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Propaganda aus der Retorte

parviz amoghli | Propaganda aus der Retorte

Im Meinungsbombardement textgenerierender Computerprogramme.

Obwohl von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, sind sie beileibe keine Besonderheit mehr: textgenerierende Computerprogramme. Inzwischen haben sie es sogar schon bis in den Journalismus geschafft. Das Magazin Forbes beispielsweise benutzt eine Software, die nach Eingabe einiger statistischer Daten durchaus lesbare Artikel hinsichtlich der Entwicklung von Unternehmenszahlen ausspuckt. Oder die Nachrichtenagentur AP: Die lässt seit Kurzem Meldungen über Sportereignisse oder Börsengeschäfte in der Größenordnung von 150 bis 300 Wörtern vom Rechner erstellen; außerdem erhalten AP-Kunden nun quartalsmäßig 4.400 computergenerierte Berichte über US-Unternehmen, vorher waren es lediglich 300.

Aber auch jenseits des Finanzjournalismus mit seinen starren Formaten finden Textgeneratoren mittlerweile Verwendung. Bereits 2012 war während des US-Wahlkampfes ein Programm im Einsatz, das anhand von Social-Media-Beiträgen Berichte darüber verfasste, welche Themen und Kandidaten in welchem Bundesstaat wie diskutiert wurden – inklusive markanter Tweets als Zitateneinschübe. Und Nick Monfort, Professor für digitale Medien am Massachusetts Institute of Technology, hat mittels eines selbst erstellten Quellcodes einen ganzen Roman geschrieben beziehungsweise von einem Rechner schreiben lassen. Lange hat Letzterer dafür nicht gebraucht, innerhalb weniger Stunden war World Clock verfasst. Zweihundertsechsundfünfzig Seiten stark, war das Buch übrigens Monforts Beitrag für das von dem Internetkünstler und Botmeister Darius Kazemi ins Leben gerufene Festival National Novel Generation Month, kurz NaNoGenMo, bei dem nur rund 50.000 Wörter umfassende, computergenerierte Manuskripte samt dem dazugehörigen Quellcode eingereicht werden dürfen.

Freilich fehlt es all diesen Texten an Esprit, an erzählerischem Vermögen. Die Softwares imitieren lediglich menschliches Schreiben entlang genrespezifischer Normen. Das kann gewiss interessante Ergebnisse zeitigen. Doch Dinge, die aus der Erfahrungswelt und damit der Persönlichkeit des Autors erwachsen – Betrachtungen, Analogien, Schlüsse, Meinungen –
können die Algorithmen nicht vortäuschen.

 

Propaganda-Bots

Allerdings könnte sich dies bald ändern. Der Grund: Propa­ganda-Bots. Sie sind der letzte Schrei in der Meinungsbildungsindustrie. Dabei handelt es sich um eine zweiteilige Software, deren erste Komponente, ein Erkennungstool, anhand von politischen Vorgaben der Programmierer – zum Beispiel: heimatverbunden, sozialistisch, gläubig – diesbezüglich kritische Nachrichten und Tweets in sozialen Netzwerken identifiziert und diese dann an den zweiten Bestandteil, eine semantische Matrix, weiterleitet, in der wiederum Antworten und Kommentare dazu generiert werden. Und zwar derart passgenau, dass es für einen Nutzer nicht erkennbar ist, ob die Gegenrede nun von einem Menschen aus Fleisch, Blut und Gehirnmasse stammt oder nur von einer Simulation dessen.

Kein Wunder, dass sich neben der DARPA (Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums) und den Russen („Storm 13“) noch eine Reihe anderer Staaten und Regierungen mit dem Einsatz und der Weiterentwicklung der Propaganda-Bots beschäftigen. So etwas will sich niemand entgehen lassen, der bei seiner Arbeit im und am öffentlichen Raum auf die gesamtgesellschaftliche Meinungslage angewiesen ist. Dafür sind die informationspolitischen Verlockungen einfach zu groß. Man stelle sich nur vor, jeder in den sozialen Netzen niedergeschriebene Widerspruch und jede Kritik wären bereits an der virtuellen Quelle zu identifizieren und könnten unter einem Wust von vielfachen Kommentaren und Antworten zum Versiegen gebracht werden. Dazu bedarf es lediglich ein paar Stichworte. Den Rest erledigt das semantisch aufgepeppte Meinungsbombardement automatisch, zuverlässig, kostensparend, schnell und effizient, so wie sich das in einer „marktkonformen Demokratie“ (Angela Merkel) gehört.

