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Die Einsamkeit des Zweiflers

harald a. friedl | Die Einsamkeit des Zweiflers

Über die Freiheit von der Angst, das Falsche zu meinen und nicht geliebt zu werden.

Die lähmende Angst des Autors vor dem leeren Blatt – in ihr manifestiert sich die Sehnsucht, das „Richtige“ zu schreiben: Was des Lesers Zuwendung erwirkt, ihn fesselt, bewegt, Teil seines Horizonts, seiner Wahrheit wird. Wer „falsch“ schreibt, wird von der „Leserschaft“ mittels „like not“ stigmatisiert, oder schlimmer noch, bleibt ungelesen, jenseits der Wahrnehmungsgrenze, bedeutungslos, inexistent.

„Alles, was du tun musst, ist einen wahren Satz zu schreiben, … und von da aus machte ich weiter“, skizzierte Ernest Hemingway um 1920 in Paris, ein Fest fürs Leben seine Technik gegen Schreibblockaden. Als hätte der damals junge Schriftsteller noch allein mit sich selbst um seine „richtige“ Meinung, seine persönliche Wahrheit zu ringen vermocht, vom späteren Bangen um die Aufnahme in den erlesenen Kreis der Nobelpreisträger noch unbeschwert. Anerkennung durch Erfolg vereinnahmt wie eine Droge für den Preis des Erwartungsdrucks, weiterhin Gefälliges zu leisten – oder wieder im Nirwana zu verschwinden, aus dem man sich anfangs hochgeschrieben hatte.

Ein Satz ist wahr, wenn er sich für den Leser als „stimmig“ mit seinem Universum anfühlt. Einen eben geschriebenen Satz hier und jetzt als „wahr“ zu empfinden, wirkt wie der Aufstieg der Wintersonne hinter einem nachtschwarzen Horizont: Das Diffuse weicht der Klarheit, Eindeutigkeit. Zu schreiben verwandelt sich vom zähen Ringen um Begriffe und Satzzeichen zum leichtfüßigen Tanz eines Schöpfergottes im wärmenden Frühling seiner entstehenden Welt. Wer im Schreibfluss ist, spürt, dass „es gut ist“, weil der Schreibende eins wird mit sich selbst, frei von Angst, nicht zu gefallen.

Unterbricht der Schreibende, um kritisch Abstand zu nehmen vom Geschriebenen und damit von „sich“, auf der Suche nach „richtigen“ Maßstäben zur Prüfung des Wahrheitsgehalts seiner Worte, so erlischt abrupt der Zauber des „Flows“: Jenes beflügelnde Glücksempfinden ob der Bewegung in „reiner Wahrheit“ weicht den aufsteigenden Dämonen der Angst vor Missfallen und Scheitern, die das Licht verdunkeln, den Schreibfluss dämmen, den Geist lähmen.

 

Richtiges meinen

Ob etwas richtig oder falsch sei, ist nach verbreiteter Ansicht alleinige Frage der jeweiligen offensichtlichen Faktenlage. Damit hat Recht, wer sich im Kreis jener befindet, die gleichfalls an objektive Erkenntnis des menschlichen Geistes „glauben“. Denn zu „glauben“ bedeutet, eine Behauptung für wahr zu halten, ohne ernsthaft über mögliche Bedingungen für deren Gültigkeit gegrübelt zu haben. Im Fall der objektiven Erkenntnis wären dies etwa Grenzen menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit oder Unterschiede zwischen Wahrnehmung und Erkenntnis. Apropos Faktenlage: Seit Sokrates häuft sich die Erfahrung der vehementen Verbreitung ihrer Ansichten durch eben jene, die sie am wenigsten reflektieren … Wer sein Selbst und seine Weltwahrnehmung bezweifelt, zögert. Wer Gewissheit beansprucht, posaunt, um drängende Zweifel zu verscheuchen. Denn selten sind Dinge, wie sie erscheinen, noch seltener, wie sie eindringlich behauptet werden.

„Meinungsführern“ ist kritische Prüfung ihrer Argumente verzichtbar, weil wir von Kindestagen an brav und fleißig die Objektivität von Richtigkeit verinnerlichten; vermittelt von Eltern, Lehrern, „Experten“ und allen, die „wissen, was Sache ist“, weil sie sich „verdientermaßen“ nach oben gearbeitet hatten: an die Spitze anerkannter Meinungsführerschaft. Und wenn Meinungsführer behaupten, des Kaisers neue Kleider seien unbedingt von feinstem Gewebe, wahrnehmbar freilich nur für geschulte Augen, wer von jenen, die des Kaisers Gunst nährt, wollte als „törichter Blinder“ aus dem erlesenen Kreis der „Erkennenden“ verstoßen werden?

