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Meinungen über Meinungen

sibylle severus | Meinungen über Meinungen

Vor der Reise ahnte Frau Anselm nicht, dass ihre Fußsohlen in Wien außer Rand und Band geraten würden. Nur hier spinnen die Füße, nicht in Amsterdam oder Paris, nicht in Zürich oder Venedig. Der Kopf dagegen ist voll von Erwartungen. Er spielt seine eigene Melodie über dem basso continuo der Füße, die Thomas Bernhards in den Siebzigern hingeworfene Meinung: – wie viele Hunderte Tote niemals geborgen, sondern (-) ganz einfach tief in den Schutt hinein- und hinunter geschoben und mit Schutt eingeebnet wurden, die diese Worte nicht vergessen. Die Toten sind unter dem Asphalt deutlich zu spüren.

 

Statt die in der Sonne gleißenden Gebäude der alten Kaiserstadt zu bewundern und in zierlichen Kutschen spazierenzufahren, läuft Selma Anselm schon in den ersten Tagen zur Wiener Staatsoper und kämpft um eine Karte. Eine andere Dimension, als sie der Alltag bietet, verspricht sie sich von der Komödie Arabella, der letzten Zusammenarbeit von Hofmannsthal und Richard Strauss. Den Strauss mag die Anselm nicht besonders, hat sie sich doch selten in seine Musik hineinfinden können. In die Oper will sie wegen des Librettisten, mit dem sie einer Meinung ist, wenn er schreibt:

 

Was frommt das alles uns und diese Spiele,

Die wir doch groß und ewig einsam sind

 

Zeilen, die in ihrem Kopf Wurzeln schlugen und in den abwegigsten Situationen aufleuchten.

 

Jenes Fünftel der Bühne, wo geliebt und gemordet wird, ist von Balkon-Mitte-rechts aus nicht zu sehen.

Sänger und Sängerinnen zeichnet die Frau als umherwankende Türme auf ihr Programm oder notiert: „Dissonanzen, jedoch schwelgerisch!“ Bei Arabellas Worten Mein Gebieter! bricht die Bleistiftspitze ab.

In der Pause entschließt sich Frau Anselm, das Experiment, das weitere achtundachtzig Minuten dauern würde, zu beenden. Sie rauscht die marmorne Freitreppe hinunter, fährt zurück in den neunten Bezirk, wischt die Schminke ab und schläft selig, bis des Frühlings blendende Strahlen sie wecken.

 

Jeder neue Morgen ist noch anmutiger, Wien kennt im April keinen Regen. Doch Selma Anselm ist sich selbst eine Spielverderberin. Sitzt sie doch täglich bis zum Nachmittag mit zugezogenen Vorhängen an ihrer Schreibarbeit. Ausgegangen wird abends, ziemlich hungrig. Außerdem könnte Jemand im Birkhuhn hocken.

„Jemand“ hat noch keine Kontur. Frau wird sehen.

Lauter Niemande kommen zur Tür herein. Frau Anselm hat reichlich Zeit, die Protagonistin des Textes, an dem sie arbeitet, zu morden. Sie tötet immer erst nach reiflicher Überlegung – oft sterben die Leute, die den Figuren als Schemen gedient hatten, tatsächlich. Anselms Protagonistin wird, nachdem diese endlich eine ersehnte Weltreise gewonnen hat, beim Pflücken pelziger Quitten vom Baum gestürzt. Was die Schreibende in keiner Weise allegorisch meint. Es ist normal, dass ein morscher Ast bricht, eine Quitte im Gras liegt, eine Amsel auf einem Zweig wippt.

Drei Blätter werden in der Beiz vollgeschrieben, damit Frau nicht so stumm und so grün am Tisch hockt und das Lokal sich durch ihre Missgestimmtheit verdüstert.

 

Tag für Tag geht die Anselm orientierungslos durch die Stadt, in der Kultur wie dicke Luft in den Straßen steht. Oft spricht sie eine beliebige Person an und fragt nach dem Weg. Die Leute erschrecken, kapseln sich ein, glauben, sie würden angebettelt, obwohl die Anselm nicht verwahrlost und ihr Singsang ein schweizerischer ist.

Sie wirft ihren ganzen Charme ins Gesicht und sagt:

„Stephansdom! Wo ist bitte der Stephansdom?“ oder:

„U-Bahn! Ich suche eine U-Bahn –“

„No, ibittsi! Sie stenga eh vor am blauen ‚U‘!“, wird grantig geantwortet – oder es wird in Persisch, Russisch, Arabisch der Kopf geschüttelt. Niemand hat sich je mit der Anselm einen Meinungsaustausch gewünscht. Ein einziges Mal ist ein Junger in der Straßenbahn aufgesprungen und hat der Frau seinen Platz angeboten. Wortlos.

