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thomas antonic , thomas ernst brunnsteiner , thomas fitzel , werner schandor | Das Brunnsteiner-Dossier

Meinungsverschiedenheiten werden oft bei Gericht ausgetragen. Der Ausgang ist manchmal überraschend. Vor allem, wenn es um so etwas Dehnbares wie das Urheberrecht geht.

Die Schweiz: Heimat von Joseph „Fußballpate“ Blatter, von unzähligen sehr verschwiegenen und von Gaunern auf aller Welt hoch geschätzten Bankinstituten – und von Gerichten, die überraschende Wendungen in eindeutig scheinende Verfahren bringen können. Oder: Wie aus dem Autor Thomas Brunnsteiner, der sich vom Schweizer Autor Urs Mannhart plagiiert sah, der Gelackmeierte wurde. Eine Chronik.

Auftakt, Sommer 2014: Thomas Brunnsteiner erhält den Hinweis, dass im Roman Bergsteigen im Flachland des Schweizers Urs Mannhart etliche Passagen frappant an Stellen aus Reportagen erinnern, die Brunnsteiner in seinem 2007 erschienenen Band Bis ins Eismeer und in mehreren Zeitungsartikeln veröffentlicht hat. Die Stellen sind nicht ausgewiesen, Brunnsteiner wird aber in der Danksagung zu Bergsteigen im Flachland erwähnt. Wofür, erfährt der Leser des Romans allerdings nicht. Brunnsteiner liest Mannharts Buch und findet in Bergsteigen im Flachland nicht weniger als 114 Passagen, die er mit eigenen Textstellen in Verbindung bringen kann; darunter auch einige Namen von Personen, die Brunnsteiner im Rahmen seiner Reportagen getroffen und interviewt hat. Aber nicht nur das: Die Hauptfigur in Mannharts Roman heißt Thomas Steinhövel, ist Journalist und reist am Ende nach Finnland – also dorthin, wo Thomas Brunnsteiner seit Jahren lebt.

 

Frappante Textähnlichkeiten

Hier eine Auswahl von acht der insgesamt 114 Textähnlichkeiten, auf die Brunnsteiner in Mannharts Roman stieß:

 

Urs Mannhart Bergsteigen im Flachland, S. 27:

„auf einen gewissen Kamran, einen [] ortskundigen Übersetzer, […] für diese Reportage, in der er berichten wollte über Baku und das Kaspische Meer, über den größten See der Welt, dessen Wasserspiegel in den letzten zwanzig Jahren um fast drei Meter gestiegen war“

Thomas Brunnsteiner Bis ins Eismeer, S. 47:

„Vom Aserbaidschaner Kamran, der den Untergang seines Landes schön findet. Und vom Kaspischen Meer, dem größten See der Welt, dessen Wasserspiegel in den letzten 20 Jahren um fast drei Meter angestiegen ist.“

 

Mannhart S. 63:

„das Kaspische Meer glich einem riesigen Fetzen glanzlosen Kunstleders“

Brunnsteiner S. 55:

„Ein Ölfilm läßt das braune Meer hier wie mattes Kunstleder aussehen“

 

Mannhart S. 65:

„Professor Alexej Walentinowitsch Sokov, der beredte Mitarbeiter des Schirschow-Instituts, der ihnen in seinem Büro mit honiggelbem Bart und vifen blauen Augen gegenübersaß“

Brunnsteiner S. 49f.:

„Am sogenannten Schirschow‐Institut […] Alexej Walentinowitsch Sokov, ein offener Mann Mitte 30, gestutzter honiggelber Bart, vife blaue Augen.“

 

Mannhart S. 65:

„Sieben Städte und fünfunddreißig Dörfer waren überflutet, 76.000 Aserbaidschaner aus ihren Häusern und Höfen vertrieben worden, das Eisenbahnnetz lag unterbrochen brach, Straßen waren zerstört, zahllose Felder standen unter Wasser.“

Brunnsteiner S. 59:

