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david staretz | Eigentümliche Verspieltheiten

Über vermeidbare Worte, türschlagzählende Nachbarn, Eisenbahnervorgartenburgen, Waldviertler Knopffabriken und die unvermeidliche Allgegenwart des Internets.

Jeder im Berufe Schreibende führt bei sich, so nehme ich an, eine imaginäre schwarze Liste der verdammten Worte. Auf meiner stehen unter anderen „leistbar“, „menscheln“ und „garteln“. Läppische Begriffe, die einem die Freude an den bezeichneten Eigenschaften/Tätigkeiten vergällen könnten. Bei „menscheln“ muss ich an Ruderleiberln, Körperbehaarung und die ganze Olfaktorik denken. Wer „leistbar“ sagt, macht sich selber ein wenig minderbar, weil er auf das schöne „erschwinglich“ verzichtet. Denn der Mensch ist stark dem geschriebenen Worte anhängig. Zum Beispiel hängt in der Glastür meiner Galerie ein Taferl mit dem Wort „ZU“.  Seither, vereinfacht gesprochen, muss ich gar nicht mehr absperren. Selbst geladene Gäste stehen hilflos gebunden vor dem Worte, unfähig, die angelehnte Tür aufzudrücken. In weiterer Folge, denke ich, wäre es eine gefeierte Maßnahme des KfV (Kuratorium für Verkehrssicherheit), wenn man an unfallriskanten Straßenstücken Tafeln mit dem Vermerk „Unfälle streng verboten!“ aufstellen würde. Doch das führt jetzt zu weit, ich wollte nur dem Begriff „gärtnern“ das Wort reden, um dieses dem Begriff „schisteln“ artverwandte „garteln“ per Biomüll zu entsorgen. 

Ich komme thematisch aus der Autofraktion (Kolumne #Autodrom#) und darf mich hier über Verspieltheiten auslassen, was mich zur Urform ländlicher Ausdrucksfreude bringt, den 

Bauerngärten, eingerichtet zum Selbstzweck nützlicher Freude, doch oft noch ins Liebliche gesteigert per kreativen Auslebens eines Großvaters, der viel Muße und Gestaltungswillen aufwies. 

Es gab Tage, als ich auch viel Trödelzeit hatte und absichtslos durch das nördliche Wald- und Weinviertel fuhr. Ich lenkte meinen alten LandRover Pickup, der auf unprätentiöse Weise in das Landschaftsbild passt und mit dem ich öfter versuchte, so nah wie möglich am Eisernen Vorhang, also der absolut undurchdringlichen Grenze zur Tschechoslowakei, entlangzufahren an der nördlichsten Peripherie Österreichs. 

So entdeckte ich auch meine Liebe zu den Bauerngärten, wobei es meist schon die Hardware war, die mich erfreute: Bretterzäune, Schwengelbrunnen, Rosenteiche, selbstgebaute Windräder, oft in Form von Windmühlen oder Flugzeugmodellen, bunte Rosenkugeln und vor allem die liebevolle Kleinarchitektur von Burgen aller Art. Ziehbrücken! 

Konfektionierte Gartenzwerge gab es damals selten, aber allerlei Gipskitsch ausgesuchter Art – Rehlein, Kätzchen, Grazien, gern in triefender Silberfarbe lackiert oder dick „vergoldet“, oft schon auf pittoreske Weise angenagt und umrankt von der Natur. Jeder Garten hatte seinen unverwechselbaren Charakter und bald machte ich mich daran, eine Fotoserie mit dem Titel „Eisenbahnervorgartenburgen“ zusammenzustellen. Man fährt ja nicht gern sinnlos herum. Manchmal wurde ich dann in das Haus gebeten und fand eine nahtlose Fortführung des Gartens im Wohnzimmer, mit all dem Ofenrohr-Silberlack und Vogelgefieder, mit falschem Gips und echtem Kakadu.

 
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