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Gummibälle in der Gummizelle

helwig brunner | Gummibälle in der Gummizelle

Spiele der Meinungsbildung zwischen Aporie und Aphorismus.

Spazieren gehen

Wie ich an dieser Stelle flugs zu lästern beginnen könnte über Meinungen, die, hat man sie erst einmal ausgedrückt, als undurchschaubar klumpenförmige, quasi koprolithische Gebilde versteinern, künftig als Vorurteile weiteren Gedanken im Weg liegen und schlimmstenfalls auch noch von Generation zu Generation weitergereicht werden: „Meinungen zu haben, ist die beste Methode, der Verpflichtung zum Denken auszuweichen“, notierte Nicolás Gómez Dávila.

Wie ich mich auch sofort darüber ereifern könnte, dass die singulär behauptete Meinung nur allzu oft bloß ihrer eigenen verkappten Tendenz dient, sich anmaßend und reaktionär zur Botschafterin einer absoluten Wahrheit hochzustilisieren – wo doch jeder und jede in der pluralen Gegenwart angekommene Einzelne geteilter Meinung sein darf: an Prämissen rüttelnd, schlingernd von Entwurf zu Gegenentwurf, sich fremd und wieder vertraut werdend, das persönliche Meinungskostüm mit jeder Lebensphase neu zurechtschneidernd. „Sei tolerant zu fremden Ansichten, selbst wenn sie früher einmal deine waren“, lesen wir bei Wiesław Brudziński.

Wie ich aber Derartiges, jenes Lästern und Ereifern nämlich, lieber bleiben lasse beziehungsweise hiermit für exemplarisch erledigt halte, weil es zu mehr als zum bloßen Exempel nicht taugt. Was also sonst schwebt mir vor? Mir eine Meinung zu bilden über die Meinung an sich: eine Meinung zweiter Ordnung, eine bescheidene Meta-Meinung, eine kleine Theorie oder vielleicht Poetik der Meinung? Oder aber: Wie ich die Finger lasse von alledem und stattdessen lieber spazieren gehe. „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat“, so Friedrich Nietzsche. Auch dies eine Meinungsfreiheit: frei von Meinungen zu sein.

 

Außer Reichweite

Das Hauptproblem jeder Meinung ist wohl ihr so grundlegender wie vergeblicher Anspruch, sich mit einem Stück Wirklichkeit zu decken. „Tag für Tag“, so Carsten Zimmermann, „sind wir mit der Sisyphusarbeit beschäftigt, ein überzeugendes Bild unserer Welt zu erstellen, eines, das uns einen Platz anweist, mit dem wir zufrieden sein können. Dieses Unterfangen scheitert nicht erst an den kleinen und großen Unglücksfällen, an der Vergänglichkeit, an der Zeit, sondern schon daran, dass die Wirklichkeit, das Reale, überhaupt nichts Meinungsförmiges an sich hat – und im Stillen wissen wir das.“ Wie Gummibälle prallen unsere Meinungen ab an dem, was wir Wirklichkeit nennen. Wir wissen nichts Abschließendes darüber zu sagen, wie nah unser Denken der Realität kommt und inwieweit es selbst Realität ist. Dem Descartes’schen „Cogito ergo sum“, das dem Denken Beweiskraft für unsere schiere Existenz zuschreibt, hält Jean Paul entgegen: „Er denkt, er denke.“ Wie auch sollte das Elektronengewitter in unserem Hirngekröse Klarheit über sich selbst schaffen? Dennoch denken und reden wir immer noch gerne so, als wäre alledem nicht so: Als wären wir nicht eingesperrt in der Gummizelle unseres Denkens. „Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist“, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe.

Wir ahnen auch manchmal, dass wir an das, was Sache ist und was wir eigentlich zum Ausdruck bringen wollen, mit der uns zur Verfügung stehenden Sprache nicht wirklich heranreichen: „Die Worte umspähen die Dinge nur“, bringt Elazar Benyoëtz es auf den Punkt. Nicht einmal ein Nobelpreisträger im grenzgängerischen Genre der Poesie wie Tomas Tranströmer verfügt über hinreichende Ausdrucksmittel: „Das Einzige, was ich sagen will, / glänzt außer Reichweite / wie das Silber / beim Pfandleiher.“ Nicht zuletzt erschüttert die Einsicht Ferdinand de Saussures in die Arbitrarität der Sprache, die willkürlich vereinbarte Zuordnung des Bezeichnenden zum Bezeichneten, unseren Glauben an den Wirklichkeitsanspruch unserer Meinungen, die aus eben dieser Sprache gemacht sind. Selbst die Naturwissenschaften, Steigbügelhalter des Wirklichen, sind im Formulieren ihrer Fachmeinungen längst bescheiden geworden: „Es wäre falsch zu denken, dass die Wissenschaft herauszufinden hat, wie die Natur ist. Sie beschäftigt sich allein mit dem, was wir über sie sagen können.“ (Niels Bohr)

 

Schöne Spiele

Meinungen sind das, was uns bleibt, wenn wir begriffen haben, dass es mit unserem Wissen, Denken und Sprechen nicht allzu weit her ist. Unsere Meinung ist eben nur unsere Meinung, die zwar in keiner bestimmbaren und schon gar nicht ausschließlichen Beziehung zur Wirklichkeit steht; immerhin kann sie aber funktional in eine solche Beziehung treten, indem sie sich in gegebenen Zusammenhängen, zum Beispiel jenen der Welt, als viable, soll heißen gangbare Wirklichkeitskonstruktion erweist. So lautet zumindest die ihrerseits durchaus viable Meinung Ernst von Glasersfelds, des Begründers des radikalen Konstruktivismus.

 

Die Sache mit den Bällen hat unzweifelhaft auch ihr Gutes. Dass sich mit ihnen trefflich spielen lässt, wissen wir von klein auf. Meinungen fliegen uns zu, so elastisch wie Gummibälle, so leicht wie Federbälle. Wir können einander unsere Meinungen im Gespräch zuwerfen und Spaß daran haben, wir können jemanden in Völkerballmanier aus dem Spielfeld schießen oder Geschick beweisen, indem wir jonglierend mehrere Bälle in der Luft halten. Applaus, Applaus! Mit Meinungen lässt sich Ansehen schinden und Geld verdienen. Oder man behält sie für sich und geht spazieren: In dem erfreulichen Wissen, etwas in der Tasche zu haben, das sich jederzeit eleganter und vergnüglicher handhaben lässt als die unförmige, sperrige, widersetzliche, so gar nicht meinungsförmige Wirklichkeit.