schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 29 - verspielt Der Austro-Murakami
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/29%20-%20verspielt/der-austro-murakami

Der Austro-Murakami

Wenn Piraten über Kreuzfahrtgäste staunen und umgekehrt


Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel

Deuticke 2015

Rezensiert von: werner schandor


„Einige Vorwitzige zückten glänzende rechteckige Kästchen von der Größe zusammengefalteter Taschentücher und hielten sie in unsere Richtung, als wollten sie sich durch die Luft mit uns verbinden. Manche taten es verschämt, manche offen. Die Kästchen knackten und surrten, einige blitzten wie Kanönchen, doch es folgte kein Donner, und ihr Beschuss rief keine sichtbaren Folgen hervor. […] Ich konnte mir ihre Vorgangsweise nur dadurch erklären dass dies Teil eines Brauchtums war.“ – Wer solcherart über die Menschen von heute staunt, die ihre Smartphones und Kompaktkameras auf einen richten, ist kein Fremder von einem anderen Planeten, sondern ein Zeitreisender namens Salvino aus dem frühen 18. Jahrhundert, den es in Martin Amanshausers Roman #Der Fisch in der Streichholzschachtel# in die Gegenwart geschleudert hat. Genauer gesagt hat es ihn an Bord eines turmhohen Kreuzfahrtschiffes verschlagen, das in der Karibik in einen Mega-Sturm geraten war und – genau wie das Piratenschiff, von dem Salvino stammt – in ein Zeitloch geworfen wurde. Dort begegnen sich die beiden so fremden Gruppen: da ein Haufen versprengter Piraten, die das Kreuzfahrtschiff #Atlantis# mit seinen 1.200 Passagieren für eine bislang unentdeckte neue Hochkultur halten; und dort die Gäste und Crew des modernen Dampfers, die davon ausgehen, ein paar Verrückte aufzulesen, die eine verschärfte Form eines historisierenden Rollenspiels auf hoher See abziehen.

Die Idee zu diesem Setting kam dem Reisejournalisten und Autor Martin Amanshauser vor einigen Jahren in Wilhelmshaven, als er miterlebte, wie ein riesiges Kreuzfahrtschiff von einem nachgebauten, vergleichsweise kleinen Piratenschiff in den Hafen geleitet wurde. Der Keim für den #Fisch in der Streichholzschachtel# war gelegt. Zwei Jahre lang dauerte die Arbeit an diesem fast 600 Seiten starken Roman – der erste des Autors seit 10 Jahren.

Das Buch beginnt recht konventionell aus der Sicht von Fred Dreher, seines Zeichens erfolgloser Wiener Unternehmer in Sachen Sicherheitstechnik, der mit seiner Frau und den beiden jugendlichen Kindern als Tourist durch die Karibik kreuzt und sich dabei in der Kabine wie ein „Fisch in der Streichholzschachtel“ fühlt. Dreher ist einer jener zynischen Verlierertypen, die wegen allem was zu raunzen haben – ein typischer Austriake halt. Dass seine verflossene Jugendliebe Amelie zufällig auch mit an Bord ist und Fred gerade nicht so recht weiß, wie er eigentlich zu seiner Frau und Familie steht, bereitet den Boden auf für eine Klamotte aus Irrungen und Wirrungen. Doch es bleibt nicht bei der handelsüblichen Poproman-Sitcom, und das ist einem Jahrhundert-Orkan zu verdanken, der das Kreuzfahrtschiff manövrierunfähig und von der Außenwelt abgeschnitten im „Meer der Kariben“ dem herabgewirtschafteten Piratenschiff begegnen lässt. Und nicht zuletzt ist es Martin Amanshausers erzählerischer Bravour zu verdanken, mit der er einen trivialen Raunzer-Roman mit einer historisierenden Abenteuergeschichte kreuzt und damit einen literarischen Hybrid schafft, der Gesellschaftsroman, Entwicklungsroman und Verwicklungsroman gleichzeitig ist – und darüber hinaus höchst amüsante Lektüre. Zu den Highlights zählt, wenn der antike Entdeckergestus von Salvino, dem Geografen am Piratenschiff, auf die Errungenschaften der modernen Zivilisation trifft, und wenn Fred Dreher das Heldische in sich entdeckt und das Piratenschiff stürmt, um seine Tochter, die die Freibeuter ur-cool findet, vor den Irren zu retten.

Mehrmals fällt in Amanshausers Buch der Name von Haruki Murakami als Reiselektüre. Dass das Surreale wie bei Murakami in den banalen Alltag hereinbricht und das Abgründige unseres Lebens aufzeigt, war in der deutschsprachigen Literatur eigentlich schon längst fällig. Martin Amanshauser hat im #Fisch# diesen Schritt gesetzt. Während aber Murakami-Bücher durch die Absenz von Humor immer die nackte conditio humana verhandeln, hat Amanshauser seinen Roman als Komödie angelegt. Nachteil ist das keiner. Hin und wieder kann man als Leser im #Fisch# mit den verschiedenen Stilebenen durcheinanderkommen, aber im Großen und Ganzen bereitet die detailliert ausgearbeitete und bis in die Nebenstränge stimmig arrangierte Handlung den Boden für ein großes Lesevergnügen nicht nur für Strandtage oder Reisen auf hoher See.

 

 

Martin Amanshauser: Der Fisch in der Streichholzschachtel. Roman. Deuticke: Wien 2015