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Schülerstreben

beppo beyerl | Schülerstreben

Der Nebel liegt dicht, und es ist finster in der Früh. Ich zwänge mich durch die Öffnung zwischen dem Drahtgitter, an dem ich mir letztens den Mantel aufgerissen habe, und dem Gebüsch, aus dem das Grauen steigt. Eilig stapfe ich auf den Steinen zum Bach hinunter und drücke die Schultasche fest an den Körper. Dann der kurze Anlauf und der Sprung über das Wasser. Für einen Augenblick bleibe ich stehen und zünde mir hinter der hochgehaltenen Tasche die Morgenzigarette an. Das erste Licht.

Bald darauf sehe ich in der dichten Nebelsuppe einen weiteren glimmenden Stängel schwimmen. Noch ein paar Schritte, und ich erkenne Jimmy, der schon wieder vor mir die Busstation erreicht hat. Zufrieden ziehe ich das Nikotin meiner „Memphis“ in die Adern, und ich wehre mich nicht gegen die Welle von Behaglichkeit, die in meinem Kopf zusammenschlägt.

Im Espresso im Hütteldorfer Bahnhof steht der Rauch so dicht, dass man ihn mit einem Messer in kleine Streifen schneiden könnte. Die Schulstangler haben wieder volle Arbeit geleistet, meint die Kellnerin. Mir gegenüber schlürft Jimmy am kleinen Mokka. Die Kellnerin öffnet die Tür zum Wienfluss hin und die kalte Brise bläst durch das Bahnhofs­espresso. Jetzt wissen wir immer noch nicht, was wir tun sollen, sagt Jimmy zu mir.

In der ersten Stunde ist Englisch as the Romans conquered Britain, the Eagles of Ceasar flew about the land. Eigentlich ist mir das völlig wurscht, von mir aus können es auch Krähen sein oder Spatzen, die über das Land fliegen. Wichtig ist nur eines: Dass sie das Land kräftig vollscheißen mit ihrem Tauben- oder Spatzendreck. Und in dem Dreck wird das ganze Land eingewickelt, mit einem Mascherl versehen und allen frierenden Schulstanglern als Geschenk auf den Espressotisch gestellt.

Wir stehen an der letzten Tankstelle vor der Autobahn und erwischen einen fetten Brummer, der uns in eineinhalb Stunden nach Linz bringt. Zum Bahnhof, antworte ich unverzagt, denn mir fällt im Moment nichts ein, was mit ziemlicher Sicherheit in einer Stadt wie Linz sonst noch sein könnte.

In der zweiten Stunde haben wir Latein und aurea prima sata est aetas quae vindice nullo sponte sua sine lege fidem rectumque colebat. Da gackern ja die Hühner und grunzen die Schweine, wo doch jeder weiß, dass das Bronzene Zeitalter beginnt, wenn ich das Leiberl mit der Nummer sieben über meinen durchtrainierten Oberkörper streife, und dass das Silberne Zeitalter en vogue ist, wenn wir den Gablitzern einen Schrauben anhängen, an dem sie ordentlich zu kiefeln haben, und dass das Goldene Zeitalter überhandnimmt, wenn ich vom Sechzehner aus den Ball ins Eck jage, dass das Netz sich bauscht wie ein volles Einkaufssackerl.

Zwei blonde Linzer, bestellt Jimmy im Linzer Bahnhofsrestaurant. Wie in jedem Restaurant am Bahnhof einer x-beliebigen Stadt stinkt es nach Gulasch und Bier, der Wurlitzer im Eck spielt schon zum dritten Mal die „ABBA“ und der Kellner verzichtet galant auf die Bierdeckel, als er die Krügel auf den Tisch knallt. Nach dem ersten Schluck bleibt auf den Lippen der Schaum zurück, und die Wogen des Linzer Blonden schlagen zusammen bei dem Satz: Ausgelassen ist das Gegenteil von eingespannt. Und sie spülen den Satz an die Küste, wo er einsam und verlassen, höchstens ein bisschen nach Linzer Bier stinkend, einer ausweglosen Zukunft entgegendämmert.

In Religion glaube ich an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, sowie an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn. Meine Güte, von mir aus glaub ich an alle Hosenscheißer und Eckenbrunzer, mit denen ich über den Zaun geschissen habe, und wenn sie brav genug sind und mir ein dickes Zwickerbussi geben, dann dürfen sie zu mir du, du Sauzechn sagen.

Wir postieren uns vor einer Mittelschule, um die Mädchen zu begutachten. Wir können sie ja nach dem Weg fragen, schlage ich vor. Andrea hat lange blonde Haare über einem Meerschweinchengesicht und auf ihrer Mappe steht „Don‘t fall except in love“. Sie führt uns zu einem Autobus und wir fahren zu dritt zum Autobahnzubringer, wo uns Andrea ein Auto aufhält. Vorher haben wir Telefonnummern ausgetauscht. Meine ist sowieso falsch, sagt mir Jimmy im Auto. Glaubst ich will haben, dass das Meerschweinchen in Wien vor meiner Tür steht?

Auf einer Asymptote liegt kein Punkt der Hyperbel. Jede Parallele zu einer Asymptote, die nicht mit der Asymptote identisch ist, schneidet die Hyperbel in genau einem Punkt. Das hab ich mir ja gleich gedacht. Und wenn ein Körper zwei tolle Schenkel hat, und wenn ich die Schenkel entlanggleite und mich frage, wie viele Glieder so ein Körper hat, beuge ich mich über das gleichschenkelige Dreieck, und wenn ich den Schwerpunkt passiere, klingeln auf der Kapelle die Glocken, wenn der Körper eindringt und die Energie ist Masse mal Quadrat der Geschwindigkeit.

Wir hocken in einer watscheligen Ente und zuckeln auf der Westautobahn gemütlich in Richtung Wien. Langsam fressen wir die Kilometer, und in der Öde der watscheligen Ente schwirren ein paar übrig gebliebene Biergedanken um mich herum. Pass auf, sagen sie zu mir, es ist alles sinnlos. Eigentlich hättest du Chemie lernen sollen, und wenn du nicht fertig wirst bis morgen, dann kannst du auch gleich den morgigen Schultag streichen. Und wenn du den morgigen Schultag streichst, dann erfährst du wieder nicht, welche Stellen zur Lateinschularbeit kommen könnten, und du kannst gleich eine ganze Woche in einem Bahnhofsrestaurant verbringen und versuchen, den Geruch von Gulasch und Bier durch das Gepaffe der Zigaretten zu extrapolieren. Danke, liebe Biergedanken, erwidere ich drauf und gehe in die nächste Raststätte, um die Biergedanken mit dem nächsten Krügel zu vertreiben.

 

Die Schule ist aus und ich fahre mit der Stadtbahn nach Hütteldorf. Der Bus wartet schon und nach ein paar Haltestellen drücke ich auf den schwarzen Knopf an der Hintertür. Schnell überquere ich den Platz und nach zwei Biegungen nähere ich mich dem Bach. Es ist kurz vor sechzehn Uhr. Der Nebel hat sich noch nicht festgesetzt, und ich erkenne das Gebüsch auf der anderen Seite des Baches. Komisch, denke ich, dass die Umkehrung von Nebel das Leben ist, und starte zum kurzen Anlauf, um über das Wasser zu springen.