„An unserer Küste dagegen sind sieben Städte und 35 Dörfer überflutet, 76.000 Aserbaidschaner wurden aus ihren Häusern und Höfen vertrieben. Das Eisenbahnnetz ist zum Teil zerstört, Straßen und vor allem Felder stehen unter Wasser.“

 

Mannhart S. 136:

„… Dom Sowjet, einem […] Gebäude, das, halb stalinistische Repräsentationsarchitektur, halb orientalisches Schloss, erbaut worden war von deutschen Kriegsgefangenen.“

Brunnsteiner S. 57:

„Der Dom Sowjet […] ist halb stalinistische Repräsentationsarchitektur, halb orientalisches Schloß. Das haben deutsche Kriegsgefangene gebaut.“

 

Mannhart S. 163:

„Šabac, […] jenes ruhige, am Knie der Save gelegene Städtchen, in dem zum ersten Mal in der Geschichte des Landes auf einem Klavier gespielt worden war.“

Brunnsteiner S. 72:

„Nahe Šabac, am Knie der Save, war sein Zuhause. ‚Dort, wo zum ersten Mal in Serbien auf einem Klavier gespielt wurde‘ …“

 

Mannhart S. 277:

„um Benzin zu sparen […] schaltete der wortkarge Chauffeur den Motor aus, ließ den Wagen lautlos hinunter ins Tal […] rollen …“

Brunnsteiner S. 80:

„… stieg in mein Fahrzeug, ließ es diesen Felsen hinabrollen. […] Im Leerlauf, um Benzin zu sparen …“

 

Mannhart S. 407:

„Er begab sich zur Botschaft Restjugoslawiens, wie er es nannte …“

Brunnsteiner S. 69:

„… und ich ging damit zur Botschaft von Restjugoslawien – so nenne ich es wenigstens.“

 

Die gerichtliche Verfügung

Die Übereinstimmungen veranlassten das Handelsgericht des Kantons Zürich, auf Antrag von Thomas Brunnsteiner die weitere Verbreitung des Romans Bergsteigen im Flachland zu untersagen – und zwar bis zur Hauptverhandlung. Im Urteil vom 18. September 2014 heißt es: „Die bewusste Übernahme von – wenn auch veränderten – Textteilen ist offensichtlich.“ [S. 5] – Eine Tatsache, die von Urs Mannhart gar nicht geleugnet wurde. Im Gerichtsurteil wird folgendes Eingeständnis aus einer Mail Mannharts an Brunnsteiner zitiert: „[…] im Moment, da ich entschied, meinen umfangreichen Roman zu kleinen Teilen auch aufgrund Ihrer journalistischen Texte voranzutreiben, hätte ich (und das liegt also ungefähr fünf Jahre zurück) begreifen müssen, dass dies heikel ist […]“. [ebda.]

Die Argumentation von Mannhart und seinem Verleger, „bei den zur Frage stehenden Textteilen handle es sich um kurze, aus dem Kontext gerissene Wortfolgen, denen keinerlei individuelles Gepräge zukomme“, und dass es sich bei den inkriminierten Passagen zudem nur um Werkteile ohne Werkcharakter handle, beurteilt das Handelsgericht wie folgt: „Der Rechtsstandpunkt der Beklagten beruht auf haltloser Rabulistik. Die Norm von Art. 25 URG (strafbewehrt durch Art. 68 URG) schützt das ganze Werk, und zwar auch vor kommentarloser Übernahme einzelner Teile.“ [S. 6]

Die Folge: Die Bücher werden eingezogen. Und der Schweizer Secession-Verlag reicht eine Gegenklage mit einem Klagswert von 50.000 Franken ein.

 

Haltlose Rabulistik?

