schreibkraft - Das Feuilletonmagazin

Menüpfad zur ausgedruckten Seite: Home ausgaben 29 - verspielt Es war absehbar
Adresse: https://schreibkraft.adm.at/ausgaben/29%20-%20verspielt/es-war-absehbar

Clemens Schittko | Es war absehbar

Zum Tode von Helmut Schranz (12.01.1963 – 06.09.2015).

Helmut Schranz war ein lieber Kerl. Jedenfalls habe ich ihn nie neidisch oder missgünstig erlebt. Das hätte er auch gar nicht sein können in seiner Eigenschaft als Mitherausgeber einer Literaturzeitschrift und als Organisator von Lesungen in einem sogenannten Literatur- bzw. Kulturhaus. Er ließ andere gelten und äußerte dennoch Kritik, wo sie angebracht war. Und sie war angebracht und ist es heute mehr denn je – bei allem Neobiedermeier, den die sogenannte zeitgenössische Literatur im sogenannten deutschsprachigen Raum seit spätestens Mitte/Ende der neunziger Jahre durchzieht. Allein deshalb wird die Stimme von Helmut Schranz fehlen.

 

Er setzte sich ein für einen anderen, ja – man kann sagen – „neuen“ Literaturbegriff, von dem er wahrscheinlich selbst nicht so genau wusste, wie dieser Literaturbegriff aussehen könnte. Allerdings: Wer meint, wie die Dinge auszusehen haben, der sollte ohnehin aufhören – ganz gleich, was er tut.

 

Wie schon gesagt: Helmut Schranz ließ andere gelten. Das galt nicht nur für die sogenannten Kollegen der schreibenden Zunft, sondern vor allem auch für sogenannte „einfache Menschen“. Deutlich wurde mir das, als ich 2014 in „seinem“ Mietshaus in der Rottalgasse 4/30 in 8010 Graz bei einem Nachbarn, der gerade im Urlaub war, für einige Tage untergebracht war. Die Hausgemeinschaft, die mir auf der Terrasse begegnete, kannte ihn nicht nur; sie sprach in den höchsten Tönen von ihm. Wo sich die Klassengesellschaft schon wieder durchgesetzt hatte, die Trennung der sozialen Milieus, verstand es Helmut Schranz, diese Trennung durch Literatur und Alkohol aufzuheben. Da sage doch einer, Avantgarde sei nur irgendwelchen (selbsternannten) Eliten vorbehalten.

 

Ja, die Rottalgasse in Graz … Erst dort begriff ich, wie sehr Helmut Schranz mit der Literaturzeitschrift perspektive, die er seit 1988 mitherausgab, verwachsen war. Die Hauseingangstür war nie abgeschlossen (zumindest nicht in der Zeit, als ich dort war). Und wenn man ins Haus eintrat, konnte man die Stapel an perspektiven, die im Foyer auslagen, überhaupt nicht übersehen. Und wenn man die einzelnen Stockwerke abschritt, dann lagen dort immer wieder diese sogenannten hefte für zeitgenössische literatur. Das wäre hier in Deutschland überhaupt nicht denkbar – besonders hier in Berlin nicht, wo doch letztlich alles entsorgt wird, was irgendwie nach tatsächlicher Kunst aussieht, also letztlich keinen Wert hat, außer den eigenen. Doch die Größe der Hauseingänge in dem ansonsten so kleinen Österreich sind ja für sich schon so eine Art Kunst und haben gerade nicht dieses langweilig Funktionale wie hierzulande. Insofern fügte sich damals alles in dieses Bild.

 

Ach ja, die Stapel an perspektiven in der Rottalgasse in Graz … Der Anblick hatte etwas Erfreuliches und Trauriges zugleich. Erst da begriff ich, wie sehr Helmut Schranz Literatur lebte, ja letztlich sogar Literatur war – bzw. das Gegenteil von Literatur (sofern es das gibt); denn ich glaube nicht, dass es ihm noch um Literatur im herkömmlichen Sinne ging.

 

Ich muss gestehen, dass ich den Autor Helmut Schranz erst sehr spät wahrnahm – wahrscheinlich erst ein, zwei Jahre vor seinem Tod. Dafür schätze ich seine Texte heute umso mehr. Zuvor war da für mich immer nur der Mitherausgeber und Organisator gewesen. Doch allein das hätte ja schon gereicht; denn ich verdanke ihm so Vieles: Helmut Schranz war zu Beginn des Jahrtausends einer der ersten, die meine Texte veröffentlichten; und er war wahrscheinlich der erste, der mir Jahre später für eine Lesung ein üppiges Honorar geben konnte – und das auch noch im sogenannten Ausland. Das werde ich nie vergessen.

 

Unvergessen werden auch seine Lesungen bleiben. Wenn er seine sprachexperimentellen Texte im Forum Stadtpark vortrug, dann tat er das wie ein Märchenerzähler. Er zelebrierte geradezu Literatur, las scheinbar ungehemmt drauflos (eigentlich hasse ich das Wort „zelebrieren“, aber mir fällt gerade kein besseres ein). Und wenn ich jetzt wieder Helmut Schranz lese, so höre ich dabei immer seine verrauchte Stimme, die mir erst so manchen seiner vermeintlich sperrigen Texte erschließt.

