schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 28 - wie meinen? Lob des Homo mendax
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/28-wie-meinen/lob-des-homo-mendax

Lob des Homo mendax

gábor fónyad | Lob des Homo mendax

Der Lüge verdanken wir Dichtung und Literatur

Allen Zweifeln zum Trotz, allen Versuchen, ein gegenteiliges Bild davon in die Welt zu setzen – der Mensch ist doch ein wunderbares Wesen. Was ihn so wunderbar macht, so außergewöhnlich, und ihn über die nächsten Verwandten im Stammbaum der Evolution hebt (die Bonobos und die Schimpansen), sind nicht seine technischen Errungenschaften, die entbehrlich sind und bald aus dem Kanon der Menschheitsgeschichte verschwunden sein werden, und nicht moderne Staatengebilde, die zunehmend surrealistische Züge annehmen oder in Museen verstauben – nein, was den Menschen liebenswert macht und wofür wir uns, wir als Menschheit, auf die Schulter klopfen dürfen: das ist unsere Fähigkeit zu lügen.

Auf eine Banane zeigen, um zu signalisieren, dass man eine Banane haben möchte, oder einen Schwänzeltanz tanzen, um den Stockgenossinnen mitzuteilen, man habe eine Rohstoffquelle gefunden, ist keine Kunst. Die armen Schimpansen und Bienen und Vögel und Delphine können nicht anders, als einfach nur Informationen zu kommunizieren. Es liegt in ihrer Natur, dass sie ihren Mitbienen und Mitamseln nichts vorenthalten, sie nicht in die Irre tanzen oder zwitschern, um die Beute für sich zu behalten. Sie müssen sich dem Diktat der Informationsübermittlung beugen: Sie kommunizieren, um etwas mitzuteilen, oder sie schweigen. Sie haben keine Wahl. Wir aber, als Homo sapiens, können in unserer Vernunftbegabung selber bestimmen, was wir sagen und – manche Artgenossen sollten öfters davon Gebrauch machen – ob wir überhaupt etwas sagen und nicht lieber schweigen wollen. Kann die Biene, nachdem sie von ihrem Ausflug in ihren Stock zurückgekehrt ist, einfach mir nichts, dir nichts in eine Wabe zurückkriechen oder gar falsche Informationen vorschwänzeln?

Wir Menschen haben uns vom Diktat der Kommunikation emanzipiert. Betrachtet man die menschliche Evolutionsgeschichte, so gilt es als unwahrscheinlich, dass die ursprüngliche Funktion von Sprache in der Übermittlung von Information bestand. Die Linguistin Jean Aitchison etwa betont in ihrem Werk The Seeds of Speech, dass Sprache äußerst schlecht dazu geeignet sei, räumliche Informationen auszudrücken. Wie man einen komplexen Schifferknoten bindet, kann man kaum in Worte fassen. Man google nur einmal „Doppelter Schotstek“ und versuche diesen Knoten jemandem zu erklären. Eine bildliche Darstellung dieses Knotens ist allemal genauer, als es der waghalsigste Sprachartist jemals zuwege brächte. Aber auch für den Ausdruck von Gefühlen und Empfindungen taugt die Sprache erstaunlich wenig. So verliert der leidende Werther in seinem Brief vom 10. September die Fähigkeit, seine Gefühle auszudrücken: „Sie sagte das! o Wilhelm, wer kann das wiederholen, was sie“ – nämlich Lotte – „sagte! Wie kann der kalte tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen!“ Werther hat, zweihundert Jahre vor Jean Aitchison, erkannt: Der Buchstabe, das Wort sind kalt und eignen sich nicht zur Kommunikation.

Nun möchte der Mensch aber nicht ausschließlich Seemannsknoten binden oder von seinen Gefühlen sprechen, er möchte auch anderen Menschen seine Gedanken mitteilen, die Ideen aus dem eigenen Kopf in den eines anderen verpflanzen. Vermag das die Sprache? Es scheint zunächst so, denn wenn ich ein schwarzes Klavier besitze, kann ich sagen: „Ich besitze ein schwarzes Klavier.“ Der wohlgesinnte Gesprächspartner wird mir glauben, im Notfall kann er zu mir nach Hause kommen und den Wahrheitsgehalt meiner Äußerung überprüfen. Ich kann auch sagen: „Ich habe einen Cousin, der in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Budapest wohnt.“ Das zu überprüfen, wird nicht mehr so einfach sein. Da diese Behauptung, sofern sie wahr sein sollte, die Welt nicht aus den Angeln heben wird, kann man ihr ruhig Glauben schenken. „Ich“ – das heißt: der Verfasser dieser Zeilen – „bin ein uneheliches Enkelkind der englischen Königin und habe gute Chancen, ihr auf den Thron nachzufolgen.“ Auch das kann durchaus wahr sein – wie schließlich das Gegenteil beweisen? Man kann auch durchaus behaupten, dass niemand die Absicht habe, eine Mauer zu bauen. Andere haben schon gemeint, man werde, wenn man bei einer Wahl Dritter wird, jedenfalls in die Opposition gehen und nicht ins Blaue hineinkoalieren. Nun, man weiß eben nie, ob ein Mensch auch die Wahrheit sagt. Einer tanzenden Biene kann man da schon eher vertrauen.