So weit, so klar. Doch das dicke Ende kommt am 22. Juli 2015. An diesem Tag nämlich findet in Zürich eine „nicht öffentliche Instruktionsverhandlung“ statt. „Diese Verhandlung war der Versuch zu einer Lösung ohne Urteil zu kommen“, erklärt Mannharts Anwalt Willi Egloff in einem Interview mit der Baseler Zeitschrift Journal B: „Wäre sie ergebnislos geblieben, hätte später eine Hauptverhandlung stattgefunden.“

Das Gericht setzt sich zusammen aus einem Hauptrichter, einem nebenamtlichen Fachrichter und einer Gerichtsschreiberin, die – nach Angaben von Journal B – gerade an einer Dissertation über das Urheberrecht arbeitet. Und die drei kommen zur Ansicht, dass bis auf wenige Ausnahmen keine der unter Plagiatsverdacht stehenden Passagen tatsächlich Plagiate seien. Egloff: „Der Vorsitzende ging ungefähr zwanzig der Textstellen durch und endete jedes Mal im Refrain, das sei keine Urheberrechtsverletzung. Danach sagte er zusammenfassend, von den insgesamt 114 Textstellen gebe es eine oder zwei, über die man diskutieren könnte. Aber in 98 bis 99 Prozent der Fälle liege ganz offensichtlich keine Urheberrechtsverletzung vor.“ Das Gericht sei zum Schluss gekommen, die meisten Belegstellen würden Sachverhaltsfeststellungen betreffen. Egloff: „Solche darf jedermann treffen, auch in ähnlicher Formulierung. Das Urheberrecht schützt Werke und Werkteile, aber nicht deren Inhalt, sondern deren Form. Entscheidend ist die Art, wie der Inhalt künstlerisch geformt ist.“

Mit dieser Ansicht des Gerichts war klar, dass Brunnsteiners Klage keine Chance hatte. Er zog sie zurück, und der Verlag zog die Gegenklage zurück, aber beharrte auf einer Entschädigungszahlung von 20.000 Franken durch Brunnsteiner.

Und so sollte es kommen.

[Quelle: Artikel/Interview Urs Mannharts Roman ist wieder im Verkauf vom 23. Juli 2015, Journal B]

 

Gemeinfrei? Vogelfrei? – Einerlei!

Nächster Akt: In einer Mail vom 27. Juli 2015, das Brunnsteiner an Freunde, Unterstützer und Journalisten schickt, erklärt er seine bisherigen Werke für gemeinfrei. Die E-Mail im Wortlaut:

 

Liebe Freunde und Unterstützer, geehrte Kollegen!

Ich ziehe die Konsequenz aus einem Vergleich vor dem Zürcher Handelsgericht vom 23. Juli 2015 und erkläre hiemit mein 2007 beim Wieser Verlag erschienenes Buch Bis ins Eismeer, mein 2010 beim Kyrene Verlag erschienenes Buch Taten sowie meine gesamte bisher publizierte journalistische, essayistische und belletristische Arbeit für gemeinfrei.

Auf Anfrage stelle ich ohne Kompensation oder weiterführende Ansprüche den gesamten Inhalt meiner Arbeiten zu freier Verwendung, Bearbeitung, Edition, Übersetzung etc. zur Verfügung, meine Urheberrechte an deren Inhalten sehe ich mit oben genanntem Datum als erloschen an. Auch die Wiederveröffentlichung meiner Arbeiten – im Teil oder im Ganzen, mit oder ohne Herkunftsangabe, als Grabsteininschrift oder zu Werbezwecken – erlaube ich ausdrücklich, zum Verfassen von Hommagen lade ich regelrecht ein.

Wie eine Analyse des Handelsgerichts Zürich ergab – 
zur Nachlese lege ich Ihnen und Euch diesen Bericht bei, den der Anwalt der gegnerischen Partei zu Protokoll gegeben hat – handelt es sich bei den Übereinstimmungen in Urs Mannharts Buch Bergsteigen im Flachland und meinem Buch Bis ins Eismeer keinesfalls um unerlaubte Abschreibungen, da meine eigenen Formulierungen fast zur Gänze als banale, nicht schutzwürdige Tatsachenbeschreibungen, als Allgemeinplätze, beliebige Wortansammlungen et al. anzusehen seien.

Mein oben angeführter Entschluss fusst in logischer Folge auf dieser Beurteilung meiner Arbeit.

