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egon christian leitner | Die Visage als Ausweg

Auswege? Ja sicher, aber wie?

Groß A) Machiavelli wurde sechsmal hingerichtet. Zum Schein zwar jedes Mal, aber das hat er nie gewusst. Man hat ihn sechsmal erhängt, stieß ihn mit dem Strick um den Hals hinunter, fing ihn dann im letzten Moment auf. Er schrieb sodann nur mehr über sex and crime. Über crime in seinen politischen ratgebenden Schriften an die Eliten. Über sex in seinen Stücken, für die er einem größeren Publikum, dem Volke eben, bekannt wurde. Manche meinen heutzutage, es sei Verantwortungsethik, was er betrieben habe, und Ideologiekritik; manche, es sei voller Ironie und Spott gegen die skrupellos Mächtigen, für die er arbeitete und die mit ihm machen konnten, was sie wollten. Über sie habe er erzählt, wie sie wirklich sind. Hat sie kennen gelernt, die Fürsten, Führer, Kaiser, Könige, Päpste, Bischöfe, persönlich, die Residenzen, die Städte und das Volk. Ohne vis und dolus, ohne Gewalt und Betrug, gehe gar nichts. Jederzeit muss man damit rechnen und dazu bereit sein. Laut Machiavelli. Sein eigener Stadtstaat war für ihn das Wichtigste. Und daher das eigene Militär das Um und Auf. Selbiges baute er auf. Das war sein Stolz. Machiavellis Söhne sollen schwer erziehbar gewesen sein. Des Weiteren pflegte er seine Frau zu betrügen, sie packte ihrem Herrn Gesandten weiterhin die Socken für die Reise ein oder schickte ihm seine Wäsche nach. Machiavelli ist wie gesagt offensichtlich zuvorderst durch mehrmals angedrohten Genickbruch Politologe geworden. Was man von Machiavelli lernen kann, z. B. in den Ausbildungen der Manager aller Art, ist mir ein Rätsel. Legte man Maßstäbe an wie die des Schweizer Psychoanalytikers Arno Gruen, dann wäre der Schlüssel zu Machiavelli und den Seinen der Mechanismus der Identifikation mit dem Aggressor. In Gruens Augen ist dieser Mechanismus heutzutage allgegenwärtig. Und das Problem sind laut Gruen nicht irgendwelche Bösen und irgendein Böses, sondern die Guten, die das, was geschieht, geschehen lassen.

 

Groß B) Durch das Reden ersparen wir uns das Sterben. Wir lassen da nämlich unsere falschen Sätze an unserer statt untergehen. Sind wie Affen, die von Baum zu Baum springen; ist der Satz, den der Affe tut, falsch, dann ist der Affe auf der Stelle tot oder bald. Für Karl Popper ist das die Funktion der Sprache. Diese Ansicht teile ich. Reden erspart Leid. Könnte.

 

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