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benedikt narodoslawsky | Die Kunst des Kickens

… und die Größe Zinédine Zidanes.

Vor sieben Jahren trennte ich mich von meinem Fußballverein, aber der Fußball verlässt einen nie. Im Herbst kickt man die Kastanie über den Weg, in der Stadt die Dose, am Berg den Stein. Auf Spaziergängen versucht man unbemerkt alles, was tretbar ist, durch die Beine der Mitwanderer zu schießen. Fällt ein Gegenstand zu Boden, greift man nicht danach, sondern streckt reflexartig seine Zehen nach oben und bildet mit dem Fuß eine Schaufel, um das Ding aufzufangen. Was am Boden liegt, befördern die Beine wieder nach oben. Man bückt sich nur, um sich die Schuhe zu schnüren.

Im Alltag stürzt einen die Sehnsucht in eine Traumwelt. Überfällt einen während einer Hochzeitsmesse die Langeweile, macht man die Kirche im Gedanken zum Spielfeld. Während sich das Brautpaar vorne die Treue schwört, kann man sich hinten in der elften Reihe ausrechnen, wie die Flugbahn wäre, wenn gerade vom Hochaltar eine hohe Flanke auf einen zusteuern würde. Während die anderen zu den Taschentüchern greifen, breitet man geschmeidig die Arme aus und streckt den Oberkörper leicht nach vorne, um den hohen Ball mit der Brust anzunehmen. Mit einer unauffälligen Fußbewegung leitet man ihn zur Marienstatue an der linken Wand weiter, die ihn im Doppelpass zurückspielt. Oder beim Warten auf den Zug: Da spielt man den imaginären Ball über die Gleise zu einem Passanten auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig. Man muss sich zurückhaltend bewegen, damit einen die Umstehenden nicht durch den spontanen Tanz für verrückt erklären. Aber schnell genug, damit die Lok den Ball nicht erwischt. Ein Kicker bleibt ein Kicker.

Aber ein Kicker, wer ist das überhaupt?

In seiner destillierten Form: Zinedine Zidane. Der französische Fußballheilige mit der unfreiwilligen Mönchsfrisur war wohl der kompletteste Spieler aller Zeiten. Er hatte alles: eine Übersicht wie ein Feldherr. Eine effektive Technik wie ein Zauberer. Dazu Schnelligkeit gepaart mit einem strammen, präzisen Schuss. Zidane machte den Unterschied, wenn es darauf ankam. Im WM-Finale 1998 versenkte der offensive Mittelfeldspieler zwei Kopfbälle im Netz und machte Frankreich damit erstmals zum Weltmeister. Vier Jahre später zimmerte er den Ball volley ins Kreuzeck und schoss mit diesem Traumtor Real Madrid zum Champions-League-Titel.

Stars beenden ihre Karriere mit einer Auswechslung kurz vor Schluss, um vom Publikum einen rührseligen Abschiedsapplaus zu kassieren. Superstars wie Zidane widmet der Fußballgott hingegen ein ganzes Drama. In seinem letzten Spiel - dem Finale der Weltmeisterschaft 2006 - verwandelte Zidane in Minute 7 einen Elfmeter, indem er den Ball an die Unterseite der Latte lupfte. Der Ball prallte von dort hinter die Torlinie und sprang danach wieder aus dem Tor. Es war der Beginn eines sonderbaren Abends.

 

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