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Ilir Ferra | Das Spiel am Rande

Von Quoten und Rennorten

„Bei diesem Spiel geht es um Leben und Tod. Hier wird es nie einen Gleichstand geben. Aber ganz egal, welche Mannschaft gewinnt, ich kassiere, weil ich auf den Sieg beider Mannschaften gewettet habe.“ Während mir ein Bekannter mit diesen Worten die Macht einer Doppelchance-Wette präsentierte, hatte ich überhaupt keine Ahnung, wovon er redete, obwohl wir in unserer gemeinsamen Muttersprache kommunizierten. Ich hatte hin und wieder auch selbst gewettet. Auf die Heim- oder die Gastmannschaft. Deshalb musste ich nun fragen: „Du meinst also, dass man eine Wette auf alle möglichen Spielausgänge abschließen kann?“ Mein Bekannter belächelte mich nicht, erklärte nur schnell, dass es eine dritte Möglichkeit gab, nämlich den Gleichstand. Aber den werde es bei diesem Spiel sicherlich nicht geben. Natürlich nicht! Bei einer so genannten Doppelchance, ergänzte er, könne der Sieg der einen oder anderen Mannschaft miteinander kombiniert werden oder aber auch der Sieg einer der Mannschaften mit dem Gleichstand. Um zu zeigen, dass ich überhaupt mithalten konnte, stellte ich die Frage, warum er dann nicht auch noch eine Wette auf den Sieg einer der Mannschaften und Gleichstand abgeschlossen habe. So würde er keinesfalls verlieren können. Nun belächelte er mich und sagte: „Dann würde der Einsatz den Gewinn übersteigen. Die Bookies sind ja nicht blöd.“ „Wer ist nicht blöd?“ „Die Bookies, Buchmacher auf Deutsch.“ „Und wer soll das sein?“ „Die Menschen, die die Quoten berechnen.“ „Aha“, machte ich und dachte: „Ich glaube, ich muss all diese Begriffe schnell notieren, bevor ich sie vergesse.“ Nach einigen Aufenthalten in Wettbüros, beharrlichem Starren auf die dort befindlichen Bildschirme, die eingeblendeten Teletextseiten, die Mannschaftsnamen gefolgt von unterschiedlichen Wettarten und dazugehörigen Quoten, stellten sich all diese Ausdrücke als eine Art Köder heraus, der ausgelegt worden war, um mich in diese Welt zu locken. Sie hatten meine Neugierde für diese Lokale und für das, was sich dort so abspielte, geweckt. Aber Beobachten brachte in dieser Umgebung, in welcher Emotionen keinen Platz finden und die Körpersprache vom Arbeiten auf Baustellen, vom Fliesenlegen, Dächerdecken oder durch AMS-Kontrolltermine und wochenlanges Im-Bett-Abhängen abgestumpft ist, nicht weiter. Andererseits irritierte es mich, dass, ganz gleich wie gut diese Männer deutsch sprachen, jeder von ihnen mit Wörtern um sich warf, die ich noch nie gehört hatte. Um hier durchzudringen, bedurfte es vor allem der Sprache, vermutete ich. Nur: Mittel, die sich sonst für den Spracherwerb als effizient erwiesen hatten, wie etwa passives und aufmerksames Hinhören, schienen in diesem Fall gänzlich nutzlos zu sein. Die Bezeichnungen bildeten Wechselbeziehungen untereinander und waren ohne weiteres Vorwissen völlig unverständlich. Dieser Zustand erinnerte nicht einmal so sehr an den ersten Kontakt mit einer Fremdsprache, sondern viel eher an die Erlebnisse, die man hat, wenn man zu erkennen beginnt, dass man Lyrik anders lesen muss als Prosa. In der Terminologie des Glücksspiels witterte ich immer mehr eine Art Kassiber. Die Ausdrücke wirkten so einfach und zugleich kryptisch, beliebig und doch furchtbar treffend, um die Lebensumstände jedes einzelnen Individuums, das sich in dieser Welt aufhielt, zu beschreiben. Mehr im Heft