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Nur Kreisky fehlt

werner schandor | Nur Kreisky fehlt

Bruno Kreisky, Österreichs legendärer Bundeskanzler von 1970 bis 1983, pflegte in Interviews Sätze gerne mit der Phrase „Ich bin der Meinung …“ einzuleiten, um Zeit für die Antwort zu gewinnen. Kreisky sprach langsam und betont und verdeutlichte mit diesem Duktus, dass Meinung etwas ist, das überlegt sein will und wofür man sich Zeit nehmen sollte. Doch seit Kreisky haben sich die Zeiten geändert: Heute rotzt man seine Meinung schnell mal im Internet hin, und wenn’s gut geht, überlegt man im Nachhinein, ob der abgegebene Kommentar überhaupt Sinn ergibt.

Wie das mit Facebook, Twitter und Userkommentaren funktioniert, beschreibt der Social-Media-Experte Wolfgang Kühnelt und spannt damit den Bogen der Meinungsbildung, deren Anfänge Bernhard Horwatitsch in der griechischen Antike ansetzt und deren Sternstunde Alice Le Trionnaire-Bolterauer in der Aufklärung verortet, bis in die Gegenwart. Dort wartet die Markt- und Meinungsforschung auf uns, und über die geben Michael Helming und Katja Schmid in ihren Beiträgen sowie der Marktforscher Odilo Seisser in einem Interview Auskunft.

Dass die ursprüngliche Wortbedeutung des Meinens eng mit dem Wahnsinn verwandt ist, das hält Michaela Schröder in ihrem Text fest; darin führt sie aus, was Meinen und Verlangen miteinander zu tun haben. Das Verlangen nach Anerkennung kann Antrieb und Hemmschuh der Meinungsäußerung gleichermaßen sein, weiß Harald A. Friedl. Dem Dilemma entgeht man auf spielerische Weise, wie Helwig Brunner meint, oder indem man die Lüge als Meinungs-Option wählt, auf die Gábor Fónyad ein Loblied anstimmt.

Wie kurz der Weg vom Meinungsdünkel zur Selbstzensur ist, beschreiben Dominika Meindl und Wolfgang Gulis. Letzterer ist Experte für Flüchtlingsfragen. Als solcher erklärt er uns – trotz Attacke durch ein Zensorenteam in seinem Kopf – das Sechs-Stufen-Schema, dem Flüchtlingsdebatten hierzulande seit Jahrzehnten folgen. Sehr aktuell und sehr lesenswert!

Was passieren kann, wenn zwei gerichtliche Instanzen in ein und derselben Frage entgegengesetzter Meinung sind, hat Thomas Brunnsteiner in einem von ihm angestrengten Plagiatsprozess in der Schweiz erfahren: Die erste Instanz gab ihm Recht, die zweite verdonnerte ihn zu einer Zahlung von 20.000 Franken. Versammelte O-Töne zu dieser Misere haben wir im Brunnsteiner-Dossier im Rezensionsteil festgehalten. Angesichts der Logik dieser Gerichtsfarce könnte das Schweizer Justizsystem überlegen, ob es nicht auf computergenerierte Urteile umsteigen will: Solche Propaganda-Bots, die vollautomatisch gegensätzliche Meinungen absondern, werden bereits in sozialen Netzwerken eingesetzt, wie Parviz Amoghli in seinem Beitrag enthüllt.

Allein Kreisky fehlt in unserem Meinungs-Heft. Ihm, der seine größte politische Niederlage bei einem Volksbegehren erlebte, hätte Stefan Sonntagbauers Abgesang an die direkte Demokratie gewiss gefallen. Ebenso hoffentlich die literarischen Beiträge, die Gastredakteur Heimo Mürzl mit uns ausgewählt hat. Darunter ein Gedicht von Stefan Eibel Erzberg, der damit das Thema des Heftes literarisch umreißt:

 

oft

ich hab mich in meine meinungen derart hineingelegt
dass ich förmlich körperlich in eine schieflage geraten bin

auch oft

ich habe mich in meine meinungen derart hineingelegt
dass ich förmlich geistig in eine schieflage geraten bin

(Stefan Eibel Erzberg)