schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 28 - wie meinen? Was Charles, Charlie und Kleist so meinen
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/28-wie-meinen/was-charles-charlie-und-kleist-so-meinen

Was Charles, Charlie und Kleist so meinen

alice le trionnaire-bolterauer | Was Charles, Charlie und Kleist so meinen

In den Texten des 18. Jahrhunderts wird auf Teufel komm raus gestritten.

1.

Als Charles de Secondat, Baron von Montesquieu, im Jahr 1712 seine persischen Reisenden Usbek und Rica in Paris ankommen lässt, ist des Staunens kein Ende. Unverständlich, was hier nicht alles noch geglaubt wird, was einem neugierigen Orientalen die Haare zu Berge stehen lässt! Die Macht des Königs allzumal, der, wenn die Notwendigkeit des Kriegführens die Staatskasse leert, seinen Untertanen weismacht, Papiergeld sei ebenso viel wert wie die guten alten Goldmünzen; und dessen Manipulation so weit geht, dass das einfache Volk ihn als Wunderheiler sieht, dessen Berührung von allen möglichen Übeln befreit. Und gar nichts ist dieser große Manipulator verglichen mit dem noch größeren Scharlatan, der sich Papst nennt und der nichts weniger behauptet, als dass drei Personen eine sein könnten und dass Brot und Wein nicht Brot und Wein seien, sondern etwas anderes. (24. Brief der „Lettres persanes“) Es ist dieser Blick von außen, der die Diskussion über Kultur – die eigene ebenso wie die fremde – befördert, der im 18. Jahrhundert mit besonderer Begeisterung gepflegt wird. Kultur – erstmals im Singular verwendet und nicht länger im Plural – „Kultur“ also als die Summe dessen, was man sich als identitätsstiftend zuordnet, fungiert nicht länger als Indikator für Vorhandenes, sondern als Medium für Vergleiche. Und Montesquieus Reisende vergleichen und assimilieren ohne Ende: Kirchen werden ihnen zu Moscheen, die Bibel zum Koran und die Theologen zu wohl vertrauten „Muftis“. Trotzdem bleibt vieles von dem, was Usbek und Rica beobachten, im Bereich des schwer zugänglichen Glaubens, ja beinahe des Aberglaubens. Daneben aber – neben den Auswüchsen eines paradoxen Glaubens – tut sich im Paris des frühen 18. Jahrhunderts noch eine andere Schiene auf, die den eingesessenen Dumpfbacken Frankreichs ebenso verstörend vorkommen muss wie den sich so aufgeklärt gebenden Reisenden aus Persien: der Meinungsstreit. Vor allem in den Pariser Cafés – unter anderem ist dabei an das älteste Pariser Café, das „Procope“, zu denken – wird diskutiert, wird gestritten, wird „disputiert“. Mit größter Freundlichkeit, berichtet Usbek, würden da die gröbsten Beleidigungen und bittersten Spöttereien ausgeteilt, sodass er nicht wisse, was er mehr bewundern solle: die Themen der Diskussion oder die Art ihrer Präsentation. Denn oftmals seien die Themen der Streitereien nebensächlich, beinahe banal, und der eigentliche Sieg des Debattierens gelte nicht dem, der die besseren Argumente habe, sondern dem, der sie besser zu vertreten wisse. Eine neue Welt tut sich auf, eine Welt, in der nicht das Glauben immer schon das Meinen bestimmt, sondern wo das Meinen sich vom Glauben distanziert, wo auf pointierte Weise gegensätzliche Meinungen auftreten, die sich mit großer Leidenschaftlichkeit in die Haare geraten können, ohne doch den Rahmen des Schicklichen – hier wohl des Cafés – zu verlassen.

 

2.

