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Marion Boginski | Glück total

Heute ist er noch nicht unterwegs. Es hat geschneit in der Nacht. Eine Stunde Fußweg in Turnschuhen hin und eine zurück. Nein, heute nicht. Vielleicht morgen.

Morgen ist gut. Da muss er sich beim Arbeitsamt melden. Vor zwei Wochen ist er wieder gegangen. Der Warteraum war ihm zu voll. Hätte ja den ganzen Tag gedauert. Wie die sich das vorstellen? Wenn sie was wollen, können sie sich ja melden. Haben sie dann auch. Wo er bleibt? Sie kürzen ihm das Geld, wenn er nicht kommt. Er kommt ja, kann nur nicht warten. Konnte er noch nie. Am besten alles sofort, Fernseher neu, Schuhe neu, Jacke, Hose. Auto dazu. A4, sein kleiner Bruder fährt A3, dann lieber gar keins.

Fernseher neu hatte er gerade, so einen flachen, war wie Kino. Einen Tausender im Markt hingelegt. Eine Woche später dreihundert wiederbekommen, vom Imbissbudenbesitzer zwei Straßen weiter. Kurz darauf ist sein kleiner Bruder mit einem alten Fernseher angekommen. Nur weil er gesagt hat, seiner sei ihm zu winzig. Der Gebrachte ist genauso winzig. Jedenfalls nicht so wie der, den er hatte. Alles oder nichts. Dazwischen ist öde. Der Fernseher steht nun auf dem Balkon. Darf einschneien.

Sein Bruder hatte auch eine Tüte mit Lebensmitteln dabei. Nudeln, die mag er nicht. Aber gut, kann er hierlassen. Und Butter. Und Brot. Und Marmelade.

Und Wiener Würstchen. Die mag er. Die hat er mal hergestellt. Ist ein Jahr her.

Davor hat er jeden Tag ein Päckchen vorn in seine Hose geschoben. Hat nie jemand gemerkt. Ist freundlich an der Wache vorbeigelaufen. Auf Wiedersehen. Einen guten Tag noch. Sein Brigadechef hat ihm ja nur einmal in der Woche sein Geld zugeteilt. Montags immer. Das sollte bis nächsten Montag reichen. Hat es nie. Musste er betteln. Bitte, bitte, nur diese Woche etwas mehr. Das Doppelte, Dreifache, Vierfache ... Dann reicht es aber nicht bis zum Monatsende.

Egal, alles oder nichts. Bei nichts hielt er sich an die Würstchenstapel im Kühlschrank. Der surrt gerade leise.

 

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