Der vernunftbegabte Mensch kann also sein Werkzeug „Sprache“ auch dazu einsetzen, eine Meinung zu schaffen und somit seine eigene Wahrheit zu fabrizieren. Er kann lügen. Aber Moment: Ab wann ist eine Behauptung eine Lüge? Ist es eine Lüge, wenn ich sage, ich besuche morgen meine Großmutter, dieses Vorhaben dann aber nicht in die Tat umsetze, weil ich krank werde? Die Tatsache, dass Worte nicht immer die Wahrheit ausdrücken müssen, hat auch einen erfreulichen Nebeneffekt: Wir können über abwesende Dinge reden. Das Leben wäre unendlich langweilig, könnten wir uns nur darüber unterhalten, was gerade in Sichtweite ist. „Dort, das Haus – schön. – Da, dieser Tisch, er ist braun. – Das hier ist mein Hund Ralf.“ Wir könnten schon gar nicht mehr mitteilen, dass Ralf noch einen Bruder hat, dieser aber zuhause geblieben ist. Auch könnten wir nicht bei einer Fahrscheinkontrolle schwören, dass wir grundsätzlich eine Jahreskarte besitzen, diese aber gerade, leider, nicht mithaben.

Wenn Sprache wirklich immer nur verifizierbare Informationen ausdrücken könnte – „dieser Tisch ist braun“ – „du hast recht, dieser Tisch ist wirklich braun“ –, wäre es eine Überlegung wert, jenes Kommunikationssystem zu übernehmen, das Jonathan Swifts Gulliver während seines Aufenthaltes in Lagado kennengelernt hat: Die Professoren der „Schule der Sprachen“ möchten alle Wörter abschaffen, da ja „alle vorstellbaren Dinge doch nur Hauptwörter“ seien. Und daher könne man doch gleich, statt unpräzise und womöglich unwahre Wörter zu verwenden, einfach jeweils die Gegenstände mit sich herumtragen, die man zum Übermitteln der jeweiligen Information benötigt. Dieses Kommunikationssystem hat sich jedoch nicht durchgesetzt, da es sich als beschwerlich herausstellt, ständig Hunde, Tische, Häuser, ja, sogar Mauern und Oppositionen mit sich herumzuschleppen. Also doch lieber Worte, auch auf die Gefahr hin, dass sie nicht präzise oder falsch sind. Es gibt keine Gewähr, dass sich hinter ihnen die Wahrheit verbirgt.

Rund einhundertdreißig Jahre nach Werther lässt Hugo von Hofmannsthal den erfundenen (und erlogenen) Lord Chandos in einem Brief beklagen, dass ihm „völlig die Fähigkeit abhanden gekommen“ sei, „über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen“. Er „empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte ‚Geist‘, ‚Seele‘ oder ‚Körper‘ nur auszusprechen“. Lord Chandos muss die berühmte Feststellung machen, dass ihm die „abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgend welches Urteil an den Tag zu geben“, in seinem Mund „wie modrige Pilze“ zerfallen. Wir vermögen es also nicht, mittels Worten eine zuverlässige Aussage zu tätigen und unsere Meinung kundzutun. Sind wir also zum Schweigen verdammt, wie Ludwig Wittgenstein im letzten, siebenten Satz seines Tractatus logico-philosophicus lapidar feststellt: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen“? Nein. Wir dürfen weiterhin reden und munter draufloslügen.

Denn bei Licht besehen ist der fahle Geschmack dieser modrigen Pilze ein niedriger Preis für die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben: Wir können nicht nur von abwesenden Dingen sprechen, sondern auch über vergangene, zukünftige und mögliche Ereignisse reden und mutmaßen – also über zeitlich Abwesendes. Wir können sagen, dass wir, wenn das Wetter morgen schlecht sein sollte, ins Kino gehen statt ins Freibad. Wir können diskutieren und Vermutungen aufstellen, ob E-Books die „echten“ Bücher verdrängen werden oder doch nicht. Wir können erzählen, was wir im letzten Urlaub erlebt haben – auch wenn es übertrieben ist oder wir unangenehme Details ausblenden oder schlichtweg etwas erfinden.