Und die Literatur wird zum Forum und zum Motor dieses sich entwickelnden Meinungsbedürfnisses. Warum? Weil die Literatur des 18. Jahrhunderts selbst eingespannt ist in einen Prozess der Ausdifferenzierung und Autonomisierung, der es den Autoren nahelegt oder sie dazu verdammt, selbst zu bestimmen, was sie meinen, d. h. was sie sagen und wie sie es sagen wollen, und nicht länger dem Gängelband eines wie immer gearteten Mäzens zu vertrauen. Und plötzlich wird es möglich, das Unsagbare zu sagen: den König in Frage zu stellen, die Kirche zu kritisieren oder den Adel zu blamieren. Da schreibt dann Schiller sein Terroristenstück „Die Räuber“ „gegen die Tyrannen“ und bekommt dafür den Ehrenbürger-Titel der französischen Revolutionäre, Goethes Götz von Berlichingen schickt – symbolisch – dem Bischof von Bamberg einen Haufen Scheiße und Lessings Nathan versteigt sich zu der These, dass im Grunde alle Religionen gleich viel wert seien. So wie die Literatur als „System“ (im Luhmann’schen Sinn) sich von den Bevormundungen der anderen Systeme – religiöser, politischer oder ökonomischer Systeme – zu befreien sucht, so emanzipieren sich die Figuren in den Dramen und Romanen und nehmen den Mund voll mit etwas, worüber sie selbst vielleicht noch gar nicht so recht Bescheid wissen, worüber sich aber trefflich streiten lässt. Und was wird da nicht gestritten in den Texten des 18. Jahrhunderts! Wie da Rede und Gegenrede hin- und herlaufen zwischen den Antagonisten wie kleine Messerwürfe hin und her und wie kein Konsens sich finden lässt, bevor nicht die eigene Meinung voller Vorurteile sich selbst ins Messer gelaufen ist und die Glaubensgrundsätze zerstört sind. Erst dann, wenn den törichten Glaubensüberzeugungen der Boden entzogen ist und die Meinungen sich gebildet haben, wird es möglich, dem anderen die Hand zu reichen und zu sagen: „Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan! Das habt Ihr! – Eure Hand! […] Wir müssen, müssen Freunde werden.“

Es ist kein Zufall, dass im 18. Jahrhundert Lesegesellschaften und Debattierklubs en masse entstehen, wo erprobt werden kann, was erst viel später zu einem Recht erhoben werden wird: der Versuch, eine eigene Meinung zu finden, diese zu artikulieren und zu vertreten. Bis die Meinungsfreiheit Recht wird – in Frankreich passiert dies zum ersten Mal im Rahmen der Erklärung der Menschenrechte 1789 –, bis es also so weit ist, muss noch um Worte und Argumente gerungen werden und die Lust am Debattieren über die mögliche Stichhaltigkeit der Argumente gestellt werden.

 

3.

Paradoxerweise scheint es die Erklärung der Menschenrechte – darunter der Meinungsfreiheit – zu sein, die erst den Startschuss gibt zu Legionen von Übergriffen, Angriffen, Anschlägen auf das, was man gemeinhin die „freie“ Kunst nennt und was immer wieder als ihre Gefährlichkeit und Unzurechnungsfähigkeit gebrandmarkt wird. Baudelaire und Flaubert werden angeklagt und vor Gericht gebracht, Georg Büchner wird steckbrieflich gesucht, Schnitzlers Reigen wird verboten, über den Autor der Satanic Verses wird die Fatwa ausgesprochen und die Redakteure von Charlie Hebdo werden von islamistischen Terroristen ermordet. Das erinnert mich an Zeiten – und es waren die holden Zeiten meiner Jugend –,
wo von jedem Kunstwerk verlangt wurde, subversiv zu sein, ja, wo die Kritik an den bestehenden Verhältnissen, an Personen des öffentlichen Lebens oder an den biederen Zuständen einem Kunstwerk unabdingbar schien und seine Qualität in direktem Proportionsverhältnis zur Prägnanz der geäußerten Kritik stand. Aber ist das so? Ist Subversivität ein Garant für künstlerische Qualität? Oder verkennt nicht auch sie bzw. der Ansatz, der sie zum Nonplusultra erhebt, das Wesen autonomer Kunst, deren Eigengesetzlichkeit sich im Grunde als unvereinbar mit Gesellschaftskritik, politischer Satire oder religiöser Blasphemie erweist? Weil Kunst eben immer „nur“ Kunst bleibt und schlecht als Dreschflegel für verhinderte Journalisten taugt? Das ist es zumindest, worauf Robert Musil in seinem Essay Das Kranke und Unanständige in der Kunst aus dem Jahr 1911 hinweist. Die polizeilichen Probleme künstlerischer Aktionen würden seiner Meinung nach die Fiktionalität des Anstößigen in der Kunst verkennen, denn Tatsache sei: dass 1) das Unanständige und Kranke, „von einem Künstler dargestellt“, nicht mehr „es selbst“ sei; dass 2) der „Liebe eines Künstlers“ für Unmoralisches etwas anderes zugrunde liege als der alltägliche „Wirklichkeitsernst“ – ein „Kunsternst“ nämlich; dass 3) das Unanständige und Kranke „überhaupt auch im Leben seine guten Seiten“ habe. Was Musil so auf ironische Weise aufzudröseln und lächerlich zu machen versucht, ist die seiner Ansicht nach illegitime Verquickung von künstlerischer Autonomie und Gesellschaft. Unberechtigt und im weitesten Sinn unerlaubt sei es, fiktionaler Kunst „reale“ Wirkabsichten und Wirkfolgen „anzudichten“, zu denen sie gar nicht fähig ist.

