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Was Meinung verlangt

michaela schröder | Was Meinung verlangt

Ist der Verlust des Paradieses der Beginn der freien Selbstbestimmung?

Das „Vermeintliche“ bezeichnet einen Irrtum. Es steckt das Wörtchen „meinen“ darin, aber eine Meinung zu haben, bedeutet nicht generell, dass es sich dabei um eine sachlich zutreffende Ansicht handelt. Trotzdem gilt die gesetzlich verbürgte Meinungsfreiheit seit rund 250 Jahren als ein Menschenrecht, inklusive dem darin enthaltenen Recht auf öffentlich geäußerten Irrtum. Wieso dient das freie Meinungsbilden dem gesellschaftlichen und demokratischen Fortschritt? Trifft diese These überhaupt zu?

Sprachgeschichtlich ist das deutsche Verb „meinen“ mit dem altslawischen Verb für „wähnen“ und dem keltischen Wort für „Wunsch/Verlangen“ verwandt. Diese sprachlichen Wurzeln lassen ahnen, wieso das Irren zum Meinen gehört wie die Faust auf das Auge. Doch was hat das „Wähnen“ und „Verlangen“ mit dem politisch-demokratischen Aufklärungsbegriff der Meinungsfreiheit zu tun? – Schon Jahrtausende bevor das deutsche Verb „meinen“ überhaupt entstanden war, gehörte die Meinungsfreiheit zu den zentralen Menschheitsthemen. Sie wurde noch nicht mit diesem Begriff bezeichnet, aber sie war der Motor entscheidender Entwicklungen. Das thematisieren die Schriften großer Weltreligionen.

Prinz Siddhartha Gautama, der spätere Buddha, hätte keine Erleuchtung gefunden, wäre er nicht der persönlichen Meinung gewesen, es müsse einen bisher unbekannten Weg geben, das Leid in der Welt überwinden zu können. Es handelte sich bei dieser Meinung zunächst tatsächlich um ein reines „Wähnen“, ein tieferes „Verlangen“, dem er folgte und das ihn höchst individuell leitete. Er fand kein Vorbild und keine Bestätigung für diese Ansicht. Insofern handelte es sich um eine reine Meinung, weder um eine bewiesene Tatsache noch um eine allgemein verbreitete Glaubensvorstellung. Dass Siddhartha Gautama schlussendlich einen spirituellen Weg entdeckte und später lehrte, hatte im Kern nur eine Fähigkeit zur Ursache: die tiefe Überzeugung, dass die eigene Meinung richtig sei. Erst diese Überzeugung verlieh ihm die Geduld, Ausdauer und psychische Kraft, den entsprechenden Weg zu suchen. Findet sich die Lösung, lässt sich nachträglich die Meinung als Wahrheit bestätigen. Dieser Vorgang ähnelt dem wissenschaftlichen Ansatz, zunächst eine Hypothese zu bilden, die im weiteren Schritt experimentell bewiesen oder verworfen wird. Allerdings geht es bei dem frühen Forschergeist der Menschheit, wie er hier im Kontext spiritueller Entwicklung steht, noch nicht um eine rein rationale Tätigkeit, sondern das Gefühl, bei Siddhartha das Mitgefühl, ist ein starker Antrieb, neue Wege zu erforschen. Die Stoßrichtung der Suche ist mit dem Erringen einer neuen Qualität verbunden.