Ob etwas „objektiver Erkenntnis“ zugänglich ist, hängt somit scheinbar davon ab, wer danach fragt. Kulturwissenschaftler, die sich mit unterschiedlichsten Formen gemeinschaftlicher und individueller Weltbewältigung auseinandersetzen, würden sich mit dem Anspruch auf „objektive Erkenntnis“ innerhalb ihres sozialen Bezugskreises lächerlich machen. Selbst Mathematiker haben seit Kurt Gödel ihren unschuldigen Glauben an „die“ Mathematik als vollkommenes, eindeutiges System verloren, denn jedes soziale System bedarf als Klebstoff seiner Gewissheiten oder Paradigmen, die innerhalb ihrer Bezugskreise gelten, weil sie dort als bewährt behauptet und geglaubt werden, solange es eben geht.

 

Wege zum Gruppen-Know-how

Jedes (soziale) System hat seine eigene Logik. Deren Kenntnis, nämlich welche Situation wie „richtig“ im Sinne seiner „Mitglieder“ zu deuten und zu bewältigen sei, nannte der französische Philosoph Pierre Bourdieu „kulturelles Kapital“. Diesen Reichtum an Wissen über kulturelle Codes und die darüber stehende, alle und alles vereinende Wahrheit erwarben junge Adelige der Neuzeit im Zuge ihrer „Grand Tour“. Diese Bildungsreise, ein Vorläufer des modernen Kulturtourismus, führte die Anwärter auf Ämter und Würden zu Höfen, die „etwas galten“, um in dort herrschende Sitten, Themen und Sichtweisen „eingeweiht“ zu werden. Diese Sozialisierung prägte „edle“ Persönlichkeiten mit typischen Verhaltensmustern im Handeln, Sprechen, Denken und Fühlen. Erst dieser verkörperte „Habitus“ machte sie als gleichwertige Mitglieder ihrer Bezugsgruppe, dem Adel, und somit als „besonders“ gegenüber dem „niedrigen“ Volk „objektiv“ erkennbar. Ihre Anerkennung resultierte jedoch aus dem öffentlich vollzogenen Ritual der „Aufnahme“ in den Ritterstand, etwa dem Ritterschlag.

Dieser wechselseitige Mechanismus der ganzheitlichen Unterwerfung eines Individuums unter die Kultur seiner Bezugsgruppe einerseits und der gleichzeitigen Herausbildung einer „gemeinsamen Kultur“ eben dieser Bezugsgruppe andererseits, inbegriffen die Regeln für Neuaufnahmen, ist konstitutiv für jedes soziale System. Dies gilt für indigene Gesellschaften gleichermaßen wie für Familien, Tennisclubs, Rotary oder den „Islamischen Staat“: Es ist das jeweils ausgeprägte und als richtig und wichtig anerkannte und beherrschte kulturelle Kapital einer Bezugsgruppe, das darüber entscheidet, ob man als vollwertiges Mitglied und somit als „ebenbürtiger Mensch“ gilt oder als außenstehender „Untermensch“, weil Ungläubiger, Unwissender, Fremder …

Meinungsbildung im Sinne der Suche nach dem Richtigen erscheint demnach als kontextueller Lernprozess der Wahrnehmung und Übernahme bestimmter Denk- und Sprachmuster für bestimmte Situationen.

 

… die Hand, die dich füttert

Soziale Systeme sind aber auch Ausdruck einer Abhängigkeit zwischen dem in ihnen herrschenden Vertrauen ihre Mitglieder, „gut leben“ zu können, und der dadurch bedingten Unterwerfung der Mitglieder unter die jeweils herrschende Wahrheit. Darum ist die Frage, wer unter welchen Bedingungen „dazugehört“, entscheidend für die Systemstabilität. Wer von der katholischen Version der Erlösungsbotschaft Christi sowie von der päpstlichen Orientierungsstiftung spirituell profitieren will, muss durch die Taufe „aufgenommen“ sowie durch die Kommunionsvorbereitung und die Messe „instruiert“ werden. In der Kommunion selbst wird das bedingungslose Teilen eines Meinungskanons, symbolisiert durch das Teilen von Brot und Wein, als „Bund erneuert“: „Alle, die an sein Wort glauben“ und „in der Wahrheit“ leben, dürfen sich dazuzählen. Wie gesagt: system-typische Verhaltensmuster im Handeln, Sprechen, Denken und Fühlen.

