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Im Garten der Behauptungen

bernhard horwatitsch | Im Garten der Behauptungen

Das Meinen als Technik des Denkens

"Das ist so schrecklich, dass heute jeder Idiot zu allem eine Meinung hat." (Dieter Nuhr)

Vor etwa 4.000 Jahren ließen sich in Kleinasien – an der Westküste der heutigen Türkei verstreut – ein paar Stämme nieder. Im siebten Jahrhundert vor Christus gründeten diese Stämme den so genannten Ionischen Bund. Herodot spricht in seinem ersten Geschichtsbuch (Klio) von zwölf Städten. Kos, Ephesos, Lebedos, Milet, um nur einige der berühmtesten Städte zu nennen. Herodot selbst – der Vater der Geschichtsschreibung – kam aus der ionischen Stadt Halikarnassos, welche auf dem Gebiet der heutigen türkischen Stadt Bodrum liegt. Kurz: Dies ist die Wiege der griechischen Philosophie und von dort stammt auch ein guter Teil unserer eigenen Geistestradition. Zumindest ist dies die Meinung vieler westlicher Gelehrter.

Etwa um 700 vor Christus erlebten die bislang sehr religiösen, mythentreuen Ionier eine Veränderung. Es kam zu einer Emanzipation der Vernunft. Das eigene Denken stellte sich über die mythische Vorstellungsweise der Väter. Daher spricht man hier von einem Zeitalter der Aufklärung in Analogie zu unserem Jahrhundert der Aufklärung, dem 18. Jahrhundert. Besser bekannt sind die Aufklärer der Antike unter ihrem Schimpfwort: Sophistiker. Einer von ihnen, einer der bedeutendsten, erblühte in der 84. Olympiade (444-441) in Abdera, dem heutigen Izmir. Er hieß Protagoras und prägte einen Satz, den viele kennen. „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ Komplett lautet der Satz: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der wirklichen, dass sie sind, der nicht wirklichen, dass sie nicht sind.“ Denn – so meint es Protagoras – wie die Dinge mir erscheinen, so sind sie für mich. Und wie sie den anderen erscheinen, so sind sie für die anderen. Protagoras entwickelte diesen Subjektivismus über Heraklit. Man könne – so Heraklit – nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Wahrnehmung ist immer subjektiv durch die jeweiligen Sinne gegeben. Unsere Wahrnehmung wird über die Sinne gefiltert. Und so wird auch der Inhalt unserer Wahrnehmung an scheinbar demselben Objekt stets ein anderer sein, modifiziert nicht nur durch die Veränderungen des Dinges (den Fluss der Dinge) selbst, sondern auch durch die von Krankheit, Alter oder anderweitig verursachten Wandlungen unserer Sinnesorgane.

Kurz: Protagoras begründete den subjektiven Sensualismus. Diesem dadurch aufgeworfenen Erkenntnisproblem, dass wir im Grunde nicht wissen können, widersprach wenige Jahrzehnte später der berühmteste griechische Philosoph. Er ist der unangefochtene Superstar unter den Philosophen. Platon. Und es war für ihn ein Kinderspiel, den Sophistiker Protagoras zu zerlegen. In seinem Dialog Theaitetos, geschrieben 369 vor Christus, widmete sich Platon dem Erkenntnisproblem. Platon zeigte, dass unsere Sinne nur Organe sind, durch die unsere Seele – heute würde man von unseren kognitiven und/oder mentalen Fähigkeiten sprechen – die Dinge der sichtbaren Welt wahrnimmt. Das Sein jedoch dieser Dinge, ihre Verschiedenheit oder Gleichheit, ihre Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit, ob sie schön oder hässlich, gut oder böse sind, darüber sagen unsere Sinne nichts aus. Platon definierte also als erster Denker das Problem unseres Geistes, unseres Bewusstseins. Es war Platon klar, dass unsere vergleichende und schließende Tätigkeit zu differenzieren ist von unserer bloßen Wahrnehmung. Man könnte dies als die Geburtsstunde der Fachleute definieren, denn der „Sachkundige hat eine wahrere Meinung“ (Platon) als eben der Laie bzw. der Dilettant.