 

Trügerische Verlockung

Jedoch könnten sich die Propaganda-Bots ebenso gut als kommunikativer Rohrkrepierer erweisen und die sozialen Medien endgültig als Plattform zum Meinungsaustausch obsolet machen. Auf den ersten Blick mag dies eine gewagte Behauptung sein. Vor allem angesichts einer politischen Öffentlichkeit, für die das Internet eine immer wichtigere Rolle spielt. Inzwischen hat jeder Politiker, jedes Projekt und jeder Verein, jede Partei, Organisation oder Initiative einen eigenen Webauftritt samt Twitter-Account und Facebook-Profil. Dass Shitstürme und Onlinepetitionen Nachrichtenwert genießen, Tweets Empörungswert und Postings weitreichenden Skandalwert, gehört mittlerweile zum Alltag. Genauso wie der Umstand, dass Kampagnen, Proteste und Aktionen fast nur noch im Netz initiiert beziehungsweise organisiert werden.

Dennoch kommt Facebook, Twitter und anderen Diensten schon heute weit weniger Bedeutung beim webbasierten Meinungsaustausch zu, als es den Eindruck macht. Das besagt zumindest eine im August 2014 vom US-amerikanischen Pew Research Center veröffentlichte Studie mit dem Titel Social Media and the „Spiral of Silence“.

Dabei wurden 1.801 US-Amerikaner nach ihrem analogen und virtuellen Diskussionsverhalten in der Causa Snowden befragt. Und wie sich zeigte, existiert anscheinend auch im Netz so etwas wie eine Schweigespirale, in der sich diejenigen, deren Standpunkt von der Mehrheitsmeinung der „Freunde“ abweicht, mit entsprechenden Äußerungen eher zurückhalten. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass nur eine Minderheit der Facebook- oder Twitter-Nutzer in den USA überhaupt bereit ist, an Diskussionen in sozialen Netzwerken teilzunehmen (42 %). Wobei gleichzeitig 86 % der US-Amerikaner ihre Meinung in einer Gesprächsrunde kundtun. Zudem würde nur ein verschwindend geringer Anteil derer, die beim Thema Snowden einer persönlichen Diskussion aus dem Weg gehen, die Auseinandersetzung stattdessen im Netz führen. Und schließlich wurde eruiert, dass die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nur wenig zur Meinungsbildung der Nutzer beitragen. Eine übergroße Mehrheit der Befragten gab an, ihre Informationen zum Fall Snowden über Fernsehen, Radio, Zeitungen, papieren wie online, oder andere Webangebote bezogen zu haben.

Angesichts all dieser durchaus überraschenden Ergebnisse kommen die Autoren der Studie unter anderem zu dem Schluss, dass soziale Netzwerke heutzutage keine alternativen Foren zur Meinungsäußerung beziehungsweise -bildung darstellen.

Ein Befund, der sich durch den Einsatz von Propaganda-Bots noch um einiges verschlechtern dürfte. Zunächst einmal, weil wohl niemand gerne mit einem Automaten diskutiert. Allein der Verdacht dürfte ausreichen, um im Zweifelsfalle von einer Äußerung Abstand zu nehmen. Erst recht, da ja hinter jeder generierten Replik die kaum verhohlene Drohung steht: „Wir wissen, wer du bist und was du geschrieben hast!“ Da hält man besser die Klappe.

Endgültig zur Farce würde die Kommunikation in sozialen Netzwerken aber werden, sobald es den neuen Tools so erginge wie der Handyortung. Diese war in den Anfangsjahren des mobilen Zeitalters ebenfalls nur den Exekutivbehörden zugängig. Heute gibt es nur einen Klick entfernt „Die besten Handyüberwachungs-Softwares im Vergleich“.

Würden nun die Propaganda-Bots ihren Weg heraus aus den Laboren von DARPA und Storm 13 in die Netzöffentlichkeit finden und wären sie zudem noch hinlänglich nutzerfreundlich in der Bedienung – der digitale Meinungsaustausch stünde endgültig vor einer ernsten Belastungsprobe. Die Software bräuchte noch nicht einmal von überwältigend vielen verwendet werden. Die notorischen Missionare und Empörungsritter, egal zu welchem Thema, ob nun politisch, kulturell, moralisch oder sonst wie motiviert, würden genügen. Es wäre ihre große Stunde, für sie würden goldene Zeiten anbrechen.