Wer aufgrund seiner mangelnden Konformität mit dem sozialen System als inkompatibel und darum bedrohlich, weil destabilisierend, erscheint, muss draußen bleiben oder wird gewaltsam ausgeschieden, ob durch Exkommunikation bzw. Verbannung, Umerziehung oder Vernichtung. Gemeinsam ist diesen Strategien der Zweck der Stabilisierung des jeweiligen sozialen Bezugssystems, nämlich der Aufrechterhaltung des Vertrauens der „wahren“ Mitglieder in die Meinungsführerschaft. Denn dieses Vertrauen – der Glaube – ist die Voraussetzung für Orientierungsfindung seitens der Mitglieder einerseits sowie für die durch Glauben übertragene Legitimation des Meinungsführers zur Ausübung von Wahrheitsdefinitionsmacht andererseits, was wiederum Voraussetzung zur Stiftung von Orientierung ist: ein selbstreferentielles, sich selbst erhaltendes System.

Destabilisierte oder gar kollabierende Systeme sind erkennbar an Aufständen, Revolutionen oder Bürgerkriegen. Sie sind Ausdruck einer beeinträchtigten oder verlorenen Glaubwürdigkeit der Meinungsführer. Bar dieser verbindenden Eindeutigkeit muss sich das System erst wieder neu erschaffen, indem es eine neue Ordnung hervorbringt, deren Glaubwürdigkeit und Meinungsführerschaft seitens potenzieller Mitglieder des Systems erst auszuhandeln ist – ob durch friedliche Zweckbündnisse, Intrigen, gewaltsames Ringen um ideologische Vorherrschaft oder durch systematische Auslöschung von Widersachern. Funktionell lassen sich diese Methoden als Ringen der jeweiligen Kräfte um Aufrechterhaltung von relativer Stabilität (Homöostase) des jeweiligen Bezugssystems durch schlichte Bestimmung von „richtigen“ Mitgliedern und Ausgrenzung von „falschen“ betrachten.

 

Demokratie als Ausnahmezustand?

Die häufige Tendenz von Gesellschaften hin zu Erstarrung und Radikalisierung angesichts innerer wie äußerer Störungen wirft die Frage auf, ob die aufgeklärte liberale Demokratie eher die historische Ausnahme und hochgradig kontrollierte Systeme eher die Regel seien? Offene Systeme erfordern ein hohes Maß an permanenter Kommunikation zur Rekonstitution von Glaubwürdigkeit, ja zur Aufrechterhaltung und Erneuerung von Demokratiekultur. Das ist energieraubend, zeit- und kostenintensiv! Als Nebeneffekt unterliegen liberale Systeme ihrer beschleunigten, systemeigenen Differenzierung: Wo Wahrheiten konkurrieren dürfen und sollen, ja von „außen“ als „bereichernd“ zugelassen werden, bilden sich immer mehr davon, erkennbar an der Vervielfältigung der politischen Parteien, der Lebens- und Familienformen, der Religionsbekenntnisse, aber auch der Wissenschaftsdisziplinen und Berufsformen. Dies zieht zwangsläufig einen steigenden, ebenfalls belastenden Orientierungsbedarf nach sich, was die Bereitschaft für weitere Offenheit und Flexibilität beeinträchtigen kann. Muss sich dies zwangsläufig so entwickeln?

Aus physikalisch-systemischer Sicht stoßen wachsende soziale Systeme, ob liberal oder fundamentalistisch, allesamt irgendwann an ihre energetischen Grenzen. Denn mit steigendem Grad ihrer Komplexität wächst auch der Energieaufwand zur Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts, der hinreichenden Integration und Koordination seiner Mitglieder. Ein totalitäres System bedarf immer radikalerer und brutalerer Methoden zur Aufrechterhaltung seiner „Wahrheit“ bei gleichzeitig wachsendem Zweifel an der Loyalität seiner Mitglieder, bis es kollabiert, wie im Fall der paranoiden „Reinigungen“ Stalins oder der jüngsten Exekution von eigenen, meist ausländischen Kämpfern durch den IS aus Zweifel an deren „wahrem Glauben“.