Nach Platon ist also nicht jede Meinung gleich wahr. Und hätte Protagoras recht, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, dann hätte er ja zugleich unrecht, denn seine Aussage stünde gleich bedeutend neben der gegenteiligen Aussage. In seinem herausragenden Buch Geist und Kosmos, erschienen 2014, schreibt der zeitgenössische Philosoph Thomas Nagel daher:

 Schließlich muss es, solange es so etwas wie Wahrheit gibt, einige Wahrheiten geben, die ihren Grund nicht in irgendetwas sonst haben – welche philosophischen Auffassungen man auch immer haben mag. Die Meinungsverschiedenheit darüber, welche Wahrheiten das sind, markiert einige der tiefsten Verwerfungslinien in der Philosophie.

In der Antike fand man also den Gegensatz von Meinung (doxa) und Wahrheit (episteme) heraus. Meinen sei auf den bloßen Schein gerichtete, an der eigentlichen Wahrheit vorbeigehende Erkenntnis. Immanuel Kant definierte das „Meinen“ als ein „mit Bewusstsein sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten“. Die Epistemologie, oder auch Gnoseologie, ist nicht umsonst das Hauptgebiet der Philosophie. Im deutschen Sprachraum prägte man im 19. Jahrhundert auch den Begriff „Erkenntnistheorie“ für dieses hart umkämpfte und nie endgültig umzäunte Gebiet.

Im 19. Jahrhundert opponierte der deutsche Philosoph Rudolf Hermann Lotze gegen Kant. Heute ist Lotze nicht mehr so bekannt, aber bis in die 1920er Jahre gehörte er zu den populärsten Philosophen in Deutschland. Lotze sprach gerne vom „Gemeinten“ und stellte sich darunter eine besondere Richtung auf das Gültige innerhalb des gesamten Erkenntnisbemühens vor. Lotze dachte hier ganz im mittelalterlichen Begriff der „intentio“, dem Gerichtet-Sein, einer Absicht, einer Tendenz. Lotze stand in der Tradition des Intentionalismus, wie auch Brentano und die phänomenologische Schule und letztlich auch Husserl oder Jaspers als späterer Vertreter dieser Denkart. Lotze unterschied drei Bereiche in der Erkenntnistheorie: Wirklichkeit, Wahrheit und Werte.

Also quält uns nun nicht mehr nur einfach unsere womöglich fehlerhafte Wahrnehmung der Dinge, sondern auch die Frage nach der Wahrheit dieser Dinge und zusätzlich der Bedeutung von Wirklichkeit und Wahrheit. Eine korrekte Wahrnehmung begründet noch lange nicht ihren Wert, ihre Bedeutung für das wahrnehmende Subjekt, und auch nicht den Wert für die das Subjekt tragende Umwelt.

Aus dem Verb „meinen“ entwickelte sich schließlich in der Soziologie (der Lehre von den Formen und Veränderungserscheinungen des Zusammenlebens von Menschen, Tieren und Pflanzen) das Substantiv „Meinung“, hier vor allem als „öffentliche Meinung“ gedacht. Da die Soziologie ihre Anfänge im Naturrecht hat und dieses Naturrecht letztlich auch Staatslehre bedeutet, wird nun aus einem rein philosophischen Erkenntnisproblem ein politisches Problem. Denn es betrifft unser aller Zusammenleben als Wahrheitssuchender und zugleich Überlebenskämpfer. Wahrheit und Überleben sind leider nicht immer kongruent.