 

Der häufigste Satz, den ich kurz nach seinem Tod von den Kollegen hörte, war: „Es war absehbar.“ Dabei habe ich ihn im Frühjahr dieses Jahres, als ich ihn das letzte Mal in Graz sah, lebendiger denn je erlebt. Er rauchte nach wie vor und trank nunmehr so viel Rotwein, sodass man davon ausgehen musste, dass er den Krebs vom Vorjahr besiegt hatte. Doch wer geheilt ist, der raucht und trinkt eigentlich nicht mehr. Insofern muss man heute davon ausgehen, dass er im Frühjahr schon wusste (oder zumindest ahnte), dass ihm nicht mehr zu helfen sein würde. Und so entschied er sich, die wenigen Monate, die ihm noch blieben, so intensiv wie nur möglich zu leben, auch, um das nahende Ende zu verdrängen. Mehr Avantgarde geht wohl nicht. Die Vorhut rückt als erstes ins Feld vor, hat als erstes Feindberührung und wird demzufolge auch als erstes getötet. (Ich weiß, dass das zynisch klingen mag, aber es ist eigentlich nicht zynisch gemeint.)

 

Vielleicht hätte ich Helmut Schranz im Frühjahr sagen sollen, seinen Alkohol- und Tabakkonsum drastisch einzuschränken. Aber das hätte sicher nichts (mehr) genutzt. Dafür kannten wir uns einfach auch zu wenig. Und außerdem bin ich der letzte, der anderen vorschreibt, wie sie zu leben haben. So blieb es damals bei der Bestürzung, ihn rauchen und trinken zu sehen. Und als ich Tage später wieder in Berlin war, verdrängte ich das ganze oder redete mir ein, dass es schon irgendwie weitergehen werde mit ihm.

 

Wie gesagt: Wir kannten uns zu wenig. Ich glaube, ich bin Helmut Schranz in 13 Jahren nur sechs- oder siebenmal persönlich begegnet – viermal in Graz und zwei- oder dreimal in Berlin. Dabei kann ich mich an kein wirkliches privates Gespräch erinnern. Ich spürte wohl instinktiv, dass er das nicht wollte. Und deshalb stellte ich auch keine Fragen nach seinem Privatleben. Stattdessen redeten wir meistens über Literatur oder besser: den sogenannten Literaturbetrieb, über Sprache, Graz, Österreich etc.

 

Man könnte meinen, dass dies relativ trostlose Gespräche gewesen sein müssen. Aber dem war nicht so. Helmut Schranz verfügte über einen anarchischen Humor, wie ich ihn zuvor bei noch keinem erlebt habe. Diesem Humor war zu eigen, dass die Absurdität und Lächerlichkeit der uns umgebenden Verhältnisse einem so nur noch absurder und lächerlicher erschienen.

 

Das Konglomerat aus anarchischem Humor, österreichischem Dialekt, lautem Lachen und körperlicher Präsenz dürften jedoch dazu geführt haben, dass Helmut Schranz zeitlebens eine breitere Anerkennung durch den sogenannten Literaturbetrieb versagt geblieben ist. Was viele nicht gesehen haben (oder auch nicht sehen wollten): Er war ein echter Intellektueller. Man schaue sich nur seine Birnall-Texte an. Diese sind so virtuos gebaut, dass er gewiss auch primitivste Krimis hätte schreiben können, um irgendwie an Geld zu kommen. Aber das Einfache, das Machbare, haben ihn nie interessiert. Er ist seinen Überzeugungen treu geblieben – bis zuletzt. Ein Überlaufen Richtung Mainstream oder gar einen Verrat hat es bei ihm jedenfalls nicht gegeben.

 

Apropos Krimis … Als ich mich während meines Graz-Aufenthalts 2014 verlaufen hatte und kein (anderer) Kollege greifbar war, schlug ich unangemeldet bei Helmut Schranz auf. Die Wohnung, in die ich eintrat, war so klein, dass man sich nur vor dem Fernseher aufhalten konnte. Und dort saß er dann auch – zusammen mit seiner Frau Vera. Sie schauten irgendeinen Krimi, wahrscheinlich den Tatort. Als sogenannter Deutscher fiel mir natürlich sofort auf, dass sie einen deutschen Fernsehsender schauten, nämlich den SWR. Ich sagte Helmut Schranz, dass sie einen deutschen Fernsehsender schauen würden, woraufhin er mich ganz verdutzt anschaute. Ihm war das gar nicht bewusst. Er war einfach zu vertieft in diesen Krimi. Fünf Minuten später haben wir dann aber doch die Wohnung verlassen.

 

Im Übrigen hatte er sich sehr auf mein nächstes Buch, das demnächst beim #Ritter Verlag# erscheint, gefreut. Und er sagte einmal – wenn auch leicht ironisch –, dass ich einmal etwas über ihn schreiben solle. Dies ist hiermit geschehen. Ich wünschte, der Anlass wäre ein anderer.

 

 

Was bleibt noch zu sagen? Es muss unbedingt mit der Literaturzeitschrift perspektive weitergehen. Das sind wir Helmut Schranz schuldig. Und außerdem gibt es derzeit kein besseres Literaturmagazin im deutschsprachigen Raum. Man muss nicht immer aufhören, wenn es am schönsten ist.