Desweiteren bitte ich Sie und Euch, etwaige schon getroffene Meinungsäusserungen, Statements und Foreneinträge dahingehend zu prüfen, dass vom Autor Urs Mannhart in weiterer Folge nicht als Plagiator, Abschreiber o. ä. die Rede sei – dies könnte als strafrechtlicher Tatbestand ausgelegt werden und juridische Konsequenzen nach sich ziehen, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits einer der Adressaten dieses Schreibens in Österreich gewärtigt.

[Ausgelassener Absatz: Private Informationen von Brunnsteiner an seine Unterstützer in dieser Causa.]

Mit untertänigem Gruss aus Finnland

Ihr und Euer

Thomas Brunnsteiner

 

Entsetzt über die Rechtsauslegung

Am 3. August 2015 antwortet der Wiener Germanist Thomas Antonic auf Brunnsteiners E-Mail und bringt seine Fassungslosigkeit gegenüber dem Schweizer Urteil auf den Punkt:

 

Lieber Thomas, liebe Kolleg/inn/en, Freunde und Journalist/inn/en, Interessierte,

ich bin nach wie vor entsetzt über die Rechtsauslegung des Schweizer Handelsgerichts, die dazu geführt hat, dass Thomas Brunnsteiner am 22. Juli zu einer Schadenersatzzahlung von 20.000 Franken (ca. 19.000 Euro) gegenüber einem Kopisten verpflichtet wurde, der ganz eindeutig zahlreiche Textstellen, Figuren, Motive etc. aus den Werken Brunnsteiners ohne dessen Einwilligung übernahm und für „seinen“ Roman Bergsteigen im Flachland verwendete. Mit dieser groben Fehleinschätzung habe ich jeglichen Glauben daran verloren, dass eine Jurisdiktion für Gerechtigkeit zu sorgen imstande ist. Einzig und allein deshalb finde ich es richtig, dass Thomas Brunnsteiner auf die Schadenersatzforderungen eingegangen ist – nämlich um einen noch größeren Schaden für ihn abzuwenden, verursacht durch ein kläglich versagendes Rechtssystem, dem ich inzwischen alles zutraue, z. B. auch, dass es einer Gegenklage des Secession-Verlages von 50.000 Franken oder höher stattgegeben hätte.

Matthias Knoll [er hatte zuvor auf Brunnsteiners E-Mail geantwortet] hat völlig recht, wenn er schreibt, dass dieser Fall nicht Thomas Brunnsteiners Privatangelegenheit ist. Das Schweizer Gericht ignorierte nicht nur zur Gänze das Ersturteil vom Herbst 2014, das ein eindeutiges Plagiat festgestellt und ein Verkaufsverbot von Bergsteigen im Flachland erwirkt hat, sondern es ignorierte auch gesetzlich verankerte Copyrights und Urheberrechte – die entgegen der Meinung Willi Egloffs im Journal B nicht nur die Form eines Textes betreffen – und eine literaturwissenschaftliche Beurteilung des Falles (wie auch des gesamten Werkes Brunnsteiners, u. a. meine im Journal of Austrian Studies [Heft 47:4, Winter 2014] kundgetane Feststellung, dass es sich bei seinen Arbeiten keineswegs um banale, „nicht schützenswerte“ Reportagen handelt, sondern um literarische Texte in der Tradition des „New Journalism“, die Geschichten erzählen, in denen der Verfasser und sein spezifischer Blickwinkel im Zentrum stehen; weshalb ihnen die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einer Rezension von 2007 „konsequente Subjektivität“ attestierte und sie Werner Schandor [in einem Porträt über Thomas Brunnsteiner] „an die postmodernen Schlüsseltexte eines Jorge Luis Borges“ erinnern). Das Gericht ignorierte außerdem ein elendslanges E-Mail Urs Mannharts an Thomas Brunnsteiner, in dem er bereits im Juli 2014 reumütig sein Vergehen eingestand, wie auch einen „Offenen Brief“ Gerhard Ruiss’ im Namen der österreichischen IG Autorinnen Autoren vom August 2014, in dem unter anderem festgestellt wird, dass sich Mannhart „nach Lust und Laune der Reportagen von [Brunnsteiners Buch] Bis ins Eismeer bedient hat“, dass „Thomas Brunnsteiner sich zu Recht empört über diese Freibeuterei an seiner Arbeit“, dass „der Secession Verlag […] allen Grund [hat], Einsicht zu zeigen, statt pampig in der Öffentlichkeit zu reagieren, dass es quasi ein freies Werknutzungsrecht von journalistischen und publizistischen Arbeiten gibt“.