Eine Anekdote aus der alten Sophistik veranschaulicht das Überlebensproblem – wie ich finde – ganz gut. Es gab einmal einen Garten, und jeder, der in ihn eintrat, musste eine Behauptung aussprechen. War die Behauptung wahr, so wurde er ersäuft, war sie unwahr, so wurde er erhängt. Wir wissen alle, dass auch unser persönlicher Garten irgendwann und irgendwo sein Exit-Schild hat. Jedenfalls kam einmal ein Professor der Logik in diesen brutalen Garten, in dem man – egal, was man sagt – sterben muss. Der Professor dachte nun einige Zeit nach und sagte dann mit fester und überzeugender Stimme: „Ich werde erhängt.“ Damit rettete der Professor fürs Erste sein Leben. Denn hätte man ihn erhängt, hätte er ja die Wahrheit gesagt und man hätte ihn ersäufen müssen. Hätte man ihn ersäuft, so hätte er die Unwahrheit gesagt und man hätte ihn erhängen müssen.

Nicht die Wahrheit hat den Professor gerettet. Durch den Konjunktiv wurde die Aussage des Professors zu einer Meinung, einer Intention (ich werde erhängt, das ist ja eine Vermutung). Bestenfalls Indizien hätten dem Professor geholfen, diese Aussage zu treffen.

Eine Meinung, eine öffentliche Meinung war immer schon ein besonderes Fallbeil für das Subjekt. Und das ist nicht erst seit Erfindung des Internets so. Der schöne 1891 erschienene Roman Stopfkuchen von Wilhelm Raabe zeigt mit tiefenpsychologischem Feingefühl, was die Öffentlichkeit mit ihrem Irrtum anrichten kann. Der Bauer Quakatz (von der roten Schanze) wird jahrelang zu Unrecht für den Mörder des Viehhändlers Kienbaum gehalten. Die Folge: Er und seine Tochter werden massiv ausgegrenzt, was zum Verfall des Hofes und zur Verwilderung der Tochter führt und zu viel privatem Leid der kleinen Bauernfamilie. Der dicke Heinrich Schaumann, der wegen seiner Leibesfülle ähnliche Ausgrenzung erfuhr, findet Jahre später den wahren Täter heraus. Da aber der wahre Mörder von dem Viehhändler Kienbaum ein harmloses Opfer eben des Ermordeten war (heute würde man das Mobbing nennen) und seine Tat bestenfalls Totschlag, eher sogar Notwehr war, verschweigt der dicke Schaumann seine Erkenntnis so lange, bis der wahre Mörder friedlich einschläft. Doch die Gemeinde der kleinen Stadt hat nichts gelernt und verweigert dem Mörder die Ehre beim Begräbnis. Öffentliche Meinung, das zeigte der Roman von Wilhelm Raabe, ist leicht zu manipulieren. Aber bestimmte moralische Reflexe halten sich doch verdächtig lange.

Dass die modernen Medien die Verbreitung von Meinung beschleunigen, ist so gesehen nur zum Teil wahr. Denn die modernen Medien diversifizieren auch. Und dadurch entsteht eine entschleunigende Wirkung. Etwas scherzhaft könnte man sagen, dass die Dynamik der Meinungsmache in modernen Medien durch permanentes Beschleunigen und Bremsen besteht. Dies verursacht bei so manchem Meinungskonsumenten eine Art intellektuelles Schleudertrauma.

Freie Meinungsäußerung ist und bleibt ein Grundrecht der Menschen. „Ich lehne ab, was Sie sagen, aber ich werde bis auf den Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ – Dieser Voltaire zugeschriebene Satz, der laut Wikipedia eigentlich von der englischen Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall stammt, wurde bereits 1789 in Art. 11 der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in Frankreich als „un des droits les plus précieux de l’Homme“ (deutsch: „eines der kostbarsten Rechte des Menschen“) bezeichnet.

Man sieht, wie zwiespältig dieses Recht, seine Meinung zu äußern, sein kann.