Ein liberales System wiederum dreht sich ständig und immer schneller um die (Neu-)Definition seiner selbst. Nicht Verschworenheit, sondern permanenter Diskurs wird zur Legitimations- und Stabilitätsquelle. Darum neigen selbst erprobte liberale Systeme immer dann zur Verhärtung, wenn die systemeigenen Bedingungen für Meinungsfreiheit, nämlich wirtschaftlicher Spielraum und soziale Entwicklungsperspektiven, unter Druck geraten. So lässt sich mancher Rechtsrutsch in Europa als Reaktion auf rasch steigende Zahlen an Arbeitslosen und an Asylwerbern erklären.

Aus diesen Befunden ließe sich die These ableiten, dass menschliche Geschichte als Pendelbewegung zwischen Liberalisierung und Erstarrung interpretierbar sei: Mal pendelt ein System in Richtung Liberalisierung, Dynamisierung, Individualisierung und Differenzierung bei wachsender Komplexität, jedoch sinkender Klarheit, Verbindlichkeit und damit Orientierungssicherheit. Irgendwann wird die systemeigene Fähigkeit zur Integration von Vielfalt überschritten, das System kommt zum Stillstand und pendelt wieder zurück in Richtung strenger Abgrenzung, Vereinfachung und Vereinheitlichung, Normierung und Kontrolle. Orientierungsbedürfnisse können wieder leichter befriedigt werden – mittels Fremdbestimmung, bezahlt durch zunehmende Einschränkungen der persönlichen Freiheit.

 

Postmoderne Existenz als lebenslanges Lernen

Wo befindet sich derzeit das Befindlichkeitspendel unserer (spät-)modernen Demokratie? Hier wird individuelles Leben angesichts der sich immer schneller wandelnden Umwelten und der dadurch erzwungenen Anpassungsleistungen von sozialen Bezugsgruppen zum Dauerprojekt einer teilnehmenden Beobachtung von sozialen Entwicklungen: der Bürger als ständiger Forscher unter Fremden, die zuvor noch vertraut waren, deren mutierte kulturelle Codes er immer wieder neu erschließen und erlernen muss, um wenigstens vorübergehend Orientierung zu erlangen, Anschluss zu finden und damit der existenziellen Einsamkeit vermeintlich zu entfliehen, tatsächlich aber den Veränderungen ständig hinterherzustolpern. Kaum Superstar, ist man schon wieder out.

Die Zahl der Menschen, die auf erreichbare oder bleibende Zugehörigkeit zu einer geläufigen Welt des „guten Lebens“ vertrauen – mit gelingender Modernisierung, stabilem Wohlstandswachstum, sozialem Aufstieg und persönlicher Freiheit –, scheint global zu sinken, jene auf der Flucht vor Ernüchterung in künstliche Gewissheiten zu steigen. Ist dies bei genauer Betrachtung überraschend?

Wer würde als „Modernisierungsverlierer“ – als entwurzelter Migrant auf der Flucht vor Bürger-, Antiterror- oder Ölkriegen, als wohlstandsverwahrlostes Kind einer vermögenden Seitenblicke-Familie, als perspektivenloser Schulabbrecher aus einer bildungsfernen, überschuldeten und überreizten Patchwork-Familie oder als von geplatzten Spekulationsblasen enttäuschter, arbeitsloser Akademiker – unbekümmert vor dem Kamin sitzen, ein Glas alten Whiskys in der Hand, um das Wesen der idealen Demokratie zu reflektieren?

Muss man sich Zweifel an herrschenden Meinungen nicht auch leisten können? Waren die großen Vorbilder in konsequenter Kritik an der jeweils etablierten Wahrheit, ob Sokrates, Jean-Jacques Rousseau, Henry Thoreau, Bertrand Russell, Gandhi oder Martin Luther King, nicht anerkannte Mitglieder ihrer jeweiligen sozialen Bezugsgruppe? Freilich setzten sie alle durch unliebsame Meinungen ihre Existenz aufs Spiel, wurden verhaftet oder getötet, doch keiner von ihnen war … ein Niemand! Sie alle verfügten neben ihrer kritisch geprüften, tiefen Überzeugung von der Unhaltbarkeit der jeweils bekämpften Meinung über hohes Ansehen.

