsten hättest tun können, und damit meine ich, dass es hier außer deinen Möglichkeiten auch noch so viele andere Lebensentwürfe gäbe: Oder würdest du dich nicht in den Bildern der anderen Menschen aus deiner Maturaklasse sehen? Sich auch heute woanders sehen können.

Fehler, die dir unterlaufen waren, kleinere, die nicht vorhersehbar gewesen waren, größere, die sich schon damals als Trugschluss zu bedenken gaben. (Warum sich viele später so sicher, so selbstbewusst fühlen mit fünfzig, sechzig Jahren: Man hätte etwas sehen können: Wortspiele, beiläufige Zeichen, Blumen und Zusammenhänge zerlegen und wie Jahrtausende zuvor als Symbole oder Mythos zu deuten versuchen. Zwangsläufig zu verstehen bekommen, dass es das Richtige höchstwahrscheinlich gewesen sein könnte. War ihnen das Vertrauen in diese allerältesten Zeichen nicht auch zweifelhaft? Aber ansonsten hätten sie es ja sowieso sein lassen können.) Etwas, das nicht absehbar gewesen wäre, so hätte es den Anschein gehabt. Doch auch der Schein des Ganzen, der es so und nicht anders zu etwas bringen hätte können. Irgendetwas, der Zweifel in mir noch, zweifelhaft. Ungeahnt, das, was er gesehen hat, in Papier verwandelt, das heutige. Bis irgendwohin funktionierte ja das Bisherige ganz gut und ab dann irgendetwas, das vorher nicht zu erwarten war. Ein Konstrukt oder so und etwas anderes, nicht Vorhersehbares.

Eigentlich hätte er sich heute hier gar nicht aufhalten dürfen. Die Voraussetzungen, die er nicht zu erfüllen schien: Man ist sich selbst in jedem einzelnen Moment unendlich dankbar dafür, dass man doch anders gehandelt hat. Es wird sich ja erst im Nachhinein herausstellen, gewissermaßen. Und dann wäre nicht auch noch diese Erfahrung innerhalb ganz gewisser Grenzen, die er nicht zu überschreiten wagte. So sollte, und das ist schon eher der Fall gewesen, das Ganze nicht nur oder zumindest nicht ganz der eigenen Offenheit oder Vergesslichkeit zu verdanken gewesen sein. Derselbe Zweifel, der seit Jahrtausenden Sokrates und Co. den Kopf kostete, dieser Zweifel eben und nicht nur jener, der war es.

 

Leben, das deines ist: die Erfahrung, die außer dir niemand macht. Genau dreihundertfünfundsechzigtausend Personen (die Grazer Einwohnerzahl plus hunderttausend, eben) bräuchte es, damit die kollektive Erfahrung eines Tages tatsächlich dem entspricht, was tausend Jahre für eine einzelne Person darstellen (und der neunzigste Psalm erfahrbar werden würde). Niemand rechnet jedoch die ganzen Lebensjahre gegeneinander hoch, denn dann wird aus jedem einzelnen Grazer Tag (+100 000) die Ewigkeit Gottes, wenn man ihn so betrachtet. Dreihundertfünfundsechzigtausend, die Kronen Zeitung erreicht Zweikommasechsmillionen: Hat es dazu auch noch mehr nötig gehabt als den Zweifel und noch Einbildungskraft für etwas anderes: Zufälle und Übriggebliebenes früherer Lebensläufe. Überflüssige, sinnleere Gedanken, auf diesem Papier, vielleicht ...