Der Sophistiker Protagoras lehrte 40 Jahre lang als Weisheitslehrer in Abdera. Im Jahr 411 wurde er von Pythodoros, einem der Vierhundert, wegen Gottlosigkeit angeklagt. Seine Schriften wurden auf Volksbeschluss von den Besitzern wieder eingetrieben und auf dem Markt öffentlich verbrannt. Mit dem Satz des Protagoras wurde das Naturrecht geboren. Physis gegen Nomos. Und dieses Naturrecht bezeichnete Ernst Bloch einmal als ein „revolutionäres Instrument“.

Und wenn man sich nun die – euphemistisch bezeichnet – konservative Staatslehre von Platon ansieht, dann wird klar, dass es sich beim „Meinen“ nicht nur um einen netten philosophischen Zeitvertreib handelt, sondern um ein hochpolitisches und höchst dramatisches gesellschaftliches Problem.

Der Weisheitslehrer Protagoras hatte einmal einen Jungen namens Euathlos angenommen, um ihn in Rechtsverdrehung, in sophistischen Rechtsauffassungen zu unterrichten. Der Junge zeigte viel Talent, erwies sich als ein wahrhaft gelehriger Schüler, klug und verständig. Nach wenigen Monaten schon konnte ihm der große Sophist Protagoras nichts mehr beibringen. Protagoras meinte nun zu Euathlos: „Nun, ich kann dir gar nichts mehr beibringen, mein Vorrat an Wissen ist erschöpft. Du weißt nun genauso viel wie ich. Darum verlasse mich nun, denn du hast vorzeitig alles absolviert.“ Darauf antwortete Euathlos: „Das ist mir natürlich sehr angenehm. Dennoch ging es mir zu schnell. Ich habe gar nicht damit gerechnet, so schnell fertig zu werden. Und leider bin ich grade gar nicht gut bei Kasse und kann das Lehrgeld im Moment nicht zahlen.“ Nach einigem Hin und Her beschlossen Meister und Schüler, dass der Schüler sein Lehrgeld von seinem ersten gewonnenen Rechtsstreit bezahlen sollte. So vereinbarten sie es und gingen einander wohlgesonnen auseinander. Doch Euathlos zahlte nicht, noch beteiligte er sich an irgendeinem Prozess, trotz mehrerer dringlicher Mahnungen von Protagoras. Schließlich verklagte Protagoras seinen Schüler. Kurze Zeit darauf traf Protagoras in einem kleinen Platanenwäldchen zufällig auf seinen ehemaligen Schüler. Dieser begrüßte den Meister herzlich und lachte dann über ihn. „Meister, das hast du wirklich schlecht gemacht, dass du mich verklagst. Denn nun wirst du dein Geld ja auf keinen Fall bekommen. Denn wenn ich den Prozess verliere, brauche ich nicht zu bezahlen, aufgrund unserer Übereinkunft, denn ich versprach ja, mein Lehrgeld vom ersten gewonnenen Prozess zu bezahlen. Wenn ich jetzt aber den Prozess gewinne, dann brauche ich laut Richterspruch nicht zu zahlen.“ Protagoras lächelte nun bescheiden und meinte: „Euathlos, du bist ein wirklich kluger Kopf. Doch ich habe mir das alles durchaus überlegt. Denn du wirst in jedem Fall zahlen. Wenn du den Prozess gewinnst laut unserer Vereinbarung, und wenn du den Prozess verlierst laut Richterspruch.“ Es bleibt hier dem Leser überlassen, ob er in diesem Fall gerne Richter wäre.