Die Fehleinschätzung des Schweizer Gerichts, das journalistische und literarische Arbeiten offenbar als vogelfrei erachtet, hat weitreichende Konsequenzen für Autor/inn/en, ja für kreativ Schaffende im Allgemeinen. Man kann vor allem darauf verzichten, seinen Namen unter oder über einen Text hinzuschreiben, da einmal Veröffentlichtes scheinbar zu Allgemeingut wird. Dabei geht es nicht nur um so etwas wie eine schützenswerte geistige Schöpfung. Denn wer für einen Text aufwändige und kostenintensive Recherchen betreibt (wie etwa im Falle der Reisereportagen Brunnsteiners nach Aserbaidschan, Spitzbergen usw. usf.), um Neues hervorzubringen, kann künftig als Tölpel gelten, der für alle, die sich bei ihm bedienen, die Kosten übernimmt.

Wer künftig geistigen Diebstahl begeht, kann sich auf der sicheren Seite wähnen. Die Chancen, sich mit Berufung auf den Fall Mannhart schadlos zu halten, stehen gut. Für die Literaturwissenschaft indes bedeutet diese Fehleinschätzung, dass sie sich nicht mehr mit dem Thema „Plagiat“ auseinandersetzen braucht, da ihre Expertise für Gerichte offenbar irrelevant ist.

Daneben scheint in Anbetracht dieser Fehl­einschätzung beispielsweise eine Festplattenabgabe, für die sich die IG Autorinnen und Autoren zuletzt – mit Unterstützung von hunderten Autor/inn/en – vehement eingesetzt hat, mehr als fragwürdig. Warum sollen auf diese Weise die Urheberrechte von Autor/inn/en gewahrt werden, wenn man sich sogar mittels Copy&Paste nach Gutdünken aus Vorhandenem bedienen kann? Die Rechtssprechung dürfte da eher auf der Seite der AdS Autorinnen und Autoren der Schweiz stehen, die eine Online-Petition für Mannhart mit dem niedlichen Titel Auch ich inspiriere mich bei anderen ins Leben gerufen hat, bei der angeblich 450 Autor/inn/en unterschrieben. Dass man sich dort auch als Dagobert Duck mit Wohnort Entenhausen eintragen hat können, braucht dabei ja niemanden zu interessieren. Selbst ein „Max ‚Vitus‘ Frisch“ aus 0816 Chene-Ce Pas und ein „Jakob von Gunten“ gehören zu den Unterzeichner/inne/n.

Ich nehme Thomas Brunnsteiners Bitte, schon getroffene Meinungsäußerungen aufgrund des Gerichtsentscheids noch einmal zu überprüfen, ernst, bleibe aber aus Überzeugung und mit Entschiedenheit bei meiner Meinung über den Fall, wie ich sie in meinem Artikel in der Tageszeitung Der Standard am 19. Oktober 2014 [Gastkommentar: „Was ist ein Plagiat – und was nicht?“] kundgetan habe. Bloß glaube ich mittlerweile nicht mehr, dass ein Plagiatsfall von einem ordentlichen Gericht beurteilt werden sollte.

Als Autor experimenteller Literatur möchte ich noch einmal betonen, was ich bereits in meinem Zeitungsartikel verlautbart habe: nämlich dass ich nachdrücklich für eine kreative Bearbeitung bereits vorhandenen Materials eintrete, insbesondere wenn es darum geht, Autor/innen/schaft an sich zu thematisieren, die ja – Eitelkeiten beiseite gelassen – vor allem in unserer kapitalistischen Welt Relevanz besitzt, und selbst wenn ausschließlich mit bereits vorhandenen Quellen gearbeitet wird – solange diese Quellen angegeben werden und nicht mangels eigener Ideen aus der Kreativität anderer Kapital zu schlagen versucht wird.