Unsere menschliche Sprache emanzipiert sich so vom Kommunikationssklaven zum sozialen Spielzeug. Wir sitzen um ein Lagerfeuer, um einen Teetisch, an einer Bar, in einem sozialen Netzwerk und erzählen einander Geschichten, die wahr sein können oder übertrieben oder gänzlich erlogen. Den Lord Chandos hat es nie gegeben, dieser Brief wurde nie aufgegeben, aber wir können heute noch diese wenigen Seiten voller Sprachzweifel lesen und uns daran erfreuen.

Wir kommunizieren ohne Zweck – es ist nur ein Spiel. Einzig: Wir müssen uns dazu bekennen, dass jede Behauptung, die wir tätigen, jeder Satz eine Lüge ist – es muss nur ein schöner Satz sein. Frei nach Oscar Wilde, der im Prolog zum Dorian Gray schreibt und diese Behauptung später auch vor Gericht bestätigt (ehe er eingekerkert wird), dass ein unmoralisches, aber gut geschriebenes Buch allemal besser sei als ein durch und durch moralisches, aber schlecht geschriebenes Buch. Und in seinem essayistischen Dialog The Decay of Lying bekämpft Wilde in der Figur des Vivian virtuos die schnöde Verehrung von Fakten und der Wahrheit in seiner Zeit (nämlich des Positivismus und des Naturalismus). Es sei eine verkommene Zeit, in der sogar schon Politiker die schöne Kunst des Lügens verlernt hätten und in der Romane geschrieben würden, die grauenhaft lebensecht seien und sich die minutiöse Darstellung der Wirklichkeit auf die Fahnen geheftet hätten. Eine solche Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage sei, zu lügen, sei dem Verfall preisgegeben. Erst der Lügner – der Geschichtenerzähler, könnten wir hinzufügen – kann eine Abendgesellschaft entzücken, und er ist die Grundlage unserer Zivilisation („the very basis of civilized society“). Vivian gelangt schließlich zu dem wunderbaren argumentativen Schluss, dass im Grunde – man wäre verleitet zu sagen: in Wahrheit – das Leben die Kunst nachahme und keinesfalls umgekehrt.

Vielleicht bürden wir uns aber auch eine zu große Last auf. Denn alles scheint darauf hinzudeuten, dass Sprache gar nicht erst in der Lage ist, abzubilden oder sichtbar zu machen, zeichnet sie sich doch in erster Linie durch Verdecken und Verbergen aus, durch das Verzerren von Wirklichkeit oder was wir dafür halten. Das heißt: Gedanken und Meinungen, sofern man solche hat, können gar nicht erst ausgedrückt werden. Schon Friedrich Schiller muss in den Kallias-Briefen (Kallias oder über die Schönheit. Briefe an Gottfried Körner) zu dieser Erkenntnis gelangen, als er, um eine Theorie der künstlerischen Darstellung ringend, bei der Dichtkunst an seine Grenzen stößt. In der Bildenden Kunst und in der Malerei nämlich ähneln sich die Darstellung und das darzustellende Objekt (ein gemalter Baum hat gewisse Ähnlichkeiten mit einem wirklichen Baum), die poetische Darstellung aber – die Sprache – hat keinerlei natürlichen Bezug zum Darzustellenden: Das Wort „Baum“ bildet einen Baum genauso wenig ab wie die Wörter „tree“ oder „arbre“ (wie seit Ferdinand de Saussure allgemein bekannt). Hier bricht Schiller seine Abhandlung ab – er scheint nicht weiterzuwissen, wie er denn nun die Sprache dazu bringen könnte, es der Bildenden Kunst gleichzutun und abzubilden.

Wir müssen daher revidieren: Es ist nicht so, dass Worte manchmal lügen, sondern Sprache ist schlechterdings nicht in der Lage, die Wahrheit auszudrücken. Es verfehlt ihren Zuständigkeitsbereich. Ob wir uns denn nun überhaupt „ein Bild von einer Sache machen können“? Wir wissen es nicht. Jedenfalls ist das mit dem Werkzeug, das uns die Sprache an die Hand gibt, nicht möglich. Wollen wir uns dennoch ein Bild von einem Doppelten Schotstek machen, so sollten wir ihn wohl einfach fotografieren.

Um die hier vorliegende Lügengeschichte noch durch ein Bibelzitat zu schmücken: „Omnis homo mendax“ – „Alle Menschen sind Lügner“, heißt es in Psalm 116,11. Oder, wie Harald Weinrich in seiner Linguistik der Lüge – sollen wir sagen: treffender? – übersetzt: „Der Mensch ist ein Lebewesen, das der Lüge fähig ist.“

Seien wir froh und dankbar, dass wir keine Schimpansen, Bienen oder Amseln sind, zum Übermitteln von langweiligen Fakten verurteilt, sondern Lebewesen, die der Lüge fähig sind. Denn nur so, dank des Homo mendax, gibt es Dichtung und Literatur.

 

Man könnte fast meinen: Am Anfang war die Lüge.