Die Frage ist allerdings: für wie lange? Bereits heute sind gelegentlich Diskussionen zu beobachten, bei denen Programm gegen Programm antritt. Da liegt der Schluss nahe, dass irgendwann nur noch Softwares in die Arena des virtuellen Diskurses steigen. Bot gegen Bot, im naturgemäß bewusstlosen Schlagabtausch. Ein solches Szenario wäre dann das endgültige Aus für die öffentliche Diskussion via soziale Medien – und vielleicht sogar darüber hinaus.

In diesem Falle wäre aus dramaturgischer Sicht sicherlich ein Ende wünschenswert, wie es der Kinofilm WarGames von 1983 zeigt. Darin gerät ein neu entwickelter Computer der US-Militärs namens NORAD außer Kontrolle und droht einen Atomkrieg auszulösen. Nach allerlei Aufregung und einigen Wendungen, die die Welt an den Rand des thermonuklearen Abgrunds führen, kann der Superrechner schließlich durch einen Trick gestoppt werden. Man lässt ihn Tic-Tac-Toe spielen, und zwar dergestalt, dass der erste Stein stets in die Mitte gesetzt wird. Da gibt es natürlich kein Gewinnen. Weshalb der NORAD-Computer schlussendlich kollabiert und die Welt gerettet ist.

Wobei allerdings der Zusammenbruch des öffentlichen Meinungsaustausches im Netz keineswegs eine Errettung der Welt wäre. Es wäre vielmehr ein demokratiepolitischer GAU.

 

Verachtung

Doch das sind nur Annahmen, Vermutungen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass es ganz anders kommt. Tatsächlich liegen die Zukunft der Propaganda-Bots und ihre Auswirkungen im Ungewissen. Anders sieht es in der Gegenwart aus. Im Hier und Jetzt kann es nämlich durchaus Gewissheit geben über das Maß an Verachtung, das jene, die eine solche Software entwickeln und einsetzen lassen, gegenüber denen hegen, die ihr ausgesetzt sind. Ansonsten scheint derlei nur schwer vorstellbar.

Nun kann man eine Meinungsäußerung als Verbrechen werten, als Provokation oder Fahrlässigkeit, man kann sie schmähen, bejubeln oder belächeln, man kann der Ansicht sein, dass jeder gehört und ernst genommen werden sollte, oder, wie Ernst Jünger, dass nur wenige es wert sind, dass man ihnen widerspricht. Aber egal wie man es hält, es erfordert stets die vorausgegangene Beschäftigung mit der Aussage. Selbst die, die den Jünger‘schen Ansatz für sich in Anspruch nehmen, kommen nicht umhin zu entscheiden, ob und wem die Ehre eines Widerspruchs zuteilwird und wem nicht.

Und genau darin, in der persönlichen Haltung, die einer Meinungsäußerung entgegengebracht werden muss, liegt ein letzter verbliebener Rest von Respekt, der dem Anderen bislang zwangsläufig zu erweisen war. Das ist zwar wahrlich nicht viel, aber angesichts der heraufdräuenden Propaganda-Bots schon eine ganze Menge.

 

Denn die haben mit Derartigem nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Können sie gar nicht. Als virtuelle Textgeneratoren reagieren sie nur auf Vorgaben, die eine Rechenoperation auslösen, die wiederum eine menschlich klingende Stellungnahme produziert. Ansonsten wissen sie nichts von Achtung, Respekt oder davon, dass „das Meinen … ein ‚problematisches‘ Urteilen bzw. ein ‚vorläufiges‘ Urteilen [ist] … ein Fürwahrhalten aus einem Erkenntnisgrunde, der weder subjektiv noch objektiv hinreichend ist“, wie im Kant-Lexikon im Eintrag „Meinung“ festgehalten ist (http://www.textlog.de/32510.html). Sie kennen keine Erkenntnis und kein Fürwahrhalten, sie können ihre Meinung nicht ändern. Solange es jedenfalls ihre Herren nicht tun. Darauf aber sollte man besser nicht wetten. Die Stichwortgeber definieren ja nicht umsonst die Vorgaben.