schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 28 - wie meinen? Fragen und fragen lassen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/28-wie-meinen/fragen-und-fragen-lassen

Fragen und fragen lassen

katja schmid | Fragen und fragen lassen

Facebook statt Face-to-Face

Wir haben zuhause einen Festnetzanschluss und mehrere Durchwahl-Nummern. Benutzt werden jedoch nur zwei. Damit wir nicht durcheinanderkommen, wenn jemand anruft. Klingelt es bei mir, weiß ich: Das ist für mich. Klingelt es bei meinem Mann, weiß er: Das ist für mich. Klare Sache. Ab und zu jedoch klingeln beide Telefone. Gleichzeitig. Dann wissen wir: Das sind die Meinungsforscher. Die haben unsere dritte, sonst nie genutzte Durchwahl per Zufall generiert. Meistens lassen wir es einfach klingeln. Wir haben keine Lust, uns instrumentalisieren zu lassen. Wir glauben nicht, dass diese Fragerei irgendwas ändert an den bestehenden Verhältnissen. Außerdem sind diese Fragen aufdringlich. Und dämlich.

Woher ich das weiß? Heuer bin ich ein Mal schwach geworden. Aus Mitleid hatte ich zugestimmt, mich befragen zu lassen. Die Frau mit dem Klemmbrett hatte ja sonst keinen, der mit ihr redete, und wir hatten eine Viertelstunde Zeit, bevor unser Anschlusszug kam. Ein bisschen Zeitvertreib zwischen zwei Zügen, warum nicht. Es ging um den umgebauten Bahnhof in Stralsund. Wie ich denn das Ergebnis finde. Das könne ich leider nicht beurteilen. Ich sei eben erst ausgestiegen, am Bahnsteig gegenüber und fahre gleich weiter – den Bahnhof selbst bekäme ich gar nicht zu Gesicht. Nur das Gleis, und das sehe aus wie beim letzten Mal. Wir fahren alle paar Jahre mal mit der Bahn nach Rügen, das ist von Berlin aus nicht weit. Den Bahnhof von Stralsund habe ich in all den Jahren nur ein einziges Mal durchquert. Ich erinnere mich dunkel an Holzschnitzereien an der Decke. Mehr nicht. Die Frau ließ nicht locker. Das sei doch vielversprechend. Ob mich jemand anrufen dürfe, in ein paar Tagen. Na gut. Das Gespräch war eine Farce. Wie ich die neuen Lampen finde und die Türen und die Schwellen, den Bodenbelag und endlos so weiter. Ich hätte mir was ausdenken können, stattdessen wiederholte ich ein ums andere Mal: Keine Ahnung, nie gesehen. Ich habe keine Meinung zum Bahnhof von Stralsund. So leid es mir tut. Womöglich ist er wunderschön. Vielleicht sollten wir mal gezielt nach Stralsund fahren, uns den Bahnhof anschauen.

Das nächste Mal, als mich jemand professionell ausfragen wollte, blieb ich stur. Nein, da mache ich nicht mit, sagte ich. Wieder war es eine Frau mit Klemmbrett. Diesmal im fahrenden Zug. Eine halbe Stunde lang hatte sie Fahrgäste in meiner Nähe ausgefragt. Was für ein Ticket sie haben, was es gekostet hat, wohin sie fahren. Die Antworten auf all diese Fragen waren der Deutschen Bahn längst bekannt, jedes einzelne Ticket wurde schließlich vom System erfasst. Keiner führt mehr ein handgeschriebenes Billett mit sich. Wozu also das Ganze? Ich wollte einfach nur lesen, ein bisschen was aufschreiben, aus dem Fenster schauen, was man halt so macht. Als die Dame bei mir anlangte, weigerte ich mich, mein Ticket vorzulegen. Das hatte sie nämlich verlangt. Sie sagte nicht: „Entschuldigung, dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Wir machen hier gerade ein Experiment.“ Nein, sie forderte mein Ticket, und als ich mich weigerte, wurde sie penetrant. Wieso ich mich weigerte, das dauere doch nicht lang. Oh doch, das dauere – ich hätte sie beobachtet. Mein Ticket gehe nur die Schaffnerin was an, und die war soeben da gewesen. Da schaltete sich eine Dame von der anderen Seite des Gangs ein: Ich solle doch die paar Fragen beantworten, die Frau mache ja nur ihre Arbeit. Ah ja? Und worin genau besteht diese Arbeit? Und wieso will sie mir weismachen, ich sei zur Kooperation verpflichtet?

Wenn die Fahrgäste den Eindruck hätten, dass ihre Meinung ernsthaft gefragt ist und tatsächlich Veränderungen nach sich zieht, bräuchte es keine Statisten in Uniform. Wünsche, Verbesserungsvorschläge und Kritik gibt es zuhauf. Ich habe es diesen Sommer selbst probiert und schriftlich angefragt, ob es der Deutschen Bahn möglich wäre, ein Rückfahrticket nach englischem Vorbild anzubieten. Da kostet das Retourticket nur 5 Pence mehr als die einfache Fahrt. Mal muss man am selben Tag zurückfahren, mal gilt es sogar mehrere Tage. So eine Rückfahrkarte ist praktisch, wenn man kleine Kinder zu den Großeltern bringen, eine Ausstellung besuchen oder zu einer Tagung fahren will. Mehr Leute würden das Auto stehen lassen. Garantiert. Wobei ich mir gleich denken konnte, dass die Aussicht auf Unmengen günstig hin- und herreisender Neukunden eher beängstigend war. Also hob ich in meiner Anfrage auf den Familienaspekt ab und bat um die Einführung eines so genannten ‚Familientickets‘, das den Transfer von Ferienkindern erleichtert. Und was hatte die Bahn dazu zu sagen? Das Antwortschreiben verwies lang und breit auf die Sparpreise, die man Wochen und Monate im Voraus buchen kann. (Kostenbeispiel: wenn man sein Kind nicht nur wegbringen, sondern auch wieder abholen will, kosten zwei Rundfahrten zwischen Berlin und Leipzig 116 Euro (4 x 29 Euro plus 0 Euro für Kinder von 6-15 Jahren). Am Ende dann der entscheidende Satz: „Ihre Anregung bezüglich eines Familientickets haben wir bei uns erfasst und stellen diese dem verantwortlichen Fachbereich zur internen Auswertung zur Verfügung.“ Seither habe ich nichts mehr davon gehört. Die britischen Tickets sind übrigens ohne Vorkaufsfrist zu haben und deshalb nicht nur für Hellseher, sondern auch für Spontanreisende geeignet.

 

Und was war der tiefere Sinn der Befragung in Stralsund? Soweit ich das sehe, ging es um Selbstbestätigung und Rückversicherung. Das Geld für den Umbau war ja schon ausgegeben. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass sie bei negativen Rückmeldungen sämtliche Änderungen zurückgebaut hätten. Wenn die Bahn also nur ein Lob wollte, warum hat sie dann nicht wie Hinz und Kunz auf ihrer Facebook-Seite um Likes gebuhlt? Das wäre kostenneutral gewesen und hätte mit Sicherheit mehr Menschen erreicht. Menschen, die vielleicht mal nach Stralsund gefahren wären, um sich den Bahnhof anzuschauen.