 

Eines Abends hatte die Anselm auf den Bus Nummer zwei gewartet. Sie betrachtete eine Schar junger Männer in Smokings, die aus einer Kirche strömten. Sah später einen fadendünnen Priester in Soutane, mit wehender Stola hinterherhasten –, als sich eine Greisin mit hoch beladenem Einkaufswagen neben die Anselm setzte.

Die zerbrechliche Alte beginnt ein ganzes Menü auszupacken, zu sortieren, auf dem Schoss auszubreiten, auseinanderzubrechen und still, Stück für Stück, aufzuessen.

Die Anselm starrt in die Richtung, aus der ihr Bus kommen sollte. Sie reckt und streckt sich hartnäckig, um der Versuchung zu widerstehen, die Nachbarin JA nicht zu fragen, um JA nicht zu sagen:

„Sie waren sicher auch ein Kriegskind? Wir hatten wirklich furchtbaren Hunger! Und keine Väter. Wir alten Frauen dürfen nie wieder einen Krieg zulassen, da sind Sie doch meiner Meinung?“

In das Telefon Döggelnde, Rauchende, tief in sich Versunkene laufen vorbei. Der Bus kommt nicht.

Die Alte schiebt raschelnd ihre Papiere zusammen. So schwer es ihr fällt, dreht sie den Kopf zur Anselm, hebt von Freundlichkeit geweitete Augen und lächelt.

„Wissens“, sagt sie, „i muaß was essen, wo i seidera neinazwanzg Jahr an Zucker hab. Wenns ma fad wird und i nix iss, kriag i a Koma.“

„Ja freili“, lacht die Anselm, „des wär fei nix, da müaßn mir scho aufpassn!“ Sie nicken sich innig zu, die Verständigung ist grenzenlos. Gestützt auf ihren geklauten Einkaufswagen geht die alte Frau langsam davon.

Vom Sinn und Ernst des unverhofften Gebens und Nehmens beglückt, studiert die Anselm den Fahrplan und begreift, dass der Zweier seinen Betrieb abends einstellt.

Mit schwingenden Armen geht sie am Donaukanal entlang nach Hause. Sie malt sich in bunten Farben ihr Nachtmahl aus. Die Füße benehmen sich wie Füße.

 

Den Besuch von Theatern hatte die Anselm nach einigen glücklosen Versuchen ganz aufgegeben.

Ausschlaggebend war Grillparzers König Ottokars Glück und Ende im Burgtheater gewesen, als der unglückliche Ottokar glaubte, alle Hüllen fallen lassen zu müssen und sich füdliblutt (splitternackt) an die Bühnenrampe setzte.

Ottokar hockte eine Viertelstunde unbeweglich, das müde Gemächt zwischen den geöffneten Beinen. Es war der ödeste Anblick in Anselms langer Laufbahn als erwachsene Frau. Sie rätselt noch heute, was mit der Metapher gemeint war. Es kann nicht Ottokars angezettelter Krieg gewesen sein, sonst hätte er vor Scham über die Gräuel mindestens sein Gesicht verhüllen müssen.

 

Eines Abends war im Birkhuhn jeder Stuhl besetzt. Nur an den Tisch der Anselm hatte sich keiner gewagt.

Als Jemand auftauchte und sich bei ihr niederließ. –

Man sitzt sich gegenüber. Schweigend. Jeder in einen inneren Dialog vertieft, den zu führen Mann wie Frau planen. Man betrachtet ringlose Hände, schätzt das gegenseitige Alter, sieht über mögliche Abnützungen hinweg. Winzige Nuancen verraten, dass man durchaus einer Meinung sein könnte. Die Anselm widersteht der Versuchung, ein Buch, ein Blatt, einen Stift auf den Tisch zu legen. Sie wagt, nichts als Frau zu sein – wer immer – für ihn.

Jemand fragt, ob Werimmer Interesse hätte, am nächsten Abend ins Burgtheater zu gehen zu Thomas Bernhard.

Jemand sagt das in einer melodiösen, teigweichen Diktion.

In der Sprechmelodie des Mannes schwimmen die Worte wie muntere Fische. Werimmer denkt:

„Eigentlich hätten allein die markigen, scharfen Töne die Wiener im letzten Jahrhundert davon abhalten müssen, derart zum Brüllen neigenden Personen zuzujubeln.“ –

Wegen der Abschweifung fragt die Anselm: „Wie meinen?“

Eine Mehlspeise wird verzehrt, köstlich wie einst bei der Großmutter. Oma hatte die hauchdünnen Teigblätter auf leinenen Tüchern über Stuhllehnen gehängt. Einmal, das kommt der Anselm bei jedem Strudel in den Sinn, einmal wusste die Großmutter weder aus noch ein und war der Meinung, sich erschießen zu müssen. Die alte Frau besaß tatsächlich einen Revolver. Das war damals, an dem ungeheuerlichsten aller Kriegs-Weihnachten gewesen.

