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Gut. Gemeint.

harald darer | Gut. Gemeint.

Notizen eines Meinungserfinders in der Meinungsforschungsindustrie.

Wer meinen Sie zu glauben, wer Sie sind, beziehungsweise glauben Sie zu meinen, wer Sie sind? Was glauben heißt, wissen Sie aber hoffentlich, meine ich, und dass das Meinige zählt, weiß ich, schließlich will ich nicht mit mir selbst meineidig verfahren, nicht wahr? Das ist ja das Schöne am Meinen. Man würde geradezu gegen ein Menschenrecht verstoßen, nicht seiner Meinung zu sein. Also der eigenen. So gesehen bin ich ein Menschenrechtsaktivist. Mein Menschenrechtsaktivist, aber wer wird schon so kleinlich sein. Die Kleinlichen meinen ja die Wahrheit gepachtet zu haben, und wem es nicht passt, kann ich nur sagen: Ich meine ja nur. Schließlich darf ich. Muss ich sogar. Basiert nicht zuletzt unsere Demokratie auf der freien Meinungsäußerung? Beziehungsweise vor allem meiner? Deshalb sehe ich mich gezwungen, Ihnen meine Meinung zu sagen, sie Ihnen zu geigen, sie hineinzudrücken in Sie und somit Ihre herauszudrücken aus Ihnen, um meiner staatsbürgerlichen Pflicht nachzukommen. Gibt ohnehin schon genug, die keine Meinung haben, keine Meinung vertreten, da nehme ich doch gerne an ihrer statt in Anspruch, zu allem eine zu haben, auf Ihre Meinung mit meiner vermeintlich draufzutreten und herumzureiten. Außerdem ist meine Meinung tauglich, wo die meisten Meinungen – Ihre ja auch! – untauglich und zu nichts zu gebrauchen sind. Meine taugliche Meinung ist leicht zu haben, geht rein und runter wie Öl, ist in erträglichem Maße innovativ, zudem erfrischend traditionell, unaufdringlich exotisch, angenehm schräg, hübsch anzuschauen, sexy, trotzdem anständig und vernünftig, verkaufs- und werbefreundlich, professionell und hochglanzpoliert. Außerdem steht sie gratis zum Download zur Verfügung und ist barrierefrei, die sieht sogar ein Blinder! Und natürlich ist sie zutiefst menschlich. Meine Meinung menschelt immer, aber auf keinen Fall gutmenschelt sie, gutmenscheln sollen andere Meinungen, meine kann darauf getrost verzichten, meine ist voll Liebe, aber trotzdem unabhängig und kritisch! Weil, was es wiegt, das hat es, oder meinen Sie etwa nicht?

 

Schlagzeile:

Um ihre tatsächliche Homosexualität zu testen, werden Asylwerbern heterosexuelle pornographische Darstellungen gezeigt und dabei die Durchblutung der Geschlechtsteile gemessen.

 

Meine Meinung:

Internieren statt integrieren!

 

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Asylantenfamilie in aller Herrgottsfrühe abgeschoben.

 

Verständlich, meine ich, die Anrainer wollen nicht belästigt, die Asylwerbeakademie soll woanders eröffnet werden.

Da könnte ja jeder.

Die Negerkinder ersaufen besser vor Lampedusa als im Zuge eines Einbruchversuchs in den Swimmingpools unserer Kleingartensiedlungen.

Sonst kippen Wirtschaft und Poolwasser.

 

Meine Meinung:

Der Gutmensch soll sich nicht so zieren, ich tu halt gerne

1.) Schwadronieren.

2.) Räsonieren.

3.) Massakrieren.

4.) Applaudieren.

 

Schlagzeile:

Sensation!

Gewürzschinken gebraten statt sieben Euro neunundneunzig um nur drei Euro neunundneunzig.

Grausiger Fund!

Spaziergänger entdecken zerstückelte Leiche in Waldstück.

Gewaltdelikt vermutet.

Katastrophe!

Die Biene stirbt.

 

Ich meine:

Ich bin der positivste negative Mensch, den es gibt. Solange die Stoffwechselendprodukte meinen Körper ungehindert verlassen können, ist das Leben schön.

 

Schlagzeile:

Tempo, Kraft und Spaß!

ÜBERALL fernsehen!

ÜBERALL telefonieren!

ÜBERALL surfen!

ÜBERALL lebendiger ab neunzehn Euro neunundneunzig!

 

Ich meine, das Glück der Menschen passt in eine Kaffeekapsel hinein! Kapselkaffeemaschinenkaffee trinken ist ein internationales Menschenrecht! Auf zum letzten Gefecht!