Das alles schreibe ich nicht nur als Unterstützer und in Solidarität zu Thomas Brunnsteiner, sondern auch als Betroffener an einem Nebenschauplatz dieser Affäre. Infolge meines oben erwähnten Standard-Artikels hat mich Mannharts Verleger auf Kreditschädigung und Ehrenbeleidigung verklagt. In erster Instanz hat mich das Wiener Handelsgericht zwar von sämtlichen Vorwürfen freigesprochen. Der Verleger, der mir in einer Standard-Replik und in Postings Betrug an Wissenschaft und Leser/innen, ja gar „kriminelle Energie“ vorwarf, hat allerdings eine Berufung eingebracht. Das Verfahren läuft derzeit und sein Ausgang ist – vor allem, wenn man sich die Willkür des Schweizer Gerichts im Fall Mannhart vor Augen hält – ungewiss. In einem verwahrlosten Rechtssystem ist allerdings jegliche Verurteilung als irrelevant zu betrachten. Ich beharre jedenfalls auf das Grundrecht freier Meinungsäußerung.

Im Grunde genommen bedarf dieser Fall weder einer wissenschaftlichen Analyse, noch eines gerichtlichen Urteils. Ein Blick auf die Fakten reicht, um festzustellen, wer im Unrecht ist. Jede/r, der/die halbwegs bei Verstand ist, kann sich bei der Durchsicht der Stellen, die Mannhart von Brunnsteiner ohne Quellenangabe und vor allem ohne jegliche literarische Notwendigkeit übernommen hat, selbst ein Bild machen.

Genug der Worte. Roman Bucheli hat außerdem bereits vor einem Jahr in der Neuen Zürcher Zeitung alles Wesentliche zu diesem Fall dargelegt [und zwar im Artikel „Piraterie als Liebesdienst“ vom 4. August 2014].

[Ausgelassene Stelle: Spendenaufruf zugunsten von Thomas Brunnsteiner]

Diese scheußliche Erfahrung darf uns alle, vor allem aber dich, lieber Thomas, nicht entmutigen. Die Kopisten werden so oder so unbedeutend bleiben, selbst wenn sie sich mit „ihren“ Machwerken einen Platz im Feuilleton, im Regal einer Buchhandlung oder gar in einem albernen Markt/Kanon sichern sollten. Was zählt, sind deine Texte; alle bisherigen und auch die zukünftigen, die wir hoffentlich noch von dir zu lesen bekommen werden.

Herzliche Grüße,

Thomas Antonic

 

Reportagen als Freiwild

Am selben Tag, dem 3. August, meldet sich schließlich noch der Berliner Hörfunkautor Tomas Fitzel mit seiner ernüchternden Einschätzung zu Wort, dass journalistische Reportagen sozusagen urheberrechtliches Freiwild seien. Hier seine Stellungnahme:

 

Lieber Thomas Brunnsteiner,

ich musste ehrlich gesagt, die Meldung zweimal lesen, bis ich verstanden hatte, dass Sie 20.000 Franken bezahlen müssen und nicht umgekehrt. Das ist freilich ein absurder Ausgang. Ich kann Sie sehr gut verstehen. Erst vor kurzem las ich die Presseankündigung zu einem Hörspiel, eine Koproduktion von ORF und SRF, dessen Geschichte mir merkwürdig bekannt vorkam. Zu Recht wie es sich herausstellte. Vor zwanzig Jahren hatte ich ein ausführliches Interview mit einem der ehemaligen Übersetzer geführt über dessen Arbeit am Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Dessen Enkelin schrieb u.a. auch mit meiner Unterstützung im letzten Jahr eine Biographie über ihre Großeltern. Das besagte Hörspiel nutzt nicht nur ungefragt diese Geschichte, also deren Geschichte, die Enkelin und Autorin findet sich darüber hinaus darin auch noch als fiktionale Figur wieder.