Und auch, wenn der Fall des Protagoras ein wenig konstruiert aussieht, verweist das Paradoxon auf tiefgreifende Probleme. Denn im Spannungsfeld von Meinen und Wissen muss es noch mehr geben, um zu einer voluntativen Entscheidung kommen zu können. Diese werteorientierte dritte Entität ist aus der Summe unserer kognitiven und mentalen Errungenschaften zu ziehen. Und das nennt man heute „Kultur“: Zur Kultur unserer Zeit gehört es, dass man seine Meinung sagen darf, auch wenn sie falsch ist. Wenn wir eine Kultur entwickeln, in der die freie Meinungsäußerung zur Diskussion steht, dann haben wir ein Problem, das in der Summe unserer kognitiven und mentalen Errungenschaften begraben liegt. Zyniker könnten nun sagen: Na dann, viel Spaß beim Suchen. Und genau daher ist es immer noch von Nöten, dass wir etwas meinen dürfen. Meinung, das ist die Suche nach faulen Eiern in der Legebatterie unserer Erkenntnisindustrie. Meinung ist besonders dann vonnöten, wenn sie sich kritisch äußert. Und dies meine ich wiederum sehr wortgetreu aus dem griechischen „κριτική [τένη] (kritikē [téchnē], abgeleitet von κρίνειν krínein‚ ‚[unter-]scheiden‘, ‚trennen‘)“.

Meinen ist in erster Linie eine Intention des Unterscheidens. Es ist eine Technik, die man in der Schule lehren sollte. Wenn wir die freie Meinungsäußerung schon zu einem so hohen Menschenrecht erklären, dann sollten wir auch für den Erhalt dieser menschlichen Fähigkeit sorgen. Alles andere erscheint mir heuchlerisch. Und ich glaube, dass das Problem der zunehmenden mangelnden Akzeptanz des universalen Anspruchs unserer Menschenrechte darin begründet liegt, dass wir uns seit Jahren darauf ausruhen. Unsere gelobte Meinungsvielfalt verkommt zum Geschwätz, wird zur hohlen Phrase. Meinungsvielfalt erschöpft sich eben nicht im Kabelfernsehen und im Zugang zum Breitband-Internet. Die Medien sind nicht die Lehrer, sondern das Forum. Aber sicher nicht: „Es muss wahr sein, denn sie haben es im Fernsehen gezeigt.“ (Robert de Niro zu Dustin Hoffman in der Nachrichten-Satire Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

Meinen ist nicht gleich glauben. Das Meinen entstand vielmehr in dem Bedürfnis nach Abgrenzung zur Religion eben 700 Jahre vor Christus mit der Geburt der Philosophie. Abschließend zitiere ich daher aus dem Talmud: "Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal."

Ich denke, dass uns allen ein wenig mehr Achtsamkeit gut zu Gesicht stünde. Und doch dürfen wir dabei nicht den Spaß und die Freude am Irrtum vergessen. Und an der Ironie. Denn wenn ich meine Gedanken anfange zu kontrollieren, muss ich mich fragen, wer das ist, der da meine Gedanken kontrolliert. Bin ich nicht meine Gedanken? Das ist ein Spiel. Die Achtsamkeit, die ich mir da vorstelle, ist durchaus lehrbar: als ein kritisches Hinterfragen des eigenen Denkens. Dieses kritische Hinterfragen des eigenen Denkens ist ein Teil des Denkens selbst. Dieser Teil geht leider allzu oft unter und wird dann am Grunde nicht mehr gefunden. Aber es ist dieser kritische Teil, der unser Denken zu mehr macht als die Summe seiner Teile. Dieses kritische, unterscheidende, das eine vom anderen trennende Denken ist das Meinen. Meinen ist damit das Skalpell des operativen Denkens. Und ziehen wir den Vergleich durch, so wäre ein falscher Schnitt durchaus gefährlich. Es ist daher absurd, dass diese Technik nirgends gelehrt wird. Die freie Meinungsäußerung ist zugleich eine negative Freiheit, eine Freiheit von Normen und Zwängen und eine positive Freiheit, sich zu etwas zu äußern. Als Naturrecht kann dieses Meinen eine Zivilisation zerstören und ist zugleich Mitbegründer jeder Art von Zivilisation.

Dies wäre mein pessimistisches Resümee: Wir können nicht auf Meinungen verzichten, wir dürfen sie nicht beschneiden oder einschränken. Doch wir werden an ihnen zugrunde gehen. So wie sie zugleich unsere Kultur zur Welt brachte. Das ist meine Meinung.