Weil „Autonomie“ der Kunst aber immer nur Autonomie „in“ der Gesellschaft, nie aber „von“ der Gesellschaft bedeuten kann, sind Übergriffe und Zusammenstöße unvermeidbar. Denn nicht nur maßen sich Kunst und Literatur an, ihre Fühler in jeden Bereich der Gesellschaft auszustrecken und dort mit ihren patzigen Fingern alles aufzurühren, sondern auch die anderen Bereiche – „Systeme“ – reagieren mit ihren Mitteln und verteilen ihre religiös oder politisch oder pädagogisch oder wie immer gefärbten Strafzettel mit großer Leichtigkeit und immer aus tiefster Überzeugung. Das wusste bereits Montesquieu, der aus Furcht vor der Zensur seine „Perserbriefe“ nicht nur anonym, sondern auch unter dem Vorwand, nur der Übersetzer zu sein, erscheinen lässt – und das noch dazu in Amsterdam mit dem falschen Erscheinungsort Köln. Die eigene Meinung legt erst langsam ihre Schleier ab.

 

4.

Und heute? Heute, in Zeiten von Facebook, Twitter und Google+, sind wir wohl offensichtlich im Paradies der Meinungsfreiheit und der beliebigen Meinungsäußerung angekommen. Jeder kann – im Grunde – seine Meinung unzensiert und frei deponieren – egal, ob es sich um die Denunziation der „miesesten Schlampe“ oder um das Verhökern der letzten religiösen Gefühle handelt; und das ist – en principe – auch gut so. Problematisch erscheint mir nur die seltsame Verquickung von freier Meinungsäußerung und freier Meinung. Was ich sagen will (probeweise): Ich bin mir nicht sicher, ob alle, die da so selbstsicher und unbekümmert „ihre“ Meinung frei äußern, sich diese „Meinung“ überhaupt selbst gebildet haben. Denn das ist der Nachteil einer überbordenden Öffentlichkeit, dass sie nicht nur überall und für jeden zugänglich ist, sondern dass sie auch zugleich die Meinungen für das, was geäußert, diskutiert und rezipiert wird, gleich mitliefert. Und deswegen halte ich die inflationär kopierten „Je suis Charlie“-Plakate, die zu Hunderttausenden gedruckt, verteilt und verschickt wurden und werden, auch nicht für ein Zeichen von Meinungsfreiheit, sondern für ein Indiz für geschickte Meinungs-Nachfolge. Freie Meinungsrede impliziert doch zuallererst die Freiheit zur eigenen Meinungsbildung und die braucht Zeit – und nicht vorgefertigte Meinungsangebote.

Ganze Galaxien trennen diese Praxis disponibler Meinungsbekundungen von dem Kampf um die eigene Meinung, wie er im 18. Jahrhundert geführt wurde. Und nichts ist spannender, als den literarischen Figuren – mögen sie nun Usbek und Rica oder Nathan oder Candide (so bei Voltaire) oder Agathon (so bei Wieland) heißen – zuzusehen bei ihrem Kampf um die eigene Meinung, die sich erst mühsam von dem Sud des Überlieferten und landläufig Geglaubten absetzt; es ist ein Prozess, bei dem das Denken hadert – mit sich und mit den anderen –, wo es zurückfällt in alte Argumentationsschemata, bevor es neuen Anlauf nimmt und sich hochschwingt zu einem freien, vorurteilsfreien Denken, aus dem – vielleicht – eine neue Meinung entsteht. „Wie? Das soll die Antwort sein auf meine Frage?“, zürnt Lessings Sultan Saladin, ohne deswegen den Prozess der Meinungsbildung abzubrechen: „Mich verlangt zu hören, was du den Richter sagen lässest. Sprich!“, bis er schließlich den Irrtum seiner Denk- und Verhaltenskonvention einsehen und sagen kann: „Herrlich! Herrlich!“ und ganz zum Schluss sogar: „Geh! – Geh! – Aber sei mein Freund.“

Dem liegt eine völlig andere Utopie zugrunde als den sozialen Netzwerken von heute, die Meinungsfreiheit verwechseln mit unreflektiertem Posten unreflektierter Trieb-Impulse und deren Nutzern hemmungslosen Exhibitionismus für eine liberale Meinungsäußerung halten, die auf echte Meinungsbildung verzichten kann.