Und trotzdem muss ich hier widersprechen, denn ich glaube nicht, dass es Ihnen weiterhilft, nur dem Kanon der Gleichgesinnten und moralisch zu recht Empörten zuzuhören. Meines Erachtens liegt hier eine gründliche Verkennung des Urheberrechtes vor und auch eine teilweise Verwechslung mit der Plagiatsproblematik bei wissenschaftlichen Texten zur Erlangung eines akademischen Grades.

Es gibt gar keinen Zweifel, dass Urs Mannhart Ihre Reportagen in unziemlicher Weise geplündert hat, in einer Weise, die überhaupt nicht mit literarischer Montagetechnik zu erklären ist, die ja nur Sinn macht, wenn andere literarische, und vor allem auch dem Leser potentiell bekannte Texte eingebaut werden, wie es z. B. Péter Esterházy exzessiv betreibt. Umgekehrt müsste man vielmehr fragen, was bleibt noch von Urs Mannharts Roman übrig, wenn man Ihr gesamtes Material davon abzieht? Da stünden dann vielleicht wettbewerbsrechtliche Fragen an. Nun sind aber Inhalte in journalistischen Texten nicht geschützt, solange sie Fakten widergeben. Je redlicher, je wahrhaftiger Sie daher mit Ihrem recherchierten Material umgehen, also je weniger Sie „dichten“, desto weniger sind Sie durch das Urheberrecht geschützt. Hätten Sie dagegen argumentiert, dass Sie nie den Schreibtisch verlassen und Ihre Reportagen daher pure Erfindungen seien, ja dann wären Sie urheberrechtlich geschützt. Deswegen bauen Kartenhersteller manchmal Fälschungen in ihre Karten ein, denn nur so können Sie den unerlaubten Nachdruck beweisen.

In die pauschalisierende Klage über angebliche „Willkürjustiz“ mag ich daher nicht einstimmen. Denn rechtlich, und dies bitte ich zu unterstreichen, rechtlich ist Ihr Fall keineswegs ein einfacher Fall. Als Journalist möchte ich Sie freilich unterstützen, gerade weil Ihr Fall eine rechtliche Lücke und Problematik aufzeigt. Im Hörfunk z. B. ist es nicht nur üblich, sondern auch absolut notwendig, dass sich Autoren der Beiträge anderer bedienen, z. B. in der Wiederverwertung von O-Tönen. Eine äußerst zwiespältige Angelegenheit und sehr kontrovers diskutiert. Als ich vor über 20 Jahren den oben erwähnten ehemaligen Übersetzer unter ziemlichem Aufwand ausfindig machte und schließlich in Genf interviewte, wurde ich dafür noch auskömmlich bezahlt, inklusive der Reisekosten. Heute ist die Realität in der ARD eine ganz andere. Noch verheerender ist die Situation in der Zeitungsbranche. Es ist ja kein Zufall, dass sich es bei Ihnen, wie Urs Mannhart um zwei Reporter handelt, die trotz Erfolg und Anerkennung von ihrer Arbeit nicht mehr leben können. Ihr Fall zeigt, dass vielleicht das gegenwärtige Urheberrecht eine Überarbeitung braucht oder dass Rechercheleistungen auf anderem Wege besser geschützt werden müssten ganz im Gegensatz zu der Meinung derer, die eher mit Flatrates das Urheberrecht vielmehr sogar noch weiter aushöhlen möchten.

Problematisch, auch unter einem rechtlichen Aspekt, sehe ich eher z. B. die Verwendung der Figur Aga Mandic mit ihrem wahren Klarnamen. Es ist ja beileibe nicht so, dass Mannhart eine komplette Romanfigur neu erschafft, in der sich je nach dem Grad der Verfremdung das reale Vorbild erkennen vermag oder nicht, was in den letzten Jahren immer wieder auch zu Rechtstreitigkeiten führte, wie im Fall des Romans Esra von Maxim Biller. Mannhart fügt stattdessen Ihrer Reportage eine fiktionale Fortsetzung über Mandic hinzu. Man könnte dies als Bricolage, oder schärfer formuliert, als gewaltsame Aufpfropfung bezeichnen. Mandic muss nun damit leben, dass seine Biographie nicht einfach umgeschrieben, sondern um Erfundenes erweitert wurde. Wie sieht es mit seinem Persönlichkeitsrecht dabei aus? Er ist eine Romanfigur und zugleich auch nicht.