Und noch etwas: Nicht nur, dass ich moralisch verpflichtet bin, Ihnen meine Meinung zu sagen, nein, ich werde dauernd dazu ermuntert und aufgerufen, mehr noch, aufgefordert werde ich. „Posten Sie als Erster Ihre Meinung!“, steht unter jedem Artikel, den ich lese, auch wenn ich den Artikel nicht gelesen habe, poste ich meine Meinung. Meine Meinung ist universell und vor allem wichtig! „Ihre Meinung ist ungemein wichtig!“, heißt es, „Ihre Meinung zählt!“, „Ihre Meinung hat einen Wert, sogar einen für uns messbaren“, heißt es. „Wir entwickeln uns weiter durch Ihre Meinung, wir entwickeln uns zu Ihrem Vorteil weiter durch Ihre Meinung“, heißt es. „Was würden wir nur ohne Ihre Meinung tun!“, sagen sie.

Absolutes Spitzenprodukt! Vielseitig verwendbar! Uneingeschränkte Kaufempfehlung! Kaufe gleich noch ein Paar! Absolut passgenau, stylish und funktionell! Ein Top-Produkt zu einem super Preis-Leistungsverhältnis! Einfach nur geil diese Halbschuhe, bin froh diese Halbschuhe gekauft zu haben, werde noch ein Paar dieser Halbschuhe kaufen! Diese Halbschuhe sind wirklich sehr gut, habe im letzten Jahr schon ein Paar gekauft und jetzt wieder ein Paar bestellt! Halbschuhe anziehen und wohlfühlen! Sehr gute Halbschuhe, kaufe mir gleich wieder ein Paar! Einfach klassisch, diese Halbschuhe!, meine ich.

In meinem Postkasten findet sich regelmäßig Reklamematerial mit der Aufschrift „Klassische Halbschuhe für Sie zu unschlagbar günstigen Preisen!“. Die Verkäuferinnen in den Herrenschuhabteilungen grüßen mich wie einen alten Bekannten. Als Stofftiere verkleidete Studenten drücken mir in der Fußgängerzone Werbeflyer für klassische Halbschuhe in die Hand.

Da können Sie es sehen! Meine Meinung wirkt sich aus. Wirkt sich direkt auf die Wirklichkeit aus! Somit bin ich ein Meinungsbildner, ein Meinungsmacher. Ständig werde ich angerufen von Meinungsforschungsinstituten, die meine Meinung hören wollen. Meine Meinung zu Themen hören wollen, zu denen ich bis zu dem Zeitpunkt des Anrufs überhaupt keine Meinung gehabt habe, nicht gewusst habe, dass es diese Themen überhaupt gibt, geschweige denn, Meinungen zu diesen Themen. Die Meinungsforschungsinstitute haben mich zum Meinungserfinder gemacht! Die Meinungsforschungsinstitute geben sich bei mir die Klinke beziehungsweise den Telefonhörer in die Hand, weil endlich einmal wer bereit ist, ihnen die Meinung zu sagen, völlig egal, ob erfunden oder nicht – was ist schon eine erfundene Meinung? Eigentlich jede, oder? – Hauptsache, zu allen ihren Fragen eine Meinung für die Meinungsindustrie! In der Meinungsdienstleistungsindustrie bin ich eine große Nummer! Schalten Sie den Fernseher oder das Radio ein, nach jeder Diskussion zu jedem beliebigen Thema können Sie sich vom Meinungsforscher oder der Meinungsforscherin meine Meinung anhören.

Wie meinen? Vermeine ich da einen Vorwurf herauszuhören? Meine Meinungen sind Minen, sagen Sie? Sprengstoff, sagen Sie? Ich gehörte ent-meint, meinen Sie? Meine Meinungen sind Gemeinplätze? Gemein? Hundsgemein? Gemeingefährlich? Was denn noch alles? Welche Wörter spuckt der Duden denn unter mein noch aus? Haben Sie keine eigene Meinung? Habe ich Ihnen die meinige erfolgreich hineingedrückt? Wissen Sie was? Ich weigere mich, mich zu verbiegen! Der gerade Michl stirbt aus! Was meinen Sie? Die Sprache wird Ihnen verdorben, verhunzt, verleidet? Die Sprach- und Sprechprogrammierer, politischen Redenschreiber, rhetorischen Agitatoren und mutmaßlichen Medienprofis sind die Sprachmassakrierer, Flachmacher und Betonierer? Was Sie hören und lesen, sind Sprachpalatschinken? Sprachmissbrauch, der unnötigste Sprachgebrauch überhaupt, wird im großen Stil betrieben? Die mutmaßlichen professionellen Redner wickeln Sie ein mit ihren Sprach- und Sprechpalatschinken? Es ist, als würde jemand auf offener Straße ein Mädchen vergewaltigen und Sie später davon überzeugen wollen, dass es sich dabei lediglich um eine gynäkologische Erstuntersuchung gehandelt hat? Das ist Ihre Meinung?

Ich bitte Sie, regen Sie sich nicht so auf, beruhigen Sie sich! Es ist doch völlig unnötig sich aufzuregen, weil ich sowieso nichts zu sagen beziehungsweise mitzureden habe und auch in Zukunft nicht gedenke, irgendetwas zu sagen oder irgendwo mitzureden. Das sollen andere machen, dafür bin ich nicht zuständig, das können Sie jetzt wirklich nicht auch noch von mir erwarten.

Schließlich meine ich ja nur und habe es eigentlich gar nicht so gemeint.