Analog schildert es, wenn auch mit anderen Bewertungen, die hebräische Genesis. Laut Altem Testament sah Eva im Paradies nach einem Gespräch mit der listigen Schlange den Baum der Erkenntnis an und war der Meinung, „dass von dem Baum gut zu essen wäre“. Weitere Meinungen über den Baum lauteten, „dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte“ (1 Mose 3,6). Diese Zeilen machen spürbar, inwiefern „Meinung“ einem „Verlangen“ und einem „Wunsch“ entsprechen kann. Allerdings handelt es sich bei Evas Gedanken um kein Nachplappern der Schlangenworte, sondern um eine eigene Meinungsbildung. Denn die Schlange hatte sich weniger sinnlich und verzückt-lustvoll geäußert. In tückischer Absicht, Gott als nicht vertrauenswürdig darzustellen, hatte sie andeutungsvoll darüber informiert, dass Eva und Adam „keineswegs des Todes sterben“ würden, wenn sie von dem Baum äßen, sondern im Gegenteil „sein wie Gott“ (1 Mose 3,4-5), was Gott wisse. Der letzte Hinweis, durch das bestehende Verbot verhindere Gott bewusst einen Vorgang, wodurch Adam und Eva ihrem Gott gleichgestellt würden, erzeugt die eigentliche geistige Verführung. Sie stellt den bestehenden Sachverhalt und die Wahrheit verkörpernde Autorität in Frage. Erst dieser Schritt, kombiniert mit der Hinwegnahme von Todesangst, erlaubt die freie Meinungsbildung. Ähnliches spielt sich in Prinz Siddhartha ab, als er erstmals das Leiden in der Welt erblickt. Er stellt sein bisheriges Leben infrage, er zweifelt, dass der bestehende Zustand unabänderlich sei. Er trennt sich wegen dieser Infragestellung von der väterlichen Autorität und bricht mit der Regel, die ihn zum Erben des väterlichen Reiches bestimmt hat. Ebenso bricht Eva, auf Grundlage ihrer eigenen Meinung, mit dem Verbot der göttlichen Autorität und isst eine Frucht vom verbotenen Baum. Dieser Vorgang wird bis heute als Ur-Sünde der Menschheit bewertet, es folgte daraus kein spiritueller Weg. Allerdings bewirkte die Ur-Sünde den Beginn der eigentlichen Menschheitsgeschichte, wie im 18. Jahrhundert der Dichter Friedrich Schiller in seiner Schrift „Das mosaische Gesetz“ schreibt. Für Schiller ist der Sündenfall die erste freie Tat des Menschen, seit jeher im Schöpfungsplan immanent vorgesehen. Der Verlust des Paradieses ist der Beginn der freien Selbstbestimmung. Was vordergründig als Sünde erscheint, enthält auf den zweiten Blick die von Gott gegebene Kompetenz zur freien Entscheidung. Diese Idee der Dialektik gestaltet auch Goethe im Prolog des „Faust“. Gott selbst erteilt Mephisto, dessen „Muhme“ die Schlange im Paradies ist, im Umgang mit dem Menschen Faust folgende Erlaubnis:

 

Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,

Und führ’ ihn, kannst du ihn erfassen,

Auf deinem Wege mit herab.

 

Denn der Weg in die Sünde bewirkt unter Umständen das exakte Gegenteil:

 

Und steh’ beschämt, wenn du bekennen musst:

Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange,

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.   

                        (Faust, Vers 324 – 329)

 

Dass sich insbesondere bei Schiller die dialektische Vorstellung entwickelte, Fortschritt sei nicht ohne Irrtümer und Fehler zu erreichen, speist sich nicht allein, aber auch aus dem Schock der Französischen Revolution, die im Namen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ein Terrorregime zur Herrschaft brachte. Die frühe Aufklärung war nicht dialektisch, sondern dualistisch in ihrem Denken. Es wurde in zwei Schubladen sortiert, auf der einen Seite das „Richtige“ und „Wahre“, welches sich durch Vernunft, Wohlgefälligkeit, Gelehrsamkeit definierte. Abgelehnt, verpönt oder verboten wurde auf der anderen Seite das „Falsche“, zu dem Sinnlichkeit, Aberglaube, alles Ungeregelte gehörte. Die Festlegung von konkreten Normen des Akzeptablen benötigt im engen Sinne keine Meinungsfreiheit, denn es ist normativ festgelegt, welche Meinung als richtig zu gelten hat, es existiert ein festgelegter kultureller Maßstab für „richtig“ und „falsch“. Obwohl die historische Aufklärung in Europa durch das Errichten einer bürgerlichen, selbstbestimmten Öffentlichkeit durchaus geistige Freizügigkeit entwickelte, blieb dieses dualistische Bewerten doch ein Korsett, das nicht zufällig von den sogenannten „Stürmern und Drängern“ provokativ in Frage gestellt wurde. Brudermord, Wahnsinn, Selbstmord! Solche Themen gehörten nicht in das „Vernünftige“, in die „richtige Gelehrsamkeit“, die Kunst, Kultur und Öffentlichkeit anbieten sollten. Vor einigen Jahrzehnten hätte man analog gesagt, dass es nichts mit „Freiheit“ oder „Kunst“ zu tun habe, wenn Schauspieler nackt über eine Theaterbühne laufen. Es ist aber selten der Inhalt (Nacktheit, Wahnsinn, Selbstmord), der den Fortschritt bringen soll. Es sind regelverletzende Handlungen, die eine Veränderung bewirken, Provokation verursachen, ein Erlebnis der Befreiung erzeugen – weiterhin das immer gleiche Prinzip des Sündenfalls, der einerseits als verwerflich bewertet werden und andererseits den Taten nach – oftmals – eine politisch, sozial oder gesellschaftlich empfundene Enge aufbrechen kann. Die Gestattung der Meinungsfreiheit oder gar das Recht auf Meinungsfreiheit bildet somit ein methodisches Fundament, um weniger den Inhalten nach als vor allem strukturell eine gesellschaftliche Entwicklung in Gang zu setzen.