Ganz ähnlich kann man dies gegenwärtig auch im jüngsten Roman von Ilija Trojanow beobachten. In Macht und Widerstand benutzt er die Biographie des bulgarischen Dissidenten und politischen Häftlings Georgi Konstantinow fast eins zu eins, fügt aber zusätzlich die Lagererinnerungen anderer hinzu. Aus Konstantinow, der nach wie vor in Bulgarien lebt, wird ein Scheitanow. Fakten und Fiktion werden zu einem ununterscheidbaren Brei zusammengerührt. Auch hier stellt sich die Frage nach dem Recht auf die eigene Biografie.

Und die stellt sich nun – aber erst im Nachgang der juristischen Auseinandersetzung auch bei Ihnen, lieber Thomas Brunnsteiner. Vor dem Publikwerden des Rechtstreites musste der Leser davon ausgehen, dass es sich bei der Romanfigur Thomas Steinhövel um das Alter Ego von Mannhart selbst handelt. Ein Zitat: „Die Biografie von Reporter Steinhövel etwa hat – unschwer zu erkennen – Parallelen zum Autor selbst; auch dieser bereist östliche Länder, um für das preisgekrönte Magazin Reportagen oder für den Bund zu schreiben.“* Nun erfährt der Leser aber, dass Thomas Steinhövel weit mehr die Reportagereisen von Ihnen, Thomas Brunnsteiner, nachvollzieht. Die Namensähnlichkeit ist zudem frappant. Nur gleichen Sie keineswegs Steinhövel als Mensch, denn selbstverständlich dichtete Mannhart, der Sie als Person gar nicht kannte, wie er glaubhaft versicherte, sich dennoch selbst in die Figur hinein. Und dann kommt noch eine unglaubliche Volte am Ende. Bei Mannhart verliebt sich Steinhövel in eine Finnin und Sie wiederum leben in Finnland. Auch dies will Mannhart zuvor gar nicht gewusst haben.

Dies ist eine äußerst merkwürdige Form der Persönlichkeitsenteignung, ja eine Art literarischer Vampirismus. Da fällt einem nur wenig ein.

Mit meinen besten Wünschen

Tomas Fitzel

 

Und die Moral von der Geschicht‘?

Jedem juristisch unverbildeten Menschen muss es absurd vorkommen, dass Brunnsteiner die Zahlung von 20.000 Franken aufgebrummt wurde und nicht etwa dem Zürcher Handelsgericht, das im September 2014 mit eindeutigen Worten die Verfügung gegen Mannharts Buch ausgesprochen hat. Denn klar ist: Nicht Brunnsteiner hat den Schlamassel verursacht, den er am Ende ausbaden darf, sondern eigentlich eines der Schweizer Gerichte, in deren Mühlen Brunnsteiners Klage durch einander widersprechende Entscheide vermahlen wurde. Aber so ist das Leben: Man sucht das Recht und landet in der juristischen Zwickmühle. Ob das in Deutschland oder Österreich anders ausgegangen wäre als im Lande Blatters? – Schwer zu sagen. Auf jeden Fall ist eines klar:

"Jetzt weiss ich (und wissen wir), was ohnehin schon offen und ausgeweidet dalag: Das Urheberrecht, wir können es uns gratis herunterholen und dann schären, aber Zweck hat es keinen mehr. ‚Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes, der andere hängt vom gleichgiltigen Versuch ab, ob nach der Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann‘, sagt unser Herr Karl K. irgendwo, aber warum habe ich das jetzt in Schweinefüsschen gehüllt? Könnte ja von mir sein. Und also von Mannhart. TSCHIISASS!"

[Thomas Brunnsteiner in einer privaten E-Mail an schreibkraft-Herausgeber Werner Schandor vom 29. Juli 2015]