 

5.

Aber wie können wir uns eigentlich „unsere“ Meinung bilden? Dazu braucht es Zeit – Zeit, bis das Denken sich in uns heraufdenkt und zusammenballt zu dem, was wir „unsere Meinung“ nennen könnten. Wir wissen nicht, was wir meinen, bevor wir nicht versucht haben, es zu formulieren. Das ist die Quintessenz eines genialen Textes von Heinrich von Kleist, der die umständliche Überschrift trägt Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden und der schon im Titel vorexerziert, was dann auf wenigen Seiten illustriert wird: dass wir einfach zu sprechen, zu formulieren anfangen müssen – eine vage, dumpfe Ahnung freilich immer vorausgesetzt –, um dann zu einem Ergebnis zu kommen, zu unserer Meinung, von der wir zuvor gar nicht wussten, dass sie unsere Meinung sein könnte. Es bedürfe dazu, meint Kleist, gar nicht eines intelligenten Gegenübers, keine klugen Fragen seien vonnöten, nein, es reiche, einen geduldigen Zuhörer oder eine geduldige Zuhörerin zu haben, um sich von einem Aspekt zum nächsten weiterzuhanteln und dabei zu riskieren, irgendwo anzukommen, wohin man eigentlich gar nicht wollte. Und Kleist bringt als Beispiel jene Anekdote des Comte de Mirabeau, späterer Präsident der französischen Nationalversammlung, der eine Aufforderung des Zeremonienmeisters, nach der Ständeversammlung auseinanderzugehen, repliziert, dann weiterdenkt und weiterspricht – ohne noch an die „Bajonette“ zu denken –, um schließlich mit der Erklärung zu enden, dass „wir unsre Plätze anders nicht, als auf die Gewalt der Bajonette verlassen werden“, was einer Absage des Gehorsams gegenüber der königlichen Autorität gleichkam und den Anfang vom Ende des Königs bedeutete. Kleists bissig-ironisches Fazit: „Vielleicht, dass es auf diese Art zuletzt das Zucken einer Oberlippe war oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.“

Wir wissen nicht, wohin die Suche nach unserer Meinung uns führen wird; aber allemal scheint das Abenteuer der Meinungssuche spannender zu sein als das automatische Nachplappern politisch korrekter Meinungsstatements.

Und so muss der persische Reisende Usbek nach den langen Jahren seiner Abwesenheit nicht nur zur Kenntnis nehmen, dass seine Grundsätze dem Aufprall der Ungläubigen nicht standgehalten haben, sondern auch, dass inzwischen selbst die gute alte persische Welt in Trümmern liegt. Denn die für verlässlich und zugetan gehaltene Haremsdame Roxane erklärt in ihrem letzten Brief, wie sie alles zu ihren Gunsten gewendet und den Herrscher betrogen habe: „J´ai réformé tes lois sur celles de la nature; et mon esprit s´est toujours tenu dans l´indépendance.“ „Ich habe deine Gesetze nach der Natur umgewandelt und mein Geist hat sich immer seine Unabhängigkeit bewahrt.“ So schließt sich der Kreis. Die Reisenden aus dem Orient, die ausgezogen sind, um sich und uns über ihre und unsere Selbsttäuschungen zu belehren, stehen wie am Anfang – ärger noch – vor dem Nichts. Was geglaubt wurde, gilt nicht mehr. Was gemeint wird, muss erst erprobt werden. Die Reise geht weiter. Die Aufforderung zur Meinungsbildung bleibt ebenso aufrecht wie die Aufforderung zum Misstrauen jenen gegenüber, die die richtige Meinung immer schon haben.

 

 

 

Literatur:

Heinrich von Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. In: Ders.: Der Zweikampf. Die heilige Cäcilie. Sämtliche Anekdoten. Über das Marionettentheater und andere Prosa. Stuttgart: Reclam 1984, S. 93-99.

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen. Stuttgart: Reclam 1969.

Montesquieu: Lettres persanes. Hg. von Jean Starobinski. Paris: Gallimard 1973.

 

Robert Musil: Das Unanständige und Kranke in der Kunst. In: Ders.: Gesammelte Werke in neun Bänden. Bd 8. Hg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1978, S. 977-983.