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christoph dolgan | ALL IN oder Spiel mir das Lied vom Tod

Versuch in drei Bildern

Vorspiel: Jedes Spiel basiert auf Grenzen. Begrenzt sind die Anzahl der Spieler und das Spielfeld, begrenzt sind die Regeln und die Einsätze. – Im all in werden alle vorweg festgelegten Begrenzungen überschritten und das Spiel wird zur Wirklichkeit.

 

Bild I (Mother, I want to …*) – Sigmund Freud sitzt in seinem Arbeitszimmer, die große weiße Verbindungstür zum Behandlungszimmer steht offen. Durch das Fenster fällt weiches Licht auf den grünen Filz des Schreibtisches. Die Statuen werfen weiche Schatten. Sein Gehen, stünde er einen Moment auf, würde weich sein, gedämpft von den vielen Teppichen. Er bleibt sitzen, im braunen Leder des Drehsessels, das weich ist von seiner Körperwärme. Weich ist seine Umgebung, und weich wird bald auch sein Sprechen werden, jedes Wort vom Krebs gedämpft. Der Tod hat sich bereits festgesetzt in ihm, wie ein Ableger des großen kollektiven Todes im Weltkrieg, der gerade erst zu Ende gegangen ist. Der sich Schlafen gelegt hat, denkt er, um in neuer Frische wieder aufzustehen. Alles wiederholt sich. Die Weichheit endet mit dem Blick aus dem Fenster, alles strebt dem Nullpunkt zu.

 

Freud hat sich mit dem Thema Spiel kaum theoretisch beschäftigt, Ansätze dazu finden sich im Vortrag Der Dichter und das Phantasieren, in dem es an eines Stelle heißt: „Der Gegensatz zu Spiel ist nicht Ernst, sondern – Wirklichkeit.“ 1907, als Freud diesen Vortrag hält, ist er bereits ein erfahrener Spieler des Wissenschaftsbetriebes und hat dessen Spielregeln erkennen müssen: Regeln, die ebenso akademisch-opportunistisch wie platt-antisemitisch sind. Und er hat eben jenen Ernst der Einsätze erkannt, der dieses (wie jedes andere) Spiel ausmacht. Das Kind weiß darum Bescheid, sein Einsatz im Spiel ist alles, es selbst, sein Leben. Erst im Erwachsenwerden geht die existenzielle Wucht des Spiels verloren: Die Einsätze unterliegen der berechnenden Ökonomie, man spielt um Geld und andere Banalitäten. Das Spiel der Wissenschaft bildet da keine Ausnahme, die Einsätze sind überschaubar, der mögliche Verlust kalkuliert. Freud hat in seinem Denken den Einsatz immer wieder erhöht, um auf alles zu gehen. Und der Einsatz – auf seinem Höhepunkt – ist er selbst, nicht nur sein wissenschaftliches Renommee, sondern sein soziales Leben. Traumdeutung, Jahrhundertwende und das albtraumhafte Bekenntnis zum inzestuösen Begehren: motherfucker’s confession. Zwar projiziert er das Begehren in die antike Dramenwelt, aber am selbstanalytischen Ursprung der Traumdeutung lässt er keinen Zweifel, er präsentiert „einen Autor, der sich mehr als jeder andere Wissenschaftler offenbarte, um der Sache willen und in voller Absicht.“ (Patrick Mahony, Der Schriftsteller Sigmund Freud) Im Bekenntnis zu Vatermord und Mutterliebe geht Freud all in: Der mögliche soziale Tod, der daraus folgen könnte, ist nicht länger der der Figur, des Stellvertreter-Ichs am Spielfeld, sondern sein eigener. Als Arzt, als Wissenschaftler, als soziales Wesen. (Fast siebzig Jahre später wird dagegen Jim Morrison das böse F-Wort geflissentlich in einen Schrei auflösen und den Exegeten von The Doors lang anhaltenden Diskussionsstoff geben …)

 

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