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Heute schon gemeint?

wolfgang kühnelt | Heute schon gemeint?

Über soziale Medien und unsoziale Gedanken.

„What’s on your mind?“, fragt das erst noch zu befüllende Facebook-Kästchen in der angloamerikanischen Version. „Was machst du gerade?“, will man in der deutschsprachigen Variante neugierig vom „User“ wissen. Wenn sich ein Konzern von globaler Bedeutung so vehement für unsere Gedanken respektive Handlungen interessiert, dann darf das nicht unbeantwortet bleiben. Noch vor zehn Jahren waren es vereinzelte – auf ihre Art nicht selten vorhersehbare – Meinungsäußerungen, die uns etwa auf den Leserbriefseiten der Tageszeitungen begegneten. Unvergessen etwa die Forderung eines aufgebrachten Wutbürgers (das Wort war damals noch nicht erfunden), man möge an den ihm verhassten Druckknopfampeln einen Münz­einwurf anbringen. Dann würden es sich die vermaledeiten Fußgänger schon überlegen, ob sie wirklich den Autoverkehr anhalten müssten, nur um – aus sicherlich niederen Motiven heraus – die Straßenseite zu wechseln. Heute gäbe es nach einer solchen Äußerung sicherlich einen Shitstorm der einen Seite und einen Gegen-Shitstorm der anderen.

Noch ein wenig rarer als die tendenziell eher emotional formulierten Leserbriefe waren einst die Kommentare von mehr oder minder prominenten Intellektuellen, die versuchten, uns gewöhnlichem Volke die Welt zu erklären. Diese Zeiten sind nun auch unwiderruflich vorbei. Max Goldt beklagte sich in einem Text (den ich bei der Recherche nicht mehr finden konnte) meiner Erinnerung nach schon deutlich vor der letzten Jahrtausendwende, plötzlich habe jeder zu allem eine Meinung. Zum Bier in der Kneipe, zur Einrichtung einer fremden Wohnung, zum Großen und Ganzen. Doch was Goldt nicht ahnen konnte: Das war erst der Anfang. Mit dem Aufkommen der User-Kommentare auf den Internetseiten der großen Medien und mit der Ausbreitung der Interaktionsmaschinen Facebook und Twitter wird nun stündlich, was sag ich: minütlich, eine Meinungsarmada auf uns losgelassen. Die berühmt-berüchtigten Postings und Tweets der Marke „Ich bin gerade am Klo“ oder „mir ist sooo fad“, die wenig fachkundige Kritiker an dieser Stelle gerne zitieren, sind in der Altersgruppe über 12 Jahren eher spärlich zu finden. Dafür aber breitet sich eine riesige Anschauungswelle über die „sozialen“ Netze aus, die nicht nur die sogenannten Status-Meldungen zu überfluten droht, sondern vor allem auch die Kommentarfelder unter den Postings der anderen.

Der manchen als erfolgreichster österreichischer Benutzer dieser Medien geltende ORF-Journalist Armin Wolf schrieb kürzlich in sein Status-Feld: „Es gibt Themen, bei denen ich wirklich länger überlege, ob ich auf FB (Facebook, Anm. WK) überhaupt etwas posten soll. Weil von vornherein klar ist, dass ich mir damit in den Kommentaren neben vielen klugen Dingen auch Idiotien jeder Art einfange.“ Dem Mann soll hier nicht widersprochen werden, denn: Wer kennt sie nicht, die wutschnaubenden Trolle und immer wachsamen Fast-Nichtstuer, die jedes Statement genüsslich mit Widerrede und Kritik überziehen und dabei auch vor handfesten Beschimpfungen nicht haltmachen.

Wer nicht ständig die eigene Sichtweise über dieses und jenes kundtut, der gilt als Langweiler. So spottete das Satireportal Die Tagespresse auf Twitter: „Faymann verteidigt Meinungsfreiheit: ‚Werde auch weiterhin keine Meinung zu irgendwas haben.‘“ Folglich sind wir am einen Tag alle Charlie Hebdo und am nächsten äußern wir uns zur Pegida, dann wieder posten wir unsere Ansichten zum Rauchverbot in der Gastronomie, dem Bachmannpreis, dem Verzehr von Fleisch und der Klimaerwärmung.

Alle haben wir plötzlich etwas zu sagen, alle reden wir mit. Die einen formulieren ihre Meinungen sarkastisch, die anderen widersprechen sich selbst, und wieder andere bearbeiten ihre Kurztexte so lange, bis alle Fans, Freunde und Follower der Meinung sind: „Wortgewaltig wie immer!“ Was nicht heißt, dass nicht in derselben Minute bereits eifrig an Widersprüchen gearbeitet wird. Der Liedermacher und die Journalistin, die Künstlerin und der FH-Professor, alle haben sie rund um die Uhr eine unmissverständliche Aussage für uns parat. Und wenn sie missverständlich war? Noch besser, dann gehen nämlich die Diskussionen los.

Manch einem wird das langsam, aber sicher zu viel. So sah ich kürzlich ein Posting eines Menschen, der ein „Loftbüro“ in Wien suchte. Mit dem Zusatz: „Bitte keine Schenkelklopfer Kommentare, dafür reichen weder Lust noch Laune.“ Das ist in der Tat das Mühsamste an der massenweisen Vervielfältigung der selbst ernannten Opinion Leader: Sie machen vor nichts mehr halt. Auch das Wetter, die Lottozahlen und die Wahl des neuen Autos ihres früheren Chefs müssen kommentiert werden. Und diskutiert. Und geteilt. So lange, bis nichts mehr da ist. Kein Anstand und keine Vernunft.

Maysoon Zayid ist Autorin, Schauspielerin, Komikerin. Sie entstammt einer palästinensischen Familie, sie wohnt in New Jersey und: Sie erlitt bei der Geburt eine Schädigung des Gehirns namens „Infantile Zerebralparese“ (im Englischen: Cerebral Palsy). In einem berühmt gewordenen TED-Vortrag im Dezember 2013 erzählte sie dem staunenden Publikum, wie sie trotz ihrer Behinderung gehen lernte. Und sagte: „Hätte es damals schon Social Media gegeben, ich hätte es nicht geschafft.“ Die Beschimpfungen und Schmähungen, denen sie in den vergangenen Jahren auf Facebook, Youtube oder Twitter ausgesetzt war und die sie in ihrer Rede teilweise zitiert, sind in der Tat alarmierend. Zayid allerdings hat sich entschlossen, diese manchmal sogar noch „wohlwollend“ formulierten Kommentare nur mehr ins Lächerliche zu ziehen.

„Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand“, was würde der zu Gutmütigkeit und Banalität neigende Pooh, hinter dem sich der Dichter und Denker Harry Rowohlt verbarg, wohl zu der Meinungs- und Deinungsepidemie sagen, die sich in den neuen Kanälen ausbreitet. Viral noch dazu. Im Vorwort zum Kolumnenbuch Pooh’s Corner mit eben diesem zitierten Untertitel liefert Rowohlt das Rezept schon vorab: Immer schön durchhalten, auch wenn es grässlichen Widerspruch und Gegenwind gibt.

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So will es nämlich Facebook.