 

Flucht in fundamentale Gewissheit

Wer unter den verunsichernden Bedingungen der Spätmoderne nach „eindeutigen Meinungen“ sucht, findet im „Islamischen Staat“ wie in den virtuellen „Like“-Gemeinschaften auf Facebook zwei extreme Ausprägungen derselben Opposition gegenüber aufgeklärten demokratischen Gemeinwesen. Beide Systeme gründen ihre Existenzbedingung auf jeweils definitive Antworten:

Die Mitglieder des IS, überwiegend enttäuschte Modernisierungsverlierer, verfechten in radikal konservativer Weise ein absolutes und ewiges Unfehlbarkeitsdogma. Diese totalitäre Sicherheit einer einzigen zulässigen Weltsicht und somit eines einzigen wahren Glaubens gewährt seinen Anhängern vollkommene und endgültige Geborgenheit unter Aufgabe jeglicher Eigenverantwortung. Zweiflern und erst recht Ungläubigen wird jegliche Existenzberechtigung abgesprochen.

Die Mitglieder der „Like“-Gemeinschaften auf Facebook sind Kinder der entgrenzten Multioptionsgesellschaft, die im virtuellen Universum umherirren auf der Suche nach einer situativen Erfahrung ihrer selbst. Die Ad-hoc-Bezugsgruppen des gemeinsamen „Gefallens“ erlauben kurzatmige Identitätserlebnisse durch gemeinsame, eindeutige Weltdeutung. Diese Urteile sind totalitär, weil allein der zufälligen Zusammensetzung der Gruppe und ihrer aktuellen Befindlichkeit geschuldet. Sie gleichen römischen Gladiatorenspielen, in denen die Bürger zum Kaiser mit absoluter Entscheidungsmacht über Leben und Tod der Anderen aufsteigen – auf der Grundlage von Gefälligkeit. Falsches Foto, falsche Brüste, falsche Meinung … und schon „like not“ (= „don’t like“)! Ein Diskurs ist unmöglich, weil dieser selbst dem bipolaren Schema von „like/not“ unterworfen wird. Wer will schon argumentieren, wenn unterdessen bereits abgestimmt wird?

Die „Like“-Gemeinschaften folgen den Prinzipien der Aufmerksamkeitsökonomie. Weil sich der jeweilige Identitätswert an der Zahl der erreichten „Votings“ bemisst, ist das Risiko einer Zusammenrottung zum „Shitstorm“ als virtuelle Variante der Lynchjustiz hoch. Wer aber von den „Rufmördern“ sollte sich diese Untat zu Herzen nehmen, geht es den Mitgliedern doch nur um den Akt der Teilhabe an einem „Gruppenbildungsprozess“, die zwar absolut und auf Kosten eines „like-not“-Subjekts wirkt, im nächsten Augenblick jedoch schon wieder obsolet ist, weil sich die Aufmerksamkeit anderswo manifestiert.

Als tragisch erlebt wird im Facebook-Universum nur eines: Bei einem Voting nicht dabei zu sein und damit inexistent zu bleiben, zum Außenseiter zu werden. Die Löschung des Facebook-Accounts käme gar dem virtuellen Selbstmord gleich, in welchem der User spurlos ins irrelevante Nirwana der realen Welt verschwindet.

 

Zweifel als Anker der Freiheit

Außerhalb von Bezugssystemen sind Meinungen sinnlos, weil beziehungslos. Darum zog Sokrates aus Verbundenheit zum Staat den Schierlingsbecher einem Exil vor. Jesus präsentierte sich zwar als „nicht von dieser Welt“, war aber wie Sokrates Botschafter des konstruktiven Einsatzes von Zweifel als Bollwerk gegen Machtmissbrauch und als Türöffner für inkludierende, Menschen verbindende Differenzierung. Dabei wird die Aufgabe der absoluten Gewissheit zum billigen Preis für ein „gutes Leben“ für alle Menschen, weil unter Bedingungen des konsequenten Zweifels auch genug Anerkennung für alle Menschen vorhanden ist. Denn wo zwar alle zweifeln, aber auch jeder eigenverantwortlich um seine persönlichen, passenden Entscheidungen für das Hier und Jetzt ringt und in der Überzeugung entscheidet, irren zu können, dort wird der Ausschluss eines Menschen als „falsch“ denkunmöglich. Denn die „richtige“ Meinung kennt ohnedies niemand.

Darin liegt die große Freiheit des Zweifels, wenn er mit dem Mut zur eigenbestimmten Entscheidung bei möglicher späterer Korrektur gepaart ist: Dann geht es nicht darum, etwaigen Lesern zu gefallen, sondern das zu schreiben, was sich hier und jetzt stimmig anfühlt: Sätze der Wahrheit des Augenblicks, die anschließend ohnehin mehrfach zu überarbeiten sind.

Dann verflüchtigen sich Schreibblockaden als blasse Erinnerung an eine Altersattitüde.