Sie liebe den Dichter, antwortet die Frau.

Sie komme gern, sagt sie, innen glänzend und schwebend.

 

Im Burgtheater sitzen die beiden hoch oben auf der Galerie, wie Vöglein auf einem Stänglein, weit, weit entfernt von der tief unten liegenden Bühne. Deren grandiose Leere ist nur mit einem Bett, einem Vogelkäfig und einem, später mit zwei alten Männern, einer davon in Unterhosen, möbliert.

Beide Schauspieler führen Monologe, pflegen Erinnerungen, klammern sich an Illusionen. Sie versuchen ihre Einsamkeit und unaufhaltsame Auslöschung hinter zahllosen Worten naturgemäß nicht wahrzuhaben.

Dem alten Mann und der alten Frau auf der Galerie vergeht das Lachen. Der Autor zwingt sie, ihre eigenen Illusionen als Scherben wahrzunehmen; er lässt den Tod schamlos aus den Kulissen hervorgrinsen.

Der Vogel im Käfig ist längst gestorben.

Auf dem Schlachtfeld unten scheint keine weitere Handlung vorgesehen. Es bleibt bei zwei lamentierenden Männern mit abstrusen Meinungen.

Frau flüstert: „Gibt es eine Pause?“

Mann schüttelt den Kopf, trocknet mit einem Taschentuch die Stirn. Sie recherchiert den kürzesten Fluchtweg.

Ganz oben gäbe es einen Notausgang; ihr Begleiter brauche aber nicht mitzukommen, sagt sie in sein Ohr.

Augenblicklich stehen beide auf, zwängen sich durch die Reihe, tappen im Dunkeln knarrende Stufen hoch, lassen Licht durch den Türspalt fallen, stehen im abgeschabten Galeriefoyer. Glauben, der Garderobiere erklären zu müssen, drinnen steige leider die ganze Hitze nach oben –

 

Hallenden Schritts hinaus in die frische Luft, zum Nachthimmel, zu einem halbierten Mond, zu den Sternen.

Endlich befreit! mit einem echten Menschen an der Seite.

Ein Paar, wie die beiden Alten im Stück. Aber Mann und Frau, die sich nicht gleich bei der ersten Begegnung, nicht im frühlingstrunkenen Wien gewünscht hatten, ihre Wunden, ihr Scheitern, ihre Gebrechlichkeit vorgeführt zu bekommen. Nicht schon bei der ersten zaghaften Annäherung. Der Abend ist nicht zu retten.

 

Wenn die Anselm bei Freunden über Wien spricht, kommt sie, der das Erzählen stets von selbst aus dem Mund ploppt, ins Stocken. Meistens berichtet sie vom Prater, von dem Lift, der einen Menschen achtzig Meter in die Höhe zieht und ihn kopfüber in die Tiefe sausen lässt.

Sie berichtet von der Panne.

Die Apparatur sei stillgestanden. Eine junge Frau mit blondem Haar, das in der Sonne geleuchtet habe, sei eine halbe Stunde – Schopf und Kopf nach unten – in der Mitte des Aufzugs hängen geblieben.

Als die Schöne endlich auf dem Boden gestanden sei, hätte sie auf besorgte Fragen lachend geantwortet, sie fühle sich gut. Das Handy der Heldin habe geklingelt. Übergangslos hätte sie in Schweizerdeutsch liebevolle Sätze ins Telefon gesagt. Worte, die Frau Anselm und der verstorbene Herr Anselm auch gebraucht hätten, damals, als sie sich auf den Weg gemacht hatten; als alles seinen Wert hatte, als alles so nah war und glücklich zu sein gelang.

„Mehr kann niemand wollen, die wir groß und ewig einsam sind –“, sagt die Anselm abschließend.

„Was redet sie da?“, fragen sich die Freunde und meinen, die Frau altere nun rasant.

 

Über ihre Fußsohlen spricht Selma Anselm nie.

Auch nicht, dass sie sich in Wien in einem Vakuum befunden hatte, obwohl die Straßen prall gefüllt waren mit Touristen aus aller Welt, die sich aneinander rieben und nach abgestandenem Bier rochen.

 

Sie spricht nicht davon, dass sich eine Greisin neben sie gesetzt hatte; mit der sich x-beliebige Wörter wie Bälle hatten hin und her werfen lassen, über all das Zugeschüttete hinweg.