Im 18. Jahrhundert verfolgte die bürgerliche Gesellschaft mit der Meinungsfreiheit die Errichtung einer Öffentlichkeit zur sogenannten „Selbstaufklärung“. Der freie Austausch von Erfahrung und Wissen sollte den Fortschritt der Gesellschaft im Bereich Bildung, Kultur, Sitte und politische Teilhabe befördern. Der „praktische Nutzen“ war damals am wichtigsten. Im 19. Jahrhundert geriet zunehmend die politische Teilhabe in den Mittelpunkt, die Meinungsfreiheit verknüpfte sich eng mit der Versammlungsfreiheit und des Weiteren mit der Parteienbildung. Es entwickelten sich die öffentlichen Strukturen des Republikanismus, wie sie bis heute im Wesentlichen erhalten geblieben sind und als fester Bestandteil einer Demokratie verstanden werden. Seit den politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist nach und nach deutlich geworden, dass Meinungsvielfalt als Ausdruck der Interessenvielfalt in komplexen Gesellschaften durchaus ein Faktor für Verunsicherung ist. Viele Meinungen sind ja gut, lässt sich die Unsicherheit beschreiben, aber anstatt vieler Meinungen wäre eine klare Ansage schön, wie die „wirklich richtige“ Wahrheit eigentlich lautet. Da kehrt sie dann zurück, die Sehnsucht der noch gottesfürchtigen europäischen Frühaufklärung, dass man bei aller Forschung und Erkenntnis gerne klar einordnen und sicher wissen möchte, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Um sich aus dem täglichen Meinungsgesurre in allen Medien und Gesprächen, diesem großen Meinungsmatsch und Informationsbrei, einfach radikal zu befreien, kann es unter Umständen einem europäischen Jugendlichen als die einzig echte Konsequenz erscheinen, Richtung Syrien zu reisen und in klaren Gedankennormen über Richtig und Falsch, Leben und Tod, erlaubt und verboten, Freund und Feind zu entscheiden. Es geht mir mit dieser These nicht um Verständnis für den IS und seine Kämpfer, aber um die Behauptung, dass ein Dasein im unaufhörlich rauschenden Meinungsgeplärre – wie alles andere, das einen täglich umgibt – ebenfalls eine Sehnsucht wecken kann, sich radikal daraus zu erlösen. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich sogenannte „Meinung“ längst in ein Wirtschafts- und Warenprodukt verwandelt hat. Fernseh-Talkshows bezahlen Honorare an Meinungsträger, damit sie im Sammelpaket aufeinandertreffen, um das Ereignis als Unterhaltungsformat wieder zu verkaufen. Im Internet seine tägliche Meinungen zu einem Themengebiet bloggen und warten, ob sich ein Werbepartner findet, der bei genügend „Gefällt-mir-Usern“ sein Geld in dieses Meinungsverbreiten investiert, kann eine Einnahmequelle durch Meinungsproduktion sein. Zusätzlich ist die Meinungsinflation zu erkennen. Jeder, der möchte, kann tagesaktuelle Ereignisse auf den Webseiten der News-Anbieter kommentieren. Und so häufen sich Meinungen über Meinungen über Meinungen und Meinungen. Dieses Meinungsproduzieren ist dennoch nicht neu. In früheren Zeiten geschah das nach Feierabend in der Gastwirtschaft gemeinsam mit den vertrauten Kollegen und Nachbarn. Der Stammtisch war ein Ort, um die täglichen Ereignisse durch das Äußern der eigenen Meinungen zu besprechen. In diesem psychohygienischen Vorgang sollen die täglichen Ereignisse einsortiert und persönlich verarbeitet werden. Das Internet hat immer dann, wenn unzählige Kommentare zu einem bestimmten Tagesereignis eingehen, vor allem die Stammtisch-Funktion übernommen.

Die Meinungsfreiheit als Methode, um eine Veränderung in Gang zu setzen, benötigt mehr als das bloße Wortemachen.

Hier werden die Fähigkeiten des Siddhartha Gautama wieder relevant. Er saß nicht zuhause in seinem Palast, nachdem er Armut und Krankheit gesehen hatte, um mit seiner Frau darüber zu sprechen, welche Meinung er zu der allgemeinen Existenz des Unglücks hat. Ganz im Gegenteil hat jene Art von Meinung, die ihn bewegte, wenig mit Reden und Quatschen zu tun. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich um ein „Verlangen“. Die Meinung ist nicht Selbstzweck, sie hat ein Ziel, das sie sucht, sie bedarf der konkreten Tat, um sich zu realisieren, sie verwirklicht sich eben nicht im Reden und Wortemachen.

Obwohl die Definition von „Meinung“ durch den Prozess der Aufklärung und die folgenden republikanischen und demokratischen Prozesse mittlerweile stark an Begriffe wie Vernunft, Kritik, Bildung, intellektuelles Sprechen gebunden ist, drückt sich der Kern einer Meinung vor allem als Tat aus, als ein gefühltes und verfolgtes Verlangen, welches die eigene Handlung bestimmt. Die Studenten, die sich damals, 1989, vor die heranrollenden Panzer am „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking stellten, hatten eine Meinung von solch hohem Verlangen, dass wir das Verlangen direkt spüren, wenn wir nur die Bilder sehen, wir können die Meinung begreifen auch ohne geschriebene und gesprochene Worte. Diese Art Meinung ist von Verlangen im mehrfachen Wortsinn getragen. Dieses Verlangen in den Meinungen erklärt die mutige Tat, erklärt die Handlungen der Geschwister Scholl und aller, die sich für eine Meinung in Lebensgefahr begeben, weil etwas verändert und getan werden soll. Diese Form von Meinung verändert manches, sie lässt das wirklich Erschütternde und Bewegende geschehen. Wie das Wort „Meinung“ in seiner Sprachgeschichte, so entsteht auch im einzelnen Menschen die tragende Meinung ganz persönlich aus einem tiefen, unangezweifelten Verlangen. Erst diese Meinungsqualität verleiht dem Prinzip Demokratie seine menschliche Bewegtheit und Kraft, ist aber auch der Motor für technischen Fortschritt, für Erfindungen und Neuerungen aller Art. Dieses innere Überzeugtsein, dass etwas gelingen kann, auch wenn man noch nicht weiß, wie, wann und weshalb, bringt Entwicklung im umwälzenden Sinn. Man macht sich auf den Weg und hält durch. Man weiß, dass man es wirklich will.

Als im Jänner 2015 die Anschläge in Paris geschahen, wurde es still in der Hauptstadt. Der Verkehr verebbte, die Menschen wurden leise, es hörte das tägliche Hasten und Eilen auf. Der Trauerzug, bei dem Millionen Menschen in Paris und auch in anderen Städten auf die Straße gingen, drückte es aus: Jene Fähigkeit zu einer Meinung, die wie ein Verlangen ist, wie ein Wille, der sich nur als Tat aussprechen kann. Meinungen, die nichts mit Zeitungskolumnen zu tun haben, kein Geplappere sind, sich vom alltäglichen „Ich möchte dazu auch noch etwas sagen“ auf eine wesentliche Art unterscheiden. Es bedarf in Wahrheit keiner Gewalttat, um diese uralte Fähigkeit zu wecken. Aber wahr ist wohl auch, dass alles Radiogedudel, die Talkshows, der tägliche Stress, alle Zeitnot, die täglichen Termine, das E-Mail-Schreiben und Info-Beschaffen im Internet, die Routine des Organisiertseins als Einschlafmaschinen gelten können für das, was schon seit Adam und Eva die geheime und wirklich verändernde